Kebnekaise

Mit den Gipfelhöhen großer Alpenberge können die Berge im hohen Norden Skandinaviens nicht konkurrieren, doch dank ihrer Lage nördlich des Polarkreises bieten sie ein großartig wildes und hochalpines Ambiente. Mit seinen 2111 Metern Meereshöhe ist der Kebnekaise sozusagen ein »klimatischer Viertausender« und ein Traumziel am Ende des Kontinents.

Der Finger wandert auf der Landkarte nordwärts am Rückgrat Skandinaviens entlang. Hinter dem Polarkreis kommen einige Zweitausender: Sarek, Akka, Kebnekaise. Das klingt nach Nils Holgersson, nach Wildnis und nach Abenteuer.

Nach Tarfala

Schon bald hinter der Bergwerksstadt Kiruna werden die Bergsilhouetten des Kebnekaise-Gebirges sichtbar: der markante Zapfen des Tuolpagorni und der hohe, flache Rücken des Kebnekaise. Im kleinen Samendorf Nikkaluokta, noch immer 20 Kilometer vom Fuß des Berges entfernt, beginnt der Weg zum höchsten Gipfel Sápmis und Schwedens. Er führt zunächst durch schüttere Birkenwälder, Moore und Geröllfelder, vorbei am See Laddjujaure. Über das Wasser weht ein kühler Wind und treibt kleine Wellen ans Ufer. Die Landschaft ändert sich auf diesem Weg langsam, aber grundlegend, auch das gehört zum Maß der Dinge hier oben im Norden: man muss sich erst einmal annähern.


Am Weg von Nikkaluokta zum Kebnekaise liegt der See Laddjujaure. In der Bildmitte ist der Tuolpagorni sichtbar, rechts – in Wolken – der hohe, flache Rücken des Kebnekaise.

Noch vor der Kebnekaise-Fjällstation zweigt der Weg nach Tarfala ab. Zwischen den grauschwarzen Bergriesen des uralten kambrischen Hochgebirges birgt dieses wilde Hochtal schneeweiße Gletscher und blaugrüne Seen. Nahe bei der glaziologischen Forschungsstation sind Zelte aufgebaut, wie Farbtupfer leuchten sie in dieser weiten, kargen Hochgebirgslandschaft. Am Ufer des hinteren Sees herrscht absolute Einsamkeit, nur die Möwen patroullieren über den See, und eine Herde Rentiere zieht vorüber. Gegenüber kalbt der Kebnepakteglaciär in den Tarfalajaure, und vom Gletscher weht ein eisiger Wind herüber.


Der Gletschersee von Tarfala mit der Südwand des Kaskasapakte


Kebnepakteglaciär

Hinter dem Gletschersee verliert sich der Pfad dann in den Felsen am Fuß der bedrohlichen Kaskasapakte-Südwand. Unter allen schwedischen Zweitausendern ist er der schwierigste, nur auf Kletterrouten erreichbar. Die Gletschermoräne ermöglicht den Passübergang ins Tal Guobirvagge, jenseits des Passes wird der Drakryggen, mit seiner feinen, formvollendeten Gestalt sichtbar.


Der Drakryggen

Der Normalweg auf den Kebnekaise führt jedoch von Süden, von der Fjällstation aus, auf den höchsten Gipfel Sápmis, ein Tourenprogramm, das auch einen langen nordischen Sommertag füllt.

Die Gipfeltour

Hinter der Fjällstation geht es zunächst auf dem Kungsleden westwärts, dann im Tal des Bachs Kittelbäcken aufwärts und in die Mulde zwischen Tuolpagorni und Vieranvarri. Der linker Hand gelegene Tuolpagorni ist einen Abstecher wert. Er bietet einen schönen Ausblick zum Kebnekaise, und von den Gipfelfelsen fällt der Blick über eine jähe Felsflanke hinab ins Tal, wo tausend Meter tiefer Wanderer auf der dünnen Linie des Kungsleden zu erkennen sind.


Blick vom Tuolpagorni zum Kebnekaise

Ein weiterer Vorgipfel, der Vierranvarri, steht im Weg und muss überstiegen werden, bevor der lange Gipfelanstieg zum Sydtoppen beginnt. Auf der Gletscherpyramide des 2111 Meter hohen Gipfels ist zwar die Luft nicht besonders dünn, dafür ist das Panorama atemberaubend: Ein Achtel Schwedens soll von hier zu überblicken sein, und unter dem weichen Mittagslicht und dem hohen nordischen Himmel reihen sich am Horizont Gipfel um Gipfel.


Gipfelsicht

Auch der Abstieg ist anstrengend, noch einmal muss der Vieranvarri überstiegen werden. Hinter der Legion von Steinmännern grüßt noch einmal die weiße Gletscherkappe des Kebnekaise, die sich an den folgenden Tagen in Wolken hüllen wird. Die wackligen dunklen Felsblöcke, die keinen Weg zwischen sich dulden, sind überzogen von Flechten, die das Farbspektrum und die Formen von Sápmis Landschaft im Mikroformat wiedergeben: Einblicke in einen fraktalen Kosmos, Landkarten einer unerreichbaren Welt, einer zerbrechlichen und schwer in Worte zu fassenden Wildnis.


Flechten

Erst spät abends sind wir wieder am Zelt, doch die Sonne steht noch am Himmel. Wer weiß, vielleicht haben wir den schönsten Tag des ganzen Jahres erwischt, um unseren Traum einer Gipfelbesteigung nördlich des Polarkreises zu verwirklichen.

Informationen zur Tour

Das Bergsteigen in polaren Regionen ist oftmals mit großem logistischem Aufwand verbunden. Verglichen mit Gipfelzielen in Island, Spitzbergen oder gar Grönland ist die Region um den Kebnekaise aber gut erreichbar, so dass sich hier der Bergsteigertraum eines polaren Hochgipfels erfüllen kann.

Der Kebnekaise liegt nördlich des Polarkreises in schwedisch-Lappland. Er der höchste Gipfel Schwedens und Nordskandinaviens. Sein Name ist samischen Ursprungs und bedeutet etwa „Kesselschneid“. Bei guten Bedingungen ist er für trittsichere und schwindelfreie Bergwandererer problemlos erreichbar. In seiner Umgebung befinden sich dagegen schroffe Felsgipfel und lange Gratschneiden, die an den Aspiranten höhere technische Anforderungen stellen, gepaart mit den typisch nordischen Faktoren Einsamkeit und Naturbelassenheit. So bieten sich sowohl für den Hochtouristen wie auch für den Kletterer eine Vielzahl lohnender Gipfelziele.


Steinmänner auf dem Vieranvarri; im Hintergrund schaut gerade noch die Firnpyramide des Sydtoppen hervor

Gesamtzeit
An- bzw. Abmarsch von/nach Nikkaluokta etwa 4 Stunden, Gipfeltour etwa 11 Stunden, mit Tuolpagorni noch eine Stunde mehr.

Höhenmeter
Vestra Leden 1860 m im Auf- und Abstieg, Tuolpagorni zusätzlich 200 m.
Östra Leden 1460 m.

Schwierigkeit
Wenig schwierig.

Beste Jahreszeit
Juli – September, für Skitouren März – Mai.

Anforderungen
Bei guten Bedingungen technisch unschwierig. Für die Tour ist jedoch Kondition, Bergerfahrung und Schwindelfreiheit nötig. Bei der Gletscherbegehung am Östra Leden ist die entsprechende Ausrüstung unverzichtbar, hier sind auch leichte Kletterstellen zu bewältigen. Am Vestra Leden sind Steigeisen nur an der Gletscherpyramide des Gipfels erforderlich, bei guten Firnverhältnissen kann darauf verzichtet werden.

Routen
Vestra Leden (Westweg) – Von der Fjällstation zunächst auf gutem Pfad an den Tuolpagorni heran und durch das Tal des Kittelbäcken aufwärts in den Pass zwischen Tuolpagorni und Vierranvarri, etwa 2 Stunden. Der Tuolpagorni kann in 1,5 Extrastunden „mitgenommen“ werden. Über den Vierranvarri und die Südflanke hinauf zum Sydtoppen (2111 m), 3,5 Stunden. Abstieg etwa 3,5 Stunden.
Östra Leden (Ostweg) – Von der Fjällstation auf Pfad über die Südhänge des Kebnetjåkkå hinauf zum Björlingsglaciär und über diesen zur Felsbarriere unterhalb des Südgipfels. In den Felsen sind kurze Kletterstellen (I – II) zu bewältigen. Gehzeit im Aufstieg etwa 4,5 Stunden, Abstieg 3 Stunden.


Sveriges högsta Topp – auf dem Gipfel des Kebnekaise

Anreise
Alle Wege zum Kebnekaise beginnen in Kiruna. Die Anreise ist lang, gleich ob man mit Auto, Bahn oder Flugzeug hierher kommt. Von Kiruna gelangt man per Auto oder Bus nach Nikkaluokta. Von hier (Ende der Straße) auf gutem Weg in etwa 4 Stunden zur Kebnekaise Fjällstation. Von den 19 Wegkilometern können 6 per Bootstaxi auf dem Laddjujaure zurückgelegt werden.

Literatur
Dietmar Heim und Dirk Klawatzki: Outdoor-Handbuch Sarek – Padjelanta – Stora Sjöfallet – Abisko – Kebnekaise. Conrad Stein Verlag, 2. Auflage 1998, ISBN 3-89392-117-6
Claes Grundsten: Sarek and Kebnekaise – where the light is ever changing, Bokförlaget Prisma, 2000

Karten
Fjällkartan 1:100.000 Blatt BD 8 Kebnekaise – Saltoluokta
 

Tourenübersicht: Kebnekaise

Bilder vom Kebnekaise auf flickr

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Veröffentlichung

Der Artikel ist im Magazin ‚ALPIN‘, Ausgabe 12/2006, erschienen.

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