Monte Disgrazia

9. November 2008

Wer in der Bernina-Gruppe unterwegs ist, dem wird früher oder später ein gewaltiger freistehender Drachenrücken in südwestlicher Blickrichtung auffallen. Monte Disgrazia heißt dieser Berg, Unglücksberg. Ein Berg, der unweigerlich fasziniert und den Wunsch weckt, einmal oben zu stehen. Dass das kein ganz einfaches Unterfangen ist, erscheint auf den ersten Blick klar. Doch wie geht man mit dem zwiespältigen Gefühl, das dieser Name verursacht, um?
 

 

 
Ernest Hemingway sagte: »Courage is grace under pressure«, Courage bedeutet Würde, Haltung unter Druck. Ernst zu nehmen ist dieser Berg unbedingt, auch wenn manche behaupten, dass der Name gar nicht vom Unglück kommt, sondern vom altitalienischen Wort »disgracare«, das sich vielleicht auf die wüst herabstürzenden Hängegletscher bezieht. Als freistehender Einzelberg, fast dreieinhalb Kilometer über dem Veltlin aufragend, zieht er Gewitter an wie ein Magnet. Und die wiederum können durchaus gewaltiges Unheil anrichten.
 
Für die Ersteigung des Monte Disgrazia gibt es mehrere Möglichkeiten. Er kann als Zweitagestour abgehakt werden, von Süden her, mit kurzem Hüttenanstieg zum Rifugio Ponti und Abstieg nach erfolgter Besteigung. Doch ist das die richtige Haltung zu so einem großen Berg? Würdiger erscheint da die Einbindung in eine großzügige Nord-Süd-Durchquerung der Bergeller Alpen. Die Landschaftseindrücke dieser Variante sind gewaltig und vermitteln einen umfassenden Eindruck von der Vielgestaltigkeit und Wildheit der Bergeller Alpen, deren Hauptgipfel der Monte Disgrazia ist. Diese Route lässt sich als Vier- oder Fünftagstour von Maloja aus realisieren, durch die Eiswelt des Val Forno, durch das wilde Val Cameraccio und mit abschließender Wanderung hinab in das paradiesisch anmutende Valle di Mello. Dabei zeigt sich der Monte Disgrazia von seiner eindrucksvollsten Seite; eine Seite, die er in der Kurzversion nicht bietet.
 

 

 
Die Nord-Süd-Durchquerung der Bergeller Alpen beginnt gemächlich. Von Maloja zieht der Wanderweg durch saftige Almwiesen und schattige Bergwälder ins Val Forno hinein. Bunte Alpenflora säumt den Weg: Gämswurz, Arnika, dazu Knabenkräuter und natürlich die herrlich duftenden Kohlröschen. Bald ist der Lej Cavlocc erreicht, ein Gasthaus lädt zur Rast ein. Hinter der Alp Cavlocc wird die Landschaft dann hochalpin, und das Tal teilt sich. Geradeaus führt ein Weg zum Passo Muretto, der früher ein vielbegangener Übergang vom Oberengadin ins Val Malenco war, und rechts geht es hinein in die Eiswelt des oberen Val Forno. Bis vor wenigen Jahren war der Hüttenzustieg zur Capanna del Forno eine einzige Katastrophe, da nachrutschender Moränenschotter den Weg erschwerte. Doch inzwischen wurde ein komplett neuer Weg angelegt, und dazu eine Hängebrücke, die den wilden Gletscherbach überquert. Bald wird der Blick frei auf den Forno-Gletscher mit den Torrone-Felszacken im Hintergrund. Eine eindrucksvolle Szenerie, wenngleich auch der Vadrec del Forno stark an Masse verloren hat. Ein kleines Stück führt der Weg über die Gletscherzunge, aber damit wird es wohl bald vorbei sein. Der neu angelegte, teils in den Fels gesprengte Pfad überwindet die Barriere unterhalb der Hütte, und dann taucht die gastliche Kulisse der Capanna del Forno auf. Munter weht die Schweizer Fahne, und die Quirligkeit auf der Hütte bildet den Kontrapunkt zur stillen, mächtigen Eiskulisse. Bald verschwindet die Sonne hinter den hohen Bergkämmen, und auf der Hüttenterrasse wird es empfindlich kalt.
 

 

 
Der darauffolgende Tourentag beginnt mit einem Fünf-Sterne-Frühstücksbuffet auf der Hütte. Die Stärkung ist auch nötig, weil ein langer Tourentag bevorsteht. Über den Hüttenweg müssen zuächst wieder die 350 Höhenmeter hinab zum Gletscher überwunden werden. Der Direktabstieg ist nicht zu empfehlen, da der steile Moränenhang steinschlag- und murengefährdet ist. Wer es dennoch wagt, muss unter riesigen Felsblöcken hindurch, die startbereit für die Schussfahrt auf den Gletscher sind. Geradezu gemächlich ist dagegen der folgende Weg über den Vadrec del Forno. In sanfter Steigung geleitet die breite Eisstraße taleinwärts. Vorbei am Monte Rosso geht es bis zum Sockel der Cima di Rosso. Hier beginnt der steile Anstieg hinauf zum Passo Sissone. In aller Regel kann der direkte Weg hinauf eingeschlagen werden, doch gelegentlich erschweren große Spalten den Weiterweg. Oben am Pass öffnet sich der Blick zu den Bernina-Bergen. Noch ein paar Schritte nach vorn, um eine Felskante herum – und da steht er. Gewaltig, unnahbar und respekteinflößend: Monte Disgrazia, der Unglücksberg. Aber auch Pizzo Bello: der schöne Gipfel. So lautet nämlich sein inoffizieller Name in Norditalien.
 

 

 
Vom Passo Sissone aus kann in einer guten Stunde Extratour die Cima di Rosso eingesammelt werden. Der Weiterweg führt jedoch in Richtung Süden: Noch ein Grathöcker und einige Felsblöcke, dann ist der Gipfel des Monte Sissone erreicht. Im Gegensatz zu den berühmten Gipfeln in seiner Umgebung hat er keinen bekannten Namen, weil er weder mit aufregenden Felsformationen noch mit Eiswänden glänzen kann und schon gar nicht mit einer markanten Form. Aber da er immerhin 3330 Meter hoch ist, bietet er einen unvergleichlichen Rundblick über die Bergamasker Alpen und die nahen Bergeller Gipfel bis hin zu den fernen Eisgipfeln der Walliser und Berner Alpen. Nordwärts reihen sich die Bündner Alpen um den Piz Platta ein, am Horizont taucht die Silvretta auf, und im Osten stehen die höchsten Ostalpengipfel auf dem Präsentierteller: Bernina, Zupò, Argient und Roseg. Dahinter sind einige Berge der südlichen Ortlergruppe und des Adamello-Presanella-Massivs sichtbar. Ganz und gar beherrschend steht jedoch der Monte Disgrazia im Blickfeld, und er zeigt sich hier von seiner schönsten, elegantesten Seite.
 

 

 
Der Abstieg in die wilde Felswüstenei des Val Cameraccio führt zunächst in leichter Blockkletterei den Südostgrat hinab. Ein paar Stellen im II. Schwierigkeitsgrad sind dabei zu überwinden. Bis in den Hochsommer hinein erleichtern Schneefelder den weiteren Abstieg hinab zum Sentiero Roma, der in etwa 2600 Metern Höhe an einem kleinen Bergseelein erreicht wird. Bis zum Rifugio Ponti folgt unsere Route diesem aussichtsreichen Höhenweg, doch die Bocchetta Roma, die den Übergang ins Valle di Preda Rossa ermöglicht, ist noch weit weg. Über Halden grober Granitblöcke, vorbei am Bivacco Kima, geht es über Moränenkämme und Schneefelder bis an die Felsen unterhalb der Bocchetta. Mit Hilfe von Stahlketten und Trittbügeln geht es steil, aber unschwierig hinauf. Weiches Abendlicht lässt die blauen Silhouetten der Mello-Talhänge hervortreten, und am Horizont grüßen die scharfen scherenschnittartigen Zacken der Sciora-Gruppe. Bald ist das Rifugio Ponti erreicht, der Haupt-Stützpunkt für den Monte Disgrazia. Der kommende Tag ist als Gipfeltag geplant.
 

 

 

 
 
Gipfelaspiranten erhalten um fünf Uhr ihr Frühstück; es ist ein italienisches. Kenner wissen, dass es also aus Keksen mit Marmelade besteht. Über den Moränenrücken des Preda-Rossa-Gletschers geht der Anstieg zügig hinauf. Von der Gletscherzunge ist ein kläglicher Rest übrig geblieben, verglichen mit dem, was in der Karte eingezeichnet ist. Über dem Veltlin liegt bleierner Dunst, und hinter der düsteren Silhouette des Unglücksberges flammt der Morgenhimmel feuerrot auf. Nun gilt es, Haltung und Zuversicht zu bewahren und weiter zu steigen. Bei etwa 2900 Metern beginnt dann der Gletscheranstieg, und zügig ist die Sella di Pioda erreicht, also die Scharte zwischen Monte Pioda und Disgrazia. Nun ist der Gipfel nur noch 400 Höhenmeter entfernt. Der zähe Morgendunst im Süden ist inzwischen näher gekommen, erste Quellwolken bilden sich.
 
Der Normalweg beginnt mit einem heiklen Steilhang, auf dem der erste Grathöcker umgangen wird. Auf morschen Schrofen und auf Firn geht es hinauf in eine Scharte. Das ist nicht gerade die Felsqualität, für die der Disgrazia-Nordwestgrat in der Literatur gerühmt wird, aber der eigentliche Grat folgt ja noch. Und tatsächlich, die Gratfelsen sind um einiges besser begehbar. Zwischen leichten Kletterstellen folgen immer wieder Schneepassagen, teilweise bis zu 40 Grad steil, und manchmal auch abdrängende Felsblöcke, die recht exponiert im steilen Schnee umgangen werden müssen. Noch ist der Himmel über dem Monte Disgrazia klar, doch ringsum schießen Wolkentürme in die Höhe, und zwar in einer beängstigenden Geschwindigkeit. Als freistehender Einzelberg zieht der Monte Disgrazia Gewitter geradezu an, und das Risiko erscheint uns nun zu groß. Nach kurzer Beratung entscheiden wir uns für den Rückzug, obwohl der Gipfelgrat mit der Schlüsselstelle nicht mehr weit ist. Ob das nun »Grace under pressure« ist oder nicht, mag jeder für sich selbst entscheiden. Doch wer schon einmal auf einem hohen Berg in ein Gewitter geraten ist, würde sicher ebenfalls so handeln.
 

 
Beim Abstieg zur Sella di Pioda zieht sich der Wolkenring zu. Beim Abstieg auf dem Gletscher beginnt es bereits zu regnen. Wenn das Blau schon nicht vom Himmel strahlt, dann doch wenigstens aus den Blüten des seltenen Himmelsherolds, der am Wegesrand auf der Moräne wächst. Ein wenig wehmütig ist der Rückblick zum knapp verfehlten Gipfel schon, zumal das drohende Gewitter ausbleibt. Doch die Entscheidung, im Zweifel umzukehren, ist immer die richtige, auch wenn dadurch ein Traum unerfüllt bleibt.
 

 
Am nächsten Morgen hängen bereits Wolkenfetzen am Monte Disgrazia. Heute steht der Abstieg ins Valle di Mello auf dem Programm. Zunächst geht es nochmal hinauf zur Bocchetta Roma und dann fast 2000 Höhenmeter steil bergab. Innerhalb einer Stunde zieht sich der Himmel wieder zu. Raketengleich hebt der Torrone Orientale aus der Wolkendecke ab. Hinter dem Bivacco Kima zweigt ein unscheinbarer Pfad ab, der hinab zur Casera Cameraccio und weiter ins Valle di Mello führt, Meter für Meter geht es hinab ins Grün. Zunächst durch Blockhalden und über Almweiden, dann zwischen Bachläufen und unter Wasserfällen durch. Unten im Talboden liegt die Alpe Pioda inmitten dichter Wälder. Eine Dreiviertelstunde später treten die Bäume zurück, und oasengleich taucht die Siedlung Rasica im Talgrund auf.
 

 

 

 
Der Ort mutet paradiesisch an: Ein Dutzend archaischer Steinhäuser voller Heiterkeit und Leben. Die Menschen sitzen draußen, feiern und singen, und im Rifugio Rasega gibt es das lange ersehnte Bier. Zwar ist der Talort San Martino schon nah, doch wer hier ohne Übernachtung vorübergeht, ist selbst schuld. Denn Alma und Franco, die Wirte des Rifugio, kümmern sich ganz fürsorglich um ihre Gäste. Nach einem Bad im kühlen Bergbach steht schon das Essen auf dem Tisch. Die Wirtsleute bereiten über dem wohlig knisternden Holzfeuer allerlei Köstlichkeiten zu, und dazu gibt es Veltliner Rotwein aus Privatanbau. Sergio, ein Helfer des Hauses, führt den Abend über allerlei Tricks und Spiele vor. So lässt es sich leben!
 
Die letzten paar Kilometer der Tour führen durch das Valle di Mello hinab nach San Martino. Ein grob gepflasterter Pfad, begleitet vom frischen Türkis des Baches, zieht durch das überbordende Grün des Tales hinab. Der Blick geht zurück ins Tal, zum Monte Disgrazia. Der Wehmut über den verpassten Gipfelsieg ist der Freude über eine wunderbare Tour gewichen. Der Monte Disgrazia ist sicher kein Unglücksberg, wenn mit Vernunft und Respekt angegangen wird. Auf jeden Fall ist er ein Pizzo Bello, ein schöner Gipfel. Vielleicht klappt es beim nächsten Versuch.

Tourenübersicht: Monte Disgrazia


» kml-Track für Google Earth (ohne Gewähr)
 

 

Bildstrecke:
Nord-Süd-Durchquerung der Bergeller Alpen,
Monte Disgrazia

‘Klick’ auf ein Vorschaubild startet die Bildstrecke

Der Lej Cavlocc im Val FornoAlmhütte im Val FornoAlp Cavlocc, Val FornoGewöhnliches Kohlröschen (Nigritella rhellicani)Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii 'Bergell')Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii 'Bergell')Alpen-Aster (Aster alpinus)auf dem Weg in die Eiswelt des Val FornoBrücke über den Gletscherbach des Val FornoClusius-Gämswurz (Doronicum clusii) vor der Kulisse der Torrone-GruppeBlick ins Val Forno mit Gletscher und Torrone-GruppeGletscherschliffCapanna del FornoAltai-Mohn (Papaver croceum), eine adventive Pflanzenart aus ZentralasienMorgen an der Capanna del Fornotaleinwärts auf dem Forno-GletscherGletscherspalte am Aufstieg zum Passo SissoneBlick in die Gletscherspalteauf dem Passo Sissone, Blick zu den Bernina-BergenBlick vom Passo Sissone ins Val MalencoGletscher-Hahnenfuß (Ranunculus glacialis) auf dem Passo Sissone in 3150 Metern HöheDie höchsten Ostalpengipfel: Piz Roseg, Piz Bernina (4049 m), Crast'Agüzza, Piz Argient und Piz ZupòBlick vom Monte Sissone (3330 m) zum Monte Disgrazia (3678 m)Monte Disgrazia (3678 m)Der Monte Disgrazia (3678 m) spiegelt sich in einem kleinen Bergsee am Sentiero RomaBlick ins Valle di MelloSilhouetten der Sciora-GipfelStart zum Monte Disgrazia - der Weg führt über die Moräne des Preda-Rossa-GletschersMorgenrot hinter dem Monte DisgraziaBlick vom Passo Cecilia zum Monte Castello (3375 m)am Nordwestgrat des Monte Disgrazia (Foto: Christian Teichmann)am Nordwestgrat des Monte Disgrazia (Foto: Christian Teichmann)Blick vom Monte Disgrazia ins Val MalencoDicke Wolken am Monte DisgraziaKiesel-Polsternelke (Silene exscapa)Himmelsherold (Eritrichium nanum)Rückblick vom Rifugio Ponti zum Monte DisgraziaCorni Bruciatimorgendlicher Blick vom Rifugio Ponti zum Monte DisgraziaBlick von der Bocchetta Roma über das Rifugio Ponti und das Veltlin zu den Orobischen Alpen, rechts der Pizzo Vicima (2853 m)Rast auf der Bocchetta Roma (2890 m)Blick von der Bocchetta Roma zur Torrone Orientale (3333 m)Torrone Orientale (3333 m)Regennasse Granitplatten im Val CameraccioWasserfall im hintersten Valle di Mellodas kleine Dorf Rasica im Valle di MelloBad im Torrente di MelloRifugio Rasega - eine gastliche UnterkunftMorgen in Rasica - Christian zeichnetChristian mit Franco, dem netten Wirt des Rifugio RasegaMorgen im Valle di MelloWolkenhimmel über dem Valle di Mello, hinten rechts der Monte Disgrazia (3678 m)Cascina Piana im Valle di MelloChristian und Chris auf dem Weg durchs Valle di MelloGranitplatten im Valle di Melloder türkisgrüne Bach im Valle di MelloRückblick durch das Valle di Mello zum Monte Disgrazia (3678 m)

Bilddatenbank

Die Bildstrecken der einzelnen Tourenabschnitte:
Von Maloja durch das Val Forno
Über den Monte Sissone zum Rifugio Ponti
Monte Disgrazia
Durch das Val Cameraccio nach Rasica
Rückweg durch das Valle di Mello

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