|
|
Man sagt Orchideen oft nach, sie seien empfindlich. Das stimmt aber nur bedingt, denn sie erschließen sich auch Lebensräume, in denen man sie nicht unbedingt vermuten würde. Insbesondere sind Orchideen nicht so zivilisationsfeindlich wie das mitunter dargestellt wird. Nicht nur in vermeintlich naturnahen Habitaten kommen Orchideen vor, sondern auch inmitten unserer gegenwärtigen Siedlungs- und Infrastruktur. Orchideen wachsen in Hausgärten, Wochenendsiedlungen, Stadtparks und auf Friedhöfen; in stillgelegten Steinbrüchen, an Bahndämmen, an Waldwegen und entlang stark befahrener Straßen und Autobahnen.
|
 |
Um die Mannigfaltigkeit dieser Standorte zu verdeutlichen, seien ein paar dieser merkwürdigen Orchideenvorkommen genannt: Im Innenstadtbereich von Fulda, beispielsweise in Parks am Frauenberg, wachsen Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis helleborine) und Großes Zweiblatt (Neottia ovata). Sogar die Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum) dringt gelegentlich in Ortslagen und Hausgärten vor. Auf jüdischen Friedhöfen in der Rhön wachsen unter anderem Manns- (Orchis mascula) und Kleines Knabenkraut (Anacamptis morio), aber auch Kriechendes Netzblatt (Goodyera repens).
|
 |
In aufgelassenen Basalt-Steinbrüchen haben sich Breitblättriges (Dactylorhiza majalis) und Fuchs’ Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii) angesiedelt. Reich an Orchideen sind stillgelegte Kalkgruben: Hier kommen Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera), Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea), Braunrote (Epipactis atrorubens) und Müllers Stendelwurz (Epipactis muelleri) sowie Manns-Knabenkraut (Orchis mascula) vor. Ähnlich ist die Flora auf manchen Bahndämmen. Auch hier sind halbtrockenrasenähnliche Habitate entstanden, beispielsweise in der Umgebung von Elm im Bergwinkel.
|
 |
Im Mittelmeerraum kann man gut aus dem Auto heraus Orchideen suchen, denn an Straßenrändern kommen viele Arten vor. Das geht auch bei uns – aber bitteschön vom Beifahrersitz aus! Unsere häufigsten »Straßengraben-Orchideen« sind Manns- (Orchis mascula) und Fuchs’ Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii). In der Südrhön kommen auch Weißes (Cephalanthera damasonium) und Rotes Waldvögelein (Cephalanthera rubra) an Straßenrändern vor, zwei kalkstete Arten, die mitten im Buntstandstein auf der kalkgeschotterten Bankette einer viel befahrenen Bundesstraße wachsen. Sehr bemerkenswert sind auch einige Orchideenvorkommen direkt an der A7. Dort wächst die in der Rhön sonst so seltene Weiße Waldhyazinthe (Platanthera bifolia) massenhaft, aber auch Fuchs’ Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii) und bedrohte Arten wie Trollblume (Trollius europaeus) und Natternzunge (Ophioglossum vulgatum) sind hier in erstaunlich guten Beständen zu sehen. Da kann das Warten im Stau zur Augenweide werden!
|
|
Auch diese Orchideenstandorte sind durchaus schützenswert, zumal sie mit geringem Aufwand erhalten werden können. Bedroht sind sie insbesondere durch Unkenntnis der zuständigen Behörden und des Pflegepersonals. Doch mit ein klein wenig Abstimmung können Pflege- und Instandhaltungsmaßnahmen, beispielsweise in Parks und an Straßenbanketten, so gestaltet und terminiert werden, dass die Pflanzenbestände dadurch geschützt und gepflegt werden.
|