Orchideen der Rhön:
Blütenbiologie

24. Juni 2008

» nächste Seite

 


Von der Blütengestalt geht in erster Linie die Faszination der Orchideen aus. Doch so spektakulär die Formen und Farben mancher Arten auf den unbefangenen Betrachter auch wirken mögen – für den Biologen ist in erster Linie der Bauplan der Blüte von Interesse.
 
Während andere Monocotyledonen einen radialsymmetrischen Blütenaufbau haben, zeichnen sich die Orchideen durch ihre dorsiventrale (achsensymmetrische) Blütengestalt aus. Die Blätter der äußeren Blütenblattkreise (Sepala, Petala) sind unterschiedlich gestaltet. Während die paarigen Petalen gleich sind, hat das unpaarige Petal eine völlig andere Form – es ist das Labellum, die Orchideenlippe. Diese Lippe ist näher mit den Bestäubungsorganen verwachsen als mit den paarigen Petala.
 
Die fertilen Staubblätter bzw. das eine fertile Staubblatt ist mit dem Griffel und der Narbe zum sogenannten Gynostemium, dem Säulchen verwachsen. Die Pollen werden in sehr großer Zahl produziert und sind zu Paketen verwachsen, diese Pakete nennt man Pollinien. Sie stehen zu zweit in Pollinienfächern und haben an ihrem herausschauenden Ende eine Klebdrüse, das Viscidium, mit dem sie bei Berührung mit dem Bestäubungsinsekt an diesem haften bleiben.
 
Innerhalb kurzer Zeit krümmen sich die Pollinienstielchen, so dass die Pollinien beim nächsten Besuch einer artgleichen Blüte an der Narbe haften bleiben können. Aufgrund der Konsistenz der Pollinien bleiben meist nur Teile davon haften, beim nächsten Besuch weitere. Mit dieser Methode kann eine sehr zielgerichtete Bestäubung erfolgen.
 
Nach erfolgter Bestäubung bildet der Fruchtknoten eine unglaubliche Menge von mikroskopisch kleinen Samen, über 10.000 pro Kapsel, bei Cypripedium calceolus gar bis 40.000. Die reife Kapsel wird dürr und reißt auf, so dass der Wind die extrem leichten Samen weit verteilen kann. Diese hohe Menge an Samen ist nötig, weil nur ein verhältnismäßig geringer Teil auf den zur Keimung nötigen Wurzelpilz treffen wird.
 
Die folgenden Grafiken zeigen exemplarisch den Blütenaufbau der heimischen Orchideen und eine Bestäubung.
 

1
2
3
3a
3b
4
4a
5
5a
6
7
 

Blüte von Orchis militaris

Sepalen
Petalen (linkes nicht sichtbar)
Lippe
Mittellappen
Seitenlappen
Säulchen
Pollinien
Sporn
Sporneingang
Fruchtknoten (Resupination: 180°)
Tragblatt
 

1
2
3
3a
3b
4
4a
5
6
7
 

Blüte von Epipactis helleborine

Sepalen
Petalen
Lippe
Hypochil
Epichil
Säulchen
Pollinien
Fruchtknoten
Blütenstielchen (Resupination: 180°)
Tragblatt
 

  Bestäubung von Ophrys insectifera

Dargestellt ist ein Männchen der Grabwespe (Argogorytes mystaceus) bei der Bestäubung der Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera). Der Kopf des Insektes stößt an die Klebedrüsen der Pollinien, die dann am Kopf haften bleiben werden. Bis zum nächsten Blütenbesuch krümmen sich die Pollinien nach vorne, so dass sie auf der Narbe der nächsten Blüte haften.
 


 

 
Zahlreiche heimische Arten sind Nektarblumen und locken die Insekten auf herkömmliche Weise, also mit Nektar, an. Die Stendelwurze (Epipactis) bieten ihren Nektar beispielsweise in richtigen Schüsseln, dem Hypochil der Lippe an. Andere – wie beispielsweise die Knabenkräuter der Gattungen Orchis und Dactylorhiza – locken mit Duftstoffen und täuschen das Nektarangebot nur vor. Man nennt sie daher Nektartäuschblumen.
 
Als Sexualtäuschblumen sind die Ragwurze (Ophrys-Arten) bekannt. Sie imitieren in Form, Farbe, Behaarung und Duft weibliche Insekten und regen die Insektenmännchen zur Pseudokopulation an, wobei die Insekten die Blüten bestäuben. Die Raffinesse der Orchideen geht dabei so weit, dass sich die Blüten kurz vor dem Erscheinen der Weibchen öffenen und sich somit einen Vorteil vor den Weibchen verschaffen.
 
Der Frauenschuh (Cypripedium calceolus) ist eine Kesselfallenblume und lockt Insekten mit Duftstoffen an. Die Insekten fallen in die bauchige Lippe und können nur an den Bestäubungsorganen entlang wieder ins Freie entweichen. Die mediterranen Serapias-Arten, aber auch die Waldvögelein-Arten (Cephalanthera) und das Wanzen-Knabenkraut (Anacamptis coriophora) gehören zu den Schlafstättenblumen. Ihre Blüten bieten Insekten Schutz bei Nacht und bei ungünstiger Witterung.