Seit Menschen die Natur beobachten, sind sie fasziniert vom eigenartigen Wesen der Orchideen. In der Tat nehmen sie im Reich der Pflanzen eine hervorragende Stellung ein: Keine andere Pflanzenfamilie hat einen so großen Formen- und Farbenreichtum entwickelt, und keine andere konnte so viele Arten hervorbringen. Je nach Auffassung unterscheidet man weltweit 20.000 bis 35.000 Spezies – und das, obwohl die Orchideen nicht nur als größte, sondern gleichzeitig auch als jüngste Pflanzenfamilie gelten.
Dabei stellen alle Arten nur Abwandlungen eines einzigen Grundbauplanes dar. Die nächsten Verwandten der Orchideen sind die Liliengewächse, und man vermutet, dass die Orchideen erst vor etwa 15 Millionen Jahren einen eigenen Entwicklungsweg eingeschlagen haben. Innerhalb der großen Gruppe der Monocotyledonen (einkeimblättrige Pflanzen) haben die Orchideen zwei systematisch charakteristische Merkmale herausgebildet: Unter den Monocotyledonen ist bei der Samenkeimung die Ausbildung eines Keimblattes üblich – die Orchideen verzichten jedoch darauf. Die wesentlich spektakulärere “Erfindung” dieser faszinierenden Pflanzenfamilie ist aber die Ausbildung einer völlig neuen Blütenform, die in vieler Hinsicht mit den Schemen der herkömmlichen Blütenbiologie gebrochen hat.
Die entwicklungsgeschichtlich relativ junge Pflanzenfamilie der Orchideen bevölkert fast die gesamte Erde. Am Rand der Wüsten und der polaren Eisschilde kommen ihre Vertreter vor, vom Meeresspiegel bis in die Höhen der Gebirge. Verglichen mit tropischen Regionen ist die Artenzahl in unseren Breiten sehr gering, doch mit 43 aktuell vorkommenden Orchideenarten kann man die Rhön durchaus als Orchideen-Eldorado bezeichnen. Das Spektrum unserer heimischen Arten umfasst nicht nur die typisch mitteleuropäischen Orchideen, sondern auch solche, die hauptsächlich in borealen Zonen der Nordhalbkugel und in den Gebirgen vorkommen, außerdem einige weitere, die aus dem Mittelmeerraum in unser Gebiet eingewandert sind.
Zur Systematik und Biologie der Orchideen sind in den Standardwerken ausführliche Beiträge erschienen, so dass in diesem Rahmen ein kurzer Überblick über dieses hochinteressante, aber auch sehr komplexe Thema genügen mag. Eine sehr ausführliche Aufarbeitung des Themas findet sich im Buch »Die Orchideen Deutschlands«, herausgegeben von den Arbeitskreisen heimische Orchideen: