Orchideen der Rhön:
Zur Pflanzengeographie der mitteleuropäischen Orchideen

18. Juli 2008

» nächste Seite

 


Die Pflanzenfamilie der Orchideen ist weltweit verbreitet und umfasst je nach Auffassung etwa 20.000 bis 30.000 Arten. Orchideen kommen am Rande der Wüsten ebenso vor wie am Rande der Arktis, und von Meereshöhe bis weit hinauf ins Hochgebirge. Der Artenreichtum ist in den Tropen am größten, Im Vergleich zur Artenzahl tropischer Länder (allein in Costa Rica wachsen über 1.000 verschiedene Orchideen) ist der Artenreichtum Mitteleuropas eher bescheiden, rund 80 Arten kommen hier vor. Diese Ausbreitung konnten die Orchideen oft nur durch extreme Anpassung an ihre Standorte vollziehen.
 
In Mitteleuropa kommen jedoch nicht nur Arten vor, die ausschließlich hier wachsen, sondern auch mediterrane und arktische »Eindringlinge«. So wachsen die auch in der Rhön nachgewiesenen Arten Korallenwurz (Corallorhiza trifida), Kleines zweiblatt (Listera cordata) und Weißzüngel (Pseudorchis albida) auch am Rande der Gletscher in Grönland, während etwa Ohnsporn (Orchis anthropophora), Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum), Hummel-Ragwurz (Ophrys fuciflora) und Dreizähniges Knabenkraut (Neotinea tridentata) typische Vertreter der Mittelmeerflora sind und im milden, atlantisch beeinflussten Klima Westeuropas nach Norden vorstoßen. Bei uns rücken nördliche und südliche Arten sehr eng zusammen (darauf wird im nächsten Abschnitt ausführlicher eingegangen).
 
Die Verbreitungareale mancher Arten haben große Lücken. Die Rhön liegt inmitten der Verbreitungsareale einiger Arten, die trotzdem nicht in der Gegend vorkommen. So ist beispielsweise Spitzels Knabenkraut (Orchis spitzelii) in ganz Europa von Griechenland bis nach Schweden weit verbreitet, aber dennoch extrem selten. Auch das Glanzkraut (Liparis loeselii) hat ein großes Areal in Europa, spart unsere Region aber aus. Obwohl die Rhön sozusagen mitten im Verbreitungsgebiet liegt, kommen solche Arten nicht vor, weil bei uns geeignete Standorte fehlen. Die isolierten Vorkommen einiger Arten werden als Reliktstandorte in ehemals homogeneren Verbreitungsgebieten gedeutet. So verhält es sich beispielsweise mit dem Sumpf-Weichblatt (Hammarbya paludosa), das bei uns in Schwingrasen verlandender Seen wächst.
 
Ein merkwürdiges Areal hat das Dreizähnige Knabenkraut (Neotinea tridentata). Weitab von ihrem mediterranen Hauptverbreitungsgebiet besiedelt sie ein streng begrenztes Gebiet von Ostwestfalen, Nordhessen, Niedersachsen bis nach Thüringen und Sachsen-Anhalt und hat ein weiteres kleines Teilareal an der unteren Oder. Diese merkwürdige Verbreitung ist nur schwer zu deuten, sie hat ihre Ursache möglicherweise in besonderen Bodenverhältnissen und Kleinklimaten.
 
Die bei uns heimischen Arten zeigen auch einige Besonderheiten in der Höhenverbreitung. So kommen die überwiegend nordischen Arten vorwiegend in Berglagen vor, während die südlichen Standorte in geschützten, milden Tallagen bevorzugen. Selbst innerhalb des Vorkommens einer Art (etwa beim Manns-Knabenkraut, Orchis mascula) kann man eine gewisse regionale Verschiebung der Höhenverbreitung beobachten: es wächst in der zentralen Rhön auf Bergwiesen, in tieferen Lagen jedoch eher im Wald.