Fanes

Am Falzarego-Pass, westlich von Cortina d’Ampezzo, blickt ein versteinerter Herrscher ins Land. Dem Fanes-Epos zufolge war er ein König voller Falschheit, ein »fautso rego«, wie die Ladiner sagen. Dieser habgierige Regent verriet sein Reich und gab es dem Untergang preis. Doch was ist davon geblieben? Der komplexe, umfangreiche Sagenzyklus weist den Weg zu geschichtsträchtigen, geheimnisvollen Stätten und zu unvergleichlichen, einsamen Naturschönheiten in der Fanes.

Es ist Spätherbst geworden in den Dolomiten. Endlich Ruhe, die beste Zeit für einsame Bergtouren, ein kurzer Zeitraum zwischen Wandersaison und Skispaß, in dem das Leben im Gebirge stillzustehen scheint. Hotels und Pensionen sind leer, die Berghütten haben geschlossen und die Gastronomen sitzen beim Kassensturz. Da sorgt ein Zwischenhoch für ein paar unerwartet warme, sonnige Herbsttage. Es scheint, als bäume sich die Natur mit all ihren Kräften noch einmal gegen die Kälte, Tristesse und Eintönigkeit des Winters auf. Im weiten Talkessel von Ampezzo stehen die Lärchen im Herbstgewand, nicht mehr brilliant goldgelb schimmernd, sondern schon in einem matteren rötlichen Gold, das in ein paar Tagen in ein schmutziges Braun übergehen wird.


Herbst im Tal von Ampezzo: Tofana di Mezzo und Tofana di Dentro

Das gewaltige Bergmassiv der Tofana trennt das lichtdurchflutete Tal von der finsteren, kargen Fanes, die wie eine natürliche Festung hoch oben zwischen den mächtigen Gebirgswällen eingebettet ist. Auf der langen Wanderung durch das Fanestal wird es Abend, ein paar Mountainbiker sind talwärts unterwegs, fast im Blindflug eilen sie vorbei. Dann legt sich die Stille und Finsternis der mondlosen Novembernacht über die Berge.


Herbst im Val Fanes


Die überhängende Felswand des Taë

Am Limojoch, dem Tor zum Sagenreich der Fanes, zieht noch ein letztes Licht der Dämmerung über die Gipfel, ein heller Schimmer, vielleicht der Abglanz einstiger Herrlichkeit?

Das ladinische Epos erzählt vom Volk der Fanes, die in einer starken Allianz mit den Murmeltieren ein langwährendes und blühendes Reich aufgebaut hatten. Eines Tages heiratete die Fanesprinzessin einen fremden König, der das Bündnis mit den friedlichen Murmeltieren aufkündigte und ein neues mit den aggressiven Adlern einging. Zum Dank für eine gute Tat hatte seine Tochter Dolasilla von einem Zwergenvolk unfehlbare Pfeile und einen weißen Panzer bekommen, der sie unbesiegbar machte. Mit Hilfe Dolasillas und ihres Geliebten Ey de Net eroberte der König nun Reich um Reich. Schließlich hatte es der habgierige König auf das verborgene Goldland Aurona abgesehen, das vom Nachbarvolk der Cayutes kontrolliert wurde. Um es in Besitz zu nehmen, half keine militärische Stärke. Da verriet er sein Reich an die Cayutes, um im Gegenzug das Goldland zu erhalten…


Die Nacht legt sich über das Sagenreich der Fanes. Blick vom Limojoch zu Monte del Vallon Bianco, Furcia Rossa, Monte Castello und Ciampestrinspitzen

Die Nacht ist kalt, aber windstill und derart trocken, dass sich trotz der Minustemperaturen keinerlei Reif niederschlägt. So ist es möglich, unter freiem Himmel zu schlafen und die Sterne um sich kreisen zu sehen. Am nächsten Morgen kriecht ein fahles Morgenlicht über die Gipfel, die jenseits des weiten Hochtals von Fanes wie Burgmauern aufragen. Langsam, nach und nach werden die Konturen der Landschaft sichtbar, die gewaltigen Plattenfluchten aus Liaskalk, die Schichtung der Dolomitgesteine, Felsstrukturen, steingewordene Wellen, Schneeriefen, Zirben.


Morgenlicht am Limojoch. Jenseits des weiten Hochtals von Kleinfanes die Gipfel der Kreuzkofelgruppe: Sass dla Crusc / Heiligkreuzkofel, Sass da les Diisc / Zehnerspitze und Sass da les Nü / Neunerspitze

Inmitten der kargen, weiten Hochebene ragt das Ciastel de Fanes auf, eine Anhöhe, auf der man Spuren einer bronzezeitlichen Wallburg fand. Fanes war in nacheiszeitlichen Wärmeperioden also zumindest zeitweise besiedelt, das Klima war günstiger, die Hochflächen vermutlich von Almen bedeckt. Wie so viele Sagen fußt offenbar auch das Epos vom blühenden Fanes-Reich auf kollektiven Erinnerungen längst vergangener Zeiten, schriftlos und doch tiefgründig weitergereicht durch viele Generationen. Klimaverschlechterungen gingen einher mit Überfällen fremder Völker, die blühenden Bergmatten verwandelten sich in öden Karst.


Ciampestrin im Morgenlicht

Wie eine Oase liegt der Lé Vërt, der Grünsee, inmitten der Ödnis. Im Sommer herrscht hier ein reges Treiben: Wanderer und Mountainbiker kommen und gehen, Jeeps bringen die Touristen aus dem Rautal herauf, die Pfiffe der Murmeltiere gellen durch die Felsarena. Doch nun ist kein Mensch mehr hier oben, selbst die Murmeltiere sind bereits in ihren Bauen verschwunden, und es ist vollkommen ruhig am Seeufer. Nur das Krachen des Eises unter den Füßen bricht die Stille.


Eis am Ufer des Lé Vërt / Grünsee


Lé Vërt / Grünsee auf Kleinfanes mit der Furcia dai Fers / Eisengabelspitze

Im See spiegelt sich die Furcia dai Fers, die Eisengabelspitze: hier soll die letzte Schlacht stattgefunden haben, die das Ende des Fanes-Reiches besiegelte.

Der Faneskönig wollte Dolasilla davon abhalten, in die entscheidende Schlacht zu ziehen, um seine Tochter zu schützen und um den Feinden der Fanes einen leichten Sieg zu ermöglichen. Er verwies Ey de Net aus seinem Reich und beauftragte den Zauberer Spina de Mul, der in Gestalt eines Maultiergerippes umherstrich, die unfehlbaren Pfeile zu entwenden. Mit einer List nahm er der kummervollen Dolasilla die Pfeile ab. Die Fanesleute bedrängten die Königstochter, sie nicht im Stich zu lassen und dennoch in den Kampf zu ziehen. Vor der Entscheidungsschlacht verfärbte sich Dolasillas Panzer schwarz, ein Zeichen, dass sie nicht mehr unbesiegbar war. So kam es, dass die Prinzessin im Kampf fiel, Fanes war geschlagen, das Reich verödete. Doch die Cayutes dachten nicht daran, dem Verräterkönig ihr Goldland zu überlassen, und so verwandelte er sich angesichts seines Unglücks in Stein. Die erblindete Faneskönigin erinnerte sich an das alte Bündnis und begab sich mit den letzten Überlebenden der Fanes zu den Murmeltieren in die Unterwelt…


Vorgipfel der Lavarela

Die Unterwelt der Fanes, das ist der spaltige Karst. An vielen Stellen verschwinden Bergbäche gurgelnd in der Tiefe, um an ganz anderer Stelle wieder ans Tageslicht zu sprudeln. Abseits der Wege ist Vorsicht geboten, wenn sich tiefe Spalten auftun und tückische, scharfkantige Felsrippen zu überqueren sind.

Auch die nächste Nacht ist kalt, klar und trocken. Der am Limojoch aufragende Col Becchei gilt als schönster Aussichtspunkt der Fanes, ein idealer Berg, um oben einen Sonnenaufgang zu erleben. Er ist leicht zu besteigen, so dass auch das Licht der Stirnlampen ausreicht, um den Weg hinauf zu finden. Noch herrscht Dunkelheit und Kälte auf dem schneebedeckten Gipfel, und es dauert eine halbe Ewigkeit, bis am Horizont das erste Licht des Tages heraufzieht. Bereits lange vor den ersten Sonnenstrahlen leuchten die Dolomitenberge im Morgengrauen, und Marmolada, die schneeweiß gekleidete Dolomitenkönigin, erstrahlt in atemberaubender Klarheit.


Zwischen Nacht und Tag: Cunturines und Lavarela


Blick zu den Geislerspitzen


vor Sonnenaufgang auf der Pareispitze – Marmolada, die schneeweiß gekleidete Dolomitenkönigin, erstrahlt in atemberaubender Klarheit

Dann verwandelt sich der bleiche Schimmer in sanfte warme Farben, der Himmel beginnt zu schillern, immer intensivere Farben, erste Sonnenstrahlen wecken die Bergspitzen auf, dann gleißendes Sonnenlicht – und schon ist das stille Feuerwerk vorbei.


Blick zur Tofana


Furcia Rossa, kurz vor Sonnenaufgang


Das stille Feuerwerk der Farben beim Sonnenaufgang auf der Pareispitze


Lavarela

Der Blick reicht weit hinaus ins Land, zum Ortler und zum Großglockner, zu den Gipfeln der Tofana, der Geislerspitzen und der Drei Zinnen. Nördlich des Col Becchei, jenseits des Sennes-Plateaus, ragen die plattigen Felsfluchten des Seekofels auf. Sein ladinischer Name Sas dla Porta spielt auf ein unterirdisches Tor an, das aus der Unterwelt der Fanes auf den Pragser Wildsee führen soll. Die Sage erzählt, dass hier in stillen Nächten ein silbernes Boot auf den See hinausgleitet, auf dem die blinde Faneskönigin in die Nacht lauscht. Sie erwartet die Königsfanfare, die den Anbruch der verheißenen Zeit ankündigen soll, in der das Reich der Fanes wieder zu alter Größe und Herrlichkeit auferstehen wird.


Sass dla Porta / Seekofel: im ladinischen Sprachgebrauch bezeichnet der Seekofel den Eingang zur Fanes

Die wärmenden Sonnenstrahlen tun gut, doch schon bald wird es vorbei sein mit dem goldenen Herbstlicht. Am Horizont ziehen bereits hohe Wolkenfelder auf, die Schnee bringen werden. Dann herrscht hier die Kälte des Winters, der Schnee wird für einige Zeit dieses Reich regieren.

Es wird Zeit, Fanes zu verlassen. Der Weg zurück durch das Fanestal hält noch einen überraschenden Schatz bereit: einen Bach voller Gold. Die Felswände des Berges Taë, angestrahlt von der warmen Herbstsonne, spiegeln sich im Bergbach und färben ihn. Hier hätte der gierige König Gold schöpfen können. Gold, so viel er wollte. Er hätte dafür sein blühendes Reich nicht dem Untergang preisgeben müssen.


Rü d’Or – ein Bach voller Gold


Herbstliches Morgenlicht an der Tofana

Der Falzarego-König sah noch einer weiteren unsinnigen Schlacht zu. Während des Ersten Weltkrieges trieben die Italiener Kriegsstollen durch seinen Berg und sprengten die Österreicher vom Gipfel. Ein erbitterter Frontenkrieg tobte in den Dolomiten, ein tödliches Schachspiel auf Graten und Gipfeln. Sinnlos starben Alpini und Kaiserjäger, denn die Entscheidungen fielen woanders. Gerade einmal hundert Jahre sind seitdem vergangen.

Bilder aus der Tour auf flickr

Dolomiten, Fanes – Auswahl von Bildern

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