Gotland

Ein Mann, der Thjelvar hieß, fand Gotland zuerst. Damals war Gotland so verzaubert, dass es am Tage versank und bei Nacht wieder auftauchte. Aber dieser Mann brachte das Feuer auf die Insel, und danach versank sie nie wieder…

So beginnt die Gutasaga, das mittelalterliche Epos der Gotländer. Sie berichtet, aus der Sicht des Historikers freilich oftmals zweifelhaft, von der Besiedlung der Insel, der Ausweisung eines Teils der Gotländer und deren Reise bis ins byzantinische Kaiserreich. Auch von der Christianisierung durch den heiligen Olav, vom Kirchenbau auf der Insel und von der freiwilligen Unterwerfung unter den Svearkönig und den Bischof von Linköping ist die Rede. Tatsächlich steckt diese Insel voller Schätze, Mythen und Geschichten. Und sie ist ein Naturparadies von unglaublicher Mannigfaltigkeit. Sie stand schon so lange auf der Wunschliste meiner Reiseziele, doch nun endlich wurde die Fahrt nach Norden wahr.

Gotlands Norden

Die Anreise nach Gotland ist allemal weit. Wir wählten die Nachtfähre von Travemünde nach Malmö und setzten dann die Fahrt über Kalmar nach Oskarshamn fort, von wo die Fähre der Gesellschaft »Destination Gotland« ablegt. Auf dem Weg nach Gotland passiert sie die Nationalpark-Insel Blå Jungfrun. Spät am Abend erreicht sie Visby. Unser Ferienhaus liegt in Kappelshamn ganz im Norden der Insel. Hier werden wir die erste Woche des Gotland-Aufenthalts verbringen.

Die ersten Erkundungen unseres Gotland-Aufenthaltes führen an die Küste von Harudden und Hallshuk. Die nördlichsten Küstenabschnitte der Insel gehören zu dem großen Naturschutzgebiet Hall-Hangvar und beherbergen eine äußerst artenreiche Flora und Fauna. In einem Moor bei Medebys blühen viele Orchideen, insbesondere die Fleischrote Fingerwurz Dactylorhiza incarnata steht hier in bunter Farbenpracht, gemeinsam mit der Strohgelben Fingerwurz Dactylorhiza ochroleuca und allen Übergängen.


im Norden Gotlands

Ein steiniges Sträßchen führt an die Küste. Hier dominieren lichte Kiefernwälder mit viel Bärentraube Arctostaphylos uva-ursi als Bodendecker. Dies ist der Lebensraum von Spitzels Knabenkraut Orchis spitzelii, doch diese Art ist schon vollständig verblüht. Diese insgesamt extrem seltene Orchideenart hat auf Gotland ihre nördlichsten Vorkommen überhaupt, und die nächstgelegenen sind knappe 1000 Kilometer südlich in den slowakischen Karpaten situiert.

Auch das Rote Waldvögelein Cephalanthera rubra und die Pyramiden-Orchidee Anacamptis pyramidalis blühen in den küstennahen Gehölzen. Eindrucksvoll ist der Blick von den hellen Klippen bei Hallshuk auf die rauhe Ostsee.

Eine Nachmittagstour führt uns erst zur Insel Asunden, die durch einen Damm mit dem Festland verbunden ist. Am Damm gibt es viele Vögel zu beobachten, unter anderem Brandgans Tadorna tadorna und Rotschenkel Tringa totanus. Auf Asunden liegt ein kleines Raukgebiet mit bizarren Silhouetten, jenseits der Bucht fabrizieren die großen Zementwerke von Slite graue und weiße Wölkchen.

Gotland hat 92 mittelalterliche Landkirchen, die allesamt in der Zeit zwischen der Christianisierung im 11. Jahrhundert und dem Überfall Waldemar Atterdags 1361 errichtet wurden. In Lärbro steht eine besonders eindrucksvolle gotische Kirche, daneben ein vollständig erhaltener Kastal, der im Mittelalter als Wehr- und Schutzturm diente. Der oktogonale Turm der Kirche ist einmalig unter Gotlands Landkirchen, nach einem Sturmschaden 1522 wurde er allerdings erheblich niedriger als ursprünglich wiederaufgebaut.


Kastal und Kirche in Lärbro

Die Kirche hat drei gotische Stufenportale mit bemerkenswerten Skulpuren. Im Inneren birgt sie unter anderem einen gotischen Flügelaltar, einen mittelalterlichen Bischofsstuhl und frühgotische Wandmalereien.


Altarraum der Kirche in Lärbro

In der Umgebung von Lärbro liegen geschichtsträchtige Stätten wie die Laikarhajd, auf der der hl. Olav die Gotländer erst besiegt und dann bekehrt haben soll, die rekonstruierte Steinröse von Kauparve, die Felsritzungen von Hägvide und die Gräberfelder Domarlunden und Lilla Ihre.

Visby

Gleich am ersten Abend lockt uns die Neugier nach Visby. Die einzige richtige Stadt der Insel hat einen sagenhaften Ruf. Mittelalterlich, von Mauern umwehrt, die Stadt der Rosen und Ruinen. Sie blickt auf eine äußerst wechselvolle Vergangenheit zurück. Zumindest seit der Wikingerzeit (um 800 n. Chr.) ist der Ort stetig besiedelt. Im frühen Mittelalter wurde Visby zu einer der bedeutendsten Hansestädte und somit zu einem wichtigen Handelsplatz mitten in der Ostsee. Auch zahlreiche deutsche Kaufleute gehörten damals zur Bürgerschaft Visbys.


Die Mauern von Visby mit den Türmen des Domes St. Marien

Seine Blütezeit erlebte Visby im 13. und 14. Jahrhundert, sie hatte damals den Beinamen »Regina Maris«, Königin des Meeres. Das sah die stolze gotländische Bauernrepublik nicht gerne, und zunehmend kam es zu Konflikten, die 1281 in einem Bürgerkrieg ausarteten. In der Folge griff Schweden ein und etablierte sich in der Folge als Schutzmacht der Insel. Ein einschneidendes Ereignis, die große Zäsur der gotländischen Geschichte, folgte jedoch bereits im Jahr 1361: Der Dänenkönig Waldemar Atterdag eroberte Gotland und seine sagenhaften Reichtümer binnen weniger Tage. Das letzte Aufgebot der gotländischen Bauern fiel draußen vor den Mauern der Stadt Visby einem fürchterlichen Gemetzel zum Opfer. Die Bürger der Stadt sahen teilnahmslos zu, öffneten Waldemar die Tore und behielten infolgedessen ihre Rechte und Privilegien.

In den darauffolgenden Zeiten war Gotland nur noch ein Spielball fremder Interessen, ein Besatzer folgte dem anderen. Die Vitalienbrüder nisteten sich in Visby ein und machten als Piraten von hier aus die Ostsee unsicher, bis sie 1398 vom Heer des Deutschen Ordens vertrieben wurden. 1525 wurde Visby von Lübeck angegriffen und niedergebrannt. Dabei fielen alle Kirchen dem Feuer zum Opfer. Nur die ehemalige Deutsche Kaufmannskirche St. Marien wurde wieder aufgebaut, die konservierten Kirchenruinen machen heute den besonderen Reiz der Stadt aus. 1645 fiel Visby mitsamt Gotland dann endgültig an Schweden.


Dom St. Marien in Visby

Innerhalb seiner mächtigen Stadtmauern wirkt Visby eher beschaulich. Man sieht der Innenstadt an, dass sie sich seit dem Mittelalter nicht besonders weiterentwickelt hat. Kleine, oft nur eingeschossige Häuser säumen die Straßen. Betriebsam ist es allerdings schon in der Stadt, besonders wenn im August die Mittelalterwoche stattfindet, die hunderttausende Besucher anlockt. Neben den Mauern, dem hübschen Stadtbild und den vielen Kirchenruinen sind insbesondere die Domkirche St. Marien und das Museum »Gotlands Fornsal« sehenswert. Das Museum beherbergt zahlreiche Schätze Gotlands aus prähistorischer, frühgeschichtlicher und mittelalterlicher Zeit und hat auch für Kinder einiges zu bieten. Wunderschön ist auch die Blütenpracht der Rosen, die an vielen Häuserfassaden der Innenstadt emporranken. An der Strandpromenade sind mitten in der Stadt viele Vögel zu beobachten, unter anderem brüten Eiderenten Somateria mollissima mit ihren Küken.


an der Strandpromenade von Visby

Zwischen Visby und unserem Übernachtungsort Kappelshamn liegen einige der wunderschönen gotländischen Landkirchen. Die Kirche von Hangvar ist hierbei eine der unauffälligeren, in ihrer Schlichtheit aber doch sehr wirkungsvoll.

Weithin sichtbar ist die Kirche von Tingstäde dank ihres 55 Meter hohen Turmes, der trotz der erheblichen Distanz zu West- und Ostküste den Seefahrern als Orientierung diente. Unverkennbar sind die rheinisch-westfälischen Einflüsse auf die Architektur des Turmes. Nach Westfalen verweisen auch Architekturdetails wie beispielsweise die Ringbeißerkapitelle, die einen Adler zeigen, der kopfüber in den Kapitellring beißt.


Kirche in Tingstäde

In der Nähe der Kirche von Hejnum liegt das kleine Kirchdörfchen (Hejnum kirkebys) mit einigen mittelalterlichen Hofgebäuden. Bro hat eine gotische Kirche, die in vorreformatorischer Zeit der bedeutendste Wallfahrtsort Gotlands war. Die Kirche hat prächtige gotische Portale und in der Südwand sind Reliefsteine einer romanischen »ikonischen« Kirche sowie ein bedeutender wikingerzeitlicher Bildstein eingemauert. Unweit des Ortes liegt die große bronzezeitliche Steinröse Bro stainkalm.

Schon von weitem leuchtet der weiß gekalkte Turm der Kirche von Othem über der gotländischen Landschaft. Auch diese Kirche hat gotische Portale mit schöner Kapitellornamentik vorzuweisen. Ein großer Strebepfeiler stabilisiert die Südwand des Langhauses. Neben der Kirche, hinter einem Holzzaun in typisch gotländischer Bauweise, grasen die charakteristischen Gotlandschafe mit ihren gewaltigen Krummhörnern.


Kirche in Othem

Hall, Fleringe und Lergrav

Einen weiteren Tag verbringen wir im Norden der Insel, entlang der Küsten. Morgens erst einmal eine kleine Runde durch die Umgebung des Dorfes Hall. Die Kirche von Hall gehört auf den ersten Blick zu den bescheideneren Landkirchen Gotlands. Doch sie überrascht mit schönen Architekturdetails und einem farbenprächtigen Innenraum. Der Kirchhof ist bis heute von Mauern umgeben, Torhäuschen führen hinein.


Kirche in Hall


Kirche in Hall

Gegenüber der Kirche liegt die Kyrkäne (Kirchwiese), eine typische gotländische Laubheuwiese. Diese Wiesen werden seit vielen Jahrhunderten extensiv und vielfältig genutzt. Ein lockerer Baumbestand schützt das Gras vor zu viel sommerlicher Sonne.

Noch einmal besuchen wir die schönen Moorwiesen mit ihren bunten Orchideen. Danach geht die Fahrt ins Kirchspiel Fleringe. Über dem mittelalterlichen Gehöft Grodda Gården kreisen die Raben, auf den Wiesen stochern Austernfischer und Kiebitze nach Nahrung. Wechselfeuchte Standorte wechseln mit kargem, plattigem Kalkboden ab. In solchen Alvar-Gebieten wächst sehr häufig der Alvar-Schnittlauch Allium schoenoprasum var. alvarense, ein Endemit Gotlands und Ölands. In trockenen küstennahen Wäldern blühen zahlreiche Rote Waldvögelein Cephalanthera rubra, das weiß blühende Schwertblättrige Waldvögelein Cephalanthera longifolia ist vollständig abgeblüht. Die hier vorkommende Hybride entgeht uns leider. Zwar wachsen hier auffallend viele helle der Roten, aber eindeutige Hybriden sind nicht dabei.


Moor bei Hall

An einer stillen Küstenbucht mit steinigen Stränden stehen die Fischerhütten von Gråstäde fiskeläge, einem der typischen gotländischen Fischerdörfer, die temporär von den Fischern bewohnt und bewirtschaftet werden. Das restliche Jahr über gehört der Strand den vielen Seevögeln.


Gråstäde fiskeläge

Bei Fleringe liegt auch der Bästeträsk, Gotlands größer See. Seine einsame Umgebung bietet einer großen Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren Lebensraum. Das Gebiet soll in naher Zukunft als Nationalpark ausgewiesen werden, es wird Gotlands zweiter sein nach der Sandö weit draußen im Norden. Im Moor suchen wir nach dem seltenen Torf-Glanzkraut Liparis loeselii und werden rasch fündig. Doch ein Schauer macht die fotografische Ausbeute ganz dünn – egal, der Standort ist nah und wir kommen wieder.

Ein wenig südostwärts liegt an einer malerischen Bucht das Raukgebiet und Fischerdorf Lergravsviken mit samt einer Räucherei. Ein herrliches Plätzchen am Meer, ein schlichtes und köstliches Mittagessen draußen am Bootssteg, und sogar die Sonne scheint schon wieder. Oberhalb des Dörfchens stehen herrliche Felsformationen, am bekanntesten ist natürlich Lergravsporten, ein natürliches Felsenportal.


Lergravsporten

Die Weiterfahrt führt uns erst nach Slite und dann an einen Standort, an dem eine interessante Dactylorhiza-Population zu finden ist. Sie ist schon als Baltische Fingewurz Dactylorhiza baltica kartiert worden und besitzt durchaus Ähnlichkeit mit dieser, doch nach genetischen Untersuchungen schwedischer Forscher wurde sie als Gotländische FingewurzDactylorhiza majalis subsp. elatior beschrieben.


Gotländische Fingerwurz, Dactylorhiza majalis subsp. elatior

Den Rest des Tages verbringen wir in Visby (siehe oben), und der Abend klingt an der herrlichen Steilküste von Sigsarve aus.


Sigsarve

Stenkyrka, Kneippbyn

Morgens unternehmen wir eine kurze Tour in ein Moorgebiet nahe beim Ferienhaus. In den quellenreichen Bruchwäldern blühen zahlreiche Dactylorhiza-Arten. Neben dem obligatorischen Fleischroten D. incarnata steht hier auch wieder die Strohgelbe Fingerwurz D. ochroleuca, außerdem stehen hier einige Exemplare von Traunsteiners Fingerwurz D. traunsteineri, die doch sehr an die Unterart subsp. russowii erinnern, welche jedoch auf Gotland nicht vorkommen soll. So gehen die Meinungen hinsichtlich dieser Gattung weit auseinander. Einige Hybriden sind auch noch mit an Bord, und im Randbereich des Moores gesellt sich noch die Gefleckte Fingerwurz D. maculata hinzu.


Strohgelbe Fingerwurz, Dactylorhiza ochroleuca

Kurz vor Stenkyrka ist in einer Wiese das rekonstruierte Hjulkorsgraven zu sehen, ein eisenzeitliches radförmiges Grab.

Stenkyrka ist eine der drei Urkirchen (Tredingar) Gotlands. Laut der Gutasaga hat hier ein Mann namens Lickajr der Weise die erste Kirche im Norddrittel der Insel errichtet. Dennoch war die erste Kirche mit größter Wahrscheinlichkeit eine Holzkirche. Dass der Ort dann diesen Namen erhielt, spricht für die Außergewöhnlichkeit einer Steinkirche zur Erbauungszeit.

Die heutige Kirche von Stenkyrka stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Der mächtige Westturm zeigt deutliche Anklänge an die westfälische Spätromanik und wird häufig mit dem Turm des Patrokli-Domes in Soest verglichen. Über die Hanse bestanden zu jener zeit rege Handelsbeziehungen zwischen Gotland und Westfalen. Der reich ausgestaltete Innenraum der Kirche birgt unter anderem einen Taufstein des Meisters ‚Majestatis‘, umfangreiche mittelalterliche Freskenzyklen und eine barocke Chorbank mit originellen Darstellungen der fünf klugen Jungfrauen in zeitgenössischer gotländischer Tracht.


Kirche in Stenkyrka

Nur ein paar Kilometer entfernt liegt Martebo mit einer auf den ersten Blick unscheinbaren Kirche, deren Portale jedoch zu den bemerkenswertesten gotischen Steinmetzarbeiten Gotlands gehören. Sie stammen aus der Bauhütte des ‚Egypticus‘, der zu jener Zeit eine regelrechte Steinmetzindustrie auf der Insel betrieben haben muss. Auf den Kapitellbändern sind Szenen aus dem Leben Jesu dargestellt. Besonders auffällig ist eine Sequenz, die Jesus in der Unterwelt zeigt. Diese Darstellung ist dem außerkanonischen Nikodemus-Evangelium entlehnt und war zu jener Zeit wohl recht populär in Gotland.


Christus in der Unterwelt: Portalplastik in Martebo

Den Nachmittag verbringen wir im Freizeitpark von Kneippbyn. Mittendrin steht die originale Villa Villekulla (Villa Kunterbunt) aus den Pippi-Langstrumpf-Verfilmungen, die überwiegend in Gotland entstanden.

Träskmyr und Bästeträsk

Heute beginnt der Urlaubstag sehr früh draußen im Träskmyr, einem großen Moorgebiet unweit Kappelshamn. Hier gibt es ausgedehnte Schilf- und Binsenschneide-Wiesen, dazwischen Kiefernwälder und Seen, dazu eine reiche Flora und Vogelwelt. Ein Bohlenpfad geleitet trockenen Fußes zum Vogelbeobachtungsturm in der Nähe des Sees Gardträsk.

Bläßhühner und Krickenten tummeln sich da, ein Singschwan gleitet über die Wasserfläche zum Nest. In den Wiesen hinter dem See stehen vier Kraniche. Erst nachdem ich den Turm verlassen habe, beginnen sie mit einem beeindruckenden Trompetenkonzert. Unerhörte Laute in einer sonst völlig stillen Gegend.


Träskmyr

Bis zum Frühstück ist noch etwas Zeit, daher lockt mich das Glanzkraut von vorgestern nochmal. Diesmal ist das Wetter exzellent, und nach kurzer Suche sind sehr viele dieser seltenen kleinen Orchideen zu finden. Sie stehen teilweise bis zu den Blättern im Moorwasser, und das Fotografieren ist eine äußerst nasse Angelegenheit, denn das Wasser läuft auch von oben in die Gummistiefel herein. Aber die Blütenpracht im morgendlichen Gegenlicht ist das einfach wert.


Glanzkraut, Liparis loeselii

Fårö

Nach dem Frühstück steht einer der Höhepunkte der gesamten Reise auf dem Programm: eine Rundfahrt über die Insel Fårö. Mit der kostenlosen Fähre überqueren wir den Sund. Tatsächlich ist die Landschaft hier noch etwas urwüchsiger als auf Gotland. Rasch ist die Kirche von Fårö erreicht. Als einzige in ganz Gotland wurde sie im 18. Jahrhundert vollständig umgebaut und verlor ihren mittelalterlichen Charakter.


Kirche in Fårö


Kirche in Fårö

Auf dem Friedhof sind Ingmar und Ingrid Bergman begraben, die Fårö zu ihrer Wahlheimat machten. Während des Kirchenbesuches geht ein heftiger Regenschauer nieder, aber pünktlich zur Ankunft einer auffallend geschmackvoll gekleideten Hochzeitsgesellschaft ist er wieder vorüber.

Die Fahrt geht weiter zur Nordostspitze der Insel, in Richtung des Leuchtturms Fåröfyr. Geplant ist eine kurze Rundwanderung durch die Sanddünenlandschaft Ullahau und die umgebenden Wälder. Doch schon setzt der nächste Schauer ein, und er ist noch heftiger und ausdauernder als der erste. So entfällt auch die Suche nach den im Kiefernwald wachsenden Orchideen Korallenwurz Corallorrhiza trifida, Kleines Zweiblatt Neottia cordata und Netzblatt Goodyera repens sowie den verschiedenen Wintergrün-Arten Pyrola spec. Direkt am Straßenrand blühen die Moosglöckchen Linnea borealis, die quasi im Hechtsprung, aus dem Auto raus und wieder rein binnen 10 Sekunden, fotografiert werden. Meisterwerke sind dabei nicht gerade entstanden, das kann man sich ja vorstellen.

Der Regen lässt dann langsam nach, die Weiterfahrt geht vom Leuchtturm aus an der Nordküste entlang. Orchideen stehen überall am Straßenrand, teils blühen die Waldhyazinthen Platanthera bifolia zu hunderten in den Vorgärten. Auch das Helm-Knabenkraut Orchis militaris ist hier besonders oft zu sehen, aber es ist schon weitgehend verblüht. In Schweden heißt es Johannesnycklar, übersetzt bedeutet das Johannes-Schlüssel, was auf eine Blütezeit zum Mittsommerfest schließen lässt. In diesem Jahr war es aber früher dran. Apropos Johannistag: Überall in den Vorgärten sind emsige Vorbereitungen für den »Midsommar« zu beobachten. Das Fest wird in Schweden nämlich nicht am eigentlichen Mittsommertag gefeiert sondern immer am Samstag zwischen dem 20. und 26. Juni, oder vielmehr am Freitagabend davor, also heute.

Auf der Weiterfahrt stoppen wir an einem Wildacker, der gerade von einigen Dutzend Nonnengänsen Branta leucopsis bearbeitet wird. Ein Stück lassen sich mich mit der Kamera herankommen, dann entsteht Unruhe im Schwarm, und unter lautem Zetern fliegen die Gänse auf, um sich gleich in der nächsten Wiese wieder niederzulassen.


Nonnengänse

Wir passieren einen Hof, der einen reichlich kultigen Eindruck macht. Doch heute ist die originelle Einkehr namens Kutens Bensin wegen Mittsommer leider geschlossen.


Kutens Bensin

Die Weiterfahrt führt vorbei am Hof Broskogs. Er sieht völlig mittelalterlich aus mit dem traditionellen Grasdach, der alten Windmühle und dem matschigen Weg. Doch dann pflügt ein ansehnlicher Oberklasse-Wagen durch die Pfützen und hält auf dem Hof. Das wirkt schon skurril. Doch es ist irgendwie auch typisch für Gotland, wie auch schon die mondäne Hochzeitsgesellschaft zeigte: Mitnichten ist man hier am Ende der Welt, sondern mitten im fortschrittlichen Schweden. Die Insel Fårö ist halt einfach sehr dünn besiedelt und hat sich ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt.


Bondans

Bondans ist gleich der nächste herrliche Mittelalterhof, doch er ist heute verwaist. In den gleichermaßen felsig-feuchten Gebieten um den Hof blühen Abertausende Blütenköpfchen des Alvar-Schnittlauchs Allium schoenoprasum subsp. alvaranse. Diese Unterart des Wilden Schnittlauchs ist endemisch auf den Kalksteppen Ölands und Gotlands, den Alvar-Heiden.


Der Hof Bondans inmitten der Schnittlauchwiesen

Nun sind die berühmten Küsten Fårös mit ihren Raukar ganz nah: Langhammars, Digerhuvud, Gamla Hamn. Hier stehen die herrlichsten dieser eigenartige Gebilde, von der Meeresbrandung aus den silurischen Kalkplatten herausgefräst, während die von der Last des Eises befreite Insel sich vor etwa 25.000 Jahren langsam aus der Ostsee erhob.

Die Raukar wirken wie Skulpturen, mächtig, massig, und für die Ewigkeit geschaffen. Doch ihre Entstehungsgeschichte zeigt, wie vergänglich sie in Wahrheit sind. Noch blickt der Vorsteher der Raukar von Langhammar stumm über das Meer, das Gesicht gegen den Wind gewandt. Unerträglich ungerührt erwartet er den unweigerlichen Verfall.


Raukar von Langhammars auf Fårö

Jenseits der kleinen Bucht sind schon die Holzhäuser des Fischerdorfes Helgumannen auszumachen. Solche periodisch genutzten Dörfer sind typisch für Gotland. Jetzt liegen die Boote verlassen am Strand, auf den Abdeckungen haben wohl ganze Schulklassen steinerne Grüße hinterlassen. Ein milder, salziger Sommerwind umweht diesen fernen und doch ungeheuer wohligen Ort.

Wer möchte nicht dabei sein, wenn die Fischer wiederkommen und die Boote instandsetzen? Tagsüber mit ihnen aufs Meer fahren und abends ihren Geschichten lauschen? Die Häuser sind verlassen, doch sie erzählen viel vom intensiven Leben hier draußen, am äußersten Rand des Archipels.


Helgumannen

Das Schottersträßchen führt oberhalb der kilometerlangen Raukar-Kolonnen von Digerhuvud bis hinab ins Örtchen Lauter. Bei Gamla Hamn, dem Alten Hafen, stehen die schönsten Raukar draußen im Wasser. Der bekannteste von ihnen wird je nach Ansicht als Hund, Kaffeekanne und St.-Olavs-Tor bezeichnet. Der Heilige Olav soll hier an Land gegangen sein, um die Gotländer zu missionieren. Doch auch andere Buchten der Insel nehmen diese Ehre für sich in Anspruch. Jedenfalls war hier im Mittelalter ein wichtiger Umschlagplatz.


Gamla hamn

Das Hafenbecken liegt aufgrund der anhaltenden Landhebung inzwischen höher als der Meeresspiegel. Im Wald befinden sich die Überreste der romanischen Olavskapelle. Vom lebhaften Treiben ist heute nichts mehr zu spüren. Ganz allein sind wir mit der Szenerie. Küstenseeschwalben Sterna paradisea bewachen laut schreiend ihren Brutplatz, immer wieder setzen sie zu Scheinattacken an, wenn wir ihnen zu nahe kommen. Doch im Gegensatz zu den Möwen sind sie eher gutmütig, nur selten machen sie ihre in rasantem Sturzflug vorgetragene Drohung wahr.


Küstenseeschwalbe, Sterna paradisea

Voller kraftvoller Eindrücke kehren wir von der Insel Fårö zurück. Es muss schon etwas besonderes sein, hier zu leben. Wir können die Bergmans gut verstehen.

Im Moor

Nach dem sehr erlebnisreichen Vortag stehen heute viel Spielen und eine Wanderung auf dem Programm. Ziel ist eines der größten naturbelassenen Moore im Norden Gotlands. Der übliche Zugang ist aufgrund von Straßenbauarbeiten nicht erreichbar, daher wählen wir einen längeren Zugangsweg von der anderen Seite aus.

Dieser führt zunächst durch Kiefernwälder, dann immer wieder über offene und felsige Alvar-Flächen ans Moor heran. In das Moor hinein führt kein Pfad, aber das Naturreservat unterliegt keinem Betretungsverbot und kann abseits der Pfade begangen werden. Wie an den meisten anderen Reservaten klärt auch hier eine Informationstafel den Besucher über Beschaffenheit, Vegetation und Tierwelt des Gebietes auf. Überhaupt wird hier in Gotland nicht die bei uns übliche Geheimniskrämerei betrieben, was Fundorte seltener Arten betrifft. Aber es sind offenbar auch nicht so viele Idioten unterwegs, die der Natur böswillig Schaden zufügen.


Alvar-Flächen im Kiefernwald

Vom Weg müssen wir uns durch unwegsames Gelände ins Moor durchschlagen. Sumpfige Stellen, Gestrüpp, grasüberwachsenes Moderholz, Felsspalten. Das Terrain hat einiges an potentiellen Knöchelbrechern zu bieten. Von den hier häufig vorkommenden Kreuzottern ganz zu schweigen.

Schließlich ist die offene Moorfläche erreicht. Kelch-Simsenlilie Tofieldia calyculata und Sumpf-Stendelwurz Epipactis palustris begrüßen uns. Rasch finden wir auch Traunsteiners Fingerwurz Dactylorhiza traunsteineri, Langblättrigen Sonnentau Drosera anglica und die bereits verblühten Mehlprimeln Primula farinosa. Und dann auch das Sumpf-Knabenkraut Anacamptis palustris. Es ist das erste Mal, dass wir diese Art in ihrer typischen Form sehen. Recht vereinzelt stehen die Pflanzen hier, relativ kleinwüchsig, aber doch über größere Flächen insgesamt häufig. Eine wunderschöne Orchidee, die in ganz Skandinavien ausschließlich in Gotland wächst. Die Vorkommen sind die nördlichsten des Gesamtareals dieser Art.


Kelch-Simsenlilie


Traunsteiners Fingerwurz

Etwas überraschend finden wir auch schon die Duft-Händelwurz Gymnadenia odoratissima in Blüte. Noch so eine Gotländerin, die in Skandinavien sonstwo kaum anzutreffen ist.


>Duft-Händelwurz

Nach dem Rückweg kaufen wir in Lärbro einen leckeren Räucherfisch für das Abendbrot, feiern ein wenig das Mittsommerfest und lassen den letzten Abend im Ferienhaus Kappelshamn ausklingen. Morgen geht es weiter in den Süden der Insel.

Quartierwechsel

Der Wechsel vom Nord- in den Südteil der Insel steht an. Wir haben zwei Stationen gebucht, um die einzelnen Tagesfahrten kürzer zu halten. Eine Strategie, die sich für unsere Art des Reisens gut bewährt hat, erst recht mit Kind. Wir fahren von Kappelshamn an der Ostküste entlang nach När. Über der Bucht von Kappelshamn liegt der Nebel, ein großes Lastenschiff fährt mit dem über Nacht beladenen Gut des Zementwerkes davon.


Kappelshamn

An Slite vorbei erreichen wir das Örtchen Boge. Die Kirche ist verschlossen, das ist uns auf Gotland nur zwei Mal passiert. Ganz in der Nähe liegt die »Skulpturfabriken«, eine Manufaktur, die aus Zement beziehungsweise Beton schöne Dinge für Haus und Garten herstellt. Und einen Kaffee in schönem Ambiente bekommt man hier ebenfalls.


Boge

Ganz in der Nähe von Boge stehen am Straßenrand unzählige Orchideen. Als erstes fallen natürlich wieder die vielfältigen Farbschattierungen von Dactylorhiza incarnata auf, dazwischen stehen unter anderem aber auch Helm-Knabenkraut Orchis militaris, Pyramiden-Orchidee Anacamptis pyramidalis, Fliegen-Ragwurz Ophyrs insectifera und recht häufig die bei uns so selten gewordene Honigorchis Herminium monorchis. Letztere bevorzugt an diesem Standort ganz offensichtlich die Bulte, die aus der Wiese hervorstehen. Hier siedelt sie mal in kleineren, mal in größeren Kolonien. Wir hatten nicht damit gerechnet, diese Art jetzt schon in Blüte anzutreffen, aber es scheint ja ein eher frühes Jahr auf Gotland zu sein.


Honigorchis, Herminium monorchis

Ein paar Kilometer weiter ragt eine auffällige Felsnadel aus der Landschaft auf. Es ist der Rauk Klinteklinten (oder auch Bogeklinten genannt). Der Felsturm steht vor einem Inlandskliff, aus dem er von der Erosion herausgefräst wurde. Er hat die gleiche Entstehungsgeschichte wie die anderen Raukar Gotlands, auch wenn die Küste inzwischen ein ganzes Stück weit weg von diesem Platz ist.


Rauk Klinteklinten (Bogeklinten)

Kurz vor Åminne zweigen wir landeinwärts ab, um auf einem Schottersträßchen zu der bronzezeitlichen Schiffssetzung namens »Thjelvars Grav« zu gelangen. Der Gutasaga zufolge war dieser Mann der Entdecker der Insel, brachte das Feuer hierher und wurde zum Urvater der Gotländer. Doch auch ohne die Ausschmückungen der Legende ist es ein sehr eindrucksvoller Ort. Die Schiffssetzung wurde aus Findlingen errichtet, also aus ortsfremdem Gestein, das von den eiszeitlichen Gletscherströmen nach Gotland transportiert wurde.


Thjelvars Grav

Ganz in der Nähe liegt auch eine der zahlreichen gotländischen Wallburgen, die aus der Vendelzeit oder aus der frühen Wikingerzeit stammen. Über 80 dieser Burgen sind auf Gotland bekannt, die bekannteste unter ihnen ist natürlich die weiter südlich gelegene Thorsburg.

In Gothem besuchen wir die wundervolle romanisch-gotische Kirche. Untypisch für Gotland ist die romanische Ostpartie mit gotischem Langhaus und Turm. Normalerweise wurden die Neubauten auf Gotland anders herum vollzogen. Der Innenraum der Kirche ist fast vollständig von mittelalterlichen Wand- und Deckenmalereien geschmückt. Besonders kunstvoll sind die Draperiemalereien im Langhaus ausgeführt. Von der mittelalterlichen Ausstattung ist auch eine geschnitzte gotische Chorbank erhalten geblieben. Vor der Kirche steht die Ruine des Kastals, der im 19. Jahrhundert einstürzte.


Kirche in Gothem


Innenraum der Kirche in Gothem mit Draperiemalereien

Unsere Fahrt setzen wir mit einem Abstecher ins Landesinnere fort. Der zentrale Teil der Insel ist vorwiegend landwirtschaftlich genutzt und landschaftlich nicht annähernd so interessant wie die Küstengebiete. Am Museumsdorf Norrlanda fornstuga halten wir. Hier sind verschiedene gotländische Häuser in unterschiedlicher Nutzung, die andernorts abgerissen wurden, wieder aufgebaut. Die Häuser und ihr Interieur bilden die Wohn- und Arbeitssituation im Gotland des 18. und 19. Jahrhunderts nach.


Mohnfeld im mittleren Gotland

Schon von weitem ist der Kirchturm von Dalhem sichtbar. Die gotische Hallenkirche ist streng nach dem westfälischen Typus errichtet, hat also ein quadratisches Langhaus von drei mal drei Feldern. Ostseitig ist ein gerade geschlossener Chor angesetzt, westseitig ein hoher Galerieturm. Trotz seiner gotischen Formen ist er in seiner Bauweise doch noch ganz der Romanik verpflichtet, das eigentliche gotische Prinzip der Lastabtragung bleibt unberücksichtigt. Der Begriff Kontragotik beschreibt diese Architekturhaltung, die auf die hochgotischen Landkirchen der Insel gut zutrifft.


Kirche in Dalhem

Die Portale zeigen außergewöhnliche Skulpturen, am Westportal befindet sich eine schwer zu deutende Bildfolge, möglicherweise eine frühe Darstellung der Dietrichssage, die im 13. Jahrhundert auch in die mittelalterliche Bildwelt Skandinaviens Eingang fand. Der Innenraum der Kirche ist ganz von der hohen, majestätischen Halle geprägt, die jedoch leider im 19. Jahrhundert einer wenig sensiblen historisierenden Restaurierung unterzogen wurde.


Kirche in Dalhem

Lust auf den Süden machen auch die Orte Roma und Garda. In Roma steht die Ruine eines ehemaligen Zisterzienserklostes, in Garda ein besonders schönes Ensemble aus einer romanischen Kirche mit Kirchhofsumwehrung und Torhäuschen. Fast tirolerisch mutet der Turm mit seinem sehr spitzen Helm an. Dann ist När erreicht, unser Quartier für die zweite Woche befindet sich auf dem Hof Mickels etwas außerhalb der Ortschaft.


Kirche in Garda

Herta und Närsholmen

Nach der doch eher kühlen, etwas verregneten ersten Urlaubswoche kündigt sich nun sonniges warmes Wetter an, so dass wir nun in den Genuss des vielgelobten gotländischen Sommers kommen. So gibt es endlich auch die Möglichkeit, einen Tag am Meer zu verbringen. Der herrliche Sandstrand von Herta liegt nur wenige Kilometer von unserer Unterkunft entfernt. Gotlands Sandstrände sind ideal für Kinder, weil das Wasser ganz flach ist. Hier wärmt es sich auch am ehesten auf, so dass man auch im Juni schon ein wenig in der Ostsee planschen kann. Den abgehärteten Insulanern scheint die Wassertemperatur ohnehin egal zu sein, sie lassen ihre rosigen Wikingerkörper auch in kühle Wasserfluten hineinplatschen.


am Strand von Herta (Hörte)


Kiebitz

Am Nachmittag unternehmen wir noch eine kleine Einkaufstour, vorbei an den Die Kirchen von Burs und Rone. Letztere hat einen hohen, weithin sichtbaren Kirchturm, der im Volksmund »Lang Jaku« genannt wird: Langer Jakob. Ein eindeutiger Hinweis auf das vorreformatorische Jakobs-Patronat.

Den Abend verbringen wir auf der Halbinsel Närsholmen. In den küstennahen Wiesen sind etliche Weißwangengänse Branta leucopsis auf Nahrungssuche unterwegs. Ein schönes Bild: die Gänse zwischen den silbrig schimmernden Fruchtständen der Wiesen-Küchenschelle Pulsatilla pratensis. Vor dem Leuchtturm blühen große Kolonien des Natternkopfes Echium vulgare, das ist ja an sich nichts besonderes in Gotland, hier jedoch überaus reizvoll. Am steinigen Ufer machen wir Picknick, genießen die warme Abendsonne und lauschen dem Wellengang der See und den Geräuschen der Vögel.


Närsholmen mit Nonnengänsen


Leuchtturm von Närsholmen

Lau und Garda

In der Nähe liegen die Kirchen von Lau und Garda, zwei besonders sehenswerte Gotteshäuser. In Lau erwartet uns eine weite dreischiffige Halle mit jeweils quadratischem Chor und Langhaus. Der offenbar geplante Turmbau wurde nicht realisiert, dennoch ist die Kirche eine der stattlichsten auf der gesamten Insel. Aufgrund ihrer beeindruckenden Größe und Ausstattung gibt es Vermutungen, dass Lau entweder eine Kloster- oder Wallfahrtskirche war. Besonders sehenswert sind die vier stattlichen Portale, die mittelalterlichen Ringleuchter, der gotische Flügelaltar und das gewaltige Triumphkruzifix, das als größtes in ganz Nordeuropa gilt.


Kirche in Lau

Die Kirche in Garda gehört zur Gruppe der sogenannten Sattelkirchen. Der Begriff spielt auf die Silhouette der Kirchen mit niedrigem Langhaus zwischen dem höheren Chor und dem Westturm an. Bei diesen Kirchen wurde in gotischer Zeit von Osten her mit einem Neubau begonnen. Aufgrund der Ereignisse um Waldemar Atterdags Feldzug 1361 wurden viele dieser Neubaupläne nicht mehr realisiert und nur provisorisch abgeschlossen.


Kirche in Garda

Und so stehen in Garda aus romanischer Zeit noch das Langhaus und der schlanke Turm. Durch die Aufgabe der gotischen Baupläne blieben die rein byzantinischen Malereien im Turmbogen erhalten. Sie zeugen von den regen Handelsbeziehungen Gotlands im 11. Jahrhundert. Vermutlich stammen sie von einem Künstler aus russischem oder gar griechischem Gebiet. Sehenswert sind auch das romanische Triumphkruzifix, der Taufstein des Steinmetzes ‚Byzantios‘ aus dem 12. Jahrhundert und das schön proportionierte gotische Südportal des Chores.


byzantinische Malerei in der Kirche von Garda

Lye, Stånga und Linde

Und noch eine Kirchentour nach Lye, Stånga und Linde. Die Kirche von Lye ist ein wahres Schatzkästlein. Auch sie ist eine Sattelkirche. Im Gegensatz zu Garda stammen hier aber die bemerkenswertesten Kunstwerke aus gotischer Zeit. Außen ist die figurale Ausschmückung des Chorportales besonders bemerkenswert. Bildgewaltig hat ein Steinmetz aus der ‚Egypticus‘-Bauhütte Szenen aus dem Leben Jesu dargestellt. Schon erschreckend detailreich und realistisch ist die Darstellung des Kindermordes von Betlehem.

Das Innere der Kirche ist sehr farbenfroh. Im Triumphbogen hängt ein gotisches Kruzifix, dahinter öffnet sich der Chor mit den drei Ostfenstern und einem spätgotischen Altarretabel davor, das leider durch den Einbau einer Kirchenheizung und die daraus resultierenden Veränderungen der Luftfeuchte schweren Schaden genommen hat. Die bunt leuchtenden Chorfenster bilden die größte Suite mittelalterlicher Glasmalerei in ganz Skandinavien.

Sehr qualitätvoll sind im Mittelfenster Szenen aus dem Leben Jesu dargestellt. Die nähere Betrachtung bringt originelle Details zutage, beispielsweise die Fußabdrücke Christi und seine in der Wolkendecke verschwindenden Beine in der Himmelfahrtsszene.


Flügelaltar und Chorfenster in Lye


Detail der Glasmalereien in Lye

Ähnlich wie in Gothem wurde auch in Stånga der Kirchenneubau von Westen her begonnen, also mit dem Turm und Langhaus, während der romanische Apsischor erhalten blieb. Neben dem gotischen Langhausportal sind zyklopisch große Wandreliefs angebracht. Sie erscheinen etwas ungeschickt angeordnet. Vielleicht sollten sie in einer anderen Anordnung angebracht werden und wurden nach Aufgabe größerer Kirchenpläne in der Wand vermauert.

Das Portal besitzt noch die ursprünglichen Eisenbeschläge und einen Stab mit der Inschrift: »Hitta ier ret gota eln« (dies ist die richtige gotländische Elle). Im Innenraum der Kirche ist insbesondere der Taufstein des Meisters ‚Hegvaldr‘ aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts sowie ein sehr edles Triumphkruzifix aus der Mitte des 13. Jahrhunderts.


Scheibenkreuz und Taufstein in Stånga

Das Kirchlein von Linde liegt am Fuß des Lindeberget, eines Inlandskliffs mit steilen Kalkflanken. Der Kirchhof ist noch umschlossen von der mittelalterlichen Umwehrung mitsamt spitzgiebeligen Torhäuschen. Auch die Kirche selbst hat ihr mittelalterliches Erscheinungsbild weitgehend bewahrt.


Kirche in Linde

Beim Eintritt duftet es nach diesem speziellen teerartigen Sud aus Fichten- und Tannenwurzeln, mit dem die Gotländer seit Jahrhunderten die Holzteile ihrer Kirchen imprägnieren. Ein ganz spezieller, archaischer Duft, und eine offensichtlich sehr effektive Konservierungsmethode, auch für die Holzdächer und Turmhauben. Bemerkenswert ist das Triumphkreuz aus dem 12. Jahrhundert, in der Kirche als Kopie ausgestellt, da sich das Original im Staatlichen Historischen Museum in Stockholm befindet. Christus ist hier mit Schuhen dargestellt, was als Hinweis auf seine Königswürde zu verstehen ist. Bemerkenswert sind auch der Flügelaltar aus dem frühen 16. Jahrhundert sowie der romanische Taufstein des Steinmetzes ‚Byzantios‘ mit Teilen originaler Farbfassung.


Kirche in Linde

Umfangreiche Malereien schmücken die Wände. Auffallend ist jedoch die Darstellung der »Tratschweiber« am Turmbogen: ein Teufel reißt eine auf der Kirchenbank tratschende Frau weg, links führt ein anderer Strichliste über die Verführten. Ein anderer versucht eine betende Frau zu verführen, jedoch kommt deren Schutzengel zu Hilfe und gibt dem Teufel mit seiner Engelsposaune einen Hieb zwischen die Hörner. Solch drastische Lehrbilder waren im mittelalterlichen Gotland offenbar weit verbreitet.


Die Darstellung der »Tratschweiber« von Linde

Nachmittags eine Tour an die Südwestküste. Zwischenstopp an der Kirche von Havdhem mit schönen romanischen Portalen. Danach besuchen wir ein Naturreservat mit schönen Beständen des Sumpf-Knabenkrautes Anacamptis palustris. Zahlreiche Pflanzen stehen in den kurzgrasigen Wiesen, die Exemplare sind ingesamt stattlicher als am Standort, den wir im Norden der Insel besucht haben. Der Blühzeitpunkt ist optimal. Auch die Sumpf-Stendelwurz Epipactis palustris hat bereits ihre Blütenstände weit geöffnet.


Sumpf-Knabenkraut, Anacamptis palustris


Einzelblüte des Sumpf-Knabenkrautes

Die Kirche von Hablingbo ist eine große gotische Halle, der romanische Turm wirkt etwas kümmerlich im Vergleich zu den gotischen Proportionen. Besonders sehenswert ist das sehr fein gearbeitete romanische Nordportal mit den beiden auskragenden Löwen. Der Steinmetz hat mgöicherweise am Dom zu Lund sein Handwerk gelernt. Auch das überreich ausgeschmückte gotische Südportal ist bemerkenswert, es zählt zu den Hauptwerken der ‚Egypticus‘-Bauhütte. Nahe Hablingbo wird übrigens Wein angebaut, das kleine Weingut Gutevin des Winzers Lauri Pappinen gilt als Europas nördlichstes und hat inzwischen eine gewisse Bekanntheit erlangt.

Weiterfahrt an der Ekstakusten entlang. Steinige Strände, windzerzauste Kiefern. Die beiden Karlsinseln, Stora und Lilla Karlsö, sind von hier aus fast zum Greifen nah. Eigentlich ein absolutes »Muss«, besonders mit Übernachtung auf der Großen Karlsinsel nah an den Vogelfelsen. Doch die zwei Wochen reichen so schon nicht aus, vielleicht ein anderes Mal?


Blick von der Ekstakusten zur Lilla Karlsö

Von weitem ist die Kirche von Fröjel sichtbar, die samt Kastal auf einer Anhöhe oberhalb der Küste errichtet wurde. Von hier aus beobachteten die Gotländer am 22. Juli 1361 das Kommen und Anlanden der Flotte Waldemar Atterdags. Wenige Tage dauerte das Drama der Eroberung. Nachdem die Dänen das Bauernheer der Insel niedergemetzelt hatten, war das alte, selbstbestimmte Gotland Vergangenheit.

In der Kirche ist vor allem das schöne Triumphkreuz, ein gotisches Scheibenkreuz aus der Zeit um 1300, sehenswert. Neben der Kirche ist auf dem Kirchhof eine Trojaburg zu sehen. Solche Anlagen sind in Gotland mehrfach zu finden, es sind Labyrinthe ungeklärten Alters und ungeklärter Funktion.

Nur ein paar Kilometer weiter liegt die eindrucksvolle bronzezeitliche Schiffssetzung von Gannarve mit Blick auf die Karlsinseln.


Schiffssetzung Gannarve

Dann kommt Klinte mit dem spitzen Kirchturm am Fuß des felsigen Klinteberget. Der schöne Blick vom Klinteberget auf die Kirche ist in der Pippi-Langstrumpf-Folge zu sehen, in der Pippi mit dem Ballon am Kirchturm festmacht (diese Szenen sind allerdings in Tofta gedreht).

Auf der Rückfahrt durch das Binnenland der Insel kommen wir an Lojsta vorbei. Nahe der Kirche liegen einige malerische Seen am Fuß einer felsigen Hügelkette. In der Umgebung dieser Seen liegen die Wallburg »Lojsta slott« sowie das rekonstruierte eisenzeitliche Hallenhaus »Lojstahallen«.


Broträsk bei Lojsta

Folhammar

Ljugarn selbst ist ein beliebter Ferienort mit schönen Stränden an der Ostküste Gotlands. In den sandigen Küstenwiesen und -wäldern sind interessante Pflanzengesellschaften anzutreffen. Auffällig sind die Vorkommen der verschiedenen Pyrolaceen. Auch die seltene Grünblütige Stendelwurz Epipactis phyllanthes soll hier vorkommen, aber nur in wenigen Exemplaren. Wir finden aber nur ein paar knospende Breitblättrige Stendelwurzen E. helleborine. Vermutlich blüht die Grünblütige ohnehin noch nicht.

Nordöstlich Ljugarn liegt das Naturreservat Folhammar mit einem der schönsten Raukfelder Gotlands. Bizarre Felsgebilde stehen bis in die Brandungszone hinein. Im lichten Kiefernwald fliegt ein Apollofalter, an der Küste wächst lokal die Stranddistel Eryngium maritimum


Folhammar

In der Nähe Ljugarns liegt die Kirche von Alskog, eine weitere Sattelkirche, mit schöner Portalplastik aus romanischer und gotischer Zeit. Leider ist sie verschlossen (übrigens außer Boge die einzige nicht zugängliche Kirche während der Reise).

Am Nachmittag unternehmen wir eine Tour durch den Ostteil der Insel. Die Fahrt geht zunächst nach Ala, wo an den Kirchportalen merkwürdige romanische Tierskulpturen zu sehen sind, über deren Symbolik nichts mehr bekannt ist. Die Kirche brannte 1938 leider vollständig aus, wobei die mittelalterliche Ausstattung verloren ging.

In der Nähe von Norrlanda gibt es ein schönes Vorkommen von Spitzels Knabenkraut Orchis spitzelii, natürlich ist es längst verblüht, aber die Fruchtstände sind noch gut zu finden. Gerade öffnet die Ästige Graslilie Anthericum ramosum ihre Blüten, und am Natternkopf saugt ein Baumweißling Aporia crataegi.

Am Weg zur Thorsburg besuchen wir die kleine Kirche von Anga, die ihr mittelalterliches Erscheinungsbild fast unverändert bewahrt hat. Der stämmige Westturm steht auf dem westlichen Langhausjoch – ein architektonischer Sonderfall. Sehenswert sind die umfangreichen Wandmalereien, das Triumphkruzifix aus dem 14. Jahrhundert sowie der gotische Flügelaltar.


Kirche in Anga

þors borg, die Thorsburg

Bald kommt die Thorsburg in Sicht, ein Plateau mit dreiseitig steil abbrechenden Felsflanken. Sie gilt als größte Wallburg Nordeuropas. Die vendelzeitliche Anlage nutzt den natürlichen Schutz der Felsflanken, an der vierten –schwachen– Seite wurde sie mit mächtigen Steinwällen gesichert.


Felsabbrüche an der Thorsburg

Erstaunlicherweise stammt die Anlage aus friedlichen Zeiten, doch ihre Errichtung ist sicherlich als Reaktion auf die vorangegangen Völkerwanderungszeiten zu verstehen. Die Thorsburg und Teile der Umgebung wurden 1992 von einem Waldbrand heimgesucht, die Vegetation regeneriert sich langsam. Ein solches Brandereignis ist hier übrigens nicht ungewöhnlich, auch Carl von Linné hat bei seinem Besuch 1741 eine abgebrannte Thorsburg vorgefunden.

Sowohl oben auf dem Plateau als auch unterhalb gibt es interessante, artenreiche Moorgebiete. Ansonsten ist die Vegetation ganz von den trockenen, steinigen Alvar-Heiden geprägt. Der Aussichtsturm ist leider gesperrt. Man soll von oben bis zur Westküste blicken können. So wird die Ausnahmestellung der Thorsburg im Verbund der vorgeschichtlichen Schutzburgen Gotlands deutlich.


Blick von der Thorsburg

Östlich der Thorsburg liegt Gammelgarn mit seiner festungsartigen Kirche samt Kastal. Eine trutzige Kirche mit unvollendetem Turmstumpf, daneben der bergfriedartige Wehrturm. Im Kontrast zur Wucht der Mauern steht die feine gotische Portalplastik, wieder einmal aus der Bauhütte des ‚Egypticus‘. Fein herausgearbeitet sind die Szenen aus der Schöpfungsgeschichte. Der Innenraum ist unerwartet licht, die hohen Langhausgewölbe ruhen auf einer schlanken Säule mit eleganter Basis. Im Chor steht ein großer gotischer Flügelaltar mit sehr straffer Figurenanordnung, Lübecker Vorbilder sind unverkennbar.


Gammelgarn

Unweit der Thorsburg gibt es weitere Inlandskliffs: den Östergarnsberget und den Grogarnsberget, letzterer ebenfalls mit einer großen Höhenburg, unmittelbar an der Küste gelegen. Der Blick reicht über malerische Buchten und hinüber zur Insel Östergarnsholm. Unten im Dörfchen Katthammarsvik unterhalb des Bergplateaus gibt es eine Räucherei sowie das Albatross-Museum. Es erinnert an den deutschen Minenkreuzer, der 1915 während des Ersten Weltkrieges vor Östergarn von der russischen Marine torpediert und auf Grund gesetzt wurde, wobei 28 Soldaten ums Leben kamen.


Grogarnsberget

Der Heimweg führt an Ardre vorbei, wo in der Nähe der Kirche die Kopie eines mächtigen Bildsteines steht. Der über 2 Meter hohe Bildstein ‚Ardre VII‘ stammt aus dem 11. Jahrhundert, steht im Original im Staatlichen Historischen Museum in Stockholm und gehört zu den beeindruckendsten seiner Art. Darauf ist Odin zu sehen, der auf dem achtbeinigen Götterpferd Sleipnir nach Walhall reitet. Außerdem sind ein Schiff sowie Szenen aus der Wielandssage auf dem Stein abgebildet.

Spät passieren wir das Gräberfeld von Gålrum, das im weichen Abendlicht ein ganz besonderes Flair entfaltet. Es besteht aus zahlreichen Stein- beziehungsweise Schiffssetzungen, einem Bildstein und Grabhügeln. Etwas abseits des liegt eine große Steinröse am Waldrand.


Gålrum

Storsudret

Fast bis zum Schluss der Reise haben wir uns noch ein gotländisches Highlight aufbewahrt – eine Fahrt durch den Storsudret, den Südzipfel der Insel, der nur durch eine schmale Landbrücke bei Burgsvik mit der Hauptinsel verbunden ist.

Direkt an dieser Engstelle liegt Öja mit seiner stattlichen Kirche. Schon von außen wirkt der Bau gewaltig mit seinem mächtigen Westturm. Einzigartig ist das nördliche Turmportal aus der ‚Egypticus‘-Bauhütte mit einer merkwürdigen liegenden Darstellung des hl. Eligius, des Patrones der Goldschmiede. Das Hauptportal wird mit Hilfe eines Rollgerüstes und eines kleinen Gebläses gerade gereinigt – ganz offensichtlich ehrenamtlich von Gemeindemitgliedern. Durch all die Jahrhunderte müssen sich die Gotländer sehr intensiv um ihr Kulturerbe gekümmert haben, denn sonst wären die Kirchen sicher nicht in so einem exzellenten Zustand.


Kirche in Öja

Der größte Schatz der Kirche von Öja ist jedoch im Inneren zu sehen. Das gotische Triumphkruzifix im Chorbogen, ein Scheibenkreuz mit überlebensgroßer Christus-Darstellung, flankiert von Maria und Johannes. Während das Kruzifix im Original zu sehen ist, stellen die Assistenzfiguren Neuschöpfungen des Künstlers Bertil Nyström dar. Die Madonna ist eine relativ freie Nachahmung der Öjamadonna, die wir im Museum ‚Gotlands Fornsal‘ in Visby gesehen haben. Der originale Johannes ist dagegen nicht erhalten. Kunsthistoriker sehen im Triumphkreuz von Öja eines der bedeutendsten mittelalterlichen Bildwerke in Skandinavien. Für unbefangene Betrachter wie uns wirkt es einfach wunderschön und kunstvoll gearbeitet.


Das Scheibenkreuz von Öja aus dem 14. Jahrhundert

Als bauliche Besonderheit hat der Chor der Kirche innen eine runde Apsis, ist jedoch außen gerade geschlossen. Das Langhaus ist eine Halle des westfälischen Typus und besteht aus drei mal drei Feldern. Dabei sind die östlichen Säulen rund und relativ schlank, die beiden westlichen Pfeiler sind dagegen quadratisch und ziemlich massig, vermutlich wegen des mächtigen Westtumes, der an das Langhaus anschließt. Die Kirche ist sehr reich ausgeschmückt mit Wandmalereien aus der Erbauungszeit.


Kirche in Öja

Auf der Weiterfahrt südwärts entdecken wir in den Straßengräben blühende Händelwurzen. Bei näherem Hinsehen handelt es sich hierbei um die Dichtblütige Unterart, Gymnadenia conopsea subsp. densiflora, die aus Gotland beschrieben wurde. Sogar ein Albino ist dabei.


Albino der Dichtblütigen Händelwurz, Gymnadenia conopsea subsp. densiflora

Genau auf dem 57. Breitengrad liegt bei Vamlingbo der Hof Bottarve, von der Straße aus sofort erkennbar an den unverwechselbaren Grasdächern. Es ist ein Museumshof mit Hoflädchen, einem kleinen Restaurant, und (worüber wir uns besonders freuen) mit einem sehr urigen Spielplatz. Allerlei ausgemustertes Hofgerümpel wurde hier äußerst liebevoll und originell zu Spielzeug umfunktioniert, beispielsweise ein »entkernter« kleiner Traktor, Kuhtränken und eine alte Schulbank mit Kreidetafel.


Der Hof Bottarve

Nach einem längeren Aufenthalt gelangen wir an die Südspitze der Insel mit dem Naturreservat Husrygg. Es ist ein steiler Bergrücken parallel zur Küste, der in der Tat das Profil eines Hausfirstes hat. Im Mai blühen hier viele Frühlings-Adonisröschen Adonis vernalis, die in Schweden nur in den entsprechenden Trockenbiotopen auf Öland und im Süden Gotlands anzutreffen sind. Nur ein Stück weiter südlich liegen die Klippen von Hoburgen mit dem Hoburgsgubben, einer Felsformation in Gestalt eines Greisenkopfes. Zweifellos ein touristischer Hot Spot, für uns jedoch ein wenig enttäuschend nach all der unberührten Natur, die wir bis jetzt auf Gotland gesehen haben.


Husrygg

Weiter geht die Fahrt nach Sundre. Die südlichste der gotländischen Kirchen liegt markant auf einem kleinen Hügel am Rande des Naturschutzgebietes Muskmyr. Neben der Kirche steht ein runder Kastal, der auf steilen Holztreppen bestiegen werden kann. Er bietet eine schöne Aussicht über den Süden der Insel. Die Kirche ist vergleichsweise schlicht, ein einschiffiger Bau aus der romanisch-gotischen Übergangszeit. In der Südwand sind zwei runde Steine eingemauert. Der Legende nach sollen anstelle dieser Rundsteine einst zwei Edelsteine eingelassen gewesen sein, die (wie sollte es anders sein) 1361 von den gierigen Horden Waldemar Atterdags geraubt und mitsamt allen anderen Schätzen Gotlands auf der Rückfahrt im Meer versunken sein sollen. Im Innenraum ist vor allem das gotische Triumphkruzifix sehenswert. Das Altarretabel ist die Nachbildung eines fragmentarisch erhaltenen gotischen Retabels, das im Museum Gotlands Fornsal ausgestellt ist.


Kirche in Sundre

Östlich von Sundre liegen die Raukgebiete Holmhällar und Hammarshage, unweit davon die Insel Heligholmen. Herrliche Teppiche aus Natternkopf Echium vulgare und Schwalbenwurz Vincetoxicum hirundinaria wachsen auf den kargen steinigen Küsten. Vorbei an Hamra und Grötlingbo sowie dem mittelalterlichen Hof Kattlunds fahren wir zurück nach När.


Holmhällar

Väte und nochmals Visby

Am vorletzten Reisetag fahren wir nochmal nach Visby. Auf dem Weg dorthin halten wir in Väte und sehen uns die Kirche an, eine dreischiffige gotische Halle. In den Außenwänden sind Steine eines romanischen Vorgängerbaus vermauert, einer sogenannten »ikonischen Kirche«. Auch das Nordportal wurde von dieser Kirche übernommen.


romanische Reliefs an der Kirche in Väte

Im Innenraum ist eines der qualitätvollsten Triumphkruzifixe zu sehen, es stammt aus der Zeit um 1200 und wurde wahrscheinlich vom Meister der Viklau-Madonna geschaffen.


Triumphkreuz in Väte

In Visby verbringen wir einen schönen Nachmittag in herrlicher Sommersonne und lassen das Flair der Hansestadt noch einmal auf uns wirken. Danach ist Packen angesagt, am folgenden Tag geht die Fähre zurück aufs Festland.

Gotland verabschiedet uns mit prächtigem Wetter. Noch einmal säumen die blumengeschmückten Straßenränder unseren Weg. Von der Fähre aus entschwindet Visby rasch im Küstennebel. Von Oskarshamn fahren wir auf ziemlich direktem Weg nach Kopenhagen, wo wir noch zwei Nächte verbringen, bevor wir mit den vielen schönen gotländischen Erinnerungen nach Hause kommen.


Auf Wiedersehen, Gotland!


Nebel über der Ostsee

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7 Gedanken zu „Gotland

  1. Chapeau Marco,
    Ein Urlaub vom Allerfeinsten. Da ist ja wirklich alles geboten. Von den Kulturschätzen bis zu Fauna und vor allem Flora. Wie immer toll eingefangen und präsentiert. Da merkt man, dass es jemandem Spaß macht … weiter so. Gruß Siegi

    Antwort von Marco:
    Vielen Dank!

  2. Aber hallo, lieber Marco, ist das eine lange Lektüre. Und ich hab es (fast) komplett durchgelesen…
    Eine tolle Zusammenfassung eurer Reise! Und davor habe ich deine Fotos aus den Dolomiten nochmal komplett genossen.
    … Jetzt kommt nochmal der Dolomitenbericht dran.
    Ein schönes Wochenende wünsche ich euch,
    Jan

  3. Hallo Marco,
    wie immer… ich bin sprachlos und so was von begeistert und fasziniert …! :-D
    Da hattet ihr ja wirklich einen unglaublich schönen, interessanten und abwechslungsreichen Urlaub. Und deine Aufarbeitung in Bild und Texten ist dir überragend schön gelungen. Ich bin hin und weg! Nun hast du mir ja Gotland so was von schmackhaft gemacht… wow…
    Und nun ist mir auch klar, welchen Stellenwert Flickr für dich hat. Das ist hier wirklich viel, viel schöner, eben so unter einander und überhaupt dein Aufbau der Seiten. Gratuliere! Das ist mir eine echte Freude gewesen. Werde hier immer mal stöbern gehen.
    Liebe Grüße!
    Ich wünsche dir und deiner Familie eine schöne Adventszeit

    Antwort von Marco:
    Hallo Gaby, vielen Dank! Schön, dass Du Freude an diesem Bericht hast. Ja, Gotland ist schon was ganz eigenes. Ursprüngliche Natur, Felsen, Orchideen, Archäologie, die mittelalterlichen Kirchen UND dann auch noch so eine schöne Insel für den Familienurlaub – das konnten wir unmöglich ungesehen da draußen in der Ostsee liegen lassen…
    Dir und Deinen Liebsten ebenso eine schöne Adventszeit!

  4. Hej!
    ich bin hier gerade durch Zufall gelandet, als ich etwas über die Kirchen auf Gotland gesucht habe. Wir waren dieses Jahr das erstemal auf der Insel und haben beschlossen das wir auf jeden Fall nochmal hinfahren müssen.
    Dein Bericht ist toll und die Bilder und Beschreibungen einfach klasse.
    Einiges habe ich wiedererkannt, aber vieles hatte ich noch nicht gesehen. Gut fand ich auch die Idee, denn Urlaub an zwei verschiedenen Orten zu verbringen, um nicht so weite Strecken zu haben. Wir hatten unser Quartier auch in När (Gangvide Farm).
    So, jetzt schaue ich mir noch ein wenig die tollen Bilder an!
    Viele Grüße
    Sabine

    Antwort von Marco:
    Vielen Dank! Ich will auf jeden Fall auch wieder hin.

  5. Hallo Marco, das haut einen ja fast um. Die Fülle von Informationen, die Fotos, Hinweise und Erlebnisse. Genial und deshalb Glückwunsch zu dieser hervorrganden Website. Da Soest die Partnerstadt von Visby ist, planen wir eine Reise auf die Insel Gotland und als Naturfreunde (speziell Orni und Botanik) können wir hier hier doch viele Tipps aufnehmen und die Kultur kommt ja keinesfalls zu kurz. Eine große Hilfe auf Fragen, die wir vor Ort dann gar nicht mehr stellen brauchen. Wir sind begeistert in der Vorbereitung. Dank dieser Seiten.
    Gruß aus der Börde von Ekkehard & Roswitha van Haut

    Antwort von Marco:
    Herzlichen Dank!

  6. Großartig Dein Bericht über diese phantastische Insel. Leider haben wir ihn erst jetzt entdeckt, sonst hätten wir unsere Fahrt im Regensommer 2015 anders gestaltet.
    Danke für gut geschriebenen und informativen Text mit den hochwertigen Bildern
    sagen
    Winfried und Monika

    Antwort von Marco:
    Besten Dank!
    In 2014 war ich nochmal dort (weitere Texte und Bilder sind in der Reportage ‚Orchideensuche in Schweden‘ enthalten).
    Viele Grüße, Marco

  7. Hallo, Marco,
    zum Beschriften meiner Gotland-Orchideenbilder vom Juni 2016 stieß ich auf deine Seite. Die Bilder, vor allem die Nahaufnahmen, haben mir sehr geholfen. Anscheinend ist dir das einzige Vorkommen von Frauenschuh auf der Insel entgangen. Frag mich nicht, wo es war, Bekannte haben mich gefahren. Irgendwo in einem Moorgebiet in der Landesmitte nördlich von Visby. Sehr, sehr sehenswert.
    Als Soesterin kenne ich die Insel schon seit vielen, vielen Jahren und habe sehr oft am schwed.-dt. Schüleraustausch Soest-Gotland mitgewirkt. Ich finde die Insel immer wieder faszinierend, da es so unendlich viel zu entdecken gibt: Eine perfekte Symbiose von Natur und Kultur. Übrigens gibt es seit 2016 eine weitere und billige Fährverbindung von Västervik aus – falls ihr wieder hinfahren wollt. Sie ist auch besser auf die Fähre Travemünde-Trelleborg abgestimmt.
    Viele Grüße,
    Christel Schulze Forsthövel

    Antwort von Marco:
    Vielen Dank für die Hinweise! Bei meiner ersten Reise waren wir deutlich zu spät für den Frauenschuh. 2014 haben wir ihn besucht und in bester Blüte gesehen! Fotos sind hier.

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