In etwas älterer Bergliteratur stellten sich diese Fragen überhaupt nicht, denn da war es noch ganz eindeutig eine richtige Hochtour. Der Gipfelgrat war bis etwa zur Jahrtausendwende eine aufgrund der Steilheit durchaus anspruchsvolle Firnschneide. Durch das Abschmelzen des Eises kann inzwischen der Gipfel, zumindest bei idealen spätsommerlichen Bedingungen, erwandert werden. Aber sobald dann doch Eis und Schnee im Spiel sein sollten, ist Vorsicht geboten. Und das ist bei dieser Höhe auch im Sommer oft der Fall, wie wir bei unserer Tour erlebt haben. Hier kommt dann die individuelle Einschätzung und Erfahrung ins Spiel.

Links der weiße Hochfeilergipfel (3509 m), rechts ganz klein die gleichnamige Hütte (2710 m)
Ganz sicher ist der Hochfeiler durch diese Entwicklung zusammen mit der sehr gastlichen Hochfeilerhütte ein wesentlich attraktiveres Ziel geworden, denn es gibt momentan nur wenige höhere Berge in den Ostalpen, die bei idealen Bedingungen ohne Hochtourenausrüstung erreicht werden können – wie den Monte Vioz (3645 m) in den Ortleralpen und den Vorderen Brochkogel (3565 m) in den Ötztaler Alpen. Aber das sind im Gegensatz zum Hochfeiler nicht Hauptgipfel einer ganzen Gebirgsgruppe. Und dies wiederum macht den Hochfeiler zu einer exzellenten Aussichtswarte: Die gesamten Dolomiten liegen im Süden ausgebreitet, der Monte Baldo am Gardasee, dann Brenta, Presanella und Adamello, natürlich die höchsten Gipfel Südtirols mit dem Dreigestirn Königspitze – Zebrù – Ortler, auch der Piz Bernina schaut heraus, dann die Ötztaler Alpen, die nahen Zillertaler Gipfel, Karwendel und Bayerische Voralpenberge dahinter – und schließlich in Richtung Osten Großvenediger, Großglockner und die Rieserfernerberge.
Der Tourenverlauf
Mitte September machen wir uns auf den Weg, die Wetterprognose ist sehr gut. Ein großer Vorzug dieser Tour ist die sehr gemütliche und bestens bewirtschaftete Hochfeilerhütte. Aufgrund unserer weiten An- und Abreise ist das also eine ideale Dreitagestour mit zwei Übernachtungen auf der Hütte. So ist genügend Zeit für den Gipfelanstieg und ebenso zum Entspannen und Beobachten. Die Tour startet an der dritten Kehre des Schottersträßchens zum Pfitscherjoch. Viel Platz ist hier nicht, und am Wochenende wird es daher knapp mit den Kapazitäten. Aber ein Rückkehrer, der bereits um 14 Uhr wieder vom Gipfel unten ist, macht eine Lücke frei und gibt uns gleich die Information mit, dass es oben »arschkalt ist und verwehten Schnee hat«. Nun gut, wir werden es vor Ort am Besten selbst beurteilen, ob wir bis zum Gipfel gehen können.
Der Hüttenweg geht zunächst durch die früh-herbstlichen Lärchen- und Zirbenbestände aufwärts und biegt dann ins Unterbergtal ab. Mit mäßigem Höhengewinn geht es taleinwärts, bis nach etwa drei Vierteln Wegstrecke dann die Hütte und auch ganz kurz der Hochfeilergipfel ins Blickfeld kommen. Am Wegrand stehen Herbstenziane und Edelweiß, über uns kreist ein Steinadler. Kurz vor der Hütte treffen wir auf ein großes Rudel von Steinböcken, die seelenruhig unterhalb des Weges grasen und sich von den Wanderern nicht stören lassen. Die Hütte ist voll belegt und wir verbringen einen schönen Abend bei sehr gutem Essen und angeregter Unterhaltung.

Steinböcke an der Hochfeilerhütte
Da wir am nächsten Morgen nach der Gipfeltour nicht absteigen müssen und außerdem auch nicht in der morgendlichen Kälte aufsteigen wollen, starten wir erst nach 8 Uhr zum Gipfel. Das Wetter ist gut, aber doch etwas stärker bewölkt als angekündigt. Hinter der Hütte geht es mit Hilfe von Drahtseilen und Trittbügeln durch einen Felsriegel. Der Normalweg wurde vor ein paar Jahren verlegt, da der alte aufgrund des auftauenden Permafrostes zunehmend steinschlaggefährdet war. Nun geht es deutlich sicherer auf einer langen Rampe am Südwestgrat entlang aufwärts.
Es gibt viel schieferiges Geröll, sandige Wegstrecken und weiter oben dann ein Gewirr von aufgerichteten Schieferplatten, welches aber gut zu überwinden ist. Auch die etwas schmalere Gratpassage, wo die Aufstiegsrampe auf den höheren Südwestgrat trifft, ist gut zu begehen. An der Schulter vor dem Gipfelaufbau schlägt uns plötzlich ein starker und eisiger Wind entgegen, und ab hier ist der Weiterweg auch teilweise vereist und führt über festgetretenen Schnee. So heißt es aufgepasst. Braucht man hier Steigeisen oder Grödeln? – Vielleicht. Ein typischer Grenzfall, bei dem sich jeder selbst nach seinem Sicherheitsempfinden und Können richten muss. Jedenfalls ist der Gipfelgrat zwar steil, aber nicht sehr exponiert. So geht es vorsichtig, aber sicher hinauf zum Gipfelkreuz.

Blick vom Hochfeiler über den Schlegeisgrund – links unten der Schlegeisspeicher, dahinter der Hohe Riffler (3231 m), rechts im Bild die kläglichen Reste des Schlegeiskeeses, überragt vom Großen Möseler (3480 m)

Blick vom Hochfeiler zur Zsigmondyspitze (3089 m), im Hintergrund die Gipfel der Loferer Steinberge
Die Sicht ist fantastisch und umfassend – auch wenn gegen Osten mehr Wolken in den Bergen hängen, so dass Großvenediger und Großglockner nicht zu sehen sind. Wenige Meter unterhalb des Kreuzes finden wir ein windstilles Plätzchen für eine Vesper, und dann geht es auch schon wieder an den Abstieg auf gleicher Route. Wir haben keinen Zeitdruck. Nach ein paar Trink- und Fotopausen kommen wir kurz nach dem Mittag auf der Hütte an und gönnen uns ein hervorragendes Tiroler Gröstl. Gegen Abend sind wieder Steinböcke unterhalb der Hütte zu beobachten. Die Hütte ist nun am Sonntagabend deutlich weniger frequentiert und sehr ruhig. Nach einem weiteren hervorragenden Drei-Gänge-Menü ruhen wir uns aus.
Am dritten Tag der Tour stehen der Abstieg und die Heimfahrt auf dem Programm. Das angekündigte Schlechtwetter ist bereits früher als erwartet eingetroffen, bereits nachts hat es geregnet und die höheren Gipfel sind mit Neuschnee überzuckert. Für die Gipfelaspiranten, die sich auf deutlich besseres Wetter gefreut hatten, sind das keine schönen Aussichten. Wir marschieren im Regen talwärts und freuen uns noch über kurze Aufheiterungen und einen schönen Regenbogen, bevor die Tour am Parkplatz zu Ende geht.
Es war, jedenfalls unter diesen Bedingungen, eine klassische… Bergtour!

Regenbogen an den Felsflanken des Roten Beils
Informationen zur Tour
Ausgangspunkt
Inneres Pfitschertal, ab der Brennerstraße von Sterzing aus etwa 25 Kilometer nach Stein und auf der Schotterstraße Richtung Pfitscherjoch weiter bis zur 3. Kehre.
Hütte
Hochfeilerhütte, 2710 m. Die traditionelle Hütte hat 30 Betten in Zimmern und 60 im Massenlager. Sehr empfehlenswert – wirklich hervorragende Küche. Geöffnet üblicherweise von Juni bis Mitte September.
Internet: www.hochfeilerhuette.com
Gesamtzeit
Vom Parkplatz bis zur Hütte etwa 2,5 bis 3 Stunden, Aufstieg zum Gipfel etwa 3 Stunden, Abstieg zur Hütte etwa 2 Stunden, Rückweg 2,5 Stunden. In Summe etwa 10 bis 11 Stunden.
Höhenmeter
Vom Parkplatz bis zur Hütte 1100 m (leichte Gegenanstiege), Gipfelanstieg 800 m, insgesamt 1900 m.
Schwierigkeit
Bei guten Verhältnissen wenig schwierig, T3 (Schweizer Wanderskala), jedoch bei Schnee und Eis schnell deutlich anspruchsvoller. Der Weg ist gut markiert, jedoch gibt es im Bereich der Aufstiegsrampe viele Steigspuren neben dem Hauptweg.
Beste Jahreszeit
Juli – Mitte September, bei guter Witterung gelegentlich auch bis in den Herbst hinein.
Anforderungen
Bei guten Bedingungen technisch unschwierig. Für die Tour ist jedoch Kondition, Bergerfahrung und Schwindelfreiheit nötig. Bei idealen sommerlichen Verhältnissen für erfahrene Bergwanderer machbar. Sobald Eis und Schnee im Spiel sind (insbesondere am Sommeranfang oder nach Kälteeinbrüchen), sind Hochtourenkenntnisse und entsprechende Ausrüstung notwendig. Die jeweils aktuellen Anforderungen können am Besten auf der Hochfeilerhütte erfragt werden.























Das war eine super Tour mit euch, schöner Bericht mit ausgezeichneten Bildern!
Antwort von Marco:
Hallo Stephan, ja, vielen Dank für die schönen Tage!