Auf Orchideensuche in Schweden

Eine Orchideensuche auf den Spuren Carls von Linné durch Schweden – ausgehend von Stockholm nordwärts in die Regionen Höga Kusten und Jämtland, wo die Orchidee Norne vorkommt. Dann über die Universitäts- und Domstadt Uppsala südwärts, für sechs Tage auf die Insel Gotland und schließlich nach Kalmar und Öland.

In Stockholm startet unsere Reise. Das Wetter im Süden Schwedens ist sehr sonnig und angenehm warm, doch damit wird es nordwärts schnell vorüber sein, denn dort ist es wesentlich kälter und auch regnerisch vorhergesagt.

Zur Norne

Vor der langen Fahrt nordwärts soll es bei Märsta eine kleine Überraschung zur Begrüßung geben. Der angesteuerte Standort ist landschaftlich sehr schön, eine felsdurchsetzte Heide mit Wacholdern und Kiefern, mit roten Häusern im Hintergrund. Doch es scheint sehr trocken hier zu sein. Ob wir fündig werden? Nach kurzer Suche zeigen sich die ersten der gesuchten Orchideen in einer Wiesenmulde: Es ist die Holunder-Fingerwurz Dactylorhiza sambucina, die in Schweden entlang der Schärenküste recht verbreitet, im Inland jedoch wesentlich seltener anzutreffen ist. In Schweden heißt sie Adam och (und) Eva, gut passend zum Reisebeginn. Da die Orchideenblüte 2014 auch in Schweden sehr früh begonnen hat, wollen wir gleich am Anfang der Reise diese Art in Blüte sehen, denn bis wir in Gotland und Öland ankommen, wird es wohl zu spät dafür sein. Leider ist auch an diesem Standort der Zustand nicht mehr optimal, aber ein paar ansehnliche Pflanzen sind immerhin noch dabei.


Landschaft bei Märsta

Dann geht es auf der Autobahn E4 nordwärts. Unterwegs grüßen links die Domtürme und das Schloss von Uppsala, rechts der Strecke liegt Carl von Linnés Landsitz Hammarby. Hinter Gävle geht die Außentemperatur rasch zurück, und mit der Sonne ist es nun auch vorerst vorbei, bald setzt der Regen ein. In Härnösand blühen Traubenhyazinthen und Osterglocken am Straßenrand, wir sind zurück im Frühling! Kurz hinter der Stadt beginnt das UNESCO-Welterbegebiet Höga Kusten. Die anmutige und hügelige Küstenlandschaft ist durch eine seit dem Abschmelzen des skandinavischen Eisschildes anhaltende Landhebung gekennzeichnet. Die isostatische Bodenhebung seit der letzten Eiszeit beträgt 285 Meter – Weltrekord. Noch heute hebt sich das Land um 8 mm pro Jahr aus dem Meer. Die Flussmündung des Ångermanälven wird von der 1867 Meter langen und 186 Meter hohen Högakustenbron überspannt, Wahrzeichen der Gegend und Beginn der schönen Hügellandschaft.

Kurz vor Ullånger gibt es vom Auto aus Gänsesäger und Elche zu sehen. Wir beziehen Quartier im Salsåker Herrgård, wunderschön gelegen auf einer Insel im Ullångersfjärden und nicht weit vom Standort der Norne entfernt, denn gleich am ersten Abend der Reise wollen wir die Königin der nordischen Orchideen finden. Das Haus gehört zu einem ehemaligen Sägewerk und ist heute ein Bed & Breakfest (Highcoast Manor). Die Gegend ist bergig, reich an Wäldern und Wiesen – quasi eine Almenlandschaft auf Meereshöhe. Am Nornen-Standort angekommen, führt ein Pfad hinab in den Wald. Der Weg ist mit Seilen trassiert, und dahinter – nicht zu verfehlen – blühen allerhand Nornen. Es sind um die 60 Exemplare zu sehen, die Zählung des Naturum Höga Kusten hat für das Jahr 2014 stolze 85 blühende Nornen ergeben. Die Pflanzen stehen schön da, das Licht ist zum Fotografieren aber sehr schwach. Stativ, Blitz, Aufhell-Licht – jeder hat so seine Hilfsmittel für diese Situation.


Calypso bulbosa – die Norne, Königin der nordischen Orchideen

Nämforsen und Nipsippa

Aufgrund des schlechten Wetters fällt die geplante Wanderung in den Morgen im Skuleskogen-Nationalpark leider aus. Aber Jannie und Carl-Gustaf, die Gastgeber des Salsåker Herrgård, empfangen uns mit einem opulenten Frühtsücksbuffet, obwohl wir die einzigen Gäste sind. Der Hausherr hat nicht nur den gleichen Vornamen, sondern sieht auch ein wenig aus wie Carl von Linné. Nach dem Frühstück geht die Fahrt weiter in Richtung Jämtland. Bei Sollefteå überqueren wir den Ångermanälven – welch ein gewaltiger Fluss! Erste Station des Tages sind die Stromschnellen Nämforsen des Ångermanälven bei Näsåker mit einem der größten Felsbilderplätze Nordeuropas. Die etwa 2300 Ritzbilder zeigen überwiegend Jagdszenen, die ältesten sind wohl um 4000 v. Chr. entstanden. Das Gebiet liegt direkt unterhalb eines Vattenfall-Kraftwerkes, Schilder warnen vor unangekündigtem Ablassen des Wassers. Oberhalb der Stromschnellen steht ein kleines Museum. Eigentlich ist es geschlossen und wird umgebaut, doch wir erhalten vom freundlichen Museumswärter trotzdem eine sehr aufschlussreiche und informative Führung, auch mit Kontext zur Entstehung, Konservierung und Deutung der Felsbilder sowie zu vorgeschichtlichen Fundplätzen in der Umgebung.


Felsbilder am Nämforsen bei Näsåker

Die Weiterfahrt geht nun in Richtung Ramsele, dabei gibt es an der Fahrtroute Pfeifenten Anas penelope am Fjällsjöälven zwischen Kilåmon und Sundmo zu sehen. Nahe Ramsele wächst die äußerst seltene Finger-Küchenschellen Pulsatilla patens. In Deutschland ist sie fast ausgestorben, nur auf der Garchinger Heide bei München gibt es eine Restpopulation. In Skandinavien kommt sie vor allem auf Gotland vor, doch dort dürfte sie bei unserer Ankunft längst verblüht sein. Weit nach Norden vorgeschoben sind die beiden Standorte bei Ramsele. Auf Schwedisch heißt die Finger-Küchenschelle Nipsippa (das erste i ist lang). Am ersten Fundort wächst Pulsatilla patens auf einer Weide, die sich relativ weit den Hang hinauf zieht. Gleich unten am Straßenrand stehen viele Büschel der Pflanze. Die meisten sind abgeblüht, weiter oben am Hang gibt es noch ein paar Nachzügler. Doch am zweiten Standort steht die Nipsippa in einem Kiefernwald. Hier sind die Pflanzen noch deutlich schöner in Blüte. Sie stehen sehr urwüchsig zwischen Winter-Schachtelhalm Equisetum hyemale, Bärlappen und verschiedenen Flechten. Besonders farbenprächtig ist die leuchtend grüne Apfelflechte Peltigera aphthosa. Auch der Baumbart Usnea filipendula ist hier heimisch.


Pulsatilla patens – Finger-Küchenschelle, schwedisch: Nipsippa

Die Fahrtroute folgt nun dem Flusslauf des Faxälven. Bei Norrnäs stehen Kraniche Grus grus auf der Wiese. Aus dem Wald kommen weitere hervor. Erst sind es vier, dann acht und schließlich mindestens 18. Sie ziehen sich etwas zum Waldrand zurück und trompeten sogar – ein kleines Sibelius-Erlebnis.


Kraniche, Grus grus

Den reißenden Fluss Faxälven überqueren wir auf einer sehr schmalen Brücke bei Meåstrand. Die Räder des VW-Busses passen gerade so zwischen die seitlichen Planken. Wenn nicht ein Schild ‚3,5 to.‘ vor der Brücke gestanden hätte – wir wären wohl umgekehrt. So aber setzen wir unsere Fahrt auf sehr holprigen, ungeteerten Nebensträßchen fort bis zu einem Naturreservat, in dem wiederum die Norne vorkommen soll. Das Reservat umfasst mehrere Moorgebiete und feuchte Nadelwälder. Durch flechtenbehangen Nadelwald geht es abwärts ins Moor. Neben dem bereits gefundenen Baumbart finden wir hier auch die Lungenflechte Lobaria pulmonaria und eine dunkelbraune Laubflechte, wohl Peltigera polydactyla. Die Norne soll im Wald zwischen den Mooren zu finden sein, doch die Suche bleibt erfolglos. Immerhin sind zahlreiche Netzblätter Goodyera repens auf dem Waldboden verteilt, und im Wald stehen viele schöne, freilich erst austreibende Frauenschuhe Cypripedium calceolus. Angesichts ihres Status ist es sicherlich nicht zu früh für die Norne. Der Standort ist also möglicherweise gar nicht mehr aktuell. Wie auch immer – selbst ohne die Norne ist es doch ein sehr interessantes Reservat mit einer großen Biotop- und Artenvielfalt.

Auf der Weiterfahrt nach Hammarstrand kommen wir noch an einem weiteren Nornen-Reservat vorbei, Allerdings haben wir hier keine Fundortkoordinaten, und das Gebiet ist groß. Wir suchen also die berühmte Stecknadel im Heuhaufen. Schon nach wenigen Metern im sehr unwegsamen, moorigen Wald wird uns die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens klar. Wir treten den Rückzug an, immerhin wird wieder das Kriechende Netzblatt entdeckt. Nun also auf nach Hammarstrand, zu unserem zweiten Quartier. Der Ort liegt gegenüber des historischen Siedlungskerns Ragunda mit seiner mittelalterlichen Steinkirche am südlichen Ufer des Indalsälven. Die Topographie ist hier recht bergig, steile und teils felsige Hänge dominieren das Landschaftsbild. Hoch über dem Ort stehen die Buchstaben HAMMARSTRAND im Wald – ganz offensichtlich eine Hommage an den Hollywood-Schriftzug. Am frühen Abend kommen wir im Lergodset Vandrarhem an. Eine schwedische und eine deutsche Fahne begrüßen uns – eine nette Geste der niederländischen Gastgeber Lieneke und Koos, die uns sehr gut bekochen. Früh gehen wir zu Bett, denn der nächste Tag wird lang und erlebnisreich: Zunächst steht die Fahrt in die Region Östersund mit zwei Orchideenstandorten an, dann die lange Fahrt nach Uppsala. Wir wollen dort noch den Dom besichtigen, der aber schon um 18 Uhr geschlossen wird. Schon freuen wir uns auf die für den Tagesverlauf angekündigte deutliche Wetterbesserung, mit der Hoffnung auf Nornen in der Sonne.


am Lergodset Vandrarhem in Hammarstrand

Östersund

Dann am frühen Morgen ein Blick auf dem Fenster: Ja, das Wetter hat sich merklich gebessert! Noch ist es kühl und einige Wolkenfelder stehen am Himmel, aber die Sonne kommt schon durch, und wir fahren westwärts und somit dem guten Wetter entgegen. Durch die herrliche Landschaft Mittelschwedens, immer am Indalsälven entlang, erreichen wir den Stausee Gesunden. Wunderbar ist die Weite des blauen Seespiegels mit den fichtenbestandenen Bergkämmen in der kühlen nordischen Luft mit den weißgrauen Wölkchen. Kurz vor Östersund tauchen am Horizont die fast 1800 m hohen schneebedeckten Berggipfel nahe der norwegischen Grenze auf: Helags, Sylarna und die Berge bei Åre.

In der Umgebung von Östersund verdichten sich die Fundorte der Norne. Hier haben wir einen Fundort auf dem Programm, an dem Calypso bulbosa in den vergangenen Jahren besonders schön und reichhaltig angetroffen wurde. Viele Botanikerpfädchen durchziehen den Wald. Und da steht sie auch schon, die Norne. Wir haben Glück mit dem Wetter, die Sonne scheint. Allerdings ist der Standort sehr schattig, und so trifft nur gelegentlich ein Sonnenstrahl, der zwischen den Fichten hindurch den Weg zum Boden findet, eine Norne. Die Blüten hängen wegen des vielen Regens der vergangenen Tage etwas herunter und die Sepalen und Petalen sind nicht so schön aufgerichtet. Dafür gibt es Blüten mit fotogen in der Sonne funkelnden Tröpfchen – das sieht auch schön aus.


Die Norne, Calypso bulbosa, mit dem charakteristischen Grundblatt

Nahe Östersund spaziert ein Großer Brachvogel durch die Wiesen. Mitten im Stadtgebiet suchen wir ein Vorkommen des Frauenschuhs Cypripedium calceolus auf. Auf engem Raum stehen hier insgesamt etwa 400 Pflanzen, an manchen Stöcken beginnen sich die Knospen gerade zu öffnen. Das ist ganz schön früh für diese nördliche Lage. Der schönste Horst hat etwa 50 Blüten.


»Frauenschuh-Babies« in Östersund

Nun auf in Richtung Uppsala. Über Sundsvall geht es zur E4 und südwärts. Einen kurzen Stopp legen wir bei Hudiksvall an der Kirche von Hälsingtuna ein. Hier ist es schön sonnig, aber auch sehr windig und ziemlich kalt. Die Kirche von Hälsingtuna ist die bedeutendste des Hälsinglandes und im Kern mittelalterlich. Im 17. Jahrhundert wurde sie barockisiert; aus dieser Zeit stammt auch der eindrucksvolle freistehende hölzerne Glockenturm. Auf dem Friedhof steht ein großer Runenstein aus dem 11. Jahrhundert.


Hälsingtuna

Uppsala

In Uppsala angekommen, pfeift der Wind noch kälter durch die Altstadtgassen. Eindrucksvoll ist Uppsalas Stadtzentrum mit der Universität und dem Park, dem Gustavianum und der gewaltigen, alles beherrschenden Domkirche. Der Dom St. Erik ist das größte und höchste Kirchengebäude Skandinaviens. Länge und Turmhöhe betragen jeweils 119 Meter. Errichtet wurde der Dom von 1260-1435, nach der Verlegung des Erzbischofssitzes von Alt-Uppsala hierher, im Stil der französischen Kathedralgotik. Der Dom ist Hauptkirche der lutherischen Schwedischen Kirche sowie Krönungs- und Begräbniskirche zahlreicher schwedischer Könige sowie weiterer bedeutender schwedischer Persönlichkeiten, unter anderem Carl von Linné, Olof Rudbeck, Gustav Wasa und Dag Hammarskjöld.


Domkirche in Uppsala

Im Dom befindet sich auch der Reliquienschrein des Schwedischen Schutzpatrons Eriks des Heiligen (ca. 1120-1160), außerdem Reliquien der hl. Brigitta im Finstachor. Innen hat der Dom seinen Charakter der französischen Kathedralgotik behalten. Außen zeigt er sich nach der Restaurierung Ende des 19. Jahrhunderts durch Helgo Zettervall in neugotischem Gepräge. Der Dom besitzt das tontiefste Geläute Schwedens mit fünf Glocken.


Domkirche in Uppsala

Nach der Besichtigung des Domes besuchen wir am Abend noch die Kungsäng (Königswiese), doch leider sind die hier zahlreich vorkommenden Schachbrettblumen Fritillaria meleagris samt und sonders abgeblüht. Sie werden in Schweden nach diesem, dem klassischen Fundort, Kungsängslilja genannt.

Sandemar

Die Reise führt am nächsten Morgen weiter in Richtung Gotland. Unterwegs besuchen wir das Natur- und Vogelreservat Sandemar neben dem gleichnamigen Barockschloss direkt an der Schärenküste. Eine kleine Wanderung führt hinüber zur Halbinsel Höggarn. Unterwegs gibt es beispielsweise Sumpf-Schwertlilien und auch noch ein paar ganz ansehnliche Schachbrettblumen Fritillaria meleagris.


Schachbrettblume, schwedisch: Kungsängslilja

Auf den felsigen Heiden Höggarns hat sich eine Schulklasse mit Skizzenblöcken niedergelassen, zwischen massenhaft abgeblühten Holunder-Fingerwurzen Dactylorhiza sambucina. Unsere intensive Suche ergibt noch das eine oder andere ansehnliche Exemplar, und in einer etwas feuchten Senke, im Schatten einer Baumgruppe, stehen doch noch ein paar fotogene rote und gelbe Exemplare nebeneinander.


Holunder-Fingerwurz, Dactylorhiza sambucina, in Sandemar

Der Zeitpuffer bis zur Abfahrt der Fähre von Nynäshamn ist in diesem schönen Reservat gut genutzt. Dann reihen wir uns in die lange Schlange vor der Fähre ein. Es ist der Vorabend von Christi Himmelfahrt, der auch in Schweden ein Feiertag ist. Viele Familien verbringen offenbar ein verlängertes Wochenende auf Gotland, und so ist die Fähre gut gefüllt. Doch die Abfertigung der Schlange geht erstaunlich schnell, und wir starten mit nur minimaler Verzögerung in Richtung Visby. Während der Annäherung an Gotland ist das Klimaphänomen, das die Insel so sehr gegenüber dem Festland begünstigt, gut zu beobachten: Wolken über der Ostsee, Sonne über Gotland. Über der stärker aufgeheizten Kalkinsel bildet sich oftmals eine Warmluftröhre, die die Wolken abhält. In Visby beziehen wir Quartier im Best Western Strand Hotel, das in einem alten Brauereigebäude untergebracht ist, und unternehmen noch einen kleinen Stadtrundgang durch den Botanischen Garten und zu einigen der Kirchenruinen.


Visby, Ruine der Kirche St. Katharina

Gotlands Norden

Der nächste Morgen kündigt sich vielversprechend an. Die Wettervorhersage verheißt überwiegend sonniges und sehr windiges Wetter mit Temperaturen um 20°C, doch es kommt sogar noch etwas besser. Es ist warm und nur moderat windig. Unter dem azurblauen Himmel fliegen die Kiefern und Knabenkräuter am Autofenster nur so vorüber. Wir sind auf dem Weg in den Norden der Insel. Im Naturreservat Hall-Hangvar sehen wir viele Farbvarianten des Manns-Knabenkrautes Orchis mascula an der Straße entlang.


Manns-Knabenkraut im Norden Gotlands

Im nahe gelegenen Hall steht die nördlichste der 93 mittelalterlichen Landkirchen Gotlands inmitten der erhaltenen Kirchhofsumwehrung mit den Torhäuschen (Stigluckar). Gegenüber der Kirche liegt eine schöne gotländische Laubheuwiese, die Hall Kyrkänge (Kirchwiese). Diese Wiesen haben eine jahrhundertealte Nutzungsgeschichte, und sie liegen oft anstelle eisenzeitlicher Siedlungsstätten. Auf diesen Wiesen wird Heu, Reisig und Bauholz gewonnen – eine sehr nachhaltige Nutzungsform, die natürlich auch viele Pflanzen- und Tierarten begünstigt. Auf der Wiese stehen schöne Exemplare vom Schwertblättrigen Waldvögelein Cephalanthera longifolia sowie weitere Orchideen, dazu unter anderem die Niedrige Schwarzwurzel Scorzonera humilis.


Hall

In feuchten Wiesen und Mooren nahe Hall suchen wir nach Orchideen der Gattung Dactylorhiza. Doch bisher sind im Moor westlich des Weges nur Austriebe zu sehen, in der Pferdekoppel östlich des Weges fangen aber die Orchideen an zu blühen. In der sehr flach abgegrasten Weide stehen vor allem zahlreiche Strohgelbe und Fleischrote Fingerwurzen Dactylorhiza ochroleuca und incarnata. Weiter rückwärtig liegt ein Kiefernwald-Wacholderheidegebiet mit Feuchtstellen, in denen ein größerer Bestand der Blutroten Fingerwurz Dactylorhiza cruenta, gemeinsam mit vielen noch blühenden Mehlprimeln Primula farinosa wächst.


Strohgelbe Fingerwurz, Dactylorhiza ochroleuca, in den Feuchtwiesen bei Hall

Nun aber weiter zur Küste.

Auf einem Nebensträßchen erreichen wir eine einsame Küstenzone an der Nordspitze Gotlands. Der Wind treibt Wellen heran, die sich an der flachen Kalkküste brechen. Windflüchter-Kiefern stehen vorne an der Küste, dazwischen große bodendeckende Bestände der Bärentraube Arctostaphylos uva-ursi. Dies ist das Biotop von Spitzels Knabenkraut Orchis spitzelii. Sie kommt hier auf Gotland fernab ihres alpin-mediterran/montanen Hauptareals vor. Die ergiebigsten Vorkommen liegen in den lückigen Kiefern-Wacholderbeständen, nicht allzu weit vom geschlossenen Kiefernwald entfernt. Weiter vorne am Strand, in sumpfigen Mulden, wachsen schöne Fettkräuter Pinguicula vulgaris gemeinsam mit Fleischroter Fingerwurz. Am Strand sind viele Vögel zu beobachten, unter anderem die auf Gotland häufigen Brandgänse Tadorna tadorna.


Küste ganz im Norden Gotlands


Spitzels Knabenkraut, Orchis spitzelii – eine der botanischen Besonderheiten Gotlands

Um die Bucht von Kappelshamn herum und an der Kirche von Fleringe vorbei geht es weiter zum Reservat Bästeträsk. Besonders hier im Nordosten der Insel säumen Massen von Cephalanthera longifolia die Straßen. Das Gebiet um den flachen See Bästeträsk ist neben Hall-Hangvar das zweite große Naturreservat im Norden Gotlands, es soll in Zukunft Gotlands zweiter Nationalpark (nach der Sandö) werden. Für dieses Gebiet sind die verschiedentlich publizierten Hybriden des Roten mit dem Schwertblättrigen Waldvögelein, Cephalanthera rubra × longifolia angegeben. Wir finden unzählige Schwertblättrige in Blüte, stellenweise häufig knospende Rote, und an zwei Stellen knospende Hybriden, die weniger an den hellrosa Blüten als vielmehr an den sehr langen, zugespitzten Blättern erkennbar sind. Wir werden am letzten Gotland-Tag noch einmal hierher kommen. An der Küste steht nochmals Orchis spitzelii. Schnell sind die Pflanzen gefunden, aber sie sind schon weiter fortgeschritten als am vorigen Standort. Außerdem stehen hier beispielsweise Gewöhnliche Kugelblume Globularia vulgaris, Austriebe der Braunroten Stendelwurz Epipactis atrorubens und weiter hinten im Kiefernwald sehr viel Nestwurz Neottia nidus-avis.


Gewöhnliche Kugelblume, Globularia vulgaris

Unsere Fahrt setzten wir nun südostwärts fort. Wir besichtigen die frühgotische Kirche von Rute. Sie gehört zu den typischen zweischiffigen Kirchen der Insel. Diese Bauform tritt auf Gotland auffällig gehäuft auf. Sehenswert sind hier unter anderem das Ringkreuz, Runensteine und die Malereizyklen aus gotischer Zeit.


Kirche in Rute

Hinter Rute weist ein Schild zur Rökeri/Café Lergravsviken. Hier gibt es sehr leckeren Räucherfisch (kallrökt und varmrökt lax) und natürlich auch einen Kaffee. Es ist die einzige Einkehrgelegenheit im weiteren Umkreis, die wir natürlich gerne annehmen. Anschließend schauen wir uns das Raukfeld mit den schönen verwitterten Felsgestalten an: Lergravsporten (Lergravstor), Kaffeekanne und Madonna mit Kind. Orchideenfrei ist freilich auch dieser Standort nicht, oberhalb der Raukar wächst Manns-Knabenkraut.


Lergravsviken

Dann machen wir einen kurzen Abstecher auf die nahegelegene Insel Furillen. Aus dem Auto heraus beobachten wir die Vogelwelt in den flachen Uferzonen. Es balzen mehrere Kampfläufer-Männchen Philomachus pugnax, ein wunderschönes Erlebnis.


Kampfläufer, Philomachus pugnax

Auf der Insel gibt es ein aufgelassenes Zementwerk, das nun als Designhotel dient. Die Weiterfahrt führt an der schönen, von zahlreichen Buchten gegliederten Nordostküste Gotlands entlang. Vorbei am See Fardumeträsk erreichen wir die Gehöfte von Malms-Kyllaj. Gleich das erste Gehöft ist der Strandridaregården aus dem 18. Jahrhundert. Solche »Strandritter« waren Strandvögte, Zollbeamte für bestimmte Küstenabschnitte. Am 30. Juni 1741 schlug hier ein prominenter Gast auf: Carl von Linné. Er zeichnete die Raukar von Kyllaj und beschrieb sie Steinriesen in der Gestalt von Statuen, Pferden und Geistern. Die Raukar, die hier in direkter Umgebung des Hofes stehen, bieten zusammen mit dem gerade blühenden Flieder ein hinreißend malerisches Bild.


Kyllaj

An der Küstenpartie S:t Olofsholm – der angeblichen Landungsstelle des Olavs des Heiligen – und am Raukgebiet Hideviken entlang kommen wir auf sehr schmalen, holprigen Wegen zur Insel Asunden, die durch einen Damm mit Gotland verbunden ist. Auf der Insel stehen schöne Raukar. Im Graben stehen viele schöne Orchis militaris und Dactylorhiza incarnata. Vom Ufer aus sind vor allem Rotschenkel Tringa totanus und Brandgans Tadorna tadorna zu beobachten. Am Strand wachsen unter anderem auch Meerkohl Crambe maritima, Spargelerbse Lotus maritimus und Schlangen-Lauch Allium scorodoprasum.


Spargelerbse, Lotus maritimus

Von Asunden aus erreichen wir die Kirche von Othem. Ihr schön proportionierter, weiß gekalkter Turm überragt die Wälder und Wiesen. Durch ein Torhäuschen betreten wir den Kirchhof. Die Kirche hat schöne Portale im romanisch-gotischen Übergangsstil. Innen gibt es qualitätvolle Wandmalereien eines namenlosen Meisters zu sehen, der daher in die Kunstgeschichte als »Meister von Othem« einging. Interessant ist auch ein Holzmodell des Tragwerks der Turmhaube.


Kirche in Othem

Vor der Kirche dann eine Überraschung. Erst ein Zwitschern von Jungvögeln in einer Bruthöhle direkt am Kirchzugang, dann ein Vogelruf – schließlich eine Sichtung des Halsbandschnäppers Ficedula albicollis, des gotländischen Landschaftsvogels. Er war natürlich auch auf der Wunschliste unserer Reise. Aber statt auf den Laubheuwiesen gelingt der Fund also kurioserweise direkt an einem Kirchzugang, im Siedlungsgebiet.

Der letzte Programmpunkt des Tages ist das Gebiet um den See Tingstädeträsk beim Ort Tingstäde. Schnell ist die gesuchte Orchideenart gefunden: Das Brand-Knabenkraut Neotinea ustulata. Herrlich leuchten die Blütenstände im Abendlicht. Sie sind noch gut in Blüte, wenn auch schon recht weit fortgeschritten, so dass die dunkle Kappe kaum noch vorhanden ist. Trotzdem ein würdiges Finale eines langen, schönen, gotländischen Tages.


Brand-Knabenkraut, Neotinea ustulata

Visby und Gotlands Osten

Ein Tag mit weniger gutem Wetter steht bevor, der Vormittag wird für einen Stadtrundgang durch Visby genutzt. Zunächst besuchen wir die Ruine der Kirche S:t Lars (St. Laurentius), die unter den Kirchen von Visby eine Sonderstellung einnimmt, weil sie als kreuzförmiger byzantischer Zentralbau errichtet wurde. Vielleicht war sie gar eine russische Faktoreikirche, aber das ist Spekulation. Jedenfalls waren im 12. Jahrhundert viele russische Kaufleute in Visby ansässig. Bemerkenswert in der Kirche sind auch die umlaufenden, von Treppen verbundenen Galerien, die (natürlich ausdrücklich auf eigene Gefahr) begangen werden können. Gleich daneben steht die Ruine der Dreifaltigkeitskirche (Drotten).

An erhöhter Stelle, direkt unterhalb einer Kliffkante, steht der Dom St. Marien. Als einzige Kirche Visbys wurde die Marienkirche nach dem lübischen Angriff 1525 wiederhergestellt. Da zeitgleich auch die Reformation einsetzte, verloren die anderen Kirchen ihre Funktion als Kloster- und Gemeindekirchen. Damit entfiel auch die Notwendigkeit ihrer Wiederherstellung. Die Marienkirche war ursprünglich die deutsche Kaufmannskirche. Mit dem Aufstieg der Hansestadt wuchs der Anteil deutscher Kaufleute in der Bevölkerung, und so wurde die Marienkirche zu größten Kirche der Stadt ausgebaut. Zum Dom wurde sie erst im 17. Jahrhundert. Südlich vorgebaut ist die Große Kapelle, eines der wenigen rein gotischen Kirchengebäude Visbys.


Eiderenten, Somateria mollissima, am Ostseeufer in Visby

Über die Domtreppe und entlang der Ringmauer gelangen wir zum Norderporten, dem wichtigsten Tor der Stadt, durch das auch heute noch der Verkehr in Richtung Nord-Gotland fließt. Durch die Gräben außerhalb der Mauer gehen wir zur Lübeckerbresche. Hier drangen 1525 die Lübecker ein, um die Stadt zu brandschatzen. Gleich daneben steht das Snäckgärdsporten. Sehr auffällig sind die Büsche des prächtigen Futter-Beinwells Sypmphytum uplandicum. Im riesigen Pestwurz-Bestand des Grabens soll auch die im Juli blühende Blasse Sommerwurz Orobanche flava wachsen.

Ein Teil der Gruppe besucht nun das Museum Gotlands Fornsal, die anderen Teilnehmer schauen sich noch etwas in der Stadt um. Sehr schön ist es an der Ruine der Kirche S:t Clemens, wo man im angrenzenden Hotel einen Picknickkorb mit Kaffee, Gebäck und Decke bekommt, um in der Ruine eine Kaffeepause einzulegen.


in der Ruine von S:t Clemens

Nachmittags fahren wir in den Ostteil der Insel. Unser erstes Exkursionsziel ist eine Laubheuwiese in der Umgebung von Ardre. Die Wiese unterscheidet sich in ihrer Artenzusammensetzung von der Mehrzahl der gotländischen Laubheuwiesen, weil sie eher sauren Boden hat. Und so finden wir hier einen schönen, teils noch sehr gut blühenden Bestand des Kleinen Knabenkrautes Anacamptis morio und dazwischen mehrere Exemplare der auf Gotland seltenen Grünen Hohlzunge Coeloglossum viride. Auch zahlreiche weitere Orchideen wachsen hier, wir zählen insgesamt 11 Arten.


Die Wiese bei Ardre

Die Weiterfahrt führt um die Torsburg herum, an der festungsartigen Kirche von Gammelgarn vorbei, in Richtung Ostküste. Vor Gothem legen wir noch einen kurzen Stopp zur Orchideensuche ein – aber hier ist es noch zu früh, die gesuchten Dactylorhiza-Arten sind noch weit zurück, nur wenige Exemplare blühen bereits. So halten wir uns hier nicht länger auf und fahren nach Gothem, wo wir die Kirche besichtigen. Sie hat noch ihre romanische, apsidiale Chorpartie (die an vielen größeren Kirchen durch eine gotische ersetzt wurde) und einen hohen Westturm mit ungewöhnlicher Satteldachhaube. In der Kirche gibt es einen sehr gut erhaltenen Zyklus von Draperiemalereien an den Wänden und in den Gewölben.


Kirche in Gothem

Unser nächstes Ziel ist ein Naturreservat mit ganz verschiedenen Arten und Habitaten. Auf einer Wanderung durch das regional sehr bekannte Reservat wollen wir auch einen Frauenschuh-Bestand anschauen. Der Pfad dorthin führt teils durch sehr mooriges Terrain. Auf einer offenen Sumpfstelle stehen herrlich rosarote Exemplare von Dactylorhiza incarnata. Auch die Kelch-Simsenlilie Tofieldia calyculata blüht stellenweise bereits auf.


Fleischrote Fingerwurz, Dactylorhiza incarnata

Dann ist bald der Waldrand erreicht, schon außerhalb des Reservates gelegen, an dem der Frauenschuh Cypripedium calceolus in größeren Gruppen wächst. Insgesamt etwa 300 bis 400 Pflanzen dürften es schon sein. Der Standort ist regional sehr bekannt und entsprechend häufig besucht.


Ein schöner Frauenschuh-Bestand

Der Rückweg führt durch das Moor. In der Ferne meckert eine Bekassine, an einem Ameisenhaufen wird gerade ein Rosenkäfer überwältigt. Im Wald wächst ein großer Bärlauch-Bestand Allium ursinum.

Mit diesen schönen Naturerlebnissen treten wir die Rückfahrt in Richtung Visby an. Unterwegs statten wir noch der Kirche von Källunge einen Besuch ab. Sie gehört zu den sogenannten »Sattelkirchen« mit Westturm, romanischem Langhaus und höherem gotischem Chor. Hier in Källunge ist die Silhouette besonders extrem, denn der Chor ist so gewaltig, dass das alte Langhaus nur noch als Vorhalle fungiert. Die gotischen Baupläne der Kirche sahen eine große dreischiffige Halle vor, doch wie an vielen anderen Orten Gotlands wurde der Bau nach den Ereignissen der dänischen Eroberung 1361 eingestellt. In der Kirche steht ein gotischer Flügelaltar, der in Norddeutschland angefertigt wurde und ehemals Hochaltar der Marienkirche in Visby war. Bei einer Neuausstattung der Kirche wurde er dann nach Källunge verkauft. Sehr bemerkenswert ist auch der wikingerzeitliche Schiffswimpel, der als Wetterfahne auf der Turmspitze angebracht war. Das Original ist nun in Gotlands Fornsal, vor Ort ist eine Kopie im Chor ausgestellt.


Kirche in Källunge

Fårö

Ein voller Exkursionstag ist für die Inselrundfahrt auf Fårö eingeplant. Die Landschaft und Natur auf der Gotland vorgelagerten Insel Fårö ist noch etwas rauer, ursprünglicher und abgeschiedener aus auf der Hauptinsel. Von Fårösund bringt uns eine Fähre hinüber auf die Insel Fårö bringt. Zwei Fähren verkehren hier kostenlos. Dem Bau einer Brücke hat die Bevölkerung von Fårö vehementen Widerstand entgegengesetzt, weil sie zu starke Besucherströme befürchtet. Doch auch an diesem Samstag ist einiges los auf der Insel, insbesondere sind große Gruppen von Motorradfahrern unterwegs.

Wir fahren durch das Reservat Ryssnäs an der Südspitze der Insel. Vom Auto aus sehen wir an einem schilfgedeckten Stallgebäude Brandgänse und Steinschmätzer, auf dem Dachfirst des Hauses sitzen mehrere Mittelsäger-Weibchen. Ein Stück weiter befindet sich rechts des Weges das Naturdenkmal Blåkråketallar, ein kleines Kiefernwäldchen, welches bis 1967 der letzte skandinavische Brutplatz der Blauracke Coracius garrulus war.

Kurz vor dem Kirchdorf von Fårö säumt Cephalanthera longifolia in besonders schönen Beständen die Straße. An der Kirche von Fårö halten wir. Sie ist die einzige Gotlands, die in der Neuzeit grundlegend verändert wurde. Zwar sind Turm und Langhaus in ihrer Substanz noch mittelalterlich, aber das Erscheinungsbild ist klar vom Klassizismus geprägt. Auf dem Friedhof neben der Kirche sind Ingrid und Ingmar Bergman begraben, die Fårö zu ihrer Wahlheimat machten.


Friedhof Fårö

Unser Weiterweg führt ins Dünengebiet Ullahau im Nordostteil der Insel. Hier sind wir dem Kleinen Zweiblatt Neottia cordata auf der Spur. Die Dünen von Ullahau sind hufeisenförmig, die Dünenkämme eher offen, die Flanken eher bewaldet. In den Dünentälern sollen die gesuchten Orchideen wachsen, dazu auch Linnea borealis, das Moosglöckchen. Die Beschreibung passt genau, doch der Standort ist ziemlich verwüstet: Der Wald wurde stark aufgelichtet, die geschlagenen Bäume liegen am Waldboden. Vom Kleinen Zweiblatt ist nichts zu sehen, ebenso vom Moosglöckchen. Wir finden zumindest Siebenstern Trientalis europaea und Rundblättriges Wintergrün Pyrola rotundifolia.


Ullahau

Aber noch haben wir ja einige Pfeile im Köcher. Die nächste vielversprechende Stelle liegt in der Nähe des Leuchtturms Fåröfyr. Der Standort sieht ganz ähnlich aus wie der zuvor besuchte. Zu den bereits gefundenen Arten gesellt sich das Moosauge Moneses uniflora. Hier gelingt der Fund des Kleinen Zweiblatts. Etwa 25 bis 30 Pflänzchen stehen im Moos. Sehr zierlich sind sie, und nicht leicht zu fotografieren. Und sofort überfallen uns auch noch die Mücken…

Bei einer kurzen Pause am Gehöft Ebbes Vinor finden wir noch recht ansehnliche Wiesen-Küchenschellen Pulsatilla pratensis. Dann fahren wir wieder ans Meer.


Wiesen-Küchenschelle, Pulsatilla pratensis

Auf dem Weg zur Küste suchen wir zunächst nochmals nach Holunder-Fingerwurz Dactylorhiza sambucina. Und finden viele! Zwischen Gebüsch und Wacholdern stehen sie, an diesem Standort ausschließlich gelb blühend. Ist es nun eigentlich Adam oder Eva? Wer ist denn gelb, wer rot? Wir wissen es nicht. Doch nicht nur die Anzahl der Blütenstände ist überraschend, auch der Blühzustand, denn der ist hier noch nahezu optimal. Zum Strand hin stehen die Orchideen auch im Kiefernwald. Stellenweise können wir sie mit der Ostsee im Hintergrund fotografieren.


Holunder-Fingerwurz, Dactylorhiza sambucina

Am Strand entlang wandern wir ostwärts. Strandhafer und Salzmiere wachsen in den Dünen. Im küstennahen Kiefernwald suchen wir nun nach der Korallenwurz Corallorhiza trifida, die hier wachsen soll. Davon haben wir keine genaue Koordinate. Am vielversprechendsten erscheint das erste Dünental, weil es am feuchtesten ist. Im zweiten Dünental wird dann wieder Kleines Zweiblatt gefunden, diesmal in viel größerer Anzahl und Dichte. Und dann, tatsächlich wie vermutet im feuchten Erlenbruch des ersten Dünentals, die Korallenwurz. Viele Stängel sind noch knospig, einige blühen aber schon auf. Weiter landeinwärts, auf dem Rücken zwischen dem zweiten und dritten Dünental, stehen noch einmal besonders schöne Kleine Zweiblätter. Auch extrem viel Moosauge wächst hier. Ein Pfad führt von da aus durch den Kiefernwald, über einen Bauernhof mit viel Futter-Beinwell, wieder zurück zur Straße. In den Wiesen picken Austernfischer nach Nahrung.


Kleines Zweiblatt, Neottia cordata, schwedisch Spindelblomster (Spinnenblume)

Nach dieser schönen Exkursion geht die Fahrt auf abenteuerlichen Nebensträßchen in Richtung der berühmten Raukgebiete. Den Weg säumen große Bestände des auf Gotland und Öland endemischen Alvar-Schnittlauchs Allium schoenoprasum var. alvarense. Wir kommen am malerischen Mittelalterhof Bondans vorbei und erreichen die steinigen Küstenabschnitte von Langhammars. In den steinigen, spärlich bewachsenen Heiden am Strand brüten Küstenseeschwalben, auf flachen Wacholdern die Silbermöwen. Vom Parkplatz sind es nur einige Meter hinab zu den Raukfelsen, die wie Statuen am Ufer stehen, die ungerührt ihrem erosionsbedingten Ende entgegensehen.


Der Rauk von Langhammars


Langhammars

Von Langhammars aus ist unser nächstes Ziel schon zu sehen, das Fischerdorf Helgumannen, wohl das malerischste unter den vielen Fiskelägen. Ein herrlich einsamer, weltferner Ort unter dem klaren blauen Ostseehimmel.


Helgumannen

Auf der Weiterfahrt stoppen wir noch einmal im Raukgebiet Digerhuvud. Auf einer Länge von etwa vier Kilometern ist die Küste hier von Raukaren gesäumt. Stellenweise stehen sie im Wasser. Am Lauterhorn vorbei gelangen wir in das Dörfchen Lauter, wo am Straßenrand wieder schöne Bestände von Orchis militaris, Cephalanthera longifolia und Dactylorhiza incarnata wachsen. Letztere in besonders üppiger Gestalt, die als var. latissima beschrieben wurde. Ein besonderes Highlight ist auch die Bekassine, die rufend auf einem Schornstein sitzt.


Fleischrote Fingerwurz, Dactylorhiza incarnata var. latissima

Aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit lassen wir das Raukgebiet von Gamla Hamn aus und fahren direkt weiter zur Fähre und über Lärbro und Tingstäde zurück nach Visby.

Storsudret

Nach der Vortagestour in den äußersten Norden geht es nun ganz in den Süden Gotlands, den Storsudret. Der südliche Inselteil ist durch einen nur etwa 1,5 Kilometer breiten Isthmus bei Burgsvik mit dem übrigen Gotland verbunden. Der fruchtbarere Süden war im Mittelalter gegenüber dem Norden begünstigt, und so stehen im Süden Gotlands besonders eindrucksvolle Kirchen, von den wir im Laufe des Tages einige besichtigen werden.
In der Umgebung von Vamlingbo besuchen wir zwei Stellen mit auffällig schönen Orchis militaris, Dactylorhiza incarnata und schönen Grüppchen der Fliegen-Ragwurz Ophrys insectifera. Auf einer Pferdekoppel suchen wir nach dem Brand-Knabenkraut Neotinea ustulata, das hier ein schönes Vorkommen hat.


Brand-Knabenkraut, Neotinea ustulata, im Storsudret

In Vamlingbo befindet sich neben der Kirche, im ehemaligen Pfarrhof, der Naturum Gotland. Das ist ein sehr schön gestaltetes Informationszentrum, schon fast ein kleines naturkundliches Museum. Gleich nebenan gibt es das Forum Östersjön (Ostsee-Forum) und das Privatmuseum des Künstlers Lars Jonsson – der auch ein Buch über die Orchideen Gotlands illustriert hat – sowie ein Café, und man kann im Garten des Anwesens pausieren. Ein sehr stilvolles und wunderschönes Plätzchen, das von Lars und seiner Frau betrieben wird, die sich vor vielen Jahren aus dem Stockholmer Großstadtleben verabschiedet haben und hier in Vamlingbo leben und arbeiten.


Naturum Gotland in Vamlingbo

Natürlich statten wir auch der Kirche einen Besuch ab. Sie ist eine schöne gotische Hallenkirche im westfälischen Schema mit drei mal drei Gewölbefeldern, die auf vier Rundstützen ruhen. An der Nordwand ist ein monumentales Michaelsfresko zu sehen. Der unbekannte Meister wird nach diesem Bildnis »Michaelsmeister« genannt. In Vamlingbo gab es sogar eine örtliche Legende, dass dies das Grab des Erzengels Michaels sei. Daher war die Kirche in katholischen Zeiten ein bedeutender Wallfahrtsort. Zur schönen, großzügigen Kirche mag der stumpfartige Turm nicht so recht passen. Einst soll der Kirchturm von Vamlingbo Gotlands höchster gewesen sein, doch nach einem Blitzschlag im Jahr 1817 stürzte er ein und wurde nur notdürftig wiederhergestellt.


Kirche in Vamlingbo

Von Vamlingbo fahren wir noch ein kurzes Stück weiter südwärts, dann kommt links das Naturreservat Muskmyr, das einen verlandenden See und umliegende Sumpf- und Alvargebiete umfasst. Das Gebiet ist auch als Vogelreservat bekannt. Schon am Parkplatz sind einige Ornithologen zugange, die den Baumfalken im Visier haben und auf die Sichtung des Rotfußfalken hoffen. Wir wandern auf dem Lehrpfad (Naturstig) um den See herum. An vielen Stellen stehen Dactylorhiza incarnata, cruenta und ochroleuca beisammen, noch dazu in ansehnlichen Beständen. Ganz neugierig, aber auch schreckhaft schauen die Kühe beim Fotografieren zu. Neben den genannten Dactylorhiza-Arten ist auch Orchis mascula häufig, stellenweise gibt es auch Orchis militaris und Neotinea ustulata zu sehen. Vom Weg aus können wir auch Kraniche beobachten, die über den See fliegen und dann im Schilf stehen, und ein Brachvogel zieht in weitem Bogen vorbei.

Von Sundre aus, dem südlichsten Kirchspiel Gotlands, fahren wir eine kleine Schleife zur Südspitze Gotlands mit der Felsformation Hoburgen. Zunächst kommen wir am steilen Bergrücken Husrygg entlang. Der Name bedeutet »Dachfirst« und ist sehr treffend. Hier ist ein Vorkommen des Frühlings-Adonisröschens, das aber zu dieser Zeit abgeblüht ist. In den Felsen von Hoburgen ist die Sagengestalt des Hoburgsgubben, des Alten von Hoburg, zu erkennen. Die Stelle ist für gotländische Verhältnisse ziemlich touristisch. Unsere Weiterfahrt führt in die Nähe des Ortes Hamra, wo wir einen weiteren Orchideenstandort aufsuchen. Am Straßenrand begrüßen uns Massen von Helm-Knabenkräutern. Südlich der Straße ist ein Sumpf mit Dactylorhiza incarnata sowie vereinzelt ochroleuca. Nördlich der Straße ist das Terrain eingezäunt. Schon beim Blick über den Zaun sehen wir einige Brand-Knabenkräuter in der Wiese. Also öffnen wir den Zaun und suchen weiter. Der Bestand ist wirklich beeindruckend. Und siehe da, es stehen auch noch schöne Anacamptis morio dort, dazu Helm-Knabenkraut und Mücken-Händelwurz.


Nochmal Brand-Knabenkraut, Neotinea ustulata

Nach dieser schönen Wiese fahren wir weiter zur Kirche von Öja. Von weitem schon grüßt der hohe Kirchturm, der in der Gegend »Grå gasi« – Graugans – genannt wird. Die bedeutendste Sehenswürdigkeit der Kirche ist das Triumphkruzifix aus dem 14. Jahrhundert, das als Hauptwerk gotischer Schnitzkunst in ganz Skandinavien gilt. Eine der Assistenzfiguren, die Öjamadonna, steht im Original in Gotlands Fornsal. Hier in Öja wurde eine schöne, das Original modern interpretierende Madonna des Künstlers Bertil Nyström aufgestellt, der auch den nicht erhaltenen Johannes ergänzte.


Triumphkreuz in Öja

Nur wenige Kilometer weiter steht in Fide eine relativ kleine romanische Kirche mit einem schönen spätromanischen Ringkreuz aus der Mitte des 13. Jahrhundert und einem spätgotischen Flügelaltar aus dem 15. Jahrhundert.


Romanisches Ringkreuz in Fide

Noch eine weitere bedeutende Kirche schauen wir uns an, den »Dom des Südens« in Grötlingbo. Sie ist eine dreischiffige Halle, so wie in Vamlingbo und Öja. Im Außenmauerwerk sind Friese des Vorgängerbaus erhalten. Diese romanische Kirche gehörte zum Typus der sogenannten »ikonischen Kirchen« Gotlands, von denen keine vollständig erhalten ist, jedoch zahlreiche Reste in Form solcher Spolien. Die Kirche hat ebenfalls ein spätromanisches Triumphkruzifix und einen bedeutenden romanischen Taufstein des Meistes Sigrafr aus der Zeit um 1200. In den Chorfenstern sind Glasmalereien aus dem 14. Jahrhundert erhalten.


Kirche in Grötlingbo, »Dom des Südens«

Auf dem Rückweg nach Visby steht noch der Besuch eines Naturreservates auf dem Programm, in dem es ein bedeutendes Vorkommen des Sumpf-Knabenkrautes Anacamptis palustris gibt, das hier normalerweise Ende Juni / Anfang Juli blüht. Nach kurzer Suche finden wir eine ganze Reihe von knospenden Exemplaren, sie sind schon erstaunlich weit fortgeschritten. Aber eine offene Blüte ist uns nicht vergönnt, war aber auch nicht ernsthaft zu erwarten.

Gotlands Mitte

Ein strahlend schöner Tag kündigt sich an. Wir starten morgens in Richtung der südlichen und südöstlichen Inselmitte. Über Tofta, Gotlands beliebtesten Badeort, und Klintehamn gelangen wir zur Schiffssetzung Gannarve. Sie liegt nahe der Kirche von Fröjel in schöner Lage mit Blick zu den Karlsinseln und wurde in den 1970er Jahren konserviert und wiederhergestellt.


Gannarve

In der Nähe gibt es ein Mischwaldgebiet mit dem in Nordeuropa extrem seltenen Bleichen Waldvögelein Cephalanthera damasonium. Diese Art hat auf Gotland einige weit nordostwärts vorgeschobene Vorpostenstandorte. Auf der skandinavischen Halbinsel kommt sie gar nicht vor, in den skandinavischen Ländern sonst nur selten in Dänemark.

Die Weiterfahrt führt ins Landesinnere zur Kirche von Levide. Nur auf den ersten Blick sieht sie wie viele andere gotländische Landkirchen aus. Denn der sehr harmonische, architektonisch besonders qualitätvolle Bau nimmt unter den romanischen Kirchen eine Sonderstellung ein. So ist hier ein sehr frühes Beispiel der westfälischen Halle von drei mal drei Feldern zu sehen. Der Außenbau ist in sehr fein gearbeitetem sichtbarem Quadermauerwerk mit Rundbogenfriesen und Blendarkaden ausgeführt.


Romanische Kirche in Levide


Ein frühes Beispiel der »westfälischen Halle« auf Gotland

Die südliche Inselmitte Gotlands wird von einem flachen Rücken durchzogen. Hier, auf der Lojstaheide, liegt der höchste Punkt Gotlands mit nur 85 Metern über dem Meeresspiegel. Der Geländeanstieg ist kaum bemerkbar. Das heute überwiegend bewaldete Gebiet war einst ein großes, kaum besiedeltes Weidegebiet. Am Südabhang des Rückens gibt es einige Quellmoore, in denen teils alpine Pflanzenarten wachsen. Eines dieser Moore besuchen wir. Das kleine Reservat besteht aus einer offenen Moorfläche mit kleinem See im Südtteil und einem locker bewaldeten Sumpf im Nordteil.


Moor auf der Lojstaheide

Neben schönen Strohgelben Knabenkräutern gibt es hier unter anderem Gewöhnliches und Alpen-Fettkraut Pinguicula vulgaris und alpina, Alpen-Helm Bartsia alpina und Kelch-Simsenlilie Tofieldia calyculata, dazu Langblättrigen Sonnentau Drosera anglica und Fieberklee Menyanthes trifoliata.


Strohgelbe Fingerwurz, Dactylorhiza ochroleuca

Auf der Weiterfahrt nach Lojsta stehen ein paar Ponys am Straßenrand. Kurz vor der Kirche von Lojsta gibt es einen Parkplatz neben der fast völlig abgestorbenen Lojsta-Eiche, einem ehemals sehr eindrucksvollen Baum. Direkt dahinter liegt die Laubheuwiese Lojsta Prästänge. Hier gilt das Hauptinteresse einmal nicht den Orchideen, obwohl natürlich auch hier einige Arten wachsen. Sofort ist wieder der Halsbandschnäpper zu hören. Die Suche nach dem hier heimischen Gelbringfalter Lopinga achine bleibt erfolglos. Sehr wahrscheinlich sind wir noch etwas zu früh dran. Wir pausieren ein wenig am Rastplatz, außerdem ist die gotische Kirche nicht weit. Sie birgt mittelalterliche Glasfenster, farbenprächtige Wandmalereien und ein Altarretabel.


Die farbenprächtige Kirche von Lojsta

Gleich östlich hinter Lojsta liegen einige natürliche Seen am Fuß eines felsigen Höhenzuges. Es ist die sichtbare Geländekante der sogenannten Hemse-Formation, die auch weitere, vergleichsweise markante Erhebungen Gotlands wie Lindeberget, Torsburgen und Östergarnsberget umfasst.

Am See Broträsk liegt der frühmittelalterliche Burgplatz Lojsta slott, daneben steht die (freie) Rekonstruktion eines eisenzeitlichen Hallenhauses, die Lojstahalle. Im See schwimmen Rotfedern. Durch das Waldgebiet geht die Fahrt südwärts durch Stånga, den Veranstaltungsort der »Gotländischen Olympiade«, und Burs an die Südostküste.

Bald erreichen wir die Halbinsel Närsholm mit ihrem markanten Leuchtturm. Auf den Strandwiesen wogen die Fruchtstände der Wiesen-Küchenschelle im Wind. Stellenweise gibt es Polster der seltenen Feld-Fahnenwicke Oxytropis campestris zu sehen, an Orchideen wachsen in diesem Reservat unter anderem Holunder-Fingerwurz (bereits abgeblüht) und Brand-Knabenkraut. Am Strand brüten unter anderem Weißwangengänse Branta leucopsis. Teile des Reservates unterliegen während der Brutzeit einem Betretungsverbot.


Feld-Fahnenwicke, Oxytropis campestris

Auf der Weiterfahrt kommen wir durch das beeindruckende Gräberfeld Gålrum mit Schiffssetzungen, Rösen und einem Bildstein. Auf der Suche nach einem Café fahren wir durch den Ferienort Ljugarn, der offensichtlich seine besten Zeiten hinter sich hat. Das Café – wenn es überhaupt noch in Betrieb ist – hat geschlossen. Also nehmen wir einen Anlauf in Katthammarsvik, wo es in der Räucherei auch Kaffee und Kuchen gibt.

Ganz in der Nähe besuchen wir eine besonders schöne Laubheuwiese auf eher saurem Boden. Hier stehen noch überraschend viele Kleine Knabenkräuter in Blüte, auch Brand-Knabenkräuter gibt es, und auch die hauptsächlich gesuchte Grüne Hohlzunge steht hier in recht stattlichen Exemplaren.


Grüne Hohlzunge, Coeloglossum viride

Vor der Rückfahrt nach Visby unternehmen wir noch einen Abstecher zur Torsburg. Auf diesem Felsplateau lag die größte vorgeschichtliche Höhenburg Skandinaviens, eingebunden in ein System weiterer ähnlicher Anlagen. Offenbar war die Anlage nie dauerhaft besiedelt, sondern eine Fliehburg aus Völkerwanderungszeiten. Laut der Gutasaga zogen sich hierher jene Gotländer zurück, die aufgrund Überbevölkerung per Losentscheid von der Insel verwiesen wurden und sich weigerten, diese zu verlassen, bevor sie dann doch vertrieben wurden.

Das Sträßchen führt um die felsigen Geländekanten herum südwärts zur Ardre-Luke. Hier war die topographische Schwachstelle der Anlage, die daher mit einem über vier Meter hohen Steinwall gesichert wurde. Übers Plateau geht es hinüber zur Tjängvide-Luke. Leider ist der Aussichtsturm noch immer gesperrt. Der Blick von da oben muss fantastisch sein, man ahnt es ja bereits von der natürlichen Warte an der Felskante. Hier oben stehen auch ein paar abgeblühte Gotländische Küchenschellen, eine Unterart unserer Gewöhnlichen Küchenschelle: Pulsatilla vulgaris subsp. gotlandica. Über Dalhem mit seiner großen Kirche und dem stillgelegten Bahnhof (jetzt Museum) erreichen wir Visby.


Torsburg

Auf Wiedersehen, Gotland

Der folgende Tag ist der letzte auf Gotland, gegen Abend steht der Quartierwechsel nach Kalmar an. Bis zur Fährabfahrt nutzen wir den Tag für weitere Exkursionen. Das Wetter ist leider weniger gut als in den vergangenen Tagen. Es ist sehr stark bewölkt, und für den Tagesverlauf sind ein paar Schauer vorhergesagt.

Im Nordosten Gotlands gibt es artenreiche Orchideenwiesen, unter anderem mit der Honigorchis Herminum monorchis – noch nicht in Blüte –, Fliegenragwurz und mehreren Dactylorhiza-Arten, vor allem D. cruenta und incarnata. Von D. ochroleuca ist merkwürdigerweise im Gegensatz zu früheren Jahren keine Spur zu finden, jedoch gibt es incarnata mit gelbem Einschlag, die wohl Hybriden der beiden sind.


Blutrote Fingerwurz, Dactylorhiza cruenta

Nur wenige Kilometer weiter liegt in der Nähe des Sees Bogeviken ein Fundort, an dem die Gotländische Fingerwurz Dactylorhiza majalis subsp. elatior vorkommt soll. Diese Sippe wurde nach verschiedenen Diskussionen und Untersuchungen durch den schwedischen Botaniker Hedrén so beschrieben. Schnell sind die betreffenden Pflanzen gefunden, aber sie sind noch recht weit zurück, gerade erst in Knospe.

Auf einer weiteren schönen Laubheuwiese, stehen zwischen Unmengen Helm-Knabenkraut und Mücken-Händelwurz ein paar weißblühende der letztgenannten Art und auch wieder einige Brand-Knabenkräuter. Und wiederum – wir haben es schon erwartet – ruft der Halsbandschnäpper.


Mücken-Händelwurz, Gymnadenia conopsea

Nun setzen wir unsere Fahrt bis an die Nordküste fort. Für ein schönes Vorkommen der Pyramiden-Orchis Anacamptis pyramidalis isat es noch viel zu früh. Auf Feuchtwiesen in Küstennähe suchen wir noch nach Sumpforchideen. Gleich am Wegrand stehen herrliche Exemplare der Strohgelben Fingerwurz. Dann machen wir uns mit Gummistiefeln auf ins Moor und suchen das Glanzkraut Liparis loeselii, das an diesem Standort in größerer Anzahl wächst. Schnell ist es gefunden, aber hier sind nur knospige Exemplare zu sehen.


Strohgelbe Fingerwurz, Dactylorhiza ochroleuca

Derweil haben die übrigen Reiseteilnehmer ohne Gummistiefel in der Umgebung des Autos gesucht. Und siehe da: sie haben Liparis loeselii in Blüte gefunden, auf oberflächlich trockenem Boden, keine drei Meter hinter der Kofferraumtüre! Das ist eine große Überraschung zum Abschluss des Gotland-Aufenthalts, damit war Anfang Juni wirklich noch nicht zu rechnen. Die Weitersuche im trockeneren Bereich des Standortes bringt eine Vielzahl weiterer Exempare zutage, und viele davon blühen ebenfalls bereits.


Die winzige Blüte des Glanzkrautes, Liparis loeselii

Nun geht die Weiterfahrt zum Standort der Waldvögelein-Hybriden, den wir vor einigen Tagen schon einmal besucht hatten. Die Strecke ist nur kurz – aber so extrem holprig und von Schlaglöchern gepflastert, dass wir nur ganz langsam vorankommen. Gut durchgeschüttelt erreichen wir den Standort.

Dank der punktgenauen GPS-Koordinaten ist auch die prächtige Hybrid-Dreiergruppe schnell gefunden, die fotografischen Bedingungen sind – naja, etwas mau, und da setzt auch schon der Regen ein. Also halten wir uns nicht mehr lange auf, sondern verbringen die restliche Zeit bis zur Fährabfahrt im Krusmyntagården kurz vor Visby.


Hybride von Schmalblättrigem und Rotem Waldvögelein, Cephalanthera longifolia × rubra

Die Fähre ist diesmal eher leer, im Salon ist es ganz ruhig. Bei regnerischem Wetter setzen wir nach Oskarshamn über. In etwa einer Stunde Autofahrt ist Kalmar erreicht, und wir beziehen im sehr schönen Hotel im ehemaligen Packhaus am Hafen unser Quartier.

Die Stadt Kalmar hatte aufgrund ihrer Lage am Kalmarsund und in der Nähe der einstigen dänischen Grenze eine herausgehobene Bedeutung. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Stadt aus militärstrategischen Gründen auf die Insel Kvarnholmen verlegt und auf regelmäßigem Grundriss neu errichtet. Ein wenig außerhalb des Zentrums liegt das mächtige Schloss mit seinen Kuppeltürmen. Es zählt zu den gewaltigsten Schlossanlagen Schwedens und geht in seinem Ursprung zurück auf einen Kastal von 1180, den Knut Eriksson zum Schutz der Stadt errichten ließ. Die Ringmauer mit den vier Türmen stammt aus dem Ende des 13. Jahrhunderts, sie wurde jedoch in der Renaissancezeit grundlegend neu errichtet. Gustav Wasa und seine Söhne ließen das Schloss zu einem Renaissancepalast mit mächtigen Bastionen ausbauen.


Schloss Kalmar

Öland

Der letzte Exkursionstag der Reise beginnt mit der Überfahrt über die sechs Kilometer lange Ölandsbron (Ölandbrücke) zur Insel Öland. Wir steuern den südlichen Teil der Insel mit dem UNESCO-Welterbegebiet der Alvar-Steppen an. Zwischen den Alvar-Gebieten stehen immer wieder Steinmauern und Windmühlen. Einen kurzen Stopp legen wir beim Runenstein von Karlevi ein.


Karlevi-Runenstein

Die erste Exkursion führt von Vickleby ins Alvar-Gebiet. Schon bald finden wir reiche Orchideenbestände. Hier hat die Holunder-Fingerwurz besonders reichlich geblüht, aber jetzt ist eher die Zeit für das Brand-Knabenkraut. Außerdem gibt es hier auch den Alvar-Schnittlauch Allium schoenoprasum var. alvarense, den in freier Wildbahn sehr seltenen Fingerstrauch Potentilla fruticosa und die Echte Mondraute Botrychium lunaria.

Am Möckelmossen gibt es in den Wiesen vor allem Dactylorhiza incarnata und ochroleuca. Auch das Öländische Sonnenröschen Helianthemum oelandicum ist hier vertreten. Eigenartigerweise sind keine Vögel zu sehen, obwohl wir auf der Fahrt öfters Kormorane in Richtung des Möckelmossen fliegen sahen.

Die etwas magere Fund-Ausbeute dieses Standortes wird am nächsten Standort mehr als kompensiert. Nach der Besichtigung der gewaltigen Gråborg, Ölands größter prähistorischer Anlage, und der Ruine der mittelalterlichen St.-Knut-Kapelle wandern wir über herrliche Heuwiesen voller Orchideen. Unmengen von Helm-Knabenkraut und Mücken-Händelwurz begrüßen uns. Dazwischen stehen viele Waldhyazinthen, die hier offenbar zur Bestimmung von Bestäubern mit Fangnetzen versehen sind. Dann kommen die Dactylorhiza-Arten dazu. Erst einmal incarnata, natürlich.

Dann in einer Schafweide viele cruenta, und schließlich eine Population der gesuchten Dactylorhiza baltica, der Baltischen Fingerwurz (die Zuordnung zu dieser Art ist nicht unumstritten). Es sind sehr kräftige Pflanzen mit großen Blütenähren.


Baltische Fingerwurz, Dactylorhiza baltica (?)

Auf der Weiterfahrt legen wir eine Kaffeepause im Museumsdorf Himmelsberga ein. Der Ort ist ein originales, gewachsenes Zweizeilen-Straßendorf. Heute ist es ein Freilichtmuseum mit viel Geschichte. Im Café, sehr stimmungsvoll, probt gerade eine Musikgruppe.


Himmelsberga

Nur wenig weiter liegt die vorgeschichtliche Burganlage von Ismantorp. Hier sind es nicht spezielle Orchideenarten, sondern vielmehr deren riesige Anzahl, die uns in Entzücken versetzen.

Die beiden letzten Fundorte liegen nahe der Westküste Ölands. Beim Ort Rälla gibt es ein größeres Kiefernwaldgebiet namens Rälla Tall. Hier sind wir dem Moosglöckchen Linnea borealis auf der Spur, das auf Fårö noch nicht blühte. Der Wald ist arg verwüstet, kreuz und quer sind Fahrspuren schwerer Geräte zu sehen, überall liegen Kiefernstämme. Dennoch werden wir nach kurzer Sucher überreich fündig. Die zierlichen, immer zu zweit stehenden Blütenglöckchen sind mehr als würdig, nach Linné benannt zu sein.


Linnea borealis, das Moosglöckchen

Nahe der Küste nördlich Rälla liegt eines der größten Laubwaldgebiete Schwedens, nämlich Halltorps Hage. Hier kommt eine große Vielfalt an Pflanzen allgemein und auch an Orchideen vor. Im feuchten Wald soll beispielsweise auch Korallenwurz wachsen. Vorbei an verschiedenen Baumriesen geht der Naturpfad zu einer Laubheuwiese, auf der Frauenschuh wachsen soll.

Gleich am Beginn der Wiese steht als Begrüßungskommitte eine ganze Armada der »Schwedischen Soldaten«, wie der Hain-Wachtelweizen Melampyrum nemorosum aufgrund seiner blau-gelben Färbung hier genannt wird. Dazu Nestwurz und eine Dactylorhiza, die schon fast wieder etwas nach baltica aussieht. Vom Frauenschuh finden wir einen vollständig abgeblühten Stock. Nun haben wir diese Art auf der Reise quer durch Schweden also in allen Vegetationsstufen gesehen: austreibend, knospend-aufblühend, in Hochblüte und abgeblüht.


Schwedischer Soldat – oder Hain-Wachtelweizen, Melampyrum nemorosum

Aufgrund des einsetzenden Regens kürzen wir die Runde durch das Gebiet etwas ab und kehren nach Kalmar ins Hotel zurück. Gelegenheit für einen kurzen Stadtrundgang oder aber für etwas Ruhe am Vorabend der Heimreise.

Vor dem Flug nach Deutschland steht eine recht lange Autofahrt zum Flughafen Stockholm-Arlanda an. Über Oskarshamn und Valdemarsvik erreichen wir Söderköping mit seiner gotischen Klosterkirche und der hübschen Altstadt. Vorbei an Norrköping erreichen wir Stockholm und fliegen mit jeder Menge schönen Reiseeindrücken zurück nach Frankfurt.

Marco Klüber hat diese Reise 2014 für DUMA Naturreisen als Reiseleiter unternommen.

Artenliste Orchideen

Anacamptis morio, Kleines Knabenkraut
Anacamptis palustris, Sumpf-Knabenkraut
Anacamptis pyramidalis, Pyramiden-Orchis
Calypso bulbosa, Norne
Cephalanthera damasonium, Bleiches Waldvögelein
Cephalanthera longifolia, Langblättriges Waldvögelein
Cephalanthera rubra, Rotes Waldvögelein
Coeloglossum viride, Grüne Hohlzunge
Corallorhiza trifida, Korallenwurz
Cypripedium calceolus, Frauenschuh
Dactylorhiza cf. baltica, Baltische Fingerwurz
Dactylorhiza cruenta, Blutrote Fingerwurz
Dactylorhiza fuchsii, Fuchs‘ Fingerwurz
Dactylorhiza incarnata, Fleischrote Fingerwurz
Dactylorhiza maculata, Gefleckte Fingerwurz
Dactylorhiza ochroleuca, Strohgelbe Fingerwurz
Dactylorhiza sambucina, Holunder-Fingerwurz
Epipactis atrorubens, Braunrote Stendelwurz
Epipactis helleborine, Breitblättrige Stendelwurz
Epipactis palustris, Sumpf-Stendelwurz
Goodyera repens, Kriechendes Netzblatt
Gymnadenia conopsea, Mücken-Händelwurz
Gymnadenia conopsea ssp. densiflora, Dichtblütige Händelwurz
Herminium monorchis, Honig-Orchis
Liparis loeselii, Sumpf-Glanzkraut
Neotinea ustulata, Brand-Knabenkraut
Neottia cordata, Kleines Zweiblatt
Neottia nidus-avis, Nestwurz
Neottia ovata, Großes Zweiblatt
Ophrys insectifera, Fliegen-Ragwurz
Orchis mascula, Manns-Knabenkraut
Orchis militaris, Helm-Knabenkraut
Orchis spitzelii, Spitzels Knabenkraut
Platanthera bifolia, Weiße Waldhyazinthe
Platanthera bifolia ssp. latiflora, Großblütige Weiße Waldhyazinthe
Platanthera chlorantha, Grünliche Waldhyazinthe

Bilder der Reise auf flickr

Teil 1 von Stockholm zur Norne und nach Östersund
Teil 2 Uppsala, Sandemar und Visby
Teil 3 Gotlands Norden
Teil 4 Visby und Gotlands Osten
Teil 5 Fårö
Teil 6 Gotlands Süden
Teil 7 Gotlands Mitte
Teil 8 Gotlands Nordosten
Teil 9 Öland
alle Fotos in einem Album

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2 Gedanken zu „Auf Orchideensuche in Schweden

  1. Sehr geehrter Herr Klöber,
    ein sehr schöner Reisebericht Ihrer Schwedenreise mit tollen Fotos. Glückwunsch. Im kommenden Jahr plane ich eine ähnliche Schwedenreise. Ist es für Sie möglich, die von Ihnen aufgesuchten Fundorte genauer zu beschreiben ?
    Übrigens : Ihr wunderbares Röhnbuch habe ich damals über Sie persönlich bezogen.
    Herzliche Grüße Wolfgang Beuershausen
    2. Vorsitzender des AHO – Niedersachsen e.V.

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