Orchideen in der Rhön:
Schmalblättriges Waldvögelein
Cephalanthera longifolia

Die Begegnung mit dem Schmalblättrigen Waldvögelein gehört in der Rhön zu den Ausnahmeerlebnissen. Es kommt hier in erster Linie in der thüringischen Rhön, in den Kalkgebieten des südöstli­chen Gebietsrandes sowie im Bergwinkel vor. In der zentralen Rhön gelangen nur wenige Funde in höheren Lagen über Basaltgestein.

Goldschmidt notierte, dass er selbst die Art im Gebiet nie finden konnte – und das, obwohl sie einst ausgerechnet in der Umgebung seiner Heimat Geisa häufig gewesen sein soll.

Das Schmalblättrige Waldvögelein

In seiner »Flora des Rhöngebirges« zählte er nur wenige Funde in der nördlichen und östlichen Vorderrhön sowie an den Randbergen der Hohen Rhön auf, denen Ade und Grossmann später weitere Funde aus dem Bergwinkel hinzufügten. Die Art war in der Rhön also schon immer selten.

Grossmann bemerkte vor vierzig Jahren sehr treffend, dass das Schmalblättrige Waldvögelein »die am wenigsten häufige Cephalanthera-Art, jedoch auch am wenigsten streng an Kalk gebunden« ist.

Obwohl also diese Art ökologisch flexibler zu sein scheint als sein Bleiches Geschwisterchen, wird sie in der Rhön immer seltener.

Heute kommt das Schmalblättrige Waldvögelein in der zentralen und nördlichen Rhön nur noch an ganz wenigen Standorten vor, eine gewisse Häufung von Funden gibt es lediglich in thermophilen Laubwäldern der Muschelkalkgebiete um Meiningen, im Ulstertal und an den Rändern der fränkischen Mu­schelkalkplatten. Die verbliebenen Vorkommen sind entweder im lichten montanen Laubwald auf Basalt oder aber in lichten thermophilen Wäldern tiefer Lagen auf Kalk angesiedelt.


Schmalblättriges Waldvögelein am Südrand der Rhön, 26.05.2006

Das Schmalblättrige Waldvögelein ist an seinen sehr langen und schmalen, aufrecht stehenden ober überhängenden Laubblättern zu erkennen. Seine Blüten sind strahlend weiß, meist zahlreicher als beim Bleichen Waldvögelein und öffnen sich, wenn auch nicht weit. Diese Art ist im Gegensatz zu jener auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Pflanzen in der Sonne gedeihen meist prächtiger als solche im Schatten. Bekommt die sonnenhungrige Pflanze zu wenig Licht, bildet sie weniger Blüten oder verkümmert ganz. Dennoch sucht das Schmalblättrige Waldvögelein immer die Nähe zum Baumbestand (Ursache dürfte auch hier der Epiparasitismus auf den kohlenstoffliefernden Bäumen sein), und es tritt nur an grasigen Waldrändern oder auf Lichtungen aus dem Schatten der Bäume heraus.

Nomenklatur

Wissenschaftlicher Name:

Cephalanthera longifolia
(L.) Fritsch 1888

Deutsche Namen:
Schmal-, Schwert- oder Langblättriges Waldvögelein

Kurzbeschreibung

Schlanke Pflanze, Wuchshöhe 15-60 cm. Rhizom horizontal kriechend, kurz, verzweigt und bewurzelt. 7 bis 12 aufwärts gerichtete, sehr lange schmal-lanzettliche Blätter. Blütenstand bis 40-blütig; nur die untersten Tragblätter sind ähnlich groß wie die Laubblätter, die anderen sind sehr viel kürzer. Blütengröße 12-18 mm. Blüten reinweiß, abstehend; etwas öffnend. Sepalen spitz; Lippe zweiteilig; Hypochil mit orange­gelben Flecken und aufgerichteten Seitenlappen, Epichil mit ebenso orangegelben Leisten. Bestäubung durch Bienen.
Blütezeit in der Rhön und in Mainfranken: Anfang Mai bis Anfang Juni.


Schmalblättriges Waldvögelein im Bergwinkel, 24.05.2009

Vorkommen und Standort

In der Rhön sehr selten, offenbar im Tiefland eher basiphil als in den Bergen.
Standorte: Lichte Wälder, Waldränder und Gebüsche, Bergwälder, an grasigen, halbschattigen Stellen. Auf mäßig trockenen Böden, besonders auf Kalk.

Höhenverbreitung in der Rhön: ca. 200 m bis 800 m.
Gesamtverbreitung: Mittel- und Südeuropa, Nordafrika, ostwärts bis in die Hochgebirge Asiens.

Hybriden

Da das Schmalblättrige Waldvögelein gern gemeinsam mit den anderen Waldvögelein-Arten wächst, sind Hybriden denkbar. In der Rhön wurde bislang jedoch nur diejenige mit dem Bleichen Waldvögelein, Cephalanthera × schulzei, nachgewiesen.

Mehr zu dieser Art

» flickr.com | Cephalanthera longifolia – alle Fotos von M. Klüber
» de.wikipedia.org | Langblättriges Waldvöglein
» AHO-Bayern e.V. | Cephalanthera longifolia

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