Orchideen in der Rhön:
Geologie der Rhön

Um die Entstehung der Rhöner Berge ranken sich zahlreiche Sagen. Der Missionar Gangolf erledigte den Riesen Mils, der das Volk tyrannisierte, und schaufelte ihm ein gewaltiges Grab – die Milseburg. Dass auch der Teufel seine Hand mit im Spiel hatte, bezeugen zahlreiche Bergnamen wie Teufelstein oder Teufelskanzel. Die Wissenschaft sieht es freilich nüchterner: Der Rhönvulkanismus ist im geologischen Großzusammenhang des langen oberrheinischen Grabenbruchs zu sehen.


Blick vom Soisberg über die nördliche Rhön

Vor etwa 25 Millionen Jahren brachen glühende Laven durch die Sedimentschichten der Trias an die Oberfläche, und ein lang anhaltender Vulkanismus setzte ein. Vulkankegel über einer subtropischen Seenlandschaft mit Zimt- und Eukalyptusbäumen, Krokodilen und Schildkröten: Die reichen oligozänen Fossilfunde von Sieblos am Fuß der Wasserkuppe zeichnen ein lebhaftes Bild aus der Entstehungszeit unserer Landschaft. Ihr heutiges Landschaftsbild verdankt die Rhön der erosiven Freilegung von vulkanischen Ganggesteinen, die nun als Bergrücken, Kuppen, Kegel und Felswände das mesozoische Deckgebirge aus Muschelkalk und Buntsandstein überragen.


Blick von der Milseburg über die Kuppenrhön

Ein Blick von der Milseburg über die Kuppenrhön gewährt einen instruktiven Einblick über die verschiedenen Landschaftsformen der Rhön. Wir stehen auf einem erodierten Vulkankegel und blicken über eine reich gegliederte Landschaft, die von zahlreichen Vulkankuppen, Kalkrücken und Tafelländern aus Buntsandstein geprägt ist. Die Entstehung dieser Landschaft ist komplex und mit dem Augenschein kaum nachvollziehbar. Gerade die Interpretation des Rhönvulkanismus, der der heutigen Landschaft ihr Gepräge gibt, ist vielfach revidiert und neu geschrieben worden.

Der Unterbau der Rhön gehört zur Mitteldeutschen Kristallinschwelle, die hier als Spessart-Rhön-Schwelle bezeichnet wird und Teil des karbonischen Variszischen Gebirges ist. Dieser etwa 340 bis 360 Millionen Jahre alte, große deutsche Gebirgszug baut sich entlang der Hauptachse des Rhön-Hauptkammes auf, doch seine Gesteine treten in der Rhön nirgends flächenbildend zutage, sondern wurden nur in großer Tiefe erbohrt beziehungsweise vereinzelt als Xenolithen in den vulkanischen Förderprodukten nachgewiesen. Im Perm war das Gebiet der Rhön zunächst Festland, so dass hier kaum Rotliegendes abgelagert wurde. Hingegen wurde Zechstein dann nach der Absenkung des Landes in den Randgebieten der Rhön, in Transgressionszonen des Zechsteinmeeres, großflächig und teilweise auch in großen Mächtigkeiten abgelagert. Aus dieser Zeit stammen die Kalisalze, die heute im Fliede- und Werratal abgebaut werden, und auch die Solen der Bäder Brückenau, Kissingen und Neustadt gehen auf diese Salzlager zurück. Spätere Subrusionen infolge von Auslaugungen der Salzlager bedingten die Erdfälle wie beispielsweise das Träbeser Loch, der Frickenhäuser See oder die »Kutten« der Thüringischen Rhön. Einige dieser Dolinen fassen heute die einzigen natürlichen Seen der Rhön. Auch für die heutige Orchideenflora der Rhön sind sie von Bedeutung, denn die Sumpf-Weichwurz Hammarbya paludosa hat ihre einzigen Vorkommen in verlandeten Dolinenseen der Thüringischen Rhön.


Sandsteinblöcke auf einem alten Gehöft in Sandberg

Große Gebiete der Rhönlandschaft werden heute von den Gesteinen der Trias dominiert. Hier, an der Nordgrenze der Süddeutschen Großscholle, treten großflächig Buntsandsteine der unteren Trias zutage, die vor etwa 251 bis 241 Millionen Jahren als alluviale und fluviatile Sedimente in einem nun wiederum trockengefallenen Kontinentalbecken abgelagert wurden. In weiten Teilen der Rhönvorländer prägt Unterer Buntsandstein in Form flachwelliger Hügel- und Tafelländer das Landschaftsbild und ist als historisches Baumaterial in den Dörfern allgegenwärtig. In der thürinigschen Rhön befinden sich aus dieser Zeit auch Salinare mit Anhydrit-, Gips- und Steinsalzlagern. Der Heidelberg bei Ostheim wurde als Horst aus dem Schichtenstapel herausgehoben und überragt heute die jüngeren Muschelkalke der Umgebung. Im Buntsandstein wurden schöne Platten mit den Fährten des Handtiers Chirotherium gefunden, und auch Mastodonsaurus ingens (das bis heute größte nachgewiesene Amphibium) sowie Spuren von Schachtelhalmen und Farnen konnten in Fossilien nachgewiesen werden.


Muschelkalk

Die Muschelkalke der Mittleren Trias, vorwiegend als Flachwasserablagerungen entstanden, treten in der heutigen Landschaft als Bergrücken und Landstufen in Erscheinung. Auf der wasserstauenden Schichtgrenze zu den Tonen des Buntsandsteins sind an den Steilhängen vielerorts Schollen abgerutscht und bilden nun Buckelhänge. Mancherorts sind die Muschelkalke durch tektonische Prozesse überkippt, so dass die ältesten Schichten des Wellenkalks nun oben liegen. Gerade die Hänge im Wellenkalk, der sich durch seine ausgeprägten Bänke auszeichnet, bieten vielen Orchideen geeignete Wald- und Magerrasenstandorte. Die Fossilienfauna und -flora der Mittleren Trias umfasst beispielsweise Ceratiten, Terebrateln und Conodonten. Unter wechselhaften Sedimentationsbedingungen wurden Keupergesteine der Oberen Trias abgelagert, sie sind in der Rhön später wieder weitgehend erodiert und heute nur noch relativ kleinflächig in tektonischen Gräben erhalten. Erst im angrenzenden Grabfeld und auf der Fränkischen Platte treten sie wieder großflächig zutage.

Im Jura hob sich die »Rhön-Schwelle« aus dem Meer, aus Jura und Kreide sind daher kaum Ablagerungsspuren nachweisbar. Stattdessen setzte in Festlandsbereichen die Abtragung der älteren Sedimente ein. In einer Doline bei Abtsroda ist Kaolinit als kreidezeitliches Erosionsprodukt eingeschwemmt, er wurde im 18. Jahrhundert von den Fuldaer Fürstäbten für die Porzellanmanufaktur abgebaut. Ganz in der Nähe befinden sich die unteroligozänen Tertiärsedimente von Sieblos, deren bituminöse Schiefer im 19. Jahrhundert zur Gewinnung von Lampenölen geschürft wurden. Schon von Anfang an war der wissenschaftliche Nutzen dieses Bergwerks größer als der wirtschaftliche Ertrag, denn hier sind europaweit einmalige limnische Ablagerungen eines verlandenden Sees dokumentiert, die einen Einblick in eine reiche Flora und Fauna mit Fossilien von Zimtbäumen, Eukalyptus, Akazien, Mimosen, Fischen, Krokodilen, Schildkröten und anderem gewähren. Im Sieblos-Museum Poppenhausen sind einige der Funde ausgestellt. Jüngere tertiäre Braunkohlen sind am Bauersberg und bei Theobaldshof abgebaut worden, und auch hier boten sich umfangreiche Einblicke in die hier miozäne Flora und Fauna.


Die vielen Vulkankegel der Kuppenrhön sind Zeugen der starken tektonischen Zerrüttung

In das subtropische Szenario, das die Fossilfunde des Oligozän zeichnen, brach vor etwa 25 Millionen Jahre der lang anhaltende Vulkanismus ein, dem die heutige Landschaft ihre charakteristische Gestalt verdankt. Der Rhönvulkanismus ist im geologischen Großzusammenhang des langen Grabenbruchs zu sehen, der Europa vom Rhônetal über den Oberrheingraben bis hin nach Südskandinavien zerteilt. Die auseinanderdriftenden Kontinentalplatten, die Europa vielleicht eines Tages entzwei reißen werden, sind Ursache einer starken Zerrüttung des Untergrundes. Gerade im Bereich der Rhön ist der Unterbau in zahlreiche, teils sehr kleine Bruchschollen zerlegt, zwischen denen das Magma aus dem Erdmantel an die Oberfläche drückte. Diese Bruchtektonik setzte bereits im Mesozoikum ein und hielt während der gesamten vulkanischen Periode an. Man vermutet auch Einflüsse der Alpenhebung auf die untermiozäne Steigerung der vulkanischen Aktivität und die damals einsetzenden Hebungsprozesse in der Rhön.


Die Milseburg stand im Blickpunkt, als Neptunisten und Plutonisten stritten

Der Weimarer Mineraloge Johann Carl Wilhelm Voigt erkannte 1783, dass die Basalte in der Rhön vulkanischen Ursprungs sind. Das ist bemerkenswert, weil zu dieser Zeit noch ein heftiger wissenschaftlicher Streit über die Entstehung von vulkanischen Gesteinen tobte, der nicht zuletzt mithilfe von Voigts Beiträgen geklärt werden konnte. Die vulkanogenen Erscheinungen in der Rhön wurden in vergangenen Zeiten sehr unterschiedlich interpretiert, und manche Geologen haben die Ansicht vertreten, dass viele oder gar sämtliche vulkanische Bildungen der Rhön intrusiv entstanden seien, also nicht die damalige Erdoberfläche erreicht hätten. Doch gerade jüngste Erkenntnisse belegen, dass der Rhönvulkanismus außerordentlich vielschichtig bewertet werden muss. Bereits frühere Geologen haben in der Umgebung der Milseburg Schlotbrekzien mit einer Vielzahl von Xenolithen, Fremdanteilen in der vulkanischen Fördermasse, festgestellt.


Phonolith

In den 1990er Jahren wurden dort Bohrungen durchgeführt, bei denen sich vulkanische Abfolgen mehrere hundert Meter unter die Erdoberfläche verfolgen ließen. Dabei wurden Ablagerungen von Laharen angetroffen, aber auch Kumulate, die aus Magmakammern stammen, die schnell entleert worden sein müssen. Vergleiche mit ähnlichen Gesteinen aus anderen Vulkangebieten deuten darauf hin, dass in der Rhön ein Caldera-Einbruch stattgefunden haben könnte, wobei freilich das Ausmaß und die Lage einer solchen Caldera noch nicht bestimmt werden können. Jedenfalls zeigt das Spektrum der aufgefundenen Gesteine an, dass der miozäne Vulkanismus phasenweise sehr explosiv gewesen sein muss, und dass zwischen den vulkanischen Ereignissen Ruhephasen lagen, in denen vulkanische Produkte sedimentiert wurden. Der Beginn des Rhönvulkanismus lag vermutlich im Mitteloligozän vor etwa 25 Millionen Jahren und dauerte mit Unterbrechungen bis ins Mittelmiozän vor etwa 11 Millonen Jahren an, wobei die Hauptaktivitäten vor etwa 22 bis 18 Millionen Jahren stattfanden. Die weltweit anzutreffende magmatische Abfolge vom Alkalibasalt über den Trachyt hin zum kieselsäurereichen Phonolith kann auch in der Rhön festgestellt werden. Im Spektrum der Vulkanite sind außerdem auch Andesite, Tephrite, Basanite, Hornblendebasalte, Olivinbasalte und Tuffe vertreten; die Minerale Rhönit und Buchonit haben in der Rhön ihre Typuslokalitäten.


Säulenbasalt am Gangolfsberg

Insbesondere in der Kuppenrhön ist die Landschaft gespickt von zahlreichen eher jüngeren intrusiven Förderschloten, Gangfüllungen und Pfropfen, die durch spätere Erosionsprozesse aus den weicheren Triasgesteinen herauspräpariert wurden. Dagegen trifft man auf den Plateaus der Hohen Rhön von den Schwarzen Bergen über Kreuzberg, Dammersfeldrhön und Lange Rhön bis hin zur Wasserkuppe auf ältere großflächige Basalte, die aus Oberflächenergüssen resultieren. In den jüngeren Basalten des Wasserkuppengebietes findet man einen hohen Anteil von Olivinknollen, die nochmals auf einen sehr schnellen Aufstieg der Lava aus großen Tiefen schließen lassen. Der an manchen Stellen zutage tretende Säulenbasalt entstand durch Kluftbildung bei der Abkühlung, wodurch das Gestein in seiner charakteristischen prismenartigen Gestalt erhärtete. Postvulkanische Erscheinungen sind die Mineralwässer und Heilquellen der Rhön, die einigen der Kurbäder zu großer Bedeutung verholfen haben.


Lavadecken von Oberflächenergüssen bildeten vermutlich die Hochebenen der Langen Rhön

Die heutige Rhönlandschaft erhielt nach dem Erlöschen des Vulkanismus durch weitreichende Abtragungen ihren bislang letzten Schliff, und dabei wurden auch sämtliche primären Oberflächenformen des Vulkanismus beseitigt. Die Kuppenrhön, und hier insbesondere das Hessische Kegelspiel, verdankt ihr unvergleichliches Landschaftsbild der Freilegung der vulkanischen Ganggesteine, die nun als Kuppen und Kegel das das mesozoische Deckgebirge überragen. Die einstmaligen Lavadecken von Oberflächenergüssen bilden auch heute noch die Plateaus der Hohen Rhön. Aus den Tälern greifen die rückwärts erodierenden Bäche in die Flanken der Plateauberge ein. Im Eozän durchzogen große Flüsse das Land, die zum Ur-Main und zur Ur-Altmühl entwässerten. In den Flussablagerungen dieser Zeit, beispielsweise bei Kaltennordheim, Sülzfeld und Ostheim, wurden beispielsweise die Fossilien des Urelefanten Mastodon, eines primitiven Hirsches Metacervoceros und eines Tapirus sowie das erstmalige Auftreten rezenter Baumarten festgestellt. Aus der Cromer-Warmzeit vor etwa 350.000 Jahren stammen die Funde von Untermaßfeld mit Homo erectus, Mammut, Flußpferd, Wollnashorn, Bison, Löwe, Panther, Rhesus-Affe und anderen. Äolische Bildungen sind die Lößlehme und Auelehme, die insbesondere in den Tallagen anzutreffen sind. In den letzten Eiszeiten entstanden durch ständigen Wechsel von Frost und Hitze die zahlreichen Blockhalden der Rhön, und die charakteristischen Hochmoore, die abflusslose Mulden der Hochrhön ausfüllen, sind seit der letzten Eiszeit entstanden.


Wölbäcker am Weinberg bei Weisbach

Die Bodenverhältnisse in der Rhön sind im Allgemeinen je nach Untergrundgestein sauer (ph-Wert ~ 4,5 – 6 auf Buntsandstein) bis stark basisch (ph-Wert > 7 auf Muschelkalk), auf Vulkangesteinen schwanken die Werte je nach deren Zusammensetzung. Auf Buntsandstein entwickeln sich Sandböden, sandige Lehmböden oder Braunerden, im oberen Buntsandstein herrschen schwere Tonböden (Pelosole) vor. Auf dem porösen Muschelkalk bilden sich überwiegend die flachgründigen Rendzinen, aber auch tonige Lagen mit Pelosolen. Im Keuper sind je nach Ausgangsmaterial tonige und sandige Böden abgelagert, die zur Staunässe und Pseudovergleyung neigen. Die nährstoffreichen Lehme auf dem Basalt der Hochrhön wären vorzügliche Agrarböden, wenn nicht das Klima so rau wäre. An vielen Stellen der Hochrhön trifft man noch auf die Strukturen von Wölbäckern, die auf Ackerbau in klimatisch günstigeren Zeiten des Mittelalters zurückggehen. Häufig sind die Hänge der Vulkanberge mit Blockschuttböden überdeckt, die die Bodenbildung überprägen. Die Talböden im Grundwassereinfluß und in Überschwemmungsgebieten sind je nach Nässe durch Braunerde-Gleye oder Gleyböden gekennzeichnet.

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