Spitzels Knabenkraut Orchis spitzelii

Orchideenportrait

Faszinierend sind manche Orchideen durch ihre Schönheit, andere durch ihre Seltenheit. Wieder andere beeindrucken durch ihre Bestäubungsbiologie, manche auch einfach durch ihren Wuchsort, ihre Einbindung ins Ökosystem. Verschiedene Arten sind mysteriös und bergen Geheimnisse. Bis auf die relativ konventionelle Bestäubung durch Hummeln ist dies hier eine Orchidee, auf die sonst alle Kriterien zutreffen: Spitzels Knabenkraut, Orchis spitzelii.

Als der Forstrat Anton von Spitzel im Jahr 1835 eine Wanderung über die Weißbachalm am Rande des Steinernen Meers bei Saalfelden unternahm, stieß er auf eine ihm unbekannte Orchidee. Zwar ähnelte sie bei oberflächlicher Betrachtung dem Manns- oder Stattlichen Knabenkraut Orchis mascula, wies aber doch bei näherem Hinsehen deutliche Unterschiede zu diesem auf. Als er sein Herbarexempar dem Salzburger Kreisarzt Anton Eleutherius Sauter (1800–1881) vorlegte, war schnell klar, dass hier eine bislang unbekannte Art entdeckt worden war. Zu Ehren des Entdeckers benannte Sauter die Art Orchis spitzelii. Publiziert wurde sie 1837 in Kochs Standardwerk ‚Synopsis Florae Germanicae et Helveticae‘.

Spitzels Knabenkraut in der Haute-Provence, 25.05.2004Spitzels Knabenkraut auf Gotland, 30.05.2018
links: Spitzels Knabenkraut in der Haute-Provence, 25.05.2004
rechts: Spitzels Knabenkraut auf Gotland, 30.05.2018

Spitzels Knabenkraut

Szenenwechsel. Im Jahr 1914 war der schwedische Botaniker Thore Christian Fries an der Ostseeküste Gotlands unterwegs und fand eine ungewöhnliche Orchidee, zu der er in sein Feldbuch notierte: »En egenartad form av Orchis mascula, i hög grad påminnande om O. morio« – also eine eigenartige Form von Orchis mascula, die hochgradig an Orchis morio (heute Anacamptis morio) erinnert. Dies publizierte er in der Svensk Botanisk Tidskrift, seine Beobachtung fand aber nur wenig Resonanz. Erst als Bengt Pettersson in den Jahren 1939/40 auf Gotland unterwegs war und seine Erkenntnisse mit den Herbarbelegen von Fries abglich, konnte der Irrtum aufgeklärt werden: auch diese zunächst unbekannte Orchidee auf Gotland ist Spitzels Knabenkraut. Pettersson beschrieb sie als var. gotlandica, was heute in Ermangelung klar abgrenzbarer Merkmale verworfen wird.

Zwischenzeitlich waren Ende des 19. Jahrhunderts und im frühen 20. Jahrhundert weitere Funde bekannt geworden, vom Kaukasus über die Gebirge des Mittelmeeraumes bis zum nordafrikanischen Atlas. Auch in Deutschland wurde sie über einen gewissen Zeitraum beobachtet, nämlich am Schlossberg bei Nagold von etwa 1845 bis 1895. Doch was hatte es zu bedeuten, dass diese Orchidee so extrem selten zu finden war und mit riesigen geographischen Distanzen entdeckt wurde?

Den zersplitterten Arealtyp bezeichnet man als disjunkt. Dass insbesondere an den Rändern des Areals teils schwer abgrenzbare Unterarten wachsen, macht die Sache auch nicht einfacher. Zahlreiche Theorien, Hypothesen und Erklärungsansätze für die Verbreitung der Art sind im Umlauf. Dass geographische Isolation während Eiszeiten und Zwischeneiszeiten eine Rolle spielt, mag noch einigermaßen naheliegend sein. Aber die stark unterschiedlichen Biotope in den weit voneinander entfernt liegenden Teilarealen erklärt das noch nicht. Und schon gar nicht das Vorkommen auf Gotland, das in der Eiszeit von Eis sowie in der Nacheiszeit von Wasser bedeckt war.

Blüten von Orchis spitzelii, Gotland, 30.05.2018Wuchsort an der Ostseeküste auf der Insel Gotland, 20.06.2011
links: Blüten von Orchis spitzelii, Gotland, 30.05.2018
rechts: Wuchsort an der Ostseeküste auf der Insel Gotland, 20.06.2011

Hierzu wurden die wildesten Theorien aufgestellt. Die heute gängigste lautet, dass sie mit provenzalischen Grassamen um die Jahrhundertwende 1900 herum eingeschleppt wurde. Gelegentlich wird das etwas zu selbstsicher postuliert – in meine Gotland-Vorträge baue ich daher gern die These ein, dass es nicht der Grassamen war, sondern dass schon 600 Jahre eher die französischen Bildhauer, die an den gotischen Kirchen arbeiteten, den Samen in der Kleidung mitgebracht haben. Natürlich ist das nicht ernst gemeint – aber es lässt sich genauso wenig falsifizieren oder verifizieren wie die Grassamen-Theorie und zeigt damit die Absurdität einer solchen Diskussion.

Man kann davon ausgehen, dass immer noch überraschende Funde möglich sind. Auch ein Wiederfund in Deutschland ist nicht ganz ausgeschlossen, wenn auch alle bisherigen Nachsuchen in den Berchtesgadener Alpen, unweit des Erstfundes bei Saalfelden, ins Leere liefen. So waren auch die Funde in der slowakischen Malá Fatra 1987 sowie im Schweizer Kanton Wallis 1988 unvorhersehbar und beweisen, dass auch in vermeintlich gut erforschten Regionen noch Überraschungen möglich sind.

an den Berghängen der französischen Kalkalpen ist Spitzels Knabenkraut etwas häufiger zu finden - Grand Veymont und Mont Aiguille im Vercors, 05.06.2006
an den Berghängen der französischen Kalkalpen ist Spitzels Knabenkraut etwas häufiger zu finden – Grand Veymont und Mont Aiguille im Vercors, 05.06.2006

Wer diese Art ohne genaue Fundangaben finden will, muss also ein sehr gutes Auge für potentielle Wuchsorte haben und in einer Gegend unterwegs sein, in der die Art wenigstens ein bisschen gehäuft auftritt. Solche Regionen sind beispielsweise der Vercors in den französischen Kalkalpen, die Haute-Provence oder das nordgriechische Pindos-Gebirge. In Italien gibt es gut dokumentierte, aber eher isolierte Fundgebiete am Südalpenrand und in den Abruzzen. Auffällig ist, dass diese Orchidee von Gotland bis ans Mittelmeer ein Faible nur für allerschönste Landschaften hat (aber dennoch in meiner geliebten Rhön fehlt…), als ob sie quasi Augen hätte. So ist und bleibt die Begegnung mit dieser außerordentlich mysteriösen Schönheit eine Sternstunde jedes Orchideenliebhabers. Und gerade ein Zufallsfund auf einer Bergtour zum Grand Veymont im Vercors ist mir deshalb in besonders wertvoller Erinnerung geblieben.

Nomenklatur

Wissenschaftlicher Name:
Orchis spitzelii Saut. ex W.D.J.Koch

Deutsche Namen:
Spitzels Knabenkraut

Kurzbeschreibung

Eher zierliche Pflanze, Wuchshöhe 12-40 cm. Runde Knolle, jährlich eine Tochterknolle bildend, zur Blütezeit daher mit zwei Knollen. 2 bis 7 grundständige, rosettig gehäufte Grundblätter, eiförmig-lanzettlich, grün, ungefleckt und glänzend. Das oberste Laubblatt umfasst den Stängel scheidig. Blütenähre zylindrisch, meist eher armblütig, bei kräftigen Exemplaren jedoch bis über 30-blütig. Aufgrund der relativ großen Blüten wirkt der Blütenstand nicht so geschlossen wie bei anderen Knabenkräutern. Tragblatt häutig, relativ lang und zugespitzt. Blütengröße 15-25 mm. Blüten purpur-violett, mit starken bräunlich-grünen Komponenten im Perigon, nicht duftend. Sepalen und Petalen sind in der Grundfarbe bräunlich-grün und bilden einen lockeren Helm, die Sepalen stehen deutlich nach vorn und sind innen meist gepunktet. Lippe dreilappig mit nochmals geteiltem Mittellappen, vor allem im zentralen Bereich gepunktet. Sporn dick, kegel- bis sackförmig, stumpf, leicht nach unten gebogen. Bestäubung durch Hummeln.
Blütezeit: variiert im sehr großen Verbreitungsareal von Mai bis Anfang Juli.
Chromosomenzahl: 2n = 40-42.

Vorkommen und Standort

Orchis spitzelii besiedelt in den sehr unterschiedlichen Regionen ihres Vorkommens unterschiedliche Wuchsorte: lichte Stellen in mediterranen Gebirgs-Nadelwäldern, Kalk-Buchenwälder, subalpine Weiden, alpine Rasen und Zwergstrauchheiden im Bereich der Baumgrenze. Je südlicher und heißer das Klima, desto eher werden Nordhänge bevorzugt. Auf Gotland wächst die Art auf Meereshöhe in Pflanzengesellschaften, die mancherlei Übereinstimmung mit den alpinen Zwergstrauchheiden aufweisen.
Höhenverbreitung im bekannten Areal: Von Meereshöhe (auf Gotland) bis 2000 m in den Alpen (Brenta), in mediterranen Gebirgen teils bis 2100 m (Pindos).
Gesamtverbreitung: Mittelmeerraum, insbesondere in den Gebirgen vom Atlas bis zum Kaukasus, Alpenbogen mit klar südwestlichem Schwerpunkt, davon abseits in der Slowakei sowie auf der Ostseeinsel Gotland.

Bildgalerie Orchis spitzelii

Orchis spitzelii im Biotop, einem lichten Kiefernwald an der Ostseeküste auf der Insel Gotland, 30.05.2018Spitzels Knabenkraut im Biotop, einem Kiefernwald im Osten Gotlands, 29.05.2018Habitus einer Pflanze im Norden Gotlands, 29.05.2018Blüten von Orchis spitzelii, Gotland, 29.05.2018zwei Einzelblüten, Gotland, 29.05.2018oberer Teil des Blütenstandes, Gotland, 30.05.2018
Habitus einer Pflanze im Norden Gotlands, 30.05.2018Blütenstand, Gotland, 30.05.2018aufblühende Pflanze am Monte Tremalzo, Gardaseeberge, 31.05.2023Zwei Blütenstände aus dem Norden Gotlands, 29.05.2014Blütenstand einer Pflanze aus dem Vercors, 06.06.2006Habitus einer Pflanze am Grand Veymont, Vercors, 06.06.2006
Blüten von Orchis spitzelii, Vercors, 06.06.2006Blütenstand einer Pflanze aus dem Vercors, 06.06.2006eine stattliche Pflanze von Orchis spitzelii aus der Haute-Provence, 25.05.2004zwei Blütenstände, Haute-Provence, 25.05.2004voll aufgeblühte Infloreszenz, Haute-Provence, 25.05.2004Detail des Blütenstandes, Haute-Provence, 25.05.2004
Einzelblüte seitlich, Vercors, 06.06.2006Einzelblüte schräg, Haute-Provence, 25.05.2004Einzelblüte frontal, Vercors, 06.06.2006Orchis spitzelii, nahezu weiß blühend, auf Gotland, 29.05.2018Orchis spitzelii, Einzelblüte - nahezu weiß, auf Gotland, 29.05.2018Hybride Manns- × Spitzels Knabenkraut: Orchis mascula × spitzelii = Orchis × amsittenii im Osten Gotlands, 29.05.2018

Mehr zu dieser Art

» Orchis spitzelii – alle Fotos von M. Klüber
» de.wikipedia.org | Spitzels Knabenkraut
» gbif.org | Orchis spitzelii (mit Arealkarte)

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