Grigne

Steile Felsen, steile Wiesen, steiler Wald. In den Grigne ist einfach alles steil. Viel zu tun für Sportlerbeine. Speedbiker und Speedhiker sind an den Hängen der Grigne unterwegs, Kletterer und Bergläufer. Überall Sportler! Als Bergwanderer mit Tourenrucksack kommen wir uns hier vor wie Exoten.

Vom 25. bis 28. Mai sind wir vier Tage unterwegs in dieserm Miniaturgebirge östlich des Comer Sees. Stephan kommt mit dem Flieger aus Dublin nach Bergamo, Jan ist schon in der Gegend unterwegs. Nach 7stündiger Fahrt sammle ich die beiden ein, wir kaufen Proviant ein und starten am Nachmittag auf den Piani dei Resinelli oberhalb Lecco.


Grigna Meridionale (Grignetta, 2177 m)

Immerhin muss man die Tour durch die Grigne nicht ganz unten am See beginnen. Doch auch so hat es das Nachmittagsprogramm in sich: erst eine lange Hangquerung, und dann etwa 1400 Meter Aufstieg zum 2409 Meter hohen Gipfel der Grigna Settentrionale, der nördlichen und höheren der beiden Grigne-Gipfel.

Traversata Bassa

Wir wandern zunächst um die Grigna Meridionale, die Kleine Grigne (Grignetta) herum und auf der Traversata Bassa, durch wunderschöne Bergwiesen und Wälder hinüber zur Alpe di Cova. Kurz vor der Alm folgen wir einem alten Saumweg, der sich zwischen umgestürzten Bäumen verliert. Wieder alles zurück? Nein, wir kämpfen uns durch ein steiles Bachbett und durch die steinigen Wälder. Es kostet Kraft und Zeit, aber es geht. Von der Alpe steigen wir auf einem steilen Weg hinauf zum Verbindungsgrat der Grigne-Gipfel und dann zum Gipfel mit dem Rifugio Luigi Brioschi.


Traversata Bassa unterhalb der Kleinen Grigna (Grignetta)

Wir freuen uns erstmal über ein kühles Bier und dann über eine gute Pasta und die Wärme am Holzofen. Ein sehr langer Reise- und Tourentag liegt hinter uns, trotzdem sitzen wir noch bis spät abends zusammen, denn so oft sehen wir uns ja auch nicht. Am nächsten Tag können wir es geruhsamer angehen lassen.


Am Rifugio Brioschi, der Gipfelhütte auf dem Grignone (2409 m) – Claudio Ghezzi (rechts) war schon über 4300 Mal auf dem Grignone

Beim Frühstück treffen bereits die ersten Tagesgäste auf der Hütte ein. Sie sind früh gestartet und wollen zum Mittagstisch wieder zuhause sein. Unter ihnen ist auch Claudio Ghezzi, der Rekordmann der Grigne mit über 4300 Besteigungen seit 1975. Das sind im Schnitt über hundert Grigne-Touren im Jahr. Insofern ist es nur logisch, dass er auch heute da ist.


Blick vom Gipfel des Grignone nordwärts


Abstieg vom Grignone

Nach dem obligatorischen Gipfelfoto steigen wir über die Nordflanke des Grignone ab. Hier liegt noch tiefer Altschnee. Aber er ist sulzig, was beim Abwärtsgehen ganz angenehm ist. Aufpassen muss man jedoch an den Übergängen zu den Felsen. Die gesamte Nordflanke des Grignone ist karstig und durchzogen von Furchen und Dolinen. Kein einziger Bergbach rinnt die Hänge herab, stattdessen sucht sich das Wasser seinen Weg durch den Berg und tritt dann weit unten periodisch aus – beispielsweise im berühmten Fiumelatte, dem »Milchfluss« von Varenna.

Cresta di Piancaformia

Unterhalb der Schneefelder wechseln wir hinüber zur Cresta di Piancaformia. Dieser Grat führt hinunter zur Bocchetta di Prada. Der Pfad führt meist durch mäßig ausgesetztes Gelände, nur stellenweise ist es richtig exponiert. Das Wetter ist weiterhin wolkig und trüb, dennoch bieten sich immer wieder beeindruckende Blicke hinab auf den Comer See. Nach einer ausgiebigen Rast erreichen wir den bequemen Weg, der zum Rifugio Bietti-Buzzi hinüber führt.


Blick von der Cresta di Piancaformia auf den Comer See (Foto: Jan Gensler)


Porta di Prada (Foto: Jan Gensler)


Clusius-Enzian, Gentiana clusii

Auf dem Weg dorthin passieren wir das Felsentor der Porta di Prada. Unweit davon weist eine Tafel auf Versteinerungen in den Felsen hin. Bald ist die Hütte erreicht. Wir verbringen den Nachmittag auf der Terrasse, denn das Wetter wird zunehmend sonniger. Immer wieder reißen die Wolken am Grat des Grignone auf, aber erst kurz vor Sonnenuntergang ist der Himmel wolkenfrei. Abends gibt es Pasta und zum Hauptgang Missoltini, Fische aus dem Comer See. Auch auf dieser Hütte sind wir die einzigen Gäste.


Blick vom Rifugio Bietti-Buzzi auf die Felswände des Grignone


Abend am Rifugio Bietti-Buzzi

Traversata Alta

Am nächsten Tag steht der anspruchsvollste Teil der Tour auf dem Programm: die Traversata Alta, die über den Verbindungsgrat von Nördlicher und Südlicher Grigna führt. Zunächst steigen wir vom Rifugio auf dem Canalone-Weg hinauf zum Grat. Erst geht es durch Schutthänge und Schrofen, dann folgt ein steiles und hartgefrorenes Altschneefeld. Wir müssen Spurarbeit leisten und kämpfen uns hinüber in den eigentlichen Canalone, eine recht steile Felsrinne, die – teils mit Ketten gesichert – hinauf zum Grat führt.


Aufstieg vom Rifugio Bietti-Buzzi durch den Canalone zum Verbindungsgrat der Grigne-Gipfel, über den die Traversata Alta verläuft (Foto: Jan Gensler)

In den steilen Felsen stehen zwei schöne Endemiten der Gegend: die rosarot blühende Grigne-Primel Primula grignensis, erkennbar an den flaumig behaarten Blättern. Außerhalb der Fotoreichweite steht auch der schöne und seltene Vandelli-Steinbrech Saxifraga vandellii.


Grigne-Primel, Primula grignensis, ein Endemit der Grigne

Am Grat angekommen, legen wir eine kurze Pause ein und beobachten die Bergläufer, die im Wettbewerb zum Gipfel hinauf laufen. Wir zweigen am Gratweg ab. Der zunächst gemächliche Pfad durch die Wiesenhänge nimmt an den Felsabbrüchen des Scudo ein jähes Ende. Teilweise sind auch hier Ketten zur Sicherung angebracht, aber viele exponierte Stellen im abschüssigen Schrofengelände sind ungesichert. Hier ist Vorsicht geboten. Nach mehreren Felsstufen erreichen wir den Kamm des Scudo di Tremare, dessen Grasflanken auf beiden Seiten sehr steil abfallen, um dann unten in Felsabbrüchen zu enden. So ist auch hier vorsichtiges Gehen geboten.


an der Traversata Alta, dem Verbindungsweg der beiden Grigne-Gipfel


Traversata Alta – Abstieg vom Scudo (Foto: Jan Gensler)

Am Ende des Graskammes tut sich der nächste gähnende Abgrund auf. Ein sandig-lehmig-rutschiger Pfad führt hinab an den Rand des Schlundes, und dann durch die Schotterflanke hinab. Die Befestigung der Ketten ist teilweise ausgerissen, da helfen nur zwei beherzte Schritte bis zur nächsten Sicherung. Erst an der Bocchetta di Campione kann man durchschnaufen, denn nun ist das permanent mental anspruchsvolle Gehen im Absturzgelände erst einmal vorbei.


Rückblick auf den Scudo und Scudo di Tremare, die heikelsten Passagen der Traversata Alta

Nun steigen wir auf dem Cacciatore-Weg hinauf zur Grigna Meridionale, der kleinen Grigna (Grignetta, 2177 m). Durch steile Verschneidungen geht es an Kettensicherungen hinauf. Am Grat trifft der Weg auf die Ferrata Cresta Segantini, die von Osten heraufkommt. Mit Hilfe der Ketten werden noch ein paar steile, griff- und trittarme Felsaufschwünge bewältigt, und dann stehen wir oben auf dem Gipfel mit dem ufo-ähnlichen Bivacco Ferrario.


Blick von der Südlichen (Grigna Meridionale) zur Nördlichen (Grigna Settentrionale), der Kleinen (Grignetta, 2177 m) zur Großen Grigne (Grignone, 2409 m)

Ziemlich kaputt sind wir nun – und um uns herum wieder lauter Sportler, die mit leichtem oder gar keinem Gepäck im Laufschritt heraufgekommen sind. Kein Wunder, dass niemand auf den Hütten übernachtet, wenn hier in der Gegend alle nur hastig die Berge rauf und runter rennen. Wir steigen auf dem steilen, steinigen, aber unschwierigen Normalweg auf der Cresta Sinigaglia ab. Am Rifugio Porta strecken wir unsere Beine aus und freuen uns über ein kühles Bier.

Dann beziehen wir unser Quartier im Rifugio Casemiro Ferrari und lassen es uns bei einer Portion Pizzoccheri richtig gut gehen. So klingt eine ziemlich lange, ziemlich anstrengende und ziemlich steile Bergtour gemütlich aus. Am nächsten Morgen legen wir die letzte steile Etappe, nämlich das Sträßchen hinab nach Lecco, mit dem Auto zurück – und eine nicht enden wollende Reihe von Radfahrern kommt uns bergauf entgegen.

Tourenübersicht: Grigne

Bilder der Tour auf flickr

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3 Gedanken zu „Grigne

  1. Was für tolle Bilder Marco – und ein super Text!
    Es hat riesigen Spass mit Euch gemacht – hoffentlich bald wieder mal!
    Stephan

  2. Es macht immer wieder Spaß, mit gewissem Abstand nach Touren mit dir sich in eine solch schön geschriebene Zusammenfassung zu vertiefen. Und nochmal gewisse Erlebnisse nachzuvollziehen. Danke – und bis bald!

  3. Vielen Dank Euch beiden – es hat auch mir sehr viel Spaß gemacht (bis auf einen kleinen Bereich am rechten Bein, der immer noch beleidigt ist)!

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