Marmolada

Mariä Himmelfahrt, Ferragosto – und ein verlängertes Wochenende. Am Mittwochabend fahre ich nach Landshut zu Stephan, die Wettervorhersage ist wieder gut, obwohl es in den Tagen zuvor geschüttet hat wie aus Eimern und die Flutkatastrophe des Jahres 2002 in Sachsen und Bayern gerade ihren Höhepunkt erreicht hat. Stephan will schon seit längerem wieder einmal in die Berge, und wir überlegen nicht lange, ob wir eine gemütliche Tour in den Bayerischen Voralpen machen oder doch lieber »was Richtiges«. Die Entscheidung fällt schnell: auf in die Dolomiten, zur Marmolada!

Nach einem schönen Abend an der Isar fahren wir früh in Richtung Brenner. Kurz vor München schlüpfen wir unter einer wenig gemütlichen dichten Wolkendecke hervor, doch von da an ist nur noch pure Sonne angesagt. Vom Sellajoch blicken wir hinüber zu unserem Ziel und erkennen mit dem ersten Blick, dass das kein Spaziergang wird: Der gesamte Westgrat ist tief verschneit.

In den Dolomitentälern bestätigten sich unsere schlimmsten Befürchtungen: Ferragosto, 15. August, ganz Italien ist auf den Beinen, die Dolomiten befinden sich im Ausnahmezustand, und in Canazei stehen wir mit unseren Rucksäcken ziemlich deplaziert zwischen jungem italienischem Partyvolk herum. Zuerst gehen wir Essen. Auf der Tageskarte eines Hotelrestaurants machen wir eine uns bis dato unbekannte italienische Delikatesse aus: »Trippa alla Parmigiana con polenta«. Die Alarmglocken hätten ja schon beim Lesen dieses Namens schrillen müssen – aber wir waren so mutig und haben bestellt. Eine wenig appetitliche Masse wird angeliefert, und beim ersten Bissen ist schon der Tiefpunkt der gesamten Tour erreicht – der gekräuselte Knorpel samt holzigem Maisbrei schmeckt grauenhaft, mir ist speiübel. Stephan reißt sich noch eine Weile zusammen, nimmt noch einige Gabeln, muss dann aber auch aufgeben. Was mag das gewesen sein?


Marmolada, die Dolomitenkönigin – erhaben über die Widrigkeiten der Täler

Nun also nichts wie raus aus den Plagen des Tals. Auf dem Weg zur Hütte verliert sich der italienische Ferientrubel schnell, kurz vor dem Contrinhaus kommt die Marmolada ins Blickfeld. Ein spektakulärer Anblick, diese senkrechte Südwand und links davon der Westgrat, auf dieser Seite nur leicht überzuckert. Rund ums Contrin-Haus herrscht reger Betrieb, wir haben jetzt erst recht einen Bärenhunger, aber es gibt mittags nur Polenta… Nein Danke, egal welche Beilage, das muss nicht sein. Obwohl es nachmittags ruhig wird auf der Hütte, suchen wir uns ein Zeltplätzchen weiter hinten im Tal, neben einem Felsblock am Bach. Wir schleppen unsere Behausung ja wohl nicht grundlos hier hoch. Beim Zeltaufbau dann die nächste Überraschung: Sowohl das Zeltgestänge als auch die Heringe sind zu Hause geblieben!


Marmolada-Westgrat und Südwand über dem Contrin-Tal

Da stehen nun der Herr Archäologe und der Herr Architekt etwas hilflos in der Bergwelt und fragen sich, wie sie ein Dach überm Kopf organisieren sollen. In der Hütte wäre noch Platz, aber keiner von uns beiden verliert ein Wort darüber. Wir nehmen die Herausforderung an und suchen die Umgebung ab. Im Bachbett wachsen mannshohe Weidenbüsche, die ja im Winter und bei der Schneeschmelze einiges aushalten müssten: Vielleicht bieten sie uns die Kombination aus Elastizität und Stabilität, die wir brauchen. Mit dem Schweizermesser rücken wir den Ästen zu Leibe, und Stephan hat die rettende Idee, die Einzelteile mit Hansaplast aus dem Erste-Hilfe-Pack zu verkleben. Nach einer guten halben Stunde steht das Zelt und wir können einen gewissen Stolz nicht leugnen.

Wir setzen uns auf die Terrasse der Hütte, genießen einen schönen Nachmittag und suchen mit dem Fernglas immer wieder den Grat nach kleinen bunten Bergsteiger-Pünktchen ab. An der Südwand türmen sich immer neue Wolken auf, die Lichtstimmungen in diesem atemberaubenden Fels-Amphitheater wechseln rasch. Gegen Abend verziehen sich die Wolken, und wir stehen noch lange nach Sonnenuntergang im Bachbett und beobachten, wie sich die Sternenbilder am Nachthimmel vervollständigen.


Stephan mit der Behelfskonstruktion

Die Nacht ist unruhig, wir hängen etwas schräg am Hang, und ab eins wird es empfindlich kalt. Um fünf klingelt der Wecker, und wir sind sehr schnell draußen, in einer kalten, klammen Morgenstunde. Die Berge sind klar, und so starten wir in den Tag, lange bevor sich die anderen Aspiranten in Bewegung setzen. Zügig steigen wir das obere Contrintal hinauf, im Licht der Stirnlampe finden wir Edelweiß zuhauf. Auf den obersten Wiesen machen wir Frühstück, ganz nah an uns zieht eine Gämse mit ihren Kitzen vorbei. Außer uns ist nur ein drahtiges Paar fortgeschrittenen Alters unterwegs zur Marmolada. Etwa um acht sind wir an der Scharte, legen unser Klettersteiggeschirr an – los gehts. Gleich an der ersten senkrechten Stelle schaltet Stephan die Nähmaschine ein und wundert sich, wie sehr ihm das Gefühl für die Vertikale abhanden gekommen ist. Doch das gibt sich schnell.


Enrosadüra – Alpenglühen

Die Diva zeigt uns nun ihre kalte Schulter: Ein starker, eisiger Wind weht über den Grat, und der Schnee, der gestern in der Sonne geschmolzen ist, hat sich über Nacht in blankes Eis verwandelt, das die Felsen und auch die unzähligen Steigbügel überzieht. Damit kann uns Marmolada jedoch nicht mehr ernsthaft beeindrucken, nach all unseren bisher überstandenen Widrigkeiten… Der »Hans-Seyffert-Weg« ist eine Ferrata der klassischen Erschließerzeit um 1900, sehr sorgfältig wurden die Sicherungen erneuert. Die Aussicht steigert sich von Meter zu Meter, einfach grenzenlos ist der Blick rundum. Manchmal tun sich Abgründe auf, die den Blick in die Südwand öffnen. Auf halber Höhe des Grates kommt uns ein Kerl in leichten Schuhen entgegen, der um 6 am Fedaiasee losgegangen, über den Gletscher auf den Gipfel gestiegen ist und jetzt traumwandlerisch sicher den Westgrat hinabspringt. Dabei ist es erst 9 Uhr!


am Marmolada-Westgrat, kurz vor dem Gipfelaufschwung


Gipfelaufschwung

Auf den letzten Grataufschwüngen und am Gletscherhang leistet die Dolomitenkönigin kaum noch Widerstand, und um kurz nach 10 sind wir oben. Am Gipfel ist es warm und völlig windstill, aber an der Südwand steigen schon wieder ohne Unterlaß Wolken auf, die die Sicht etwas einschränken. Noch sind wir allein. Naja, fast allein, denn ein paar Schneefinken hüpfen neugierig um uns herum. Im Vergleich zu den gierigen Alpendohlen sind das wirklich liebe Zeitgenossen. Eine Stunde schlafen wir im Sonnenschein, bis wir unter klingelnden Handys und plärrenden Gipfelstürmern wieder aufwachen. Hurra, der Ferragosto hat uns wieder. Immer mehr Seilschaften kommen über den Gletscher herauf, Zeit für uns, zu gehen.


Ausblick vom Gipfel


Schneefink, Montifringilla nivalis, am Gipfel

Beim Abstieg kommen uns nicht mehr allzu viele Gruppen entgegen, und auch das Blankeis ist halbwegs getaut, so dass wir schnell wieder an der Scharte sind, über den Schotter ins Contrintal hinabspringen und auf den Wiesen am Zelt ein zweites Schläfchen halten. Später, auf der Hütte, stoßen wir auf den schönen Tag am Berg an. Auch die zweite Nacht im Zelt ist nicht sonderlich gemütlich, aber wir sind müde und schlafen gut. Nachdem wir alle Essensreste im Rucksack geplündert haben, steigen wir ins Tal hinab, fahren durch die wilden Urlaubspartys und über völlig zugeparkte Pässe gen Norden und lassen eine wunderschöne Tour da ausklingen, wo wir sie begonnen haben: Am Ufer der Isar in Landshut.

Und das Italienisch-Wörterbuch (ja, so etwas brauchte man in 2002 noch…) klärt unser kulinarisches Rätsel: »Trippa« sind Kutteln!


Abstieg, Blick ins Val Contrin

Tourenübersicht: Marmolada

Bilder der Tour auf flickr

Marmolada

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