Orchideen in der Rhön:
Fleischfarbene Fingerwurz
Dactylorhiza incarnata

Häufig war die Fleischfarbene Fingerwurz in der Rhön wohl noch nie. Doch im Laufe des vergangenen Jahrhunderts wurde es bei uns immer seltener, so dass es heute am Rande des Aussterbens steht. Obwohl diese Orchideenart quasi in ganz Deutschland verbreitet ist, gilt sie über weite Strecken als sehr selten; nur noch im Alpenvorland und von Brandenburg bis an die Ostsee ist sie häufiger anzutreffen.

Die Fleischfarbene Fingerwurz hat einige Schwesterarten und auch einige Varietäten, die im deutschen Mittelgebirgsraum jedoch nicht vorkommen. Die Biotopansprüche dieser Sippen sind sehr speziell.

Die Fleischfarbene Fingerwurz

Doch auch die typische Fleischfarbene Fingerwurz ist anspruchsvoll. Es bevorzugt Niederungs-Feuchtwiesen, die schonend bewirtschaftet werden und nicht durch Eutrophierung oder Drainage beeinträchtigt sind.
Solche Habitate zeichnen sich durch einen hohen Grundwasserstand und wasserundurchlässigen Boden aus. Die dadurch zwangsläufig auftretenden Überflutungen und periodischen Austrocknungen kann das Fleischfarbene Knabenkraut überstehen, jedoch erträgt es keine Düngung und keine Intensivbeweidung. Zum Verschwinden der Art genügt es sogar schon, wenn in der Umgebung der Standorte gedüngt wird und die Stickstoffe in den Lebensraum der Orchidee eingeschwemmt werden. Die potentiellen Standorte dieser Art sind so fruchtbar und ertragreich, dass sogar bei traditioneller Wirtschaftsweise mehrere Mahden im Jahr möglich sind. Darüber hinaus liegen die Niederungs-Feuchtwiesen meist im Umkreis der Dörfer, was ihre Verwertbarkeit durch die Landwirtschaft zusätzlich steigert. So wurden diese einst blumenreichen Wiesen im vergangenen Jahrhundert nahezu vollständig trockengelegt oder gedüngt.


Fleischfarbene Fingerwurz am Südrand der Rhön, 26.05.2016

Auf diese Weise sind auch die Bestände der Fleischfarbenen Fingerwurz bis auf wenige kleinere Populationen verloren gegangen. Inzwischen ist die Art im Gebiet der Rhön akut vom Aussterben bedroht. Sie kommt heute nur noch am südwestlichen Gebietsrand, im Werratal und Grabfeld sowie am Trauf der Hochrhön vor. Restbestände sind noch im Bergwinkel und möglicherweise auch im Sinntal vorhanden. Genau wie die historischen Fundangaben liegen die aktuellen Nachweise nahezu ausschließlich in den Tallagen.

Gelegentlich wird die Art mit ungefleckten Formen der Breitblättrigen Fingerwurz verwechselt; auch viele alte Fundangaben gelten als nicht bestätigt oder zweifelhaft. Im Kreuzberg-Gebiet soll sie einst reichlich vorgekommen sein. Heute wächst dort zwar nicht mehr die Fleischfarbene Fingerwurz, aber eine auffällige Lokalsippe. Sie ist vermutlich als stabilisierte Hybridsippe von Breitblättriger und Fleischfarbener Fingerwurz anzusehen. An die Bedingungen in gestörten Lebensräumen sind solche Hybridpopulationen besser angepasst als die Elternarten.

Nomenklatur

Wissenschaftlicher Name:
Dactylorhiza incarnata (L.) Soó 1962

Deutsche Namen:
Fleischfarbene oder Steifblättrige Fingerwurz, Fleischfarbenes oder Steifblättriges Knabenkraut beziehungsweise
Fingerknabenkraut

Kurzbeschreibung

Schlanke Pflanze, Wuchshöhe 20-60 cm. Gefingerte Knolle, jährlich eine Tochterknolle bildend, zur Blütezeit daher mit zwei Knollen. 4 bis 7 ungefleckte, meist steil aufgerichtete Laubblätter, schmal lanzettlich mit kapuzenförmig zusammengezogener Spitze. Blütenstand dicht, bis 50-blütig. Tragblätter länger als die Blüten. Blütengröße 10-12 mm. Blüten ziemlich klein, fleischfarben. Typisch ist das Schleifenmuster im Mittelteil der schwach dreilappigen, seitlich abwärts gebogenen Lippe. Sporn fast gerade, kegelförmig, nektarlos. Bestäubung durch Bienen, insbesondere Hummeln.
Blütezeit in der Rhön und in Mainfranken: Ende Mai bis Mitte Juni.


Fleischfarbene Fingerwurz am Südrand der Rhön, 26.05.2016

Vorkommen und Standort

In der Rhön schon immer sehr selten, nun fast ausgestorben. Inzwischen fast nur noch in den Flusstälern am Gebietsrand vorkommend.
Standorte: Nasswiesen, Flachmoore, im Röhricht. Auf basenreichen und stickstoffarmen Böden.
Höhenverbreitung in der Rhön: ca. 180 m bis 600 m.
Gesamtverbreitung: Temperates Europa, ostwärts bis nach Kaukasien, in die zentralasiatischen Tiefländer und ins Himalaya vordringend.

Hybriden

Die Hybride mit der Breitblättrigen Fingerwurz, Dactylorhiza × aschersoniana, kommt aktuell gemeinsam mit den Elternarten noch am südlichen Gebietsrand und im Werratal vor.

Mehr zu dieser Art

» flickr.com | Dactylorhiza incarnata – alle Fotos von M. Klüber
» de.wikipedia.org | Fleischfarbenes Knabenkraut
» AHO-Bayern e.V. | Dactylorhiza incarnata

» zur Startseite ‚Orchideen der Rhön‘
» zum Inhaltsverzeichnis
» zurück zum Beginn dieser Seite