Nordskandinavien:
Berge, Fjorde, Orchideen

Arktische Berggipfel und Fjorde in der Mitternachtssonne, weite Fjäll-Landschaften, verwunschene Bergwälder und unberührte Moore – sechzehn traumhaft schöne und erlebnisreiche Tage in Nordkskandinavien, auf der Suche nach seltenen Orchideen und anderen botanischen Kostbarkeiten.

Die Reise führte zunächst von Stockholm über die Region Gävle nach Sundsvall, dann weiter nach Östersund und Trondheim. Von dort auf der E6 nordwärts bis Narvik, ein Abstecher nach Abisko, und dann in die Lyngen-Alpen. Dann wieder südwestwärts bis hinaus auf die Lofoten, und schließlich mit der Fähre nach Bodø, durch das Vindelfjäll und wieder zurück nach Stockholm. Summa summarum waren es etwa 5300 Kilometer voller großartiger Landschafts- und Naturerlebnisse. Beeindruckend waren die gewaltigen Landschaften des Nordens. Das Helagsfjäll, die Ofoten mit dem Aussichtsfelsen Kjerna und dem norwegischen Nationalberg Stetind, der Abisko-Nationalpark, die Lyngen-Alpen, die Lofoten und das Vindelfjäll.


Traumhafte Bergwelt am Efjord: Kuglhornet, Stortinden und Eidtinden

In botanischer Hinsicht galt das Hauptinteresse den Orchideen, darunter das Schwarze Kohlröschen Nigritella nigra, der lappländische Endemit Braut-Kohlröschen Gymnigritella runei und die äußerst seltene Wenigblütige Waldhyazinthe Platanthera oligantha. Außerordentlich vielfältig war die Gattung Dactylorhiza vertreten – darunter die Taxa (fuchsii subsp.) andoeyana (=punicea), (maculata var.) kolaensis (=subsp. montellii), lapponica, traunsteineri, curvifolia, sphagnicola, cruenta und ochroleuca, dazu die seltenen Moor-Orchideen Liparis loeselii, Malaxis monophyllos und Hammarbya paludosa. Hinzu kamen die Gebirgs-Orchideen, und zwar Pseudorchis albida und straminea, Coeloglossum viride und Chamorchis alpina. Sehr beeindruckend waren die Vorkommen der letztgenannten auf Meereshöhe, teils in Dünen, nicht auf Kalk und teils keine 10m von der Ozeanbrandung entfernt wachsend.

Ein heißer Sommertag

Bereits am Morgen des Anreisetages treffen wir in Stockholm-Arlanda ein. Es kündigt sich ein warmer Tag an. Nach der Übernahme des Mietwagens starten wir nordwärts, zunächst ins Gästrikland. Nordwärts geht es auf der E4 in Richtung Gävle und Sundsvall. Links grüßen die Domtürme und das Schloss von Uppsala, rechts der Straße liegt Hammarby, der Landsitz Linnés, nach dem das Sumpf-Weichkraut Hammarbya paludosa benannt ist. Danach wollen wir gleich am ersten Standort suchen. Ein gutes Omen?

Unser erstes Ziel ist ein artenreiches Moorgebiet im Binnenland. Wir sind nicht nur wegen Sumpf-Weichkraut, sondern auch wegen der Torfmoos-Fingerwurz Dactylorhiza sphagnicola hier. Sie blüht normalerweise erst Anfang Juli, aber wir haben Glück und finden sie bereits gut aufgeblüht. Es handelt sich um einen der nördlichsten sicher bestätigten Fundorte dieser Art. Populationen weiter nördlich sind hinsichtlich ihrer Zuordnung strittig. Hier im Moor steht sie mit typisch gefärbter und fein punktierter Lippe. Es kommen aber auch schleifenförmige Lippenzeichnungen vor, wohl durch die Gefleckte Fingerwurz Dactylorhiza maculata beeinflusst. Vereinzelt sind auch gelblich angehauchte Lippen zu sehen, hierbei dürfte die im Umkreis von Gävle ebenfalls heimische Strohgelbe Fingerwurz Dactylorhiza ochroleuca eine Rolle gespielt haben.

Trotz intensiver Suche bleibt uns das Sumpf-Weichkraut Hammarbya paludosa verborgen, das hier in Gesellschaft von Fieberklee Menyanthes trifoliata stehen soll. Interessant ist aber das Vorkommen von Utricularia vulgaris, dem Gewöhnlichen Wasserschlauch. Häufig und standorttypisch sind Rosmarinheide Andromeda polifolia und Sonnentau Drosera intermedia, hinzu kommt auch noch das Sumpf-Blutauge Potentilla palustris.


Moorgebiet im Gästrikland, Standort der Torfmoos-Fingerwurz, Dactylorhiza sphagnicola


Torfmoos-Fingerwurz, Dactylorhiza sphagnicola


Hybride Strohgelbe Fingerwurz × Torfmoos-Fingerwurz, Dactylorhiza ochroleuca × sphagnicola

Die Fahrt geht nun weiter in ein Naturreservat nahe Gävle, das Seen, Bachläufe, Bruchwälder und Moore umfasst. Dort kommen eine Vielzahl von Orchideen vor, darunter auch die seltenen Arten Einblatt Malaxis monophyllos und Glanzkraut Liparis loeselii, die in dem allerdings sehr weitläufigen Gebiet reiche Vorkommen haben sollen. Aufgrund einer Schranke ist die Zufahrt zum geplanten Startpunkt nicht möglich, der Anmarsch fällt somit um einen Kilometer länger aus. Das ist zwar nicht viel Wegstrecke, jedoch in Anbetracht der inzwischen sehr heißen Sommerwitterung und der erbarmungslosen Mückenschwärme nicht zu unterschätzen. Aber am Waldweg bis zum Moor ist eine Menge geboten. Erst einmal riesige Dactylorhizen – Dactylorhiza fuchsii und deren Hybriden mit Dactylorhiza sphagnicola.


Hybride Fuchs‘ Fingerwurz × Torfmoos-Fingerwurz, Dactylorhiza fuchsii × sphagnicola

Dann Austriebe der Breitblättrigen Stendelwurz Epipactis helleborine in der Sonnenform, jedoch keine Epipactis distans, welche im Raum Gävle auch schon gemeldet wurde. Im Wald und am Waldrand stehen unter anderem Bitterer Enzian Gentianella amarella, Moosglöckchen Linnea borealis, Keulen-Bärlapp Lycopodium clavatum und Leberblümchen Hepatica nobilis.

An einem Bachlauf soll das Einblatt wachsen. Wir finden hier aber nur überflutete Bruchwälder. Also wandern wir weiter durch den Wald bis zum etwas versteckt liegenden Moor mit dem Standort des Glanzkrauts Liparis loeselii. Gleich am Anfang der Moorfläche erwartet uns die Fleischfarbene Fingerwurz Dactylorhiza incarnata, einige Exemplare wiederum mit gelber Lippengrundfarbe, Hybriden mit der Strohgelben Fingerwurz Dactylorhiza ochroleuca.

Das Moor ist sehr nass und schwingt merklich beim Begehen. Wir sind daher sehr vorsichtig und gehen möglichst in einer Spur. In Skandinavien gibt es zwar selbst in Naturreservaten und Nationalparks nur wenige Betretungsverbote, aber gerade deshalb ist ein vegetationsschonendes Begehen umso wichtiger. Bald sind die ersten Glanzkräuter gefunden. Sie sind ideal in Blüte. Nachdem wir uns ein paar fotogene Exemplare ausgesucht haben, brechen wir die Weitersuche ab, um das Biotop zu schonen.


Hybride Fleischrote Fingerwurz × Strohgelbe Fingerwurz, Dactylorhiza incarnata × ochroleuca


Die unscheinbare Blüte des Glanzkrautes, Liparis loeselii

Auf der E4 geht die Fahrt weiter nordwärts. In der Umgebung von Hudiksvall steuern wir einen weiteren Fundort des Einblatts an. Er liegt in einem kleinen, aber relativ gut erreichbaren Moor mitten im Waldgebiet. Auf der offenen Moorfläche finden wir die Gefleckte Fingerwurz Dactylorhiza maculata. Die Pflanzen sind sehr zierlich und sehen der subsp. ericetorum ähnlich. Auch unter schwedischen Botanikern ist umstritten, ob diese Sippe in Schweden vorkommt. So bleibt die vermeintlich korrekte Einordnung jedem selbst überlassen. Auch der Sumpf-Porst, Ledum palustre oder Rhododendron palustris, ist hier vertreten, er ist aber schon am Abblühen. Nur das Einblatt lässt sich nicht blicken. Wie sich beim zweiten Besuch zwei Wochen später herausstellt, haben wir zu weit unten im Moor gesucht, die Pflanzen stehen weiter oben im Wald, wo ein Bachlauf zwischen Felsen hindurchfließt.

Jedenfalls fahren wir nun zügig weiter nordwärts nach Sundsvall, in unser erstes Quartier. Auch ohne Sumpf-Weichkraut und Einblatt war es ein sehr schöner und erlebnisreicher erster Exkursionstag. Um etwa 20 Uhr kommen wir im Hotel an. Nach dem Abendessen und einem kurzen Resümee des Tages verschwinden wir alle rasch im Zimmer, denn ein langer Tag liegt hinter uns, und ein früher Start am nächsten Tag vor uns. Es ist die erste Nacht im Norden, und wir müssen uns erst einmal an die nächtliche Helligkeit gewöhnen!

Nordische Morgenstunde

Am nächsten Morgen verheißt der Blick aus dem Fenster einen weiteren sehr schönen Sommertag, und so starten wir bei bester Laune in unseren zweiten Exkursionstag, der uns von Sundsvall durch das Tal des Indalsälven in die Region Östersund bringen wird. Um halb neun fahren wir los. Unser erstes Ziel ist ein abgelegenes Moorgebiet im Hügelland westlich von Sundsvall. Hier verbringen wir eine herrliche Morgenstunde in vollkommener Ruhe, in einem völlig naturbelassenen und ungestörten Moor.

Unübersehbar leuchten rötliche Blütenstände aus dem Moor. Wie vermutet handelt es sich dabei um jene Fingerwurz-Sippe, die in den Moorgebieten rund um Sundsvall häufiger vorkommt. Sie wurde zwar teilweise auch schon als Dactylorhiza lapponica und Dactylorhiza sphagnicola gemeldet, aber wir stellen sie zur Ostsee-Fingerwurz, Dactylorhiza curvifolia. Geradezu idealtypisch sind die bogenförmig geschwungenen, meist ungefleckten Blätter. Diese Orchideensippe gilt als sehr variables Taxon und wird auch als Dactylorhiza russowii bezeichnet.


Ostsee-Fingerwurz, Dactylorhiza curvifolia, in einem abgelegenen Moorgebiet in Medelpad

Eher am Rand des Moores wächst wieder die Gefleckte Fingerwurz Dactylorhiza maculata. Sie hat teilweise stark gefleckte Blätter. Im Übergangsbereich der Populationen stehen auch zwei Hybridpflanzen. An sonstigen Pflanzen fallen uns unter anderem Fieberklee Menyanthes trifoliata, Dorniger Moosfarn Selaginella selaginoides und Alpen-Rasenbinse Trichophorum alpinum auf. Am Waldweg erblicken wir dann auch noch die Zweiblättrige Waldhyazinthe Platanthera bifolia, hier mit auffallend langen Spornen.


Fieberklee, Menyanthes trifoliata

Nun fahren wir weiter nordwestwärts durch das Tal des gewaltigen Stromes Indalsälven in Richtung Jämtland. Am Straßenrand bei Nilsböle legen wir einen kurzen Fotostopp ein. Hier steht die seltene Borstige Glockenblume Campanula cervicaria direkt an der Böschung. Eine sehr stattliche und auffällige Art, die in Deutschland eine Rote-Liste-Art der Kategorie 1 ist.


Borstige Glockenblume, Campanula cervicaria, im Tal des Indalsälven

Hinter Stugun biegen wir rechts ab und fahren über einen Staudamm auf die orografisch linke Seite des Flusses. Unterwegs beobachten wir aus dem Auto heraus einen Brachvogel, der in Fotodistanz auf einem Findling sitzt.
Hinter Midskog geht die Fahrt durch einen herrlichen Fichtenurwald mit Steinen, Flechten und Moosen.
Auf der Weiterfahrt läuft eine Rentierkuh mit ihrem Kalb vor uns auf der Straße her. Eine Flucht nach der Seite in den Wald kommt den beiden offenbar nicht in den Sinn. Fahren wir zügig, so rennen sie. Sobald wir abbremsen, verlangsamen die Tiere ebenfalls. Nun ja, wir wollen die Tiere ja nicht hetzen, also fahren wir eher langsam weiter, bis sie irgendwann dann doch endlich von der Straße abbiegen und sich im Gehölz ausruhen können.


Großer Brachvogel, Numenius arquata


Schwedischer Urwald am Indalsälven

Ins Jämtland

Schon bevor wir unseren eigentlichen nächsten Fundort erreichen, erblicken wir aus dem Auto heraus im Straßengraben dunkelrote Orchideen. Da sehen natürlich mal genauer hin – und es sind tatsächlich die gesuchten Pflanzen, nämlich besonders schöne Blutrote Fingerwurzen Dactylorhiza cruenta. Diese Art hat hier im Jämtland ihre »terra typica«. Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass die Pflanzen hier ganz anders aussehen als jene in den Alpen oder auch in Südskandinavien. Die Blätter sind viel breiter und so stark blutrot gefärbt, dass kaum noch Grün zu sehen ist.


Blutrote Fingerwurz, Dactylorhiza cruenta

Es stehen auch noch Mücken-Händelwurz Gymnadenia conopsea und Großes Zweiblatt Neottia ovata dabei, außerdem unter anderem die sehr zierliche Kleine Simsenlilie Tofieldia pusilla und das Rundblättrige Wintergrün Pyrola rotundifolia. Auf der Weiterfahrt besuchen wir zwei der nördlichsten Fundorte der Strohgelben Fingerwurz Dactylorhiza ochroleuca. Am ersten sehen wir bereits aus dem Auto heraus ein einzelnes Exemplar direkt am Seeufer. Es steht wunderbar da, allerdings ist der Boden so tief und nass, dass beim Fotografieren größte Vorsicht geboten ist.


Strohgelbe Fingerwurz, Dactylorhiza ochroleuca

Aus diesem Grund fahren wir gleich weiter zum nahegelegenen nächsten Fundort, denn dort wollen wir ohnehin ein Picknick einlegen. Auch hier ist das Moor äußerst nass und selbst mit Gummistiefeln unbegehbar. Aber die gesuchten Orchideen wachsen dankenswerterweise auch direkt an der Straßenböschung und im Graben. So können wir gemütlich rasten, Orchideen anschauen und fotografieren. Außer der Strohgelben Dactylorhiza ochroleuca stehen hier auch wieder schöne Blutrote D. cruenta, hinzu kommt auch die Fleischrote Fingerwurz Dactylorhiza incarnata. So haben wir hier drei Vertreter der incarnata-Gruppe zusammen, dazu ein paar Hybriden. Hinzu kommen noch Gefleckte Fingerwurz Dactylorhiza maculata, Mücken-Händelwurz Gymnadenia conopsea und auch die ersten Fliegen-Ragwurze Ophrys insectifera auf der Reise.

Nun führt die Weiterfahrt in die berühmte Wintersportstadt Östersund, die am Ostufer des Storsjön, des Großen Sees, liegt. Die Stadt hat etwa 50.000 Einwohner, ist damit die größte Stadt und Verwaltungssitz des Jämtlandes und liegt ungefähr in der Mitte Schwedens. Wunderbar ist die Aussicht von der Brücke über den blau in der Nachmittagssonne liegenden Storsjön auf die Stadt. Am östlichen Teil des Sees entlang, dem Brunfloviken, fahren wir zum wohl bekanntesten Standort des »originalen«, 1753 durch Linné beschriebenen Schwarzen Kohlröschens Nigritella nigra. Diese Art ist ein skandinavischer Endemit, weil sich inzwischen herausgestellt hat, dass alle weiter südlich vorkommenden Vertreter der Gattung zu anderen Arten gehören (schwarz blühend in den Alpen vor allem Nigritella rhellicani und austriaca).

Bereits an der Straße weist ein Schild »Brunkullalokalen« den Weg zum Standort. Brunkulla, das heißt Braunkugel oder Braunfräulein, ist der schwedische Name dieser Art. Einst soll sie im Jämtland so häufig gewesen sein, dass die Kinder sie straußweise pflückten und den Reisenden an den Bahnhöfen verkauften. Heute ist sie außerordentlich selten und nur noch in stark verinselten Restvorkommen zu finden. Auch in der Umgebung des Storsjön kommt sie nur noch wenigen kleinen Waldwiesen vor. Hier am Standort führt ein Bohlenweg durch das Gelände, die meisten Kohlröschen sind mit Stöckchen markiert. Trotz guter Biotoppflege ist der Bestand stark schwankend. Eine Dokumentation am Standort zeigt dies auf.


Brunkulla – das ‚echte‘ Schwarze Kohlröschen, Nigritella nigra

Auffallend ist, dass diese Art im Gegensatz zu den alpinen Kohlröschen überwiegend collin wächst – also auch für skandinavische Verhältnisse deutlich unter der Baumgrenze. Nur wenige bekannte Vorkommen, beispielsweise das nördlichste im norwegischen Reisadalen, sind oberhalb der Baumgrenze angesiedelt. Allerdings handelt es sich bei den Vorkommen in der alpinen Höhenstufe offenbar um das Primärhabitat; Nachforschungen norwegischer Botaniker (Hoell 2010) brachten unbekannte Standorte in der Krummholzzone zutage. Die wahrscheinlich sekundären Wiesenstandorte in Tallagen sind dagegen die näher liegenden, somit auch bekannteren Vorkommen. Die Pflanzen sind in optimalem Blühzustand, und wir können auch vom Bohlensteg aus sehr gut fotografieren. So lassen wir uns viel Zeit an diesem Standort, bevor wir zurück zum Auto gehen und einen weiteren Standort ansteuern. Doch hier finden wir nur mit großer Mühe ein einziges Restexemplar. Der Fundort ist teilweise beweidet und stark verfilzt.

Der Exkursionstag klingt im Stadtgebiet von Östersund aus – hier gibt es einen außergewöhnlichen Orchideenstandort. Nur wenige Schritte weg von der Straße, und wir stehen mitten in großen Büschen des Frauenschuhs Cypripedium calceolus – allerdings bis auf zwei Restexemplare samt und sonders abgeblüht. In der Umgebung wachsen auch Fliegen-Ragwurz Ophrys insectifera, Großes Zweiblatt Neottia ovata, Mücken-Händelwurz Gymnadenia conopsea, Blutrote Fingerwurz Dactylorhiza cruent, Breitblättrige und Braunrote Stendelwurz Epipactis helleborine und atrorubens, die beiden letztgenannten noch nicht blühend. Von der Fliegen-Ragwurz finden wir zwei schöne, rötlich gefärbte Exemplare.


Eine rötliche Farbvariante der Fliegen-Ragwurz, Ophrys insectifera


Frauenschuh, Cypripedium calceolus, mitten im Stadtgebiet von Östersund

Zufrieden steuern wir das Hotel an. Für die Nacht ist der Durchzug einer Schlechtwetterfront gemeldet, aber im Laufe des Vormittags soll es bereits wieder aufklaren. Gutes Wetter können wir gut gebrauchen, denn am nächsten Tag steht unter anderem eine Fjällwanderung auf dem Programm. Am nächsten Morgen bestätigt der erste Blick aus dem Fenster die Wetterprognose: es ist grau, kalt und regnerisch. Doch auf dem Regenradar ist schon zu sehen, dass von Westen her Wetterbesserung naht. Nach dem Frühstück beladen wir das Auto und fahren am Storsjön entlang über Orrviken und Myrviken südwestwärts.

Hinauf aufs Hochfjäll

Bei Svedje biegen wir ab auf den Fäbodvägen, eine Schotterstraße, die durch die Wälder und Almengebiete des Oviksfjällen führt. Über viele Kilometer fahren wir auf der erstaunlich schlagloch-armen Schotterpiste durch schier endlose, neblige Bergwälder mit eingestreuten Mooren. An den urigen Almhütten von Långbodarna legen wir einen Fotostopp ein. Bei Galåbodarna erblicken wir einen Elch im Wald, der sich aber schnell davon macht. Aber wenn wir eh schon stehen, sehen wir uns doch mal die Dactylorhizen genauer an. Es sind Gefleckte Fingerwurzen Dactylorhiza maculata. Bei Börtnan trifft der Fäbodvägen wieder auf eine asphaltierte Straße, auf der wir westwärts nach Ljungdalen gelangen.


Wie aus der Zeit gefallen: Die Alm Långbodarna am Fäbodvägen

Bei der Anfahrt kommt bereits das Blau des Himmels durch. Hinter Ljungdalen fahren wir durch Ferienhütten, die vor allem von Wintersportlern genutzt werden, zum Berg Torkilstöten hinauf. Am Parkplatz des Skilifts halten wir und steigen zur 1045 Meter hoch gelegenen Bergkuppe hinauf. Der Torkilstöten ist ein bekannter Blumenberg mit reicher Fjällflora und auch zahlreichen Orchideen – unter anderem soll hier auch die Alpen-Zwergorchis Chamorchis alpina wachsen. Aber dafür sind wir eindeutig noch zu früh. Hier oben herrscht Vorfrühling!

An Orchideen finden wir austreibende Gymnadenien und Dactylorhizen sowie knospende-aufblühende Grüne Hohlzungen Coeloglossum viride und Weißzüngel Pseudorchis albida, hier in der Nominatsippe. Beim Aufstieg öffnet sich immer mehr der Blick über das Hochfjäll westwärts zu den teilweise vergletscherten Bergmassiven von Helags und Sylarna. Der Helags ist mit 1797 Metern Schwedens höchster Berg südlich des Polarkreises, an der Ostflanke liegt Schwedens südlichster Gletscher. Über seiner flachen Pyramidenspitze hängt zunächst noch eine dicke Wolkenkappe, die im Wind und in der Sommersonne immer mehr aufreißt. Von Minute zu Minute wechseln die Lichtverhältnisse.


Die unbeschreibliche Weite und Klarheit des Nordens – Blick zum Helags


Die majestätischen Gipfel des Helagsfjäll, 1797 m

Dennoch ist es hier oben kalt und sehr windig, besonders wenn sich gerade wieder eine Wolke zwischen Sonne und uns schiebt. Beeindruckend ist jedoch nicht nur die Landschaft, sondern auch die reiche Fjällflora. Unter anderem finden wir hier zum ersten Mal Diapensia lapponica, dazu Norwegischen Tragant Astragalus norvegicus, Norwegisches Hungerblümchen Draba norvegica, Einblütiges Berufkraut Erigeron uniflorus, das sehr hübsche und auffällige Bunte Läusekraut Pedicularis oederi und die Bläuliche Moosheide Phyllodoce caerula, aber auch Alpenhelm Bartsia alpina, Silberwurz Dryas octopetala, Rosenwurz Rhodiola rosea, Polster-Steinbrech Saxifraga cespitosa und anderes.

Nach diesem sehr eindrücklichen Ausflug ins Hochfjäll steigen wir ab zum Parkplatz, fahren wieder hinab nach Ljungdalen und dann auf dem Flaturetvägen, Schwedens höchster Passstraße, weiter. Der höchste Punkt der geschotterten Straße liegt bei 975 Metern über dem Meeresspiegel.


Moorwiese im Tänndalen

Steil geht es hinab nach Mittådalen und weiter nach Funäsdalen. Hier kaufen wir Proviant ein, tanken und fahren dann nur noch ein kurzes Stück ins Tänndalen, wo wir unseren nächsten Fundort im Naturreservat Hamrafjället aufsuchen. Wir befinden uns hier in der »terra typica« der Lappländischen Fingerwurz Dactylorhiza lapponica, die zuerst von Carl Johan Hartman aus Lappland beschrieben wurde. Hier wächst sie im typischen Habitat, einer Hangwiese, die von zahlreichen sich verzweigenden Bachläufen durchzogen ist. Die Orchideen stehen in optimalem Zustand da.


Lappländische Fingerwurz, Dactylorhiza lapponica

Außerdem finden wir hier auch Mücken-Händelwurz Gymnadenia conopsea sowie eine Population aus dem Formenkreis des Gefleckten Knabenkrautes Dactylorhiza maculata, deren Einordnung nicht ganz einfach ist. Sie weist bereits klare Tendenzen zur nordischen Sippe Dactylorhiza kolaensis auf. Dieses Taxon wurde von Montell noch als Orchis maculatus var. kolaensis beschrieben, später mehrfach umkombiniert, auch in den Artrang erhoben. Vermeulen beschrieb das offenbar gleiche Taxon nach einem von Montell zugesandten Exemplar als Dactylorhiza maculata subsp. montellii. Wichtige Charakteristika des Taxons sind: verhältnismäßig große Blüten, pflugschar-förmige Blüte bzw. großer, pflugschar-förmiger Mittellappen, starke Blattfleckung, Stängel dunkelpurpurn überlaufen. Aber Exemplare, die alle Merkmale wirklich typisch abbilden, sind selten. Auch wenn im Reiseverlauf noch typischere Populationen gefunden wurden, zeigt doch dieser Bestand im Tänndalen die Problematik der fließenden Übergänge und der variablen Merkmale recht deutlich auf.


Gefleckte Fingerwurz, Kola-Varietät; Dactylorhiza maculata var. kolaensis = subsp. montellii

Auf den Felsblöcken zwischen den Bächen machen wir in aller Ruhe unsere Rast. Beim weiteren Erforschen des Geländes werden auch noch ein paar Korallenwurze Corallorhiza trifida gefunden.

Über Røros nach Trondheim

Nun fahren wir weiter westwärts und überqueren bald die norwegische Grenze. Unsere Kaffeepause legen wir in der sehr sehenswerten Bergwerksstadt Røros ein, die zum UNESCO-Welterbe gehört. Hier wurde seit der Mitte des 17. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert hinein Kupfererz abgebaut, die Halden sind nahe des Stadtzentrums zu sehen. Da Norwegen im 17. Jahrhundert keine Bergbautradition hatte, wurden seinerzeit zahlreiche Arbeiter aus dem Harz angeheuert. Den Eintrag in die Welterbeliste erhielt Røros wegen seines nahezu geschlossen erhaltenen Stadtbildes. Aus der Blütezeit des Bergbaus im 18. Jahrhundert stammt auch die Kirche, die als eine der größten in Norwegen gilt. Dann setzen wir die Fahrt in Richtung Trondheim fort.


Røros

Im Örtchen Haltdalen legen wir einen weiteren Stopp ein, denn hier befindet sich Norwegens nördlichste Stabkirche – beziehungsweise ein Nachbau, denn das Original steht im Freilandmuseum in Trondheim. Verglichen mit den berühmteren Stabkirchen im Süden Norwegens ist sie wesentlich schlichter und einfacher konstruiert, aber dennoch in ihrer archaischen Wirkung sehr eindrucksvoll.
Auf der Weiterfahrt nach Trondheim sehen wir am Straßenrand an überhängenden Felsen immer wieder größere Bestände des Strauß-Steinbrechs Saxifraga cotyledon – leider kann man schlecht anhalten und die Zeit ist fortgeschritten. Trotzdem hätten wir es im Nachhinein irgendwie machen sollen, denn die Gelegenheit kam im Verlauf der Reise nicht mehr wieder.

So kommen wir um kurz nach 19 Uhr in Trondheim an. Wir beziehen Quartier im mondänen Hotel Thon Britannia direkt im Stadtzentrum. Wir machen noch einen kleinen Stadtrundgang in schönem Abendlicht. Dabei erstrahlt die monumentale, figurenreiche Fassade des Domes in der Abendsonne. Der Name Nidarosdom nimmt Bezug auf den alten Namen Trondheims, Nidaros. Von 1818 bis 1906 war der Nidarosdom die Krönungsstätte der norwegischen Könige.


Die figurenreiche Fassade des Nidarosdomes

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück besichtigen wir den herrlichen, stimmungsvollen Nidarosdom. Er wurde über der Grabstätte Olavs Haraldssons (Olavs des Heiligen) erbaut, das Grab befindet sich in der oktogonalen Kapelle hinter dem Chor. Im Mittelalter war das Grab Olavs der bedeutendste Wallfahrtsort Skandinaviens – durch die Renaissance des Jakobsweges nach Compostela erfährt aber auch der Olavsleden, der Olavsweg, eine (wenn auch bescheidenere) Wiederbelebung. Errichtet wurde der heutige Dom ab dem 12. Jahrhundert, vollendet um 1320. Infolge mehrerer Brände wurde der Dom zerstört und später verkleinert wieder aufgebaut. Mit dem Aufkommen des Historismus und mit Norwegens Unabhängigkeitsstreben reiften die Pläne, den Nidarosdom in alter Pracht wieder herzustellen. Da der ursprüngliche Bestand nur unzureichend bekannt war, beruhte die Rekonstruktion auf vielen Spekulationen. Die Westfassade wurde erst Mitte des 20. Jahrhunderts fertiggestellt, und seit 2001 gilt der Wiederaufbau des Nidarosdomes offiziell als abgeschlossen.

Nun geht es auf der E6 ein großes Stück nordwärts, und zwar bis ins Saltfjellet, das genau am Polarkreis liegt. Wir kommen – gemessen an den norwegischen Verhältnissen – gut und planmäßig voran. Am Wasserfall Laksforsen legen wir bei trübem Wetter eine Mittagspause ein, danach fahren wir über Mosjøen und Mo i Rana weiter. Am Korgfjell müssen wir die alte Passstraße nehmen, weil der Tunnel aufgrund von Bauarbeiten gesperrt ist.


Laksforsen

Saltfjell und Junkerdal

Bei der Auffahrt zum Saltfjell, kurz vor Erreichen der Baumgrenze, steht an der Straßenborte das Karlszepter Pedicularis sceptrum-carolinum. Wir halten kurz zum Fotografieren, werden aber von der Straßenwacht zur Weiterfahrt aufgefordert. Bei kaltem und regnerischem Wetter überqueren wir den Polarkreis und erreichen unser Tagesziel, das »Polarsirkelhotell Saltfjellet«. Es liegt nahe der Baumgrenze in lichtem, von Mooren und Felsen durchsetztem Kiefernwald. Das Berghotel hat eine wunderbar heimelige Atmosphäre.


auf dem Saltfjellet


typischer »Kampfwald« auf dem Saltfjellet

Nach dem Frühstück erkunden wir die Umgebung des Hotels. Einige schöne Exemplare vom Karlszepter Pedicularis sceptrum-carolinum stehen direkt an der Straße. Etwas versteckt im Unterholz stehen einige Pflänzchen der Korallenwurz Corallorhiza trifida. In Mulden zwischen den Felsen liegen kleine Moore. Hier stehen Fingerwurzen, die nun klarer der Dactylorhiza maculata var. kolaensis zugeordnet werden können. Sie zeigen insbesondere den charakteristischen pflugschar-ähnlichen Mittellappen. Etwas unterhalb der Moore stehen dichte Bestände des Schwedischen Hartriegels Cornus suecica. Bei manchen Exemplaren wächst ein Kindel aus der Blüte heraus. Dieses Phänomen hatten wir auch am Vortag bereits gesehen.


Gefleckte Fingerwurz, Kola-Varietät; Dactylorhiza maculata var. kolaensis = subsp. montellii, mit typisch pflugscharförmiger Lippe

Nach dieser kurzen, aber sehr schönen Waldwanderung fahren wir wenige Kilometer talabwärts und erreichen das Informationszentrum mit Campingplatz an der Einmündung des Tales Junkerdalen. Von hier aus führt eine Hängebrücke über den wild tosenden Gebirgsfluss. Auf gutem und ebenem Weg wandern wir in die Schlucht Junkerdalsura hinein. Schon bald sind erste Exemplare vom Frauenschuh Cypripedium calceolus am Wegrand zu sehen, aber sie sind bis auf wenige Ausnahmen auch hier am Polarkreis bereits abgeblüht. Auffallend häufig an den wärmebegünstigten Felsen ist die Braunrote Stendelwurz Epipactis atrorubens, sie ist aber noch knospig. Ansonsten finden wir noch viel Mücken-Händelwurz Gymnadenia conopsea und ein Prachtexemplar der Grünen Hohlzunge Coeloglossum viride.

Weiterhin gibt es an bemerkenswerten Pflanzen den Norwegischen Tragant Astragalus norvegicus, den Nordischen Eisenhut Aconitum septentrionale, den Schwedischen Hartriegel Cornus suecica, Alpen-Wiesenraute Thalictrum alpinum und die Silberwurz Dryas octopetala. Sehr eindrucksvoll ist aber auch die Flusslandschaft. Die Junkerdalsura fließt als reißender Gebirgsfluss durch den Katarakt, er wird durch Wasserfälle und Bergbäche zusätzlich gespeist.


Die Schlucht Junkerdalsura im Nationalpark Junkerdalen

Die Fahrt geht nun weiter auf der E6 nach Fauske. Das Städtchen ist bekannt für seinen Marmor. Hinter Fauske führt die E6 zwischen den Nationalparks Sjunkhatten (ein bergiger Archipel im Nordmeer) und Rago (Hochfjell) hindurch. Durch die Fjordlandschaft geht es immer weiter nordwärts. Immer wieder sehen wir schöne Dactylorhiza-Bestände am Straßenrand.

Eine Überraschung am Fjord

Für eine Pause müssen wir ohnehin einmal anhalten, und da suchen wir uns eine Stelle mit vielen Orchideen. Am Straßenrand und im angrenzenden Gebüsch wachsen unzählige Fuchssche Fingerwurzen Dactylorhiza fuchsii, viele Mücken-Händelwurze Gymnadenia conopsea und einige Weiße Waldhyazinthen Platanthera bifolia.

Mitten in der Pracht wartet jedoch eine große Überraschung: Eine Hybride Dactylorhiza fuchsii × Coeloglossum virideDactyloglossum mixtum). Hohlzungen-Hybriden sind außerordentlich selten. Da haben wir quasi einen »Sechser im Orchideen-Lotto« gefunden! Sie ist wie aus dem Lehrbuch, steht in allen Merkmalen wunderbar intermediär zwischen den Elternarten. Sogar die Blätter sind hell gefleckt. Auffallend ist, dass die Hybride häufig und ausdauernd von Fliegen besucht wird. Es ist daher kein Problem, die Blüten auch mit Fliege zu fotografieren.


Die Hybride Grüne Hohlzunge × Fuchs‘ Fingerwurz, Coeloglossum viride × Dactylorhiza fuchsii = ×Dactyloglossum mixtum


Nahaufnahme der Blüten

Die zweite Elternart, die Grüne Hohlzunge, steht auch in ein paar Exemplaren daneben, aber man sieht sie erst beim zweiten Hinsehen, weil sie doch ein ganzes Stück kleiner als die Hybride sind. Schließlich entdecken wir auch nocdie Dichtblütige Händelwurz Gymnadenia conopsea var. densiflora. So kommen wir vor lauter Fotografieren kaum zum Picknicken und fahren mit dem Überraschungsfund auf der Foto-Speicherkarte glücklich weiter. Wir erreichen die Landschaft und Gemeinde Hamarøy, die insbesondere als Heimat Knut Hamsuns bekannt ist.

Am Abzweig nach Steigen liegt bei Tømmernes ein Areal von Felszeichnungen. Es ist von einem Rastplatz am RV835 aus gut erschlossen. Die Felszeichnungen befinden sich in einer Felswald direkt über dem Fluss Sagelva und können von einem Pfad am anderen Flussufer betrachtet werden. Zu sehen sind zwei Konturen von Rentieren. Das Alter der Felszeichnungen wird auf etwa 5000 bis 6000 Jahre geschätzt.

Wir passieren als nächstes den Berg Hatten, den wir bei gutem Wetter gerne erklommen hätten. Er soll einer der besten Aussichtsplätze in ganz Nordnorwegen sein – kein Wunder, denn der Blick reicht von den Lofoten über den Ofotfjord und Tysfjord bis hin zu den vergletscherten Bergmassiven des Frostisen und Bjørntoppen. Doch heute hängen dicke Wolken an allen Bergen, und es regnet auch immer wieder, somit war unsere Entscheidung zur morgendlichen Wanderung im Junkerdalen richtig.

Bei Bognes warten wir auf die Fähre nach Skarberget. Es ist das einzige Stück der E6 auf unserer Fahrt, das noch mit Fähre passiert werden muss. Auf der Fähre können wir eine Kaffeepause einlegen. Dann fahren wir weiter durch die Berglandschaft Ofotens und inspizieren bereits die Wanderziele des nächsten Tages, für den zum Glück sehr gutes Wetter vorhergesagt ist.

Auf der Weiterfahrt passieren wir Ballangen und kommen am Abend in Narvik an. Das Städtchen ist als Verladehafen für das in Kiruna abgebaute Erz bekannt. Aufgrund des Golfstroms ist der Hafen ganzjährig eisfrei. Diese wichtige strategische Position wurde Narvik im zweiten Weltkrieg zum Verhängnis, als es von der Wehrmacht erobert und durch Fliegerangriffe fast vollständig zerstört wurde. Bevor wir unser Quartier beziehen, kaufen wir noch Proviant ein, dann fahren wir hinauf zum schön gelegenen Breidablikk Gjestehus. Es gibt noch einen Kaffee für uns, so sitzen wir gern noch ein wenig zusammen.

Stetind und Efjord im Morgenlicht

Am nächsten Morgen frühstücken wir wieder sehr zeitig, um das angekündigte sehr gute Wetter voll auskosten zu können. Bei traumhaftem nordischen Morgenwetter fahren wir wieder ein Stück auf der E6 zurück nach Ballangen in die Region Ofoten. Die eindrucksvolle Berglandschaft rund um Efjord und Tysfjord ist als Erweiterungsgebiet des UNESCO-Welterbes Laponia nominiert. Im blauen Morgenlicht schimmern die Fjorde, schon von weitem ist der Stetind mit seiner unverwechselbaren Silhouette zu sehen.


Die Krone am Efjord: Stortinden (847 m) und Eidtinden (717 m)


Eleganz in Granit: das Kuglhornet


Spuren der Eiszeit unterhalb des Kuglhornet

Am Efjorden legen wir viele Fotostopps ein. Der Kontrast des azurblauen Fjordes mit den markanten, von Gletschern geschliffenen Bergprofilen ist großartig. An einer wärmebegünstigten Straßenböschung am Kjerringvikstraumen finden wir wieder knospende Braunrote Stendelwurze Epipactis atrorubens. Die Art ist in Nordskandinavien selten, erreicht aber fast das Nordkap. In Birkenwäldern und Mooren finden wir auch wieder Weiße Waldzyazinthe Platanthera bifolia und Gefleckte Fingerwurz Dactylorhiza maculata.

Wir fahren kurz zum Stetind, um ihn im Morgenlicht zu sehen. Dabei passieren wir das Kuglhorn, an dessen Hangfuß eine bizarre Landschaft aus Gletscherschliff, Mooren und lichtem Kiefernwald liegt. Die Schauseite des Stetind ist nun im Gegenlicht, dafür ist das Profil des Südpfeilers eindrucksvoll beleuchtet. Der Berg ragt 1392 Meter unvermittelt vom Fjord auf. Mit seiner markanten, waagrecht gekappten Spitze wird er als »Amboßzinne« bezeichnet. Der Gipfel ist nur auf schwierigen Kletterrouten (mindestens Schwierigkeit III+) erreichbar.

Mit der Klettergeschichte des Stetind verbunden ist der Philosph Arne Næss, der die Tiefenökologie mitbegründet hat. Næss durchstieg als Erster 1966 die Westwand. Er zählte auch zu den prominentesten Gegnern des 1992 eröffneten Stetind-Tunnels, der den Berg erschließt. Seinerzeit war der Stetind noch ein absoluter Geheimtipp, kaum ein Mitteleuropäer hatte ihn zu Gesicht bekommen. Das änderte sich natürlich mit dem Tunnel.

Und nachdem der Stetind dann sowieso nicht mehr zu verheimlichen war, haben die stolzen Norweger die Flucht nach vorne ergriffen und ihn 2002 in einer inoffiziellen Abstimmung zu ihrem »Nationalberg« auserkoren. Wir fahren zurück zur E6 und werden am Nachmittag nochmals wiederkommen. Der Efjord liegt spiegelglatt da, sicherlich ein seltener Anblick.


Spiegelglatter Efjord, dahinter der vergletscherte Jietnjavárre (Isfjellet, 1438 m), der spitze Telttinden (1354 m) sowie rechts Saltelvtinden (1211 m) und Tauselvtinden (1193 m)

Kjerna, der Predigtstuhl Ofotens

Dann fahren wir zum Ausgangspunkt unserer Wanderung. An einem Bergpass zwischen Kuglhorn und Stortind gibt es einen Parkplatz, von hier aus gehen wir hinauf zum Aussichtsfelsen Kjerna. Wir wandern zunächst durch die Fjällheide, dann durch schütteren Birkenwald und schließlich über Geröllhalden und felsige Partien aufwärts. Der Pfad ist steil, aber nicht exponiert. Über einen steilen Wiesenhang erklimmen wir den Grat. Unvermittelt stehen wir an einem überhängenden Abgrund. Meinen Apfelgrips lasse ich senkrecht hinabfallen – es dauert 6 Sekunden, bis er auftrifft.


Die Klippe der Kjerna


Blick von der Kjerna zum Stetinden (1391 m) und Presttinden (1336 m)

Die Aussicht ist überwältigend. Sie reicht von der Gletscherkappe des Frostisen über das nahgelegene Kuglhorn zum Stetind. Jenseits des glitzernden Fjordes sehnen wir den Berg Hatten und weit im Westen die Inselkette der Lofoten.


Panorama von der Kjerna (650 m) – in der Nähe das Kuglhornet (981 m), links davon der Gletscherschliff Verdenssvæt, rechts Litltinden (696 m) und Stortinden (784 m), dahinter Stetinden (1391 m) und Presttinden (1336 m), ganz hinten links Sipmolvárri (Sepmola, 1741 m), Tverrfjellet (1370 m) und Frostisen (1724 m); blau glänzt der Tysfjord

Eine ganze Weile verbringen wir hier oben, dann steigen wir zum Auto ab und fahren ein Stück abwärts zu einem weiteren Parkplatz. Hier picknicken wir und wandern anschließend zum Gletscherschliff Verdenssvæt hinauf. Nach einer kurzen Wegpassage im Birkenwald öffnet sich der Blick auf die weiten Felsplatten. Das Verdenssvæt gilt als größter baumfreier Gletscherschliff Skandinaviens. Es zieht sich mehrere Kilometer am Kuglhorn entlang. Die Felsen sind in der Mittagssonne schön aufgeheizt, und wir legen ein Schlafpäuschen ein, bevor wir wieder zurück zum Auto wandern.


Verdenssvæt mit Kuglhornet


Verdenssvæt mit Stortinden

Nun fahren wir nochmals zum Stetind. Am Parkplatz campieren viele Kletterer, die ihre Klettertour entweder noch vor sich oder bereits hinter sich haben. Wir gehen es gemütlich an und steigen auf dem Pfad ein Stück ins Tal hinauf. Gleich neben dem Pfad fließt ein wilder Bergbach in Kaskaden herab. Ein Stück des Pfades ziehen wir uns an Fixseilen hinauf – und da steht auch schon das Kleine Zweiblatt Neottia cordata im Sonnenlicht. Winzige Orchideen in großartiger Bergkulisse, untermalt vom gewaltigen Tosen des Bergbaches – ein schönes nordisches Naturerlebnis.


Gigant aus Granit: der majestätische Stetind

Wir lassen die Umgebung noch ein wenig auf uns wirken und fahren dann zurück nach Narvik. Das Wetter ist immer noch schön und warm. Die Sonne steht fast im Norden, wir sitzen um 22 Uhr bei 22 Grad und herrlichster Mitternachtssonne auf der Terrasse und lassen den Tag ausklingen.

Abisko

Wir frühstücken wiederum zeitig, um dann in Richtung Osten aufzubrechen, in den Abisko-Nationalpark, der kurz hinter der Grenze in Schweden liegt. Für den Tag ist bewölktes Wetter mit sonnigen Abschnitten angekündigt, was sich auch so bewahrheitet.

Auf der E6 fahren wir zunächst um die Meeresbucht Rombaken herum, um dann auf die E10 in Richtung Kiruna abzubiegen. Eine neue, im Bau befindliche Brücke wird die Strecke um die Bucht in Zukunft erheblich verkürzen. Entlang der E10 sehen wir am Straßenrand zahlreiche Dactylorhiza-Populationen. Wir markieren sie in der Karte, um auf der Rückfahrt – sofern noch Zeit übrig ist – noch einmal genauer nachzusehen. Entlang der Straße sehen wir immer wieder Tunnels und Schneeschutzbauten an der Erzbahn von Kiruna nach Narvik. Bald erreichen wir die norwegisch-schwedische Grenze, bereits kurz vor Abisko. Hier oben auf etwa 500 Metern über dem Meeresspiegel sieht es noch kahl und vorfrühlingshaft aus. Ob unsere Exkursion zur Wenigblütigen Waldhyazinthe von Erfolg gekrönt sein wird?


Landschaft am See Báktájávri bei Abisko

Interessant ist das Klima in Abisko. Obwohl die Gegend nicht weit vom Nordmeer entfernt ist, hat Abisko ein ausgesprochenes Kontinentalklima und den niedrigsten Jahresniederschlag ganz Schwedens. Er liegt durchschnittlich bei nur 300 Millimetern, wovon 45% als Schnee fallen. Damit fällt in Abisko noch wesentlich weniger Niederschlag als in den trockensten Regionen Deutschlands (~380 mm). Im Winter kann man hier aufgrund des häufig klaren Himmels besonders gut Polarlichter beobachten. Die mittlere Jahrestemperatur liegt bei -0,8°C. Dabei können die Temperaturen im Sommer durchaus auf +30°C steigen, umgekehrt im Winter jedoch auch auf unter -40°C fallen. All diese Extreme begünstigen die sehr spezielle, endemitenreiche Flora in Nordwestlappland.

Bevor wir den Abisko-Nationalpark erreichen, legen wir noch einen spontanen Stopp am See Báktajávri ein. Die Ausbeute der kurzen Exkursion in den Fjällbirkenwald ist beachtlich. Wir finden schöne Exemplare der Grünen Hohlzunge Coeloglossum viride, dazu einen kleinen Bestand des Kleinen Zweiblatts Neottia cordata, Korallenwurz Corallorhiza trifida und Mücken-Händelwurz Gymnadenia conopsea. Hinzu kommen einige weitere interessante Pflanzenfunde wie Schwedischer Hartriegel Cornus suecica, Silberwurz Dryas octopetala, Kleine Simsenlilie Tofieldia pusilla und die beiden Fettkraut-Arten Pinguicula vulgaris und alpina. Auch das Sumpf-Herzblatt Parnassia palustris blüht stellenweise schon.


Korallenwurz, Corallorhiza trifida, bei Abisko

Aufgrund der Eindrücke dieses Standorts fahren wir schon optimistischer zum Start unserer Wanderung in den Abisko-Nationalpark. Im Birkenwald stehen wieder zahlreiche Neottia cordata. Auf der offenen Fjällheide fangen wir an zu suchen und werden sofort auf Anhieb fündig. Aus Polstern der Vierkantigen Schuppenheide Cassiope tetragona ragen zwei Blütenstände der Wenigblütigen Waldhyazinthe, Platanthera oligantha! Eine ist gerade frisch aufgeblüht, die andere hat etwas bräunliche Ränder. Auffallend ist die gute Bestäubung dieser Art. Auf allen offenen Blüten ist körniges Pollenmaterial verteilt.


Wenigblütige Waldhyazinthe, Platanthera oligantha

Für den wissenschaftlichen Namen dieser Orchidee gibt es eine Reihe von Synonymen. Am häufigsten verwendet wird Platanthera obtusata subsp. oligantha. Demnach wäre sie lediglich eine Unterart der nordamerikanischen Stumpfen Waldhyazinthe. Das andere Extrem ist die Einordnung in eine eigene Gattung: Demnach hieße sie Lysiella oligantha. Aus guten morphologischen und chorologischen Gründen kann man sich für den Mittelweg entscheiden und sie als eigene Art innerhalb der Gattung Platanthera listen. Somit hieße sie Platanthera oligantha. Interessant ist auch die Entdeckungsgeschichte dieser Art. 1841 fand Mathias Numsen Blytt in der norwegischen Finnmark eine Orchidee, die er nicht einordnen konnte. Er schickte sie an Elias Fries, der sie mit der aus Nordamerika bekannten Stumpfen Waldhyazinthe Platanthera obtusata (damals noch Habenaria obtusata) ansprach. Bei Abisko wurde die Wenigblütige Waldhyazinthe erstmals in 1880 gefunden. Im Abisko-Nationalpark hat sie wenige Vorkommen, die teilweise unter Betretungsverbot stehen. Auf unser Exkursionsgebiet trifft dies zwar nicht zu, dennoch bewegen wir uns sehr bedächtig im Biotop.

Das nordisch verbreitete Stroh-Weißzüngel Pseudorchis albida subsp. straminea wächst recht häufig auf der Fjällheide. Diese Unterart hat breitere Blätter und größere Blüten als die Nominatsippe, außerdem benötigt sie basisches Gestein. Auch die Grüne Hohlzunge Coeloglossum viride ist vertreten. Wir setzen den Aufstieg zum Hauptvorkommen der Wenigblütigen Waldhyazinthe fort, das weiter oben am Steilhang liegen soll. Dazu müssen wir durch steile Lawinenrunsen aufsteigen, die von dichtem Birkengestrüpp bewachsen sind. Mühsam kämpfen wir uns den Berg hinauf.


Stroh-Weißzüngel, Pseudorchis albida subsp. straminea

Aber am Hauptstandort werden wir nicht fündig, vielleicht sind wir hier noch zu früh. Allerdings haben auch andere Sucher, die nach uns hier oben waren, in 2016 nichts entdecken können. Umso froher sind wir, die Pflanzen weiter unten gefunden zu haben. Auch von der hier Alpen-Zwergorchis Chamorchis alpina fehlt jede Spur. Ansonsten ist die Flora an diesem Berghang aber sehr beeindruckend und artenreich. Es kommen unter anderem Gletscher-Tragant Astragalus frigidus, Lappländischer Spitzkiel Oxytropis lapponica, Lappländisches Läusekraut Pedicularis lapponica Lappländische Alpenrose Rhododendron lapponicum und Silberwurz Dryas octopetala vor.

Beim Abstieg kommt uns ein Orchideenfreund aus Bayern entgegen. Zum dritten Mal ist er nun nach Abisko gereist, zwei Mal hat er die Wenigblütige Waldhyazinthe nicht finden können. Wir teilen ihm unseren Fund mit. Er hat aber einen Hinweis, dass auch am Pfad, welchen wir gerade hinabsteigen, schon einzelne Pflanzen gefunden worden. Kaum hat er es ausgesprochen, da finden wir ein (für diese Art) sehr prächtiges, voll erblühtes Exemplar! Das ist natürlich noch eine sehr schöne Zugabe.


Noch einmal die Wenigblütige Waldhyazinthe, Platanthera oligantha

Nachdem nun die vermeintlich kniffligste Aufgabe der Reise gelöst ist, suchen wir uns einen Picknickplatz in Abisko. Wir sehen hier unter anderem die Nordische Händelwurz Gymnadenia borealis, erkennbar an den um etwa 30° abgesenkten seitlichen Sepalen. Es handelt sich um gedrungene Pflanzen mit eher kurzem Blütenstand. Sie wird in der Literatur teilweise auch als Varietät oder Subspezies geführt. Weiterhin sehen wir auch hier das Stroh-Weißzüngel Pseudorchis albida subsp. straminea, dazu einige Exemplare der Korallenwurz Corallorhiza trifida. Die erhoffte Alpen-Zwergorchis Chamorchis alpina lässt sich auch hier nicht finden.


Nordische Händelwurz, Gymnadenia borealis

Als nächstes steuern wir die Fjällstation Abisko mit dem zugehörigen Naturum an. Von hier aus machen wir eine kurze Wanderung entlang des Canyons Abiskojokk, teilweise auf Bohlenpfaden. Nun haben wir wieder herrliches Sommerwetter. Hier sehen wir wiederum viele unterschiedliche Fjäll-Pflanzenarten. Besonders hervorzuheben sind hier der Schnee-Steinbrech Saxifraga nivalis, der Gegenblättrige Steinbrech Saxifraga oppositifolia und die Einblütige Glockenblume Campanula uniflora, ein recht seltener Endemit der lappländischen Berge. Nach einem kurzen Besuch des Naturum machen wir uns nun auf den Rückweg, kaufen Proviant und fahren dann wieder hoch zur norwegischen Grenze.


Der Canyon des Abiskojåkka


Schwedischer Hartriegel, Cornus suecica

Auf einem etwa 500 m hoch gelegenen Felsbuckel in Grenznähe suchen wir nach Diapensia lapponica. Wir finden unzählige abgeblühte Exemplare, aber nur noch zwei restliche Blüten. Sehr schön in Blüte steht hingegen die Gämsheide Loiseleuria procumbens.


Alpenazalee, Loiseleuria procumbens


auch abgeblüht noch schön anzuschauen: Diapensia lapponica, ein Endemit des Nordens

Nun fahren wir gemütlich hinab in Richtung Narvik und halten an dem einen oder anderen der Dactylorhiza-Vorkommen entlang der E10, welche wir auf der Hinfahrt bereits notiert haben. Es ist auch hier wieder nicht einfach und nicht immer eindeutig. Eher trocken stehen die Fuchsschen Fingerwurze Dactylorhiza fuchsii, eher nass die Kola-Fingerwurze Dactylorhiza maculata var. kolaensis, wobei auch hier wieder mehr oder weniger deutliche Tendenzen zu typischer maculata vorhanden sind. Wir finden eine Gruppe sehr dunkler fuchsii, die wir zunächst für die ersten Lofoten-Fingerwurzen Dactylorhiza fuchsii subsp. punicea halten. Doch im Nachhinein, nachdem wir auf den Lofoten waren und die originalen Pflanzen davon gesehen haben, ordnen wir sie als hyperchrome fuchsii ein. Zurück nach Narvik. Am Abend ist es nicht ganz so sonnig wie am Vorabend, und so ziehen wir uns etwas früher auf die Zimmer zurück.

Das Programm des Folgetages ist nicht so straff wie an den Vortagen, daher lassen wir uns diesmal etwas mehr Zeit mit dem Frühstück. Anschließend fahren wir bei schönem Wetter auf der E6 nordostwärts über Bardufoss bis nach Nordjkosbotn in die Lyngen-Alpen. Um die Mittagszeit erreichen wir unser Quartier, die Vollan Gjestestue in Nordkjosbotn. Draußen vor dem Gästehaus sitzen Möwen auf den Autos und bewachen ihre Jungvögel.

Signaldalen und Lullefjell

Nach einer kurzen Pause fahren wir weiter ins Signaldalen und ins Skibotndalen. Beim Ort Oteren zweigt das Signaldalen ab. Hinter dem breiten, träge dahinfließenden Fluss Signalelva ragt der doppelgipflige, 1360 Meter hohe Otertind auf, der auch als das Matterhorn Norwegens bezeichnet wird.


der gewaltige Doppelgipfel des Otertinden (1360 m)

Am Ufer des Flusses finden wir unter anderem den Schnee-Enzian Gentiana nivalis und den Sumpf-Dreizack Triglochin palustris. Auffällig sind hier im Tal auch die Glockenblumen. Es handelt sich um eine auffallend großblütige, arktische Unterart der Rundblättrigen Glockenblume: Campanula rotundifolia subsp. groenlandica.

Bei einem Stopp an der Küste auf der Weiterfahrt nach Skibotn treffen wir auf Austernfischer Haematopus ostralegus, die aufgeregt ihr Nest bewachen. Hier blühen zwei auffällige und relativ seltene Küstenpflanzen: die herrlich blaue Austernpflanze Mertensia maritima, und die rosarote Strand-Platterbse Lathyrus japonicus. Die Samen der letztgenannten können bis zu 5 Jahre im Meerwasser treiben und bleiben trotzdem keimfähig.


Wasserfall im Naturreservat Lullefjellet


Moosglöckchen, Linnea borealis

Bei Skibotn biegen wir ab ins gleichnamige Tal. Hier liegt das Naturreservat Lullefjell. Durch das Reservat führt ein Naturpfad. Dabei werden unterschiedliche Biotope durchwandert. Zuerst führt der Weg am Flusslauf entlang bis zu einem Wasserfall. Direkt oberhalb des Wasserfalls stehen auf einem Felsen einige Exemplare des Kriechenden Netzblatts Goodyera repens. Sie sind bereits in Knospe. Auf dem weiteren Weg steigen wir durch Kiefernwälder und an steilen Felsabbrüchen entlang aufwärts. Hier sehen wir an mehreren Stellen wieder die Grüne Hohlzunge Coeloglossum viride und die Fuchssche Fingerwurz Dactylorhiza fuchsii. Nach dem höchsten Punkt des Weges geht es bergab durch Fichtenwald. Hier steht direkt am Pfad ein stattlicher Horst des Frauenschuhs Cypripedium calceolus.
Der Frauenschuh hat in Nordnorwegen seine nördlichsten Vorkommen überhaupt, wir sind insofern hier fast an der Arealgrenze angelangt. Da der Frauenschuh auch hier bereits abgeblüht ist, ersparen wir uns die Nachsuche in den Bereichen abseits des Weges. Im Naturreservat Lullefjellet soll auch der Widerbart Epipogium aphyllum relativ häufig sein, er blüht aber deutlich später. Nach der Wanderung fahren wir zurück in unser Quartier in Nordkjosbotn.

Durch die Lyngen-Alpen

Am nächsten Tag erkunden wir die Lyngen-Alpen. Sofern das Wetter hält, ist eine Wanderung vorgesehen. Doch der Tag beginnt zunächst regnerisch. Wir fahren über Oteren zum Lyngenfjord, an dessen Westküste wir nordwärts entlang unsere Fahrt fortsetzen. Dabei legen wir mehrere Beobachtungsstopps ein. Bei Stubbeng stehen auffallend klein- und dichtblütige Fuchssche Fingerwurzen Dactylorhiza fuchsii im Straßengraben. Dann erreichen wir Steindalen. Hier könnte man bei gutem Wetter eine Wanderung ins Gletschertal bis an den Rand des Steindalsbreen unternehmen, aber leider ist es weiterhin recht ungemütlich. Wir belassen es bei einer kurzen Erkundung und finden die Weiße Waldhyazinthe Platanthera bifolia sowie schöne Vorkommen vom Moosglöckchen Linnea borealis und Schwedischen Hartriegel Cornus suecica.

Unten am Fjord steht die Weiße Waldhyazinthe Platanthera bifolia direkt in den Strandwiesen vor dem türkisen Fjord und den dunklen Bergen, über denen dicke graue Wolken hängen. Bei Furuflaten halten wir an einem kleinen aufgelassenen Marmorsteinbruch. Der Aufschluss gehört zur Nordmannvik-Decke gehört, welche bei der kaledonischen Orogenese deformiert wurde. Neben dem Marmor sind viele kleine Granateinschlüsse zu finden.


am Lyngsfjord


wechselndes Licht am Lyngsfjord

Nun passieren wir den Ort Lyngseidet und biegen westwärts ab zum Fjord Kjosen, der die Lyngen-Halbinsel und somit die Alpen in ungefähr gleichgroße Nord- und Südabschnitte teilt. Die Passhöhe ist bloß etwa 50 Meter hoch und kaum merklich. Jenseits des Fjords beeindrucken die düsteren Gipfel der Lyngen-Alpen.


Blick vom Fjord Kjosen auf die Lyngen-Alpen mit dem Forholttinden (1469 m) und Store Fornestinden (1477 m)


Jægervattnet mit Jægervasstindane (1543 m)

Bei Svensby halten wir an einem Gestell mit Stockfisch. Hier wird der Kabeljau in der Seeluft getrocknet. Im Norwegischen wird zwischen Dorsch (Jungfisch) und Skrei (geschlechtsreifer Fisch) unterschieden. Dann fahren wir auf der Westseite der Lyngen-Alpen nordwärts bis zum See Jægervattnet. Hier haben wir den nördlichsten Punkt unserer Reise erreicht, wir sind nun auf knapp 69,7° nördlicher Breite. Am See machen wir eine Pause. Die eindrucksvollen vergletscherten Berge jenseits des Jægervattnet heißen Jægervasstindane und Trolltindane, sie sind bis zu 1600 Meter hoch.

Im Verlauf der Rückfahrt wird das Wetter rasch und deutlich besser. Schon am Fjord Kjosen bietet sich uns nun ein völlig verändertes Bild. Aus den düsteren dunklen Bergen sind eisig-glitzernde Schneeberge geworden, die das Gletscherbecken des Fornesbreen umrahmen. Der höchste Berg des Massivs und ganz Nordnorwegens, der 1834 Meter hohe Jiekkevárri, hält sich übrigens sehr dezent im Hintergrund. Es ist ein Plateauberg mit sehr flacher Gletscherkappe.


Glitzernde Eisriesen rund um das Fornesdalen: rechts der Durmålstinden, ganz hinten (an der scheinbar tiefsten Stelle des Felsgrates, kaum sichtbar) die Eiskappe des Jiehkkevárri (1834 m), höchster Berg der Lyngen-Alpen und ganz Nord-Norwegens

Elvevollen – das Elfental

Nun passieren wir wieder Steindalen. Für die etwa 6 Stunden lange Wanderung zum Gletscher ist es bereits zu spät. Aber aufgrund des herrlichen Wetters machen wir als kürzere Alternative die Tour von Elvevollen ins Elvevolldalen. Es handelt sich um ein Trogtal mit zwei Seen, die auf 278 bzw. 317 Metern Meereshöhe liegen. Der samische Name des Tals ist Stállovággi.

Zunächst führt der Weg durch den Birkenwald taleinwärts. An einer sagenumwobenen Felsformation namens Kvilarsteinen steigt der Wegverlauf dann steiler an. Die unteren Wasserfälle des Bachs Elvevollelva (oder Stállováhjohka) begleiten tosend unseren Weg hinauf. Bald ist die Waldgrenze erreicht, und mit ihr die Geländestufe, hinter der sich der untere See verbirgt. Die Landschaft ist völlig verändert: wir haben nach diesem vergleichsweise kurzen Anstieg ein abgeschiedenes, alpines, von eiszeitlichen Gletschern geformtes Trogtal erreicht – auf gerade mal 280 Metern Meereshöhe.


Das traumhafte Elvevolldalen: Unterer See (Vuollejávri), dahinter der Wasserfall Badječahca; das Tal wird eingerahmt von den Bergen Imagáisi (1414 m) und Steindalstinden (1511 m)


Wasserfall Badječahca im Elvevolldalen


Oberer See (Badjejávri) im Elvevolldalen

Es liegt nahe, dieses wunderschöne, abgeschiedene Tal von Elvevollen als »Elfental« zu bezeichnen, wenngleich die Wortbedeutung eine völlig andere ist: Elvevollen bedeutet nämlich ganz lakonisch »Tal der Bäche«.

Hinter dem See ist bereits der obere Wasserfall sichtbar, das Tal ist umrahmt von den Bergen Stálloborri, Langdalstindane, Imagáisi und Steindalstinden. Wir steigen auf dem Pfad neben dem eindrucksvollen Wasserfall Øverčahca auf. Am oberen See pausieren wir. Aber auch hier sind Orchideen zu finden, nämlich ein kleiner Bestand des Kleinen Zweiblatts Neottia cordata. Anschließend wandern wir wieder zurück zum Auto und fahren ins Quartier.

In der Nacht ist diesmal herrliche Mitternachtssonne zu bewundern, die die Lyngen-Alpen in ein magisches Licht tauchen.


Mitternachtssonne im Lakselvdalen, links die Lakselvtindane (1616 m), rechts der Guhkkesgaisi (Langdalstindane 1580 m)


Das Massiv der Lakselvtindane (1616 m) in der Mitternachtssonne


Mitternachtssonne im Signaldalen


Mitternachtssonne am Otertinden (1356 m) im Signaldalen

Am folgenden Tag geht es früh los. Die Fahrt geht westwärts, auf die Inselgruppe der Vesterålen und Lofoten. Dabei erleben wir die Lyngen-Alpen noch einmal im klaren, hellen Morgenlicht jenseits des Balsfjordes, bevor sie aus unserem Blickfeld verschwinden. Auf der E6 fahren wir wieder zurück in Richtung Narvik, bis bei Bjerkvik die E10 westwärts abzweigt. Diese Straße heißt »Lofast«, was »Lofotens fastlandsforbindelse«, also Lofotens Festlandsverbindung, bedeutet. Seit 2007 der letzte Straßenabschnitt geschlossen wurde, sind die Inseln ohne Fähren befahrbar.


Blick vom Balsfjord über die Lyngen-Alpen

In der Nähe von Bogen legen wir auf einem Rastplatz direkt neben der E10 am Fluss Storelva eine erste Pause ein. Hier stehen viele Fingerwurzen – vor allem Dactylorhiza fuchsii, aber auch einige maculata. Die fuchsii zeigen auch hier noch keine Merkmale von punicea / andoeyana.

Chamorchis am Nordmeer!

Nun steuern wir in der Umgebung von Bogen einen felsigen Küstenabschnitt an, um nach Orchideen zu suchen. Auf den felsigen Strandheiden wächst viel Silberwurz Dryas octopetala. Und hier finden wir nun endlich auch die gesuchte Alpen-Zwergorchis Chamorchis alpina in Hochblüte und in kleinen Grüppchen, so wie es für diese Art typisch ist. Zwar stehen die Pflänzchen auch hier gern gemeinsam mit der Silberwurz, aber damit sind die Gemeinsamkeiten mit den alpinen Standorten auch schon erschöpft. Irgendwie skurril ist, dass diese hochalpine Orchidee hier keine 10 Meter von der Brandung des Nordmeeres entfernt wächst. Zudem fehlt hier offenbar der Kalk. Aber wie schon an anderen Standorten, sind die Böden durch die Erosion der Gneise, speziell die Verwitterungsprodukte von Glimmer und Feldspat, hier dennoch basisch. Wir lassen uns viel Zeit zum Fotografieren und Schauen.


Standort der Alpen-Zwergorchis, Chamorchis alpina, direkt an der Nordmeerküste


Alpen-Zwergorchis, Chamorchis alpina

Außer der Zwergorchis kommen auch Grüne Hohlzunge Coeloglossum viride und Weiße Waldhyazinthe Platanthera bifolia vor. An weiteren bemerkenswerten Pflanzen notieren wir die Echte Mondraute Botrychium lunaria, das Große Wintergrün Pyrola rotundifolia, sowie die beiden Arten Fetthennen-Steinbrech Saxifraga aizoides und Gegenblättriger Steinbrech S. oppositifolia.

Nach diesem schönen Standort fahren wir weiter westwärts. In der Umgebung von Evenes botanisieren wir in Sumpfgebieten. Zu unserer Freude finden wir hier eine weitere Fingerwurz, die wir im Reiseverlauf bisher nicht gesehen hatten, und zwar Traunsteiners Fingerwurz Dactylorhiza traunsteineri im engeren Sinne. Sie steht hier gemeinsam mit der Fleischroten Fingerwurz Dactylorhiza incarnata und bildet auch Hybriden mit dieser. Eine weitere auffällige Pflanze dieses Standorts ist das Sumpf-Läusekraut Pedicularis palustris. Der aufkommende Regen vertreibt uns aber rasch von diesem Standort zurück ins Auto.


Hybride Fleischrote × Traunsteiners Fingerwurz, Dactylorhiza incarnata × traunsteineri

Hinnøya, Harstad und Trondenes

Nun erreichen wir Hinnøya, Norwegens größte Insel (ohne Svalbard / Spitzbergen) und Hauptinsel der Vesterålen, nun schon wieder bei herrlichem Sommerwetter.

Wir steuern die Stadt Harstad an, mit etwa 25.000 Einwohnern Nordnorwegens drittgrößte Stadt. Im Gewirr einiger Baustellen ist es fast unmöglich, die Zufahrt nach Trondenes zu finden. Nach einigen Fehlversuchen kommt dann aber doch das große Satteldach der mittelalterlichen Kirche von Trondenes in Sicht. Trondenes war die mittelalterliche Vorgängerstadt von Harstad. Die Kirche ist die nördlichste mittelalterliche Steinkirche Norwegens. Anscheinend ist die heutige Kirche bereits der dritte Bau an dieser Stelle, er wurde aufgrund der dendrochronologischen Untersuchungen kurz nach 1434 fertiggestellt. Da die Kirche von Trondenes die Hauptkirche ganz Nordnorwegens war, wurde sie reich ausgestattet. Herausragend sind die drei gotischen Flügelaltäre, die in Norddeutschland angefertigt wurden. Einer davon stammt offenkundig aus einer Lübecker Werkstatt, eventuell jener des Bildhauers Bernt Notke, der zu seiner Zeit einer der wichtigsten Kunstexporteure in den nordeuropäischen Raum war.


Drei gotische Flügelaltäre in der Kirche von Trondenes

Nach einer Pause fahren wir wieder ein Stück zurück und dann wieder auf der E10 an der Südküste der Insel Hinnøya weiter in Richtung Sortland.

Für diese Strecke haben wir diverse Fundortkoordinaten der Lofoten-Fingerwurz Dactylorhiza fuchsii subsp. punicea (= D. andoeyana). Wir stoppen aber nicht gleich an der ersten, sondern warten einfach eine günstige Gelegenheit ab, um anzuhalten. An der Südküste ist es dann so weit. Hier finden wir die ersten typischen Pflanzen dieser Art. Sie sind fast durchweg sehr intensiv gefärbt. Der Farbton ist charakteristisch und fällt auch im Vorüberfahren sofort auf.

Dieses Taxon wurde kurioserweise im gleichen AHO-Heft 2007 doppelt beschrieben: Von Perko als Dactylorhiza andoeyana und von Essink & Kreutz als D. fuchsii subsp. punicea. Wir müssen zunächst feststellen, dass eigentlich weder der eine noch der andere Name richtig passt. Denn das Verbreitungsgebiet ist weitaus größer als die namensgebende Insel Andøya; es erstreckt sich über den gesamten Archipel der Vesterålen und Lofoten, nicht aber auf das Festland. Und der Farbton ist kaum als granatrot zu bezeichnen, sondern eher kräftig rot-rosa, ähnlich dem Farbton der Hybride Orchis militaris × purpurea.


Lofoten-Fingerwurz, Dactylorhiza fuchsii subsp. punicea oder Dactylorhiza andoeyana


Gefleckte Fingerwurz, Kola-Varietät, Dactylorhiza maculata var. kolaensis = subsp. montellii

Wir fotografieren eine Weile und fahren dann weiter. An einem weiteren spontanen Halt steht der Straßengraben voller Lofoten-Fingerwurzen, und im angrenzenden Moor sind dann auch wieder schöne, recht typische Dactylorhiza maculata var. kolaensis anzutreffen. Wir sind begeistert, diese beiden charakteristischen nordischen Sippen hier in typischer Form unmittelbar benachbart anzutreffen. Und dazu in bestem weichem Fotolicht! Dann fahren wir weiter nach Sortland in unser Quartier.

Der nächste Tag wird uns quer über die Lofoten bis nach Sørvågen bringen. Wir starten entsprechend früh, weil viele Beobachtungsstopps in dieser absolut außergewöhnlichen Landschaft vorgesehen sind. Bei herrlichem Morgenwetter legen wir bereits kurz nach Sortland einen ersten Stopp ein. Die Stelle war uns bereits am Vorabend aufgefallen, weil hier ein Großbestand der Lofoten-Fingerwurz Dactylorhiza fuchsii subsp. punicea unübersehbar am Straßenrand steht. Die Pflanzen sind hier sehr prächtig, teils von mastigem Wuchs, und nahezu durchgehend satt purpurrot gefärbt. Quasi eine mustergültige Population. Man sieht hier auch die Eigenständigkeit des Taxons, das die am Festland vorkommende, typische D. fuchsii ersetzt.

Die Weiterfahrt führt nun am Møysalen-Nationalpark vorbei. Der gleichnamige, mit 1.262 m höchste Berg der Vesterålen ist von der Straße aus allerdings nicht sichtbar. Nun überqueren wir den Raftsund, der die Inseln Hinnøya und Austvågøya trennt. Somit sind wir nun auf den Lofoten angelangt.

Lofoten – der Luchsfuß

Der Archipel besteht aus etwa 80 größeren und mittelgroßen Inseln sowie unzähligen kleinen und kleinsten Inselchen. Die vier Hauptinseln sind Austvågøya, Vestvågøya, Flakstadøya und Moskenesøya. Weit westwärts draußen im Nordmeer vorgelagert sind Værøya und Røst. Der Name bedeutet »Luchsfuß«, wobei die Endung -en den Artikel im Singular bildet. Somit müsste man im Deutschen eigentlich korrekterweise von »dem Lofoten« sprechen, was aber im Sprachgebrauch völlig unüblich ist. Ursprünglich bezog sich der Name nur auf die Insel Vestvågøya.


Am Morfjord auf der Insel Austvågøya, jenseits des Fjordes der Berg Stauren (778 m)

Die Lofoten-Inseln sind bereits seit etwa 6000 Jahren bevölkert. In der Wikingerzeit gab es bereits mehrere Siedlungen mit Häuptlingshöfen. Ab dem 14. Jahrhundert beherrschten dann Kaufleute aus Bergen den Fischhandel. Der Stockfisch, der in der Seefahrt als Trockenproviant eine große Bedeutung hatte, wurde bereits im Mittelalter bis ans Mittelmeer exportiert. Die Bevölkerung lebte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hauptsächlich vom Fischfang. Inzwischen ist natürlich der Tourismus zum bedeutendsten Wirtschaftsfaktor geworden. Insofern sind wir hier nun, aus der Einsamkeit der Lyngen-Alpen kommend, für norwegische Verhältnisse fast schon im Massentourismus gelandet, auch wenn nach wie vor überwiegend Individualtouristen hierher reisen.

Am Sløverfjord taucht die E10 unter das Meeresniveau ab – der Fjord wird per Tunnel unterquert. Bis auf eine Tiefe von 112 Metern unter dem Meeresspiegel rauschen wir ziemlich steil hinab unters Meer und dann auf der anderen Seite wieder hinauf. Hinter dem Tunnelausgang weichen wir von der Hauptroute ab, um auf der landschaftlich schönen Nebenstrecke über Straumnes an der Nordküste der Insel Austvagøya entlang zu fahren. Am Morfjord legen wir einen Fotostopp ein. Leider hat sich das Wetter nun eingetrübt, es bleibt aber trocken.

Am Grunnførsfjord passieren wir ein kleines Vogelschutzgebiet. Natürlich darf auch hier die Lofoten-Fingerwurz Dactylorhiza fuchsii subsp. punicea, die immer wieder die Straßenränder in mehr oder weniger dichten Abständen säumt, nicht fehlen. Besonders interessant ist jedoch die Beobachtung der Sterntaucher Gavia stellata, die hier ein Brutgewässer haben. Zwei Altvögel sind mit der Aufzucht eines Kükens beschäftigt. Sie bleiben aber auf großem Abstand von uns entfernt.


Sterntaucher, Gavia stellata


Blick von Svolvær zur Bergkette von Hamarøya mit dem markanten Hamarøyskaftet (613 m)

Nun fahren wir weiter nach Svolvær, der Inselhauptstadt der Lofoten. Das Städtchen hat nur knapp 5000 Einwohner, wirkt aber durchaus quirlig. Leider ist das Wahrzeichen der Stadt, der Kletterfelsen der Svolværgeita, wegen der tief hängenden Wolken nicht sichtbar. Die »Geiß von Svolvær« hat zwei Hörner, und der Sprung vom einen aufs andere ist eine Mutprobe für die Kletterer, die es bis zur Spitze geschafft haben. Wir tanken und kaufen Proviant ein. Nun fahren wir weiter und passieren in Kabelvåg die sogenannte »Lofotenkathedrale«, eine für norwegische Verhältnisse große, neuzeitliche Holzkirche.

König Vågakallen

Bei Hopen, am Fuß des beeindruckenden Berges Vågakallen, legen wir einen Fotostopp ein, denn die Sonne kommt nun wieder durch. Die Stelle ist so schön, dass wir spontan unser Picknick einlegen. Die Wolken umspielen den 942 Meter hohen Berg, der mit verschiedenen anderen nordnorwegischen Bergen und Stätten durch eine Sage verbunden ist:

»Es waren einmal zwei Könige, Vågakallen und Sulitjelmakongen. Sie lebten auf den beiden Seiten des Westfjordes. Der Vågakallen hatte einen Sohn, den Hestmannen (Pferdemann). Der Sulitjelmakongen hatte sieben Töchter. Da es den Töchtern an Benehmen fehlte, schickte ihr Vater sie zur Jungfrau Lekamøyen, damit diese ihnen Anstand beibrachte. Als die Schwestern eines Tages mit Lekamøyen baden gingen, wurden sie beobachtet von Hestmannen. Dieser verliebte sich in die schöne Lekamøyen und beschloss, sie noch in derselben Nacht zu entführen. Um Mitternacht machte er sich auf den Weg. Als die Schwestern und Lekamøyen ihn bemerkten, begaben sie sich auf die Flucht. Nun gibt es zwei Varianten, was weiter geschah. Die 7 Schwestern blieben beim Sandnessøyen sitzen, entweder, weil sie erschöpft waren von der Flucht oder weil sie selbst nichts dagegen hatten, den Hestmannen zu heiraten. Jedenfalls interessierte dieser sich nur für Lekamøyen. Als sie aber an Vorsprung gewann, nahm er sich Pfeil und Bogen und schoss auf sie, um sie aufzuhalten. Dies sah sein Vater, Vågakallen, und warf einen Hut zwischen die beiden, der Lekamøyen schützen sollte. Der Hut blieb auf der Insel Torga liegen, mit einem Loch, durchschossen von dem Pfeil. Die Jagd zog sich durch die ganze Nacht, doch als die Sonne aufging, legte sich ein Zauber auf alle Gestalten und sie wurden zu Stein und verharren nun an dem Ort, wo sie sich als letztes befanden.« (Quelle: www.norwegenstube.de)


Das schroffe Bergmassiv des Vågakallen (943 m)

Die Sage erklärt so unter anderem die Entstehung des viel weiter südlich gelegenen, hutförmigen Berges Torghatten, der in der Mitte ein Loch hat. Nun fahren wir um den Vågakallen herum und machen einen kurzen Abstecher ins Fischerdorf Henningsvær, das auf mehreren durch Brücken verbundene Inselchen liegt. Aufgrund des allgemeinen Parkverbots im Ort legen wir nur einen kurzen Fotostopp ein. Auf der Rückfahrt beeindruckt uns der 500 Meter hohe Felspfeiler des Presten (Priester), der dem Vågakallen vorgelagert ist. Im festen Granitfels sind einige Seilschaften unterwegs.


Der markante Felspfeiler des Presten


Vågakallen und Presten in Wolken

Nun verlassen wir die größte Lofoten-Insel Austvågøya und erreichen die kleine Insel Gimsøy, die wir auf einer Nebenstrecke umfahren. Auch hier gibt es flache Küstensümpfe mit Seen, in denen der Sterntaucher brütet, und auch die Lofoten-Fingerwurz fehlt hier nicht. Das Große Zweiblatt Neottia ovata gesellt sich dazu. Diese Art haben wir auf der Reise noch nicht so oft gesehen. Über den Sundklakkstraumen erreichen wir die zweite große Lofoteninsel Vestvågøya. Über Nebenstraen fahren wir an den Ufern entlang. Dabei haben wir nochmals einen schönen Blick zum Vågakallen jenseits des Fjords.

Suche nach der Hammarbya

In einem etwas versteckten Moorgebiet stoppen wir, um nach dem seltenen Sumpf-Weichkraut Hammarbya paludosa zu suchen. Um das empfindliche Moor nicht zu schädigen, bleibt die Gruppe zusammen, wir sondieren vom Rand aus. Die winzige, streichholzgroße, ganz und gar grüne Orchidee gehört zu den am schwierigsten zu findenden Orchideenarten. Doch schon nach kurzer Suche ist der Erfolg zu vermelden!

Ein schön frisch aufblühendes Exemplar steht im Torfmoos zwischen Rundblättrigem Sonnentau Drosera rotundifolia und Rosmarinheide Andromeda polifolia. Daneben steht noch ein knospendes Exemplar, das noch gar nicht über das Moospolster hinausragt. Es ist also davon auszugehen, dass weitere Exemplare folgen, die noch gar nicht zu sehen sind. Der Standort liegt ganz am Rand der empfindlichen Moorfläche, so dass die Pflanze fotografiert werden kann, ohne das Moor zu schädigen. Eine genaue Weitersuche erübrigt sich wegen der sehr empfindlichen Vegetation, ein grober Überblick übers Gelände bringt keine weiteren Exemplare. Vermutlich haben wir Glück, eines der allerersten blühenden Weichkräuter gefunden zu haben.


Sumpf-Weichkraut, Hammarbya paludosa


Standort des Sumpf-Weichkrautes, Hammarbya paludosa

Haukland und Uttakleiv

Am Abend fahren wir zu den Stränden Haukland und Uttakleiv, die zu den schönsten der Lofoten gehören. Haukland glänzt mit feinem weißem Sand, Uttakleiv hingegen mit vielfältigen Steinformationen. Hier ist erwartungsgemäß ziemlich viel los. Gerade unter Fotografen sind die Strände keine Geheimtipps mehr. Im herrlichen Abendlicht genießen wir die Landschaft der Lofoten.


Haukland


Uttakleiv

Zu fortgeschrittener Zeit fahren wir nun zügig bis zu unserem Ziel Sørvågen. Dabei unterqueren wir den Nappstraumen per Tunnel und erreichen die Insel Flakstadøya und schließlich Moskenesøya. Die Fahrt über den Kong Olavs Vei durch die atemberaubende Berg- und Inselwelt gleicht aufgrund der dichten Folge von Tunneln, Brücken und Inselpassagen immer mehr einer Achterbahnfahrt – wenn auch mit norwegischer Gemächlichkeit. Einen letzten kurzen Stopp legen wir in Hamnøy ein. Vor der Kulisse der »Haifischflosse« des Berges Olstind liegt das kleine Fischerdorf, eines der bekanntesten Fotomotive der Lofoten. So erreichen wir am Abend unser Quartier in Sørvågen.

Aufgrund der extremen Auslastung der Hotelkapazitäten haben wir hier ausnahmsweise für zwei Nächte ein Ferienhaus zur Selbstversorgung. Es ist klein und die Schlafkapazitäten sind sehr unterschiedlich, aber dennoch ist die Atmosphäre im Haus gemütlich. So verbringen wir gemeinsam einen schönen Abend und lassen die vielfältigen Erlebnisse des Tages noch einmal Revue passieren. Im Laufe des Abends bewölkt sich der Himmel immer mehr, und für den kommenden Tag ist Regen vorhergesagt. Umso schöner, dass der erste Tag auf den Lofoten so fantastisch war.

Der Blick aus dem Fenster bestätigt die Wettervorhersage des Vorabends. Schon am frühen Morgen regnet es, die Landschaft präsentiert sich grau-in-grau. Aufgrund der Nässe bedeutet dies, dass die geplante Tour auf den Aussichtsberg Reinebringen nicht stattfinden kann. Der Weg dorthin führt nämlich über einen extrem steilen, rutschgefährdeten Grashang. So lassen wir uns viel Zeit beim Frühstück.


bei Hamnøy

Dann fahren wir gemütlich über die Inseln Flakstadøya und Moskenesøya. Wir kommen nach Nusfjord. Das Fischerdörfchen ist in Privatbesitz, und für die Besichtigung wird Eintritt verlangt. Bei diesem Wetter hält sich aber unsere Entdeckerlust in Grenzen. So belassen wir es bei einer Stippvisite am Rand des Dörfchens, und dann fahren wir schon weiter.

Im Umfeld der Straße nach Nusfjord kommen wieder die drei auf den Lofoten üblichen Orchideen vor: Lofoten-Fingerwurz Dactylorhiza fuchsii subsp. punicea, Kola-Fingerwurz Dactylorhiza maculata var. kolaensis und Weiße Waldhyazinthe Platanthera bifolia.

Chamorchis in den Dünen

Gerade regnet es weniger, daher suchen wir in einem Küstenabschnitt der Insel Flakstadøya nach Orchideen. Das Terrain besteht aus Dünen, Felsrücken und Moortälchen. Schnell zeigt sich, dass hier einiges zu finden ist. Auffallend häufig ist das Große Zweiblatt Neottia ovata. Dann stehen hier viele knospende Braunrote Stendelwurzen Epipactis atrorubens und natürlich auch wieder die Lofoten-Fingerwurz Dactylorhiza fuchsii subsp. punicea.

Wir steuern die Felsrücken an, die zwischen den Sanddünen aufragen. Hier suchen wir wieder zwischen der Silberwurz Dryas octopetala nach der Alpen-Zwergorchis Chamorchis alpina. Aber erst einmal finden wir sehr schöne Exemplare des Weißzüngels Pseudorchis albida, hier wieder in der typischen Unterart, und dann auch einen großen Bestand der Grünen Hohlzunge Coeloglossum viride in großer Variationsbreite. Immerhin wird tatsächlich ein winziges, einzeln stehendes Exemplar der Alpen-Zwergorchis gefunden. Es ist aber wenig fotogen.

Die andere Flora ist hier ebenfalls interessant, an Besonderheiten notieren wir unter anderem Mondraute Botrychium lunaria und Strand-Dreizack Triglochin maritimum. Langsam machen wir uns auf den Rückweg. Doch da wird nochmals Chamorchis gefunden. Diesmal aber einen schönen Bestand, mit Prachtexemplaren in großen Gruppen! Und sie sind in optimalem Blühzustand. Trotz des spärlichen Lichts können wir sie hier sehr gut fotografieren.


Alpen-Zwergorchis, Chamorchis alpina

Das ist doch noch ein versöhnlicher Fund an diesem trüben Tag. Da keinerlei Wetterbesserung in Sicht ist, beschließen wir, zurück zum Ferienhaus zu fahren und dort den Nachmittag zu verbringen. Wir schüren den Holzofen an und machen es uns bei Tee und Wein gemütlich. Am nächsten Morgen steht die sehr frühe Fährabfahrt nach Bodø an, daher bereiten wir schon das Frühstück vor und legen unsere Sachen zurecht.

Der Wecker klingelt um kurz nach 4 Uhr, denn wir müssen laut Fährticket bereits um 5:15 Uhr an der Fähre sein, die uns von Moskenes nach Bodø bringen wird. Zeit für einen schnellen Kaffee muss aber dennoch sein. Wir kommen pünktlich um 5:15 Uhr an, nur um dann eine Dreiviertelstunde im Auto zu warten, bis wir um kurz vor 6 Uhr auf die Fähre gelassen werden.


Überfahrt von Moskenes nach Bodø


Insel Landegode, links der Berg Gjura (705 m)

Bodø und Saltstraumen

Wir legen pünktlich ab und fahren gute drei Stunden über das Nordmeer nach Bodø. Auf der Fähre frühstücken wir in aller Ruhe und holen noch ein wenig Schlaf nach. Kurz vor dem Erreichen des Zielhafens bessert sich das Wetter deutlich. Wir passieren die markante Insel Landegode mit dem markanten zuckerhutförmigen 705 m hohen Berg Gjura sowie dem 802 m hohen Berg Rypdalstinden. Durch die Schäreninseln fahren wir pünktlich um 9:15 Uhr in Bodø ein.

Da wir bereits Alpen-Zwergorchis und Sumpf-Weichkraut auf den Lofoten gefunden haben, lassen wir zwei mögliche Fundorte nahe Bodø aus, um zügig nach Hemavan zu fahren. Denn für den folgenden Tag ist der Durchzug einer Schlechtwetterfront angekündigt, und so wollen wir möglichst noch am Nachmittag die Wanderung zum Braut-Kohlröschen antreten.

Den kurzen Besuch am Saltstraumen, dem stärksten Gezeitenstrom der Erde, wollen wir aber dennoch nicht auslassen. Über eine Brücke wird der Strom überfahren. Auf einem Pfad steigt man hinab zur Küste. Am Ufer ist große Vorsicht geboten: Das Wasser strömt mit unbändiger Kraft und hoher Geschwindigkeit meerwärts, große Strudel ziehen vorüber. Der Saltstraumen verläuft durch einen 2,5 Kilometer langen und etwa 150 Meter breiten Sund. Hier strömen im Wechsel der Gezeiten fast 400 Millionen Kubikmeter Wasser zwischen dem inneren und äußeren Saltfjord ein- und auswärts, dabei erreicht die Fließgeschwindigkeit bis zu 40 km/h. Nur bei Höchst- und Tiefststand kehrt kurz Ruhe ein.

Auch ein paar Fuchssche Fingerwurzen Dactylorhiza fuchsii notieren wir auf den Weiden am Pfad. Dann fahren wir auf einer Nebenstecke durch das Bergland von Salten hinüber zur E6. Dabei kommen wir kurz vor dem Pass Ljøsnehammarsæter an einer moorigen Hangwiese vorbei. Hier finden wir nochmals schöne Lappländische Fingerwurzen Dactylorhiza lapponica, wenn auch nicht so zahlreich wie im Tänndalen. Außerdem stehen in der Wiese wenige Mücken-Händelwurzen Gymnadenia conopsea sowie ein paar Fuchssche Fingerwurzen Dactylorhiza fuchsii.

Nun fahren wir ostwärts weiter und treffen bei Rognan wieder auf die E6, der wir südwärts folgen. Die Fahrt geht wieder am Junkerdal vorbei und übers Saltfjell. Diesmal stoppen wir kurz am Polarkreis. Am Polarsirkelcenter herrscht Hochbetrieb. Besonders schön ist es hier allerdings nicht. So fahren wir rasch weiter in Richtung Mo i Rana, umfahren die Stadt östlich auf einer Nebenstrecke und kommen auf die E12, auf der wir zügig die schwedische Grenze erreichen. Diese verläuft durch den Bergsee Över-Uman, der zwischen Artfjäll und Storfjäll eingebettet ist. Aus dem See geht der Fluss Umeälven hervor, der in Umeå ins Bottnische Meer mündet.

Ins Vindelfjäll zur Brudkulla

Um etwa 15 Uhr erreichen wir unsere Unterkunft Sånninggården bei Hemavan. Sie liegt herrlich eingebettet in die Natur, wir können gar nicht anders, als kurz nach der Pflanzenwelt zu schauen. Gleich an der Straßenböschung begrüßen uns herrliche Karlszepter Pedicularis sceptrum-carolinum. An Orchideen stehen hier Grüne Hohlzunge Coeloglossum viride, Korallenwurz Corallorhiza trifida und Kola-Fingerwurz Dactylorhiza maculata var. kolaensis.


Karlszepter, Pedicularis sceptrum-carolinum


Kaffeepause im Sånninggården

Dann beziehen wir rasch unsere Zimmer, legen eine kurze Kaffeepause ein und brechen dann alsbald zur Wanderung auf. Der Standort des Braut-Kohlröschens, schwedisch Brudkulla, wissenschaftlich Gymnigritella runei, liegt im riesigen Naturreservats Vindelfjällen. Nach den vorliegenden Aufzeichnungen liegt die Blütezeit dieser Orchidee Mitte bis Ende Juli, in mehreren Fundberichten aus der ersten Julihälfte werden aber schon früher aufblühende Exemplare genannt. So sind wir guter Dinge, auch noch das letzte Highlight der Reise blühend zu finden.

Die Orchidee gibt es aber nicht ohne Mühen. Vom Parkplatz aus ist ein wegloser Anstieg durch den Fjällbirkenwaldund übers Hochfjäll zu bewältigen. Aber der Weg hat vieles zu bieten: bBald finden wir die ersten interessanten Pflanzen. Im Birkenwald stehen beispielsweise Schwedischer Hartriegel Cornus suecica, Siebenstern Trientalis europaea und Moltebeere Rubus chamaemorus. Auch das Kleine Zweiblatt Neottia cordata steht hier stellenweise recht häufig. An lichten Stellen des Waldes kommt das Weißzüngel Pseudorchis albida in der Nominatform hinzu.


Buchenfarn, Phegopteris connectilis, im Bergwald

Auffallend ist, dass die Pflanzen erst knospig bis aufblühend sind. In unseren mitgeführten Vergleichsberichten steht jedoch »aufblühend bis Hochblüte«. Das könnte also knapp werden mit der Blütezeit der Brudkulla! Sollten wir ausgerechnet hier nun Pech mit der Blütezeit haben? Außerdem zieht sich der Himmel immer mehr zu, kaum noch blaue Lücken sind zwischen den dicken Wolken auszumachen. Wir steigen weiter auf, nun etwas skeptischer.

In einer Senke passieren wir ein Moor mit Kola-Fingerwurz Dactylorhiza maculata var. kolaensis. Hier blühen auch die ersten Trollblumen Trollius europaeus und Karlszepter Pedicularis sceptrum-carolinum auf, außerdem wächst hier auch Lappländisches Läusekraut Pedicularis lapponica und natürlich die Rosmarinheide Andromeda polifolia.


auf dem Weg zur Brudkulla

Dann steigen wir über felsige Passagen aufwärts zur Baumgrenze. Hier finden wir zwischen Felsen das Katzenpfötchen Antennaria dioica und die Rosenwurz Rhodiola rosea. Nun erreichen wir die almenartige Hochfläche. Hier finden wir zunächst Grüne Hohlzunge Coeloglossum viride und Stroh-Weißzüngel Pseudorchis albida subsp. straminea. In Silberwurzfluren achten wir auch auf Alpen-Zwergorchis Chamorchis alpina, jedoch erfolglos. Vermutlich blüht sie sowieso noch nicht, denn die Vegetation ist hier oben noch weit zurück.

Als wir die ersten Koordinaten der Gymnigritella runei erreichen und vergeblich suchen, wird klar, dass wir diese Orchidee hier nicht »geschenkt« bekommen. Wir verteilen uns im Gelände und halten Ausschau. Endlich wird ein erstes knospendes Exemplar gefunden – immerhin. Wir navigieren nun einem Fundpunkt entgegen, bei dem in anderen Jahren relativ früh aufblühende Exemplare gefunden wurden. Und tatsächlich, auf dem Weg dorthin werden glücklicherweise ein paar aufblühende Pflanzen entdeckt. Die Lichtverhältnisse sind zwar nicht optimal, aber brauchbar. Wir sind sehr glücklich, die berühmte »Rote Ampel im Fjäll« gefunden zu haben. Bei diesem trüben Wetter und der spärlichen Anzahl will dieser Vergleich natürlich nicht so recht passen.


Braut-Kohlröschen, schwedisch Brudkulla, Gymnigritella runei

Bei Gymnigritella runei handelt es sich um eine stabilisierte Hybridsippe mit den Eltern Nigritella nigra und Gymnadenia conopsea; das Schwarze Kohlröschen kommt hier jedoch nicht (mehr) vor. Zuerst entdeckt wurde diese Orchidee im Jahr 1961 von Olof Rune aus Umeå, der sie zunächst für das Schwarze Kohlröschen hielt und seinen Fund publizierte. Ö. & E. Nilsson (1987) erkannten die Abweichung dieser Sippe von den übrigen schwedischen Nigritellen, woraufhin Teppner & Klein 1989 die Population genauer untersuchten und dabei zur Auffassung kamen, dass es sich um eine stabilisierte Hybridsippe und somit um eine neue Art handelt. Sie beschrieben sie und benannten sie zu Ehren ihres Entdeckers Olof Rune als Gymnigritella runei.

Im Schwedischen wurde sie zur Unterscheidung von der »Brunkulla« (Braunkugel, Braunfräulein) nun »Brudkulla« (Brautkugel, Brautfräulein) genannt. Gymnigritella runei hat 80 Chromosomen, davon stammen 60 von Nigritella nigra und 20 von Gymnadenia conopsea (Gerbaud & Gerbaud 2009). Dies erklärt die weitaus stärkere Ähnlichkeit zum Kohlröschen als zur Händelwurz.

Außer dem relativ gut zugänglichen Fundort mit dem Hauptvorkommen gibt es noch ein weiteres, aber sehr entlegenes im Naturreservat Daune. Insgesamt geht man von einer Gesamtpopulation von etwa 2000 bis 3000 Exemplaren aus.

Bevor wir wieder absteigen, kündigen wir wegen des Abendessens den Zeitpunkt unserer Rückkehr ins Quartier an. Dann wandern wir recht zügig hinab zum Auto und treffen um kurz nach Acht zum Abendessen im Sånninggården ein. Es übertifft alle unsere Erwartungen. Zur Vorspeise werden Brot, Butter sowie Västerbotten-Käse gereicht, dazu ein Stück Schwarzbrot mit Rentierfleisch. Dann folgt eine Suppe mit Pfifferlingen, die aus der Kaffeekanne serviert wird. Zum Hauptgang gibt es Forelle, die typisch Schwedisch auf der Holzplanke serviert wird. Ziemlich müde und sehr zufrieden gehen wir nach diesem anstrengenden, aber auch erlebnisreichen Reisetag ins Bett.

Nach dem ausgesprochen langen Reisetag zuvor lassen wir es am nächsten Morgen gemächlich angehen. Nach dem Frühstück packen wir unsere Sachen und räumen die Zimmer – so ordentlich und sauber wie möglich, denn so will es die Hausordnung, und die respektieren wir natürlich.


Morgenstimmung im Vindelfjäll


am Sånninggården


Umeälven am Sånninggården

Von Hemavan nach Sollefteå

Dann fahren wir ins nahegelegene Hemavan zum Naturum und zum Fjällbotanischen Garten. Das Wetter ist derweil kalt, aber sehr schön. Der Durchzug der angekündigten Regenfront hat sich verzögert, so dass wir nun am Rödingsnäset Sonnenschein hätten. Wir nehmen es gelassen, denn das skandinavische Wetter ist gern für Kapriolen gut, somit ist es nicht möglich, im Voraus immer die beste Entscheidung zu treffen.


Hemavan

Der Doppelort Hemavan – Tärnaby ist bekannt als Wintersportort. Einige schwedische Ski-Legenden wir Ingemar Stenmark, Stig Strand und Anja Pärson stammen hierher. Im Gebäude des Naturum mit dem weit sichtbaren Aussichtsturm ist auch die Informationsstelle des Naturreservats Vindelfjällen untergebracht. Hier erfahren wir, dass wir die erste Gruppe in diesem Jahr sind, die blühende Brudkulla am Rödingsnäset gefunden haben. Beim Rundgang durch das Gelände kommen wir auch an einen Naturstandort, ein Hangmoor mit Orchideen. Hier stehen Mücken-Händelwurz Gymnadenia conopsea und Kola-Fingerwurz Dactylorhiza maculata var. kolaensis.


Hybride Grüne Hohlzunge × Gefleckte Fingerwurz, Coeloglossum viride × Dactylorhiza maculata, kultiviert im Fjällbotanischen Garten Hemavan


Berglandschaft im Vindelfjällen bei Hemavan, Blick auf Hjartfjellet (1458 m) und Olfjellet (1368 m)

Etwas wehmütig schauen wir doch nochmals hinüber zu den schneebedeckten Bergen des Hartfjäll, die in der Morgensonne glitzern, und zum Standort der Brudkulla. In den Hochbeeten der Ausstellungsfläche finden wir das hier ausgestellte Exemplar der Orchidee, allerdings auch hier noch knospend. In der Nähe wird auch eine Hybride Coeloglossum viride × Dactylorhiza maculata gezeigt. Dies ermöglicht uns den Vergleich zur Naturhybride mit dem Elter D. fuchsii, die wir vor einigen Tagen in Norwegen gefunden haben.

Nun starten wir in Richtung Sollefteå. Eine lange Fahrtstrecke liegt vor uns. In Storuman hat uns die Schlechtwetterfront eingeholt, während unseres Einkaufs regnet es heftig. Wir verlagern unser Picknick ins Auto und fahren weiter. Hinter Vilhelmina bessert sich das Wetter rasch wieder, und bald kommt auch wieder blauer Himmel zum Vorschein.

Am Nachmittag erreichen wir Näsaker. Hier besichtigen wir die Felsbilder am Wasserfall Nämforsen. Der gewaltige Fluss Ångermanälven stürzt über eine Felsbarriere. Der Platz muss auf die vorgeschichtlichen Jäger und Sammler eine große Faszination ausgeübt haben, denn am Rand des Flusses liegt einer der größten Felsbilderplätze Nordeuropas. Die etwa 2300 Ritzbilder zeigen überwiegend Jagdszenen, die ältesten sind wohl um 4000 v. Chr. entstanden. Ein Bohlenweg mit Geländer führt an den schönsten Felsbildern entlang. Das Gebiet liegt nun direkt unterhalb eines Vattenfall-Kraftwerkes, Schilder warnen vor dem Ablassen des Wassers.


Wasserfall Nämforsen


Felsbilder am Nämforsen

Nun ist es nicht mehr weit bis zum Tagesziel Sollefteå. Da wir recht gut in der Zeit liegen, fahren wir noch einen kleinen Umweg am Fluss Ångermanälven entlang. Wir steuern ein kleines Naturreservat an, in dem das Kriechende Netzblatt Goodyera repens vorkommt. Es liegt an einem Steilhang mit schluchtartigem Einschnitt oberhalb des Flusses und ist sehr unwegsam. Daher sondieren wir erst einmal. Die Suche ergibt zwar den Fund der gesuchten Orchideen, aber sie sind steril sowie knospig. Da lohnt es sich nicht, noch länger weiterzusuchen.

So fahren wir weiter nach Sollefteå, überqueren wir den Ångermanälven und fahren hinauf zum Hallstaberget mit der Skisprunganlage Hallstabacken und dem gleichnamigen Hotel, unserem Quartier für die letzte Übernachtung der Reise.

Da auch der letzte Tag der Reise botanisch genutzt werden soll, beladen wir am nächsten Morgen ganz zeitig den Bus, frühstücken und fahren anschließend bei herrlichem Sommerwetter von Sollefteå südwärts in Richtung Sundsvall. Bei Timrå stoßen wir auf die Küstenstraße E4. Über die große Straßenbrücke von Sundsvall geht es zügig südwärts.

Und doch noch Malaxis…

Bei Hudiksvall möchten wir nochmals nach dem Einblatt Malaxis monophyllos Ausschau halten. Die Suche im offenen Moor ist wiederum erfolglos. Oberhalb des Moores geht es aber im Hochwald am Bachlauf zwischen Steinen entlang. Und siehe da: Hier steht die gesuchte Orchidee!

Das erste, vergleichsweise große Exemplar ist bereits am Abblühen. Die weitere Suche bringt ein gutes Dutzend von Einblättern in Hochblüte zum Vorschein, die einzeln oder in lockeren Gruppen stehen. Trotz oder gerade wegen des Sonnenlichts im Wald sind sie außerordentlich schwierig zu fotografieren. Aber wir haben ja genügend Zeit dafür eingeplant. So haben wir nun schließlich auch noch die letzte Orchideenart, die wir auf der Reise erhofft hatten, gefunden. So bedanken wir uns hier, am letzten Exkursionsplatz der Reise, gegenseitig für die sehr ausgefüllte, harmonische, gut gelungene und erfolgreiche Reise. Dann picknicken wir und bereiten unser Gepäck für den Flug vor.


Einblatt, Malaxis monophyllos


Die winzigen Blüten des Einblatts, Malaxis monophyllos

Vorbei an Gävle geht es zügig südwärts. Nahe Uppsala passieren wir eine gewaltige Gewitterzelle, deren Ausläufer die Wäsche des Mietwagens übernehmen. Doch der Spuk ist schnell vorüber. Den Flughafen Stockholm-Arlanda erreichen wir zur angepeilten Zeit, bringen den Mietwagen zurück und checken ein. Auf den Flieger müssen wir eine Weile warten, weil er noch das große Gewitter umfliegen musste. Das Boarding geht dann aber sehr rasch, und so fliegen wir mit nur wenig Verspätung in Stockholm los und landen am Abend in Frankfurt – Rhein/Main. Wir verabschieden uns alle sehr herzlich, und treten die individuelle Heimreise an – mit unzähligen Erinnerungen und Bildern im Gepäck.

Marco Klüber hat diese Reise 2016 für DUMA Naturreisen als Reiseleiter unternommen.

Artenliste Orchideen

Chamorchis alpina, Alpen-Zwergorchis
Coeloglossum viride, Grüne Hohlzunge
Corallorhiza trifida, Korallenwurz
Cypripedium calceolus, Frauenschuh
Dactylorhiza cruenta, Blutrote Fingerwurz
Dactylorhiza curvifolia, Ostsee-Fingerwurz
Dactylorhiza fuchsii, Fuchs‘ Fingerwurz
Dactylorhiza fuchsii subsp. punicea (=Dactylorhiza andoeyana), Lofoten-Fingerwurz
Dactylorhiza incarnata, Fleischrote Fingerwurz
Dactylorhiza lapponica, Lappländische Fingerwurz
Dactylorhiza maculata, Gefleckte Fingerwurz
Dactylorhiza maculata subsp. ericetorum, Heide-Fingerwurz
Dactylorhiza maculata var. kolaensis (=subsp. montellii), Kola- oder Montellis Fingerwurz
Dactylorhiza ochroleuca, Strohgelbe Fingerwurz
Dactylorhiza sphagnicola, Torfmoos-Fingerwurz
Dactylorhiza traunsteineri, Traunsteiners Fingerwurz
Epipactis atrorubens, Braunrote Stendelwurz
Epipactis helleborine, Breitblättrige Stendelwurz
Goodyera repens, Kriechendes Netzblatt
Gymnadenia borealis, Nordische Händelwurz
Gymnadenia conopsea, Mücken-Händelwurz
Gymnadenia conopsea var. densiflora, Dichtblütige Mücken-Händelwurz
Gymnigritella runei, Braut-Kohlröschen, Runes Kohlröschen
Hammarbya paludosa, Sumpf-Weichkraut
Liparis loeselii, Sumpf-Glanzkraut
Malaxis monophyllos, Kleinblütiges Einblatt
Neottia cordata, Kleines Zweiblatt
Neottia nidus-avis, Nestwurz
Neottia ovata, Großes Zweiblatt
Nigritella nigra, Schwarzes Kohlröschen
Ophrys insectifera, Fliegen-Ragwurz
Platanthera bifolia, Weiße Waldhyazinthe
Platanthera oligantha, Wenigblütige Waldhyazinthe
Pseudorchis albida, Weißzüngel
Pseudorchis albida subsp. straminea, Stroh-Weißzüngel

Bilder der Reise auf flickr

eine Auswahl von Fotos der Reise
alle Fotos in einem Album

Teil 1 Gästrikland
Teil 2 Von Medelpad ins Jämtland
Teil 3 Umgebung von Östersund
Teil 4 In den Bergen von Härjedalen
Teil 5 Røros, Trondheim und Laksforsen
Teil 6 Saltfjellet und Junkerdalen
Teil 7 Ofoten: Efjord und Stetind
Teil 8 Ofoten: Kjerna und Verdenssvæt
Teil 9 Abisko
Teil 10 Umgebung von Narvik
Teil 11 Signaldalen, Skibotndalen
Teil 12 Lyngen I
Teil 13 Lyngen II
Teil 14 Evenes, Vesterålen
Teil 15 Lofoten I
Teil 16 Lofoten II
Teil 17 Von Bodø nach Hemavan
Teil 18 Vindelfjällen
Teil 19 Ångermanland, Hälsingland

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4 Gedanken zu „Nordskandinavien:
Berge, Fjorde, Orchideen

  1. Einfach wunderbar, da bekommt man Lust auf Skandinavien. Herrliche Bilder!

  2. Ein tolle Reise, die nicht nur einzigartige Natur abgebildet hat, sondern auf die man auch wegen der körperlichen Leistung, die damit verbunden ist, stolz sein kann. Wenn man die Bilder sieht und die Texte liest, kann man schon ein wenig neidisch werden.
    Ich wünsche Dir, dass Du noch oft solche Reisen unternehmen kannst. Du machst mit Deinem Bericht sicher sehr vielen Menschen, vor allem solchen, die sich das vielleicht nicht zutrauen, eine große Freude. Siegi

  3. Danke für den schönen Bericht mit gewohnt tollen Bildern! Da erlebt man ein wenig den Norden ohne selbst zu reisen. Klar, das holt man irgendwann nach….
    Beste Grüße,
    Helmut.

  4. Ein großartiger Reisebericht, der mit fantastischen und beeindruckenden Bildern die Schönheit Skandinaviens zeigt. Es ist uns immer ein kurzweiliges Vergnügen, Deine Urlaubserlebnisse nachzulesen und in Deinen Bildern die Reise mitzuerleben.

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