Orchideen in der Rhön:
Grüne Hohlzunge
Coeloglossum viride

Gleich vorab die Gretchenfrage: In welche Gattung gehört die Grüne Hohlzunge? Bildet sie eine eigene Gattung Coeloglossum oder muss sie aufgrund ihrer Abstammung zwangsläufig in die Gattung Dactylorhiza eingereiht werden – trotz offensichtlicher morphologischer Unterschiede? Systematiker und interessierte Laien diskutieren seit einigen Jahren über dieses Thema.

Da molekulargenetische Untersuchungen zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen sind, wird hier der gewohnte Name Coeloglossum viride verwendet.

Die Grüne Hohlzunge

Bei uns kommt diese Art in zwei Formen und in zwei Verbreitungsgebieten vor: einer »collinen«, die im Bergwinkel beheimatet ist, und einer »montanen«, die in der zentralen Rhön anzutreffen ist. In der Rhön war die Grüne Hohlzunge zur Zeit Goldschmidts, um 1900 herum, offenbar nicht allzu selten.

Doch dann setzte ein rapider Rückgang ein. Dieses Schicksal teilt sie mit anderen Gebirgsorchideen wie beispielsweise dem Weißzüngel und der bereits ausgestorbenen Holunder-Fingerwurz. Bereits Ade fand die Hohlzunge nur noch vereinzelt, inzwischen ist sie bis auf eine einzige Kleinstpopulation in der zentralen Rhön erloschen. Obwohl genügend potentielle Standorte vorhanden sind, scheint das Aussterben nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Sehr wahrscheinlich reichen allein die Luftimmissionen aus, um der konkurrenzschwachen Art hier den Garaus zu machen. Diese prekäre Situation wird bestätigt durch Beobachtungen aus den anderen Mittelgebirgen. In Deutschland ist die Grüne Hohlzunge heute nur noch in den Alpen häufiger, in den Hochlagen der Mittelgebirge dagegen sehr selten geworden. Etwas anders stellt sich die Situation im Bergwinkel dar. Zwar sind auch hier einige der historischen Funde durch landwirtschaftliche Intensivierung verloren gegangen, doch gibt es hier bis heute vitale Populationen. Also ist es im Hügelland noch etwas besser um die Grüne Hohlzunge bestellt als im Bergland – auch diese Entwicklung wird durch Beobachtungen aus anderen Regionen bestätigt.

Den gut besetzten und geschützten Vorkommen im Bergwinkel kommt landes- und bundesweit eine große Bedeutung zu. In den beiden Teil-Verbreitungsge­bieten, Bergwinkel und Hohe Rhön, differiert die Art stark im Hinblick auf ihre Morphologie und Ökologie. Die »collinen« Pflanzen im Bergwinkel sind oft recht stattlich und blühen erstaunlich früh, oft schon Anfang bis Mitte Mai, etwa zeitgleich mit dem Manns-Knabenkraut. Die Art wächst hier an sonnigen, wärmebegünstigten Kalk-Halbtrockenrasen mit wenig Substrat, teils sogar in Gesellschaft thermophiler Arten wie Bocks-Riemenzunge und Spinnen-Ragwurz.

Die »montanen« Pflanzen auf der Hohen Rhön blühen dagegen erst ab Mitte Juli, manchmal auch noch im August; jedenfalls lange nachdem das hier ebenfalls vorkommende Manns-Knabenkraut abgeblüht ist. Die Pflanzen sind unscheinbar, gedrungen und entsprechen eher dem Hochgebirgstyp der Art. Der Standort ist hier ein wechselfeuchter Nordhang mit starker Humusauflage, auf dem beispielsweise auch das Sumpf-Herzblatt vorkommt. Im Gegensatz zu den verwandten Dactylorhiza-Arten enthält der dicke, sackartige Sporn der Grünen Hohlzunge Nektar. Als Bestäuber werden vor allem Käfer, aber auch Bienen und Hummeln angelockt.

Nomenklatur

Wissenschaftlicher Name:
Coeloglossum viride (L.) Hartm. 1820

Gebräuchliche Synonyme:
Dactylorhiza viridis (L.) R.M.Bateman, Pridgeon & M.W.Chase 1997

Deutsche Namen:
Grüne Hohlzunge, Grüne Fingerwurz, Grünes Fingerknabenkraut

Kurzbeschreibung

Kräftige, gedrungene Pflanze, Wuchshöhe 5-35 cm. Gefingerte Knolle, jährlich eine Tochterknolle bildend, zur Blütezeit daher mit zwei Knollen. Im Gebirge meist klein und unscheinbar bleibend, im Hügelland dagegen oft auch stattlicher. 3 bis 7 am Stängel verteilte eiförmige Laubblätter. Blütenstand dichtblütig mit bis zu 25 kleinen Blüten, farblich variabel von gelblichgrün bis rostbraun. Tragblätter mindestens so lang wie die Blüten. Blütengröße 8-10 mm. Sepalen und Petalen bilden einen lockeren Helm. Lippe dreilappig, nach unten breiter werdend. Seitenlappen etwas länger als der zahnartige Mittellappen. Sporn kurz, sackförmig, nektarführend. Bestäubung durch kleine Käfer, kleine Blattwespen und Furchenbienen.
Blütezeit in der Rhön und in Mainfranken: Mitte Mai bis Anfang Juni (Tal), Mitte Juli bis Anfang August (Berg).

Vorkommen und Standort

Im Gebiet der Rhön fast nur noch im Bergwinkel, im Bergland nahezu ausgestorben.
Standorte: Bergwiesen, Weiden über sauren oder zumindest versauerten humosen Böden. Im Hügelland auch auf kalkreichen, flachgründigen Magerrasen.
Höhenverbreitung in der Rhön: ca. 400 m bis 950 m.
Gesamtverbreitung: Boreal-temperat zirkumpolar mit größeren Lücken. Europa, nördliches Asien und Nordamerika, im Areal teils durch Unterarten vertreten.

Hybriden

An gemeinsamen Standorten kommt es nur äußerst selten zu Kreuzbestäubungen mit den Dactylorhiza-Arten. Im Gebiet der Rhön teilt sich die Grüne Hohlzunge den Standort stellenweise mit Fuchs‘ Fingerwurz. Hybriden wären also denkbar, sind aber bislang noch nicht nachgewiesen worden.

Bildersammlung auf flickr

Coeloglossum viride

Mehr zu dieser Art

» de.wikipedia.org | Grüne Hohlzunge
» AHO-Bayern e.V. | Coeloglossum viride

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