Orchideen in der Rhön:
Brand-Knabenkraut
Neotinea ustulata

In der ersten Maihälfte blüht auf einigen Bergwiesen der Rhön eine der kleinsten, aber zweifellos auch eine der schönsten heimischen Orchideen: das Brand-Knabenkraut. Es war schon immer selten in der Rhön, doch heute gehört es zu den besonderen Raritäten des Gebietes.

Mit seiner dunkelbraunen, wie angebrannt wirkenden Blütenähre ist es nahezu unverwechselbar – eigentlich, denn es gab schon angebliche Fundmeldungen, die sich dann als Purpur-Knabenkräuter herausstellten (wer unsicher ist, sollte einfach die Wuchshöhe und die Blütengröße nachmessen).

Das Brand-Knabenkraut

Die Pflanze ist bereits leicht zu identifizieren, wenn sich der Blütenstand mit seinen schwärzlichen Knospen ans Tageslicht schiebt, allerdings sind die ohnehin unscheinbaren Pflanzen in diesem Stadium schwer auffindbar. Der anfangs kurze Blütenstand streckt sich im Laufe der Blütezeit, wobei die dunkle Kappe zusehends »schmilzt«. Ursache dafür ist, dass in der geöffneten Blüte die anfangs dunklen Blütenblätter mit der Zeit ihre Farbe verlieren. Die kleinen, punktierten Blüten werden von Hummeln und Bockkäfern bestäubt, vor allem aber von Raupen- und Fleischfliegen, die auf der Suche nach Weibchen auf den Blüten ansitzen und dabei auch Nektar suchen.

Einer so schönen und zugleich seltenen Orchideenart wie dem Brand-Knabenkraut galt schon früh die Aufmerksamkeit der Botaniker. In der Rhönkommt sie seit jeher nur vom Südrand der Hohen Rhön bis hinab zur Fränkischen Saale sowie im Bergwinkel vor. Die wenigen Funde in der Kuppenrhön blieben unbestätigt, auch die früheren Vorkommen in den Hochlagen der zentralen Rhön sind erloschen. Schon 1940 notierte Ade zu dieser Art: »überall nur einzeln gefunden und immer seltener werdend«. Ein Großteil der historischen und rezente Funde liegt im Übergangsbereich des Oberen Buntsandsteins zum Unteren Muschelkalk, jedoch fast nie direkt auf Muschelkalk , obwohl die Art prinzipiell als kalkliebend gilt. Im benachbarten Main­Spessart-Gebiet ist das Brand-Knabenkraut sogar ausschließlich auf Buntsandstein heimisch, jedoch nicht auf Muschelkalk.


Brandknabenkraut im Habitat, einer Goldhaferwiese am Rand der Hohen Rhön, 23.05.2006

Gegenwärtig ist das Brand-Knabenkraut im Gebiet stark gefährdet, es kommt aktuell nur noch in der bayerischen Rhön sowie im Bergwinkel vor. Die Vorkommen bestehen jedoch überwiegend aus nur wenigen Pflanzen. Am Rande der Hohen Rhön und im südlichen Vorland sind fast alle Vorkommen erloschen. Immerhin brachten intensive Nachsuchen8 zutage, dass auf den extensiv genutzten Goldhafer-Storchschnabel-Bergwiesen in der südlichen Hohen Rhön noch eine relativ großflächige und Population des Brand-Knabenkrautes existiert. Im Jahr 2005, als diese Art »Orchidee des Jahres« war, blühten hier mehrere hundert Pflanzen. Dieses Vorkommen ist für den Fortbestand der Art in der Rhön von großer Bedeutung. Es wird derzeit im Rahmen des subventionierten Vertragsnaturschutzes extensiv bewirtschaftet und gepflegt, jedoch kam es dort offenbar zu Düngungen, welche den Bestand nahezu vernichtet haben.

Die im Juli und August blühende Sommerform des Brand-Knabenkrautes, subsp. aestivalis, ist in der Rhön noch nicht nachgewiesen worden.

Nomenklatur

Wissenschaftlicher Name:
Neotinea ustulata (L.) R.M.Bateman, Pridgeon & M.W.Chase 1997

Gebräuchliche Synonyme:
Orchis ustulata L. 1753
Odontorchis ustulata (L.) D.Tyteca & E.Klein 2008

Deutsche Namen:
Brand-Knabenkraut, Angebranntes Knabenkraut

Kurzbeschreibung

Kleine, kräftige Pflanze, Wuchshöhe 15-30 cm. Runde Knolle, jährlich eine Tochterknolle bildend, zur Blütezeit daher mit zwei Knollen. 3 bis 6 rosettig gehäufte blaugrüne Laubblätter, lanzettlich bis schmal eiförmig. 1 bis 3 scheidige Stängelblätter. Blütenstand zylindrisch, reichblütig und dicht, bis 50-blütig, durch die dunklen Knospen angebrannt wirkend. Tragblatt kürzer als der Fruchtknoten. Blütengröße 8-12 mm. Blüten sehr klein, im vollständig geöffneten Zustand hellpurpurn bis weiß. Sepalen und Petalen bilden einen dichten halbkugeligen Helm. Lippe rot getupft, tief dreilappig mit deutlich längerem, nochmals geteiltem Mittellappen. Sporn sehr kurz, stumpf, nektarlos. Bestäubung durch Fliegen, Hummeln und Bockkäfer.
Blütezeit in der Rhön und in Mainfranken: (Mitte April-) Anfang Mai bis Anfang Juni


Blütenstand des Brandknabenkrautes; Öland, Schweden, 21.05.2018

Vorkommen und Standort

In der Rhön sehr selten, vor allem am Südrand des Gebirges, meist im Übergangsbereich vom Muschelkalk zum Buntsandstein.
Standorte: Magerwiesen, Waldwiesen, Sandmagerrasen, im Gebirge eher auf Bergwiesen. Auf basischen bis schwach sauren, mäßig trockenen Böden.
Höhenverbreitung in der Rhön: ca. 200 m bis 900 m.
Gesamtverbreitung: Europa, besonders in den Gebirgen, ostwärts bis Sibirien und Kaukasus.

Hybriden

Hybriden, die nach derzeitigem Wissensstand bei uns nur mit dem nah verwandten Dreizähnigen Knabenkraut möglich wären, sind in der Rhön nicht gefunden worden. Da sich die Vorkommen beider Arten in der Rhön nicht berühren, sind Hybriden auch nicht zu erwarten.

Mehr zu dieser Art

» flickr.com | Neotinea ustulata – alle Fotos von M. Klüber
» de.wikipedia.org | Brand-Knabenkraut
» AHO-Bayern e.V. | Neotinea ustulata

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