Orchideen in der Rhön:
Die Pflanzenfamilie der Orchideen

Seit Menschen die Natur beobachten, sind sie fasziniert vom eigenartigen Wesen der Orchideen. In der Tat nehmen sie im Reich der Pflanzen eine herausragende Stellung ein: Keine andere Pflanzenfamilie hat einen so großen Formen- und Farbenreichtum entwickelt, und keine andere konnte so viele Arten hervorbringen. Je nach Auffassung werden weltweit 25.000 bis 30.000 Spezies unterschieden – und das, obwohl die Orchideen nicht nur als größte, sondern gleichzeitig auch als relativ junge Pflanzenfamilie gelten.

Dabei stellen alle Arten Abwandlungen eines einzigen Grundbauplanes dar. Vermutlich haben sich die Orchideengewächse vor etwa 15 Millionen Jahren von den Asparagales, den Spargelartigen, gelöst und einen eigenen Entwicklungsweg eingeschlagen. Innerhalb der Einkeimblättrigen Pflanzen haben die Orchideen zwei systematische Hauptmerkmale ausgebildet: sie verzichten auf die Entwicklung eines Keimblattes und sie haben eine völlig neue Blütenform entwickelt, die in vieler Hinsicht mit den Schemata der »herkömmlichen« Blütenbiologie gebrochen hat.

Die Pflanzenfamilie der Orchideen bevölkert fast die gesamte Erde. Am Rand der Wüsten und der polaren Eisschilde kommen ihre Vertreter vor, und vom Meeresspiegel bis in die Höhen der Gebirge sind sie verbreitet. Verglichen mit tropischen Regionen ist die Artenzahl in unseren Breiten sehr gering, doch mit gut vierzig aktuell vorkommenden Orchideenarten kann die Rhön durchaus als Orchideen-Eldorado bezeichnet werden. Das Spektrum unserer heimischen Arten umfasst nicht nur die typisch mitteleuropäischen Orchideen, sondern auch solche, die hauptsächlich in borealen Zonen der Nordhalbkugel und in den Gebirgen vorkommen, außerdem ei­nige weitere, die aus dem Mittelmeerraum in unser Gebiet eingewandert sind.

Systematik

Die Orchideen gehören zu den Liliopsida (ehemals Monocotyledoneae), den Einkeimblättrigen Pflanzen, auch wenn kurioserweise eines ihrer grundlegendsten Merkmale das Ausbleiben des Keim­blattes ist. Im Gegensatz zu den übrigen Einkeimblättrigen haben die Orchideen außerdem weniger fertile Staubblätter.

In Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte wandelte sich der Grundbauplan der Orchideen grundsätzlich durch die physiologische und numerische Veränderung der Staubblätter. Während die Anzahl der pollentragenden Staubblätter bei den Lilienblüten sechs beträgt, bilden die Orchideenblüten der entsprechenden Hauptgruppen nur noch drei, zwei oder eines aus (siehe Tabelle).

Die Anzahl der fertilen Staubblätter ist somit das erste Kriterium für die systematische Gliederung der Orchideen. Je nach Auffassung werden diese Hauptgruppen als Pflanzenfamilien oder als Unterfamilien bewertet. Die weltweite Dominanz der Hauptgruppe Orchidoideae im Artenspektrum der Orchideen zeigt sich auch bei uns: nur eine heimische Art, der Frauenschuh, gehört einer anderen Hauptgruppe an. Gegenwärtig wird die Hauptgruppe der Orchidaceae in mehrere Unterfamilien gegliedert. Da die Taxonomie auf einem künstlichen System basiert und nur eine begrenzte Anzahl taxonomischer Rangstufen zur Verfügung stellt, wird daraus nicht die Verwandtschaftsbeziehung dieser Unterfamilien, geschweige denn die der Gattungen und Arten ersichtlich.

Taxonomie

Die Taxonomie der Arten folgt seit 1753 dem binomischen System des schwedischen Naturforschers Carl von Linné. Ein Artname setzt sich demnach aus dem groß geschriebenen Gattungsnamen und dem klein geschriebenen Art-Epitheton zusammen. Unterhalb des Artranges gibt es Unterarten, Varietäten und Formen, außerdem sind auch Aggregate, Sammel- und Kleinarten im Gebrauch.

Neuerungen

Traditionell wurde die Systematik in erster Linie auf äußerlichen Merkmalen aufgebaut. Die Aufgabe der Phylogenetik ist es nun, mittels molekulargenetischer Analysen die tatsächlichen Verwandtschaftsbeziehungen darzustellen. Dabei müssen alle Taxa, gleich welcher Rangstufe, generell monophyletisch sein, also einen gemeinsamen Abstammungszweig bilden. Dies führte zwangsläufig zu einigen Neuerungen: Die Gattung Listera muss mit Neottia vereinigt werden (der ältere Name hat Vorrang), da Großes Zweiblatt und Nestwurz näher miteinander verwandt sind als mit dem Kleinen Zweiblatt. Auch die Gattung Orchis war bisher paraphyletisch, das heißt, sie umfasste ein Durcheinander nicht näher verwandter Arten, während eine untrennbar dazu gehörende fehlte: der Ohnsporn.

Nun wird die neue Nomenklatur für manchen Leser etwas unge­wohnt sein, doch die alten Namen können angesichts des gegenwärtigen Forschungsstandes nicht mehr guten Gewissens weiterverwendet werden. Die deutschen Namen sind in dieser Hinsicht irrelevant. Dennoch versuchen manche Autoren, die Gattungsgliederung auch hier konsequent anzuwenden. Ob sich aber die Namen ‚Kleine Hundswurz‘, ‚Breitblättrige Fingerwurz‘ oder ‚Brand-Keuschorchis‘ gegenüber den bisher gebräuchlichen durchsetzen, darf zumindest bezweifelt werden.

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