Orchideen in der Rhön:
Weißzüngel
Pseudorchis albida

Weißzüngel – quo vadis?
In der Rhön kommen zahlreiche Pflanzen- und Tierarten vor, die den Stellenwert des Mittelgebirges als herausragenden Naturraum begründen. Arten, die anderswo gar nicht vorkommen oder längst ausgestorben sind; die in der Rhön als Indikatoren für exzellente Biotopqualität dienen und ihr Gesicht in den einschlägigen Broschüren hinhalten. Zu ihnen gehört diese Orchideenart.

Das Weißzüngel ist sozusagen das Birkhuhn unter den Orchideen. Den Nicht-Rhönern sei erläutert, welche Bewandtnis es mit diesem Vogel hat: Erbittert wird über den Sinn und Unsinn der anscheinend aussichtslosen Schutzbemühungen gestritten, über die Kosten und den gesellschaftlichen Konsens, über den »Umbrella-Effect« und die Stellvertreter-Wirkung: Verschwindet die Leitart, so folgen ihr auch viele andere Arten.

Das Weißzüngel

Das Weißzüngel ist genauso besonders, genauso selten und genauso gefährdet wie das Birkhuhn. Doch scheint sich (fast) niemand dafür zu interessieren. Zwar ist die zierliche Orchidee eine der Zielarten im botanischen Artenschutzkonzept der Rhön, also eine Art mit Signalwirkung, die beispielhaft für viele weitere Arten ihres Lebensraumes steht. Ihr Erhalt in der Rhön könnte viel bewirken, da mit ihr auch eine besondere Ausprägung des Borstgrasrasens bewahrt würde. Ihre Vorkommen liegen inmitten großflächiger Naturschutzgebiete und werden extensiv gepflegt, doch für eine so anspruchsvolle Gebirgsorchidee reicht allein dies nicht aus: sie benötigt speziellere Pflegekonzepte und nicht den Mähbalken, der Jahr für Jahr gleichmäßig über die Wiesen hinweggeht. So sterben die Restvorkommen weg, eins nach dem anderen.

Schon früher war die Art in der Rhön relativ selten. Im 20. Jahrhun­dert verinselten die Standorte zunächst mehr und mehr, dann gingen die Individuenzahlen rasch zurück. Die jüngste Klimaentwicklung tut ihr übriges dazu. Noch in den 1970er Jahren wuchsen rund um den Heidelstein Populationen in dreistelligen Bestandszahlen. Auch in den 1990er Jahren gab es noch stabil erscheinende Kleinpopulationen sowie vereinzelte Neufunde. An einem relativ bekannten, zugänglichen Standort bleiben die Pflanzen jedoch schon seit einigen Jahren aus.


Weißzüngel in der hessischen Rhön, 04.06.2017.
Außergewöhnlich großes Exemplar mit über 100 Blüten.

Noch sträubt sich das Weißzüngel gegen sein sang- und klangloses Aussterben: In 2005 wurde ein Einzelexemplar in der hessischen Rhön gefunden, zum Ersten Mal seit über 20 Jahren. Und in 2015 gelang der Fund eines bis dato unbekannten Vorkommens (A. & G. Klüber). An diesem Standort kamen in 2017 etwa 90 Pflanzen, teils außergewöhnlich große Exemplare, zur Blüte.

Die Region Rhön trägt somit auch weiterhin eine große Verantwortung zum Erhalt dieser Art in den deutschen Mittelgebirgen. Nur mit optimalen Naturschutz- und Pflegemaßnahmen kann das Weißzüngel in der Rhön überleben.

Nomenklatur

Wissenschaftlicher Name:
Pseudorchis albida (L.) Á.Löve & D.Löve 1969

Gebräuchliche Synonyme:
Leucorchis albida (L.) E.Mey. 1848

Deutsche Namen:
Weißzüngel, Weiße Höswurz, Alpen-Weißzunge, Weiße Händelwurz

Kurzbeschreibung

Kleine, kräftige, dennoch schlanke Pflanze, Wuchshöhe 10-30 cm. Längliche Knolle, jährlich eine Tochterknolle bildend, zur Blütezeit daher mit zwei Knollen. 4 bis 6 länglich-eiförmige Laubblätter, am Stängel verteilt. Blütenähre schmal, sehr dicht- und reichblütig, bis etwa 50-blütig. Blütengröße 4-6 mm. Blüten klein, gelblich- (grünlich-) weiß, auf den ersten Blick glöckchenförmig. Sepalen und Petalen neigen helmförmig zusammen. Lippe im vorderen Drittel dreigeteilt mit etwa gleich langen Lappen. Sporn zylindrisch, abwärts gerichtet, nektarführend. Bestäubung durch kleine Nachtfalter.
Blütezeit in der Rhön: Juni, meist eher in der ersten Monatshälfte.


Weißzüngel in der hessischen Rhön, 04.06.2017

Vorkommen und Standort

Wie in den meisten anderen deutschen Mittelgebirgen ist die Art auch in der Rhön akut vom Aussterben bedroht.
Standorte: Bergwiesen, Borstgrasrasen und Zwergstrauchheiden, auf sauren oder zumindest oberflächlich versauerten Böden.
Höhenverbreitung in der Rhön: ca. 500 m bis 950 m.
Gesamtverbreitung: boreal zirkumpolar, vor allem in Gebirgen, disjunktes Areal.

Hybriden

In der Rhön sind keine Hybriden bekannt.
Die Art hybridisiert gelegentlich mit Arten der Gattung Dactylorhiza, Gymnadenia und Nigritella.

Mehr zu dieser Art

» flickr.com | Pseudorchis albida – alle Fotos von M. Klüber
» de.wikipedia.org | Weiße Höswurz
» AHO-Bayern e.V. | Pseudorchis albida

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