Sardinien Naturreise vom 14. bis 24.04.2019

Ichnusa – so nannten die Griechen diese Insel. Heute tragen unter anderem eine Orchidee und eine Biermarke diesen Namen. Was für ein herrlich wildes, raues orchideenreiches Eiland! Auf einer Rundreise haben wir die abwechslungsreichen Naturlandschaften Sardiniens kennengelernt. Kein Wunder, dass die zweitgröße Mittelmeerinsel bisweilen als »Kleiner Kontinent« bezeichnet wird.

Bei bestem Reisewetter startet unsere Gruppe von Frankfurt aus in in Richtung Cagliari. Über den Alpen hängen dichte Wolken, aber die Berge Korsikas und die Straße von Bonifacio sind frei zu sehen. Dort unten am Capo Testa und in der Gallura werden wir in einigen Tagen unterwegs sein!

In Cagliari übernehmen wir die beiden Mietwägen und starten am Abend in Richtung Iglesias. Wir wählen die Nebenstrecke und freuen uns an der abwechslungsreichen Landschaft im sardischen Südwesten. Untergebracht sind wir in einem schönen Resort, das etwas außerhalb des Städtchens Iglesias liegt.

Der erste Exkursionstag startet mit perfektem Wetter. Den gesamten Tag werden wir in der historischen Bergbaulandschaft des Iglesiente zwischen den Ortschaften Iglesias, Domusnovas und Fluminimaggiore verbringen.

Im Iglesiente

Gleich zu Beginn steuern wir ein waldreiches Tal hinter Domusnovas an. Hier liegt die berühmte Karsthöhle »Grotte San Giovanni«, die wir später noch besuchen werden. Zunächst lassen wir sie im wahrsten Sinne des Wortes links liegen und steuern durch die dichten, schattigen Wälder ins Tal des Rio Sarmentus. Überall leuchten die purpurroten Blüten des Geschweiftblättrigen Alpenveilchens Cyclamen repandum aus dem Unterholz.

Über Waldwege, die mit Schlaglöchern und Pfützen gepflastert sind, erreichen wir unseren ersten Fundort. Schon kurz vor dem Parkplatz erblicken wir im Morgenlicht die ersten Ragwurz-Blüten an der Wegböschung. Vom Parkplatz gehen wir daher erst einige Schritte zurück. Die schönen Blüten stellen sich als Chestermans Ragwurz Ophrys chestermanii heraus. Diese wunderschöne, dunkelblütige Ragwurz aus der fuciflora- Gruppe ist ein Endemit Sardiniens und daher natürlich auch eine der Zielarten unserer Reise. Unten am Bach stehen weitere Exemplare auf einer Wiese in der Morgensonne. Doch nicht nur Ophrys chestermanii, sondern auch einige andere Orchideen wie Ohnsporn Orchis anthropophora, Keuschorchis Neotinea maculata, Echter Zungenstendel Serapias lingua, Spiegel-Ragwurz Ophrys speculum und abgeblühte Mastorchis Himantoglossum robertianum kommen hier vor.


im Tal des Rio Sarmientus


Chestermans Ragwurz, Ophrys chestermanii


Hybride von Chestermans und Normans Ragwurz, Ophrys chestermanii × normanii

Wir wandern anschließend auf dem Weg links des Baches am Hang entlang hinauf ins Tal. Dabei finden wir auch die ersten Langsporn-Knabenkräuter Anacamptis longicornu der Reise, allerdings weitgehend abgeblüht. Dagegen blüht das wundschöne Sardische Manns-Knabenkraut Orchis ichnusae erst auf. Etwas versteckt oberhalb des Weges stehen wenige verblühte Frühe Spinnen-Ragwurze Ophrys praecox und eine Einzelpflanze, die wir zunächst nicht klar bestimmen können. Es ist wohl eine Moris‘ Ragwurz Ophrys morisii, die wir im Verlauf der Reise noch öfters sehen werden.

In der Macchia entlang des Weges wachsen typische Vertreter dieser Vegetationsform wie Erdbeerbaum Arbutus unedo, Baumheide Erica arborea, Mastixstrauch Pistacia lentiscus und Salbeiblättrige Zistrose Cistus salviifolius, aber auch unscheinbare Besonderheiten wie Korsischer Steinbrech Saxifraga corsica, Casabona-Kratzdistel Ptilostemon casabonae und Südlicher Tüpfelfarn Polypodium australe. Auch die Tyrrhenische Mauereidechse Podarcis tiliguerta können wir beoachten. Wir kommen an einem Picknick-Platz an, wo Normans Ragwurz Ophrys normanii vorkommen soll. Schnell sind einige sterile Blattrosetten gefunden, eine in Knospe, aber leider keine blühende.


Im Tal des Rio Sarmiento


Sardisches Mannsknabenkraut, Orchis ichnusae und Ohnsporn, Orchis anthropophora

Beim Rückweg – nun direkt durch das Tal – kommen wir an einer Stelle vorbei, an der Trabuts Dingel Limodorum trabutianum angegeben ist. Bald sind die unverkennbaren Stängel gefunden, aber sie sind noch weit zurück. Zu unserer Überraschung finden wir aber auch bereits knospende Stendelwurze. Wir werden also am Ende der Reise nochmals wiederkommen und nachschauen.

Dann fahren wir wieder zurück zur Grotte San Giovanni. Am Parkplatz picknicken wir zunächst, bevor wir am steilen Hang botanisieren. Auffällig sind hier vor allem Ragwurze, die zwar unverkennbar Merkmale von Ophrys eleonorae zeigen (die Größe, die rötliche Rückseite der Lippe), aber eben nicht in der typischen Form, sondern zu Ophrys fusca im weiten Sinne tendierend. Solche Populationen sind für Sardinien offenbar recht typisch. Im Steilhang wachsen unter anderem auch Langsporn-Knabenkraut Anacamptis longicornu, Keuschorchis Neotinea maculata, Ohnsporn Orchis anthropophora, Sardisches Manns-Knabenkraut Orchis ichnusae, viel Spiegel-Ragwurz Ophrys speculum und nochmals eine einzelne Chestermans Ragwurz Ophrys chestermanii.


Gezonte Ragwurz, Ophrys zonata, in manchen Merkmalen zu Ophrys eleonorae tendierend


Spiegel-Ragwurz, Ophrys speculum

Anschließend gehen wir zum Portal der Karsthöhle. Als Besonderheit ist diese natürliche Tunnelhöhle mit einer Straße erschlossen, die angelegt wurde, um die Minen hinter Domusnovas zu erreichen. Weil die Minen nicht mehr in Betrieb sind, aber aber auch wegen der beträchtlichen Verschmutzung, ist diese Straße für den motorisierten Verkehr inzwischen gesperrt.

Nun steuern wir das Tal von Sa Duchessa an. In einer weiten Kurve stellen wir die Autos ab und suchen die Böschungen nach Normans Ragwurz Ophrys normanii ab. Auf der letzten DUMA-Reise waren hier zahlreiche Exemplare zu finden, doch diesmal ist es nicht ganz so leicht. Immerhin finden wir ein paar Blattrosetten und eine erste offene Blüte, die gerade etwas zu hoch oben steht, um sie gut fotografieren zu können.


Normans Ragwurz, Ophrys normanii

Dennoch freuen wir uns sehr an dieser schönen, großen, dunklen Blüte. Im Gegensatz zur ebenfalls sehr lokal verbreiteten Ophrys chestermanii gehört sie zur Gruppe von Ophrys tenthredinifera. Als Bestäuber werden für diese beiden großblütigen Ragwurze Hummeln angegeben. Bei Ophrys normanii wurde auch schon öfters über eine hybridogene Abstammung von Ophrys chestermanii und einer großblütigen tenthredinifera-Vertreterin, vielleicht Ophrys aprilia, spekuliert. Vergesellschaftet ist diese schöne Pflanze hier jedenfalls wieder mit dem Langsporn-Knabenkraut Anacamptis longicornu, der Keuschorchis Neotinea maculata, dem Ohnsporn Orchis anthropophora und dem Sardischen Manns-Knabenkraut Orchis ichnusae. Auch eine einzelne, bereits abblühende Übersehene Wespen-Ragwurz Ophrys neglecta zeigt sich.

Nun wollen wir auf die andere Seite der Bergkette. Die Nebensträßchen durch die alten Minen sind wohl nicht mehr durchgehend befahrbar, daher fahren wir über Iglesias. Hier legen wir eine Kaffeepause ein. Anschließend geht es nordwärts auf einer kurvenreichen Straße nach Sant’Angelo und zum Tempio di Antas. Hier besichtigen wir den punisch-römischen Tempel. Schon auf dem Weg dorthin stehen einige Orchideen – insbesondere hübsche Grüppchen der Übersehenen Wespen-Ragwurz Ophrys neglecta.


Tempio di Antas

Der Tempel steht auf einer Anhöhe mit schönem Blick über das Tal. Er wurde im 5. Jahrhundert v. Chr. anstelle einer noch älteren heiligen Stätte der Nuraghenkultur errichtet. In römischer Zeit wurde der Tempel um etwa 38 v. Chr. niedergerissen und neu errichtet. Die Relikte des punischen Tempels sind durch die archäologischen Grabungen freigelegt. Auf der Wiese hinter dem Tempel stehen nochmals einige Ophrys neglecta sowie Großblütige Schmetterlings-Knabenkräuter Anacamptis papilionacea subsp. expansa und ein einzelner Kleinblütiger Zungenstendel Serapias parviflora.

In der Nähe besuchen wir nun noch ein letztes Exkursiongebiet. Es liegt hinter einer weiteren alten Mine bei Malacalzetta. Zunächst suchen wir die Wegränder ab. Dabei finden wir zunächst sehr schöne Exemplare vom Ohnsporn Orchis anthropophora sowie die ersten Trauer-Ragwurze Ophrys funerea und Anmutigen Ragwurze Ophrys lepida der Reise. Aber auch die untypischen Eleonoren sind wieder da: Ophrys eleonorae vs. fusca.

Am Weg entlang stehen Langsporn- Anacamptis longicornu und Großblütiges Schmetterlings-Knabenkraut Anacamptis papilionacea subsp. expansa samt Hybriden.


Die Hybride von Langsporn- und Schmetterlings-Knabenkraut, Anacamptis longicornu × papilionacea subsp. grandiflora


Normans Ragwurz, Ophrys normanii

Weiter oben am Sattel stehen noch recht ansehnliche Mastorchis Himantoglossum robertianum, austreibende Tremols‘ Stendelwurzen Epipactis tremolsii und – etwas versteckt – auch zahlreiche Normans Ragwurze Ophrys normanii. Viele davon haben bereits 2 Blüten offen. Und jedes Exemplar sieht etwas anders aus! Wir sind begeistert, und beim Fotografieren vergeht die Zeit wie im Flug.

So starten wir etwas später als geplant und kommen kurz vorm Abendessen am Hotel an. Serviert werden leckere sardische Spezialitäten. Doch die Stimmung ist ziemlich gedrückt, da am Fernsehen die Bilder der brennenden Kathedrale Notre-Dame in Paris in Dauerschleife laufen. Da muntert auch der sehr positive Tagesrückblick kaum auf.

Entlang der Westküste

Am nächsten Morgen starten wir bei schönem Wetter nordwärts nach Alghero. Zunächst fahren wir um Domusnovas herum. Inzwischen zieht sich der Himmel zu, die Sonne verabschiedet sich vorerst. Über einige verzweigte Nebensträßchen steuern wir ein sehr bekanntes Orchideengebiet in der Nähe von San Gavino Monreale / Sanluri an. Dabei handelt es sich um eine größere Eukalyptusplantage. Allerdings sieht das Gebiet völlig andes aus als in älteren Exkursionsberichten: die Eukalyptusbäume sind in weiten Bereichen des Areals auf Stock gesetzt worden.

Den Orchideenbeständen dürfte das aber nicht schaden, schließlich sind die meisten Arten ja keine Schattenpflanzen. Auf den ersten Blick fallen die immensen Bestände des Großblütigen Schmetterlings-Knabenkrautes Anacamptis papilionacea subsp. expansa auf. Zu abertausenden wächst es in den Flächen. Gelegentlich sind auch helle und ganz weiße Blütenstände dazwischen. Auch das Langsporn-Knabenkraut Anacamptis longicornu ist recht häufig. Hinzu kommen einige Ophrys-Arten: Drohnen- Ophrys bombyliflora und Übersehene Wespen-Ragwurz Ophrys neglecta samt ihren sehr farbenprächtigen Hybriden. Die zweitgenannte Art hybridisiert auch mit der ebenfalls gut vertretenen Spiegel-Ragwurz Ophrys speculum. Allerdings sind die Pflanzen nicht in optimalem Zustand: eine ist ziemlich zerknittert, und die andere hat eine abgebissene Blüte. So lässt sich die Pracht dieser Hybriden nur erahnen.


links: Übersehene Wespenragwurz, Ophrys neglecta; rechts: Übersehene Wespenragwurz × Frühblühende Spinnenragwurz, Ophrys neglecta × Ophrys praecox


links: Hybride Drohnen-Ragwurz × Übersehene Wespenragwurz, Ophrys bombyliflora × neglecta; rechts: Hybride Übersehene Wespenragwurz × Spiegel-Ragwurz, Ophrys neglecta × speculum; die Blütenlippe war einseitig zerfressen und wurde hier per EDV »rekonstruiert«

Im hinteren Teil der Flächen suchen wir speziell nach Serapien. Die hier vorkommenden Nurra-Zungenstendel Serapias nurrica sind vor kurzem als subsp. santuingense beschrieben worden. Die Pflanzen sind dank ihrer Strichlierung gut identifizierbar, aber noch alle in Knospe. Die häufigste Art dieser Gattung ist hier im Gebiet der Echte Zungenstendel Serapias lingua. Hinzu kommt der Kleinblütige Zungenstendel Serapias parviflora sowie eine Kolonie jener Sippe, die vor wenigen Jahren als Serapias todaroi subsp. cyrnosardoa beschrieben wurde und als stabilisierte Hybridsippe aus S. lingua und parviflora gilt.


Großblütiges Schmetterlings-Knabenkraut, Anacamptis papilionacea subsp. grandiflora

An allgemeiner Flora haben wir hier als Besonderheiten das Ausdauernde Sandglöckchen Jasione laevis, die Samt-Felsennelke Petrorhagia dubia und das Gefleckte Sandröschen Tuberaria guttata notiert. Auf dem Rückweg zum Auto finden wir noch einige Schwarze Ragwurze Ophrys incubacea sowie deren Hybride mit der Frühen Spinnen-Ragwurz Ophrys praecox.

Nun fahren wir weiter nordwestwärts bis nach Oristano, um die Stadt herum und an Cabras vorbei auf die Sinis-Halbinsel. Am Parkplatz des Kirchleins San Giovanni in Sinis angekommen, werden wir bereits von einem fliegenden Händler erwartet, der uns gern Käse verkaufen möchte. Nach einer Probeverkostung sind wir schnell einig, einen Laib Pecorino zu kaufen. Nur den Preis müssen wir noch etwas herunterhandeln. Letztlich gibt es noch einige luftgetrocknete Würste dazu. Pünktlich zum geplanten Picknick setzt nun Regen ein, aber der Schauer zieht schnell durch, und bald klart es auf. So starten wir nach der Stärkung zu einem Spaziergang durch die weitläufigen Strandwiesen hinter dem Kirchlein.


Frühchristliche Basilika San Giovanni in Sinis

Aus Zeitgründen können wir nur einen vergleichsweise kleinen Ausschnitt der Wiesen begehen. Dennoch finden wir Orchideen in großen Mengen. Sehr häufig sind beispielsweise Großblütiges Schmetterlings-Knabenkraut Anacamptis papilionacea subsp. expansa, Drohnen-Ragwurz Ophrys bombyliflora und Spiegel-Ragwurz Ophrys speculum. Letztere auch zweimal in einer fast apochromen Form. Die gelben Ragwurze sind hauptsächlich durch die Korsische Ragwurz Ophrys corsica repräsentiert, aber in einigen Dünentälern wachsen auch solche, die zu Ophrys subfusca subsp. liveranii tendieren. Zweifel bleiben jedoch – Fortsetzung folgt.

Weiterhin finden wir ein paar sehr schöne und auch typische Eleonoren-Ragwurze Ophrys eleonorae, Schwarze Ophrys incubacea und Übersehene Ragwurze Ophrys neglecta. Noch in Knospe sind die Wohlriechenden Wanzen-Knabenkräuter Anacamptis fragrans. Ein echtes Highlight sind die ersten Exemplare des Malteserschwamms Cynomorium coccineum auf der Reise, die etwas versteckt im Gras gefunden werden.


Schwarze Ragwurz, Ophrys incubacea


Eleonoren-Ragwurz, Ophrys eleonorae


Korsische Ragwurz, Ophrys corsica

Nach diesen schönen und ergiebigen Funden sehen wir uns noch die frühchristliche Basilika San Giovanni an und fahren dann weiter nordwärts an der Küste entlang. In der Nähe von Torre del Pozzo steuern wir den Campingplatz Nurapolis an. Gleich beim Betreten des Kiefernwaldes stehen wir vor den ersten Exemplaren des Grünstendels Gennaria diphylla, der hier ein bekanntes Großvorkommen hat. Wie zu erwarten, sind die Pflanzen vollständig abgeblüht. Aber in Großvorkommen gibt es ja manchmal Nachzügler. Wir suchen also munter weiter.

Auf dem weiteren Weg finden wir einige Keuschorchis Neotinea maculata, die allesamt nahezu weiß sind. Nicht weit davon stehen sehr hohe, abblühende Gelbe Ragwurze, die wir nun zweifelsfrei zu Ophrys subfusca subsp. liveranii stellen. Und bald darauf werden auch noch die erhofften letzen Blüten des Grünstendels gefunden.


Liveranis Ragwurz, Ophrys subfusca subsp. liveranii


Grünstendel, Gennaria diphylla


links: Keuschorchis, Neotinea maculata; rechts: Hybride Drohnen-Ragwurz × Übersehene Wespenragwurz, Ophrys bombyliflora × neglecta

Hinter dem nächsten Dünental suchen wir nach dem Nurra-Zungenstendel Serapias nurrica. Er steht hier sehr schattig. Zwar finden wir zahlreiche einwandfrei bestimmbare Exemplare, aber sie sind noch weit zurück in Knospe. Auf dem sandigen Hügel finden wir auch sehr schöne Spiegel-Ragwurzen Ophrys speculum und eine weitere, wunderschön gefärbte Hybride Ophrys bombyliflora × neglecta. Auch eine Griechiche Landschildkröte Testudo graeca lässt sich blicken – sie zieht es aber vor, sich unter einen Busch zu verkriechen, und dabei stören wir sie auch nicht.

So fahren wir weiter an der Küste entlang und nähern uns langsam unserem Zielort Alghero an. Einen weiteren Stopp legen wir im Bereich der Ortschaft Magomadas ein. Hier stehen Pyramiden-Orchis Anacamptis pyramidalis und Korsische Ragwurz Ophrys corsica sehr häufig. Auch viele schöne Ohnsporne Orchis anthropophora und Kleinblütige Zungenstendel Serapias parviflora gesellen sich hinzu, außerdem Schwarze Ophrys incubacea, Frühe Spinnen- Ophrys praecox und Spiegel-Ragwurz. Eine freudige Überraschung ist das schöne Vorkommen von Annas Ragwurz Ophrys annae, die wir hier noch nicht erwartet hatten. Erstens ist sie eher aus dem Gebiet von Alghero bekannt, und zweitens stand sie auch nicht auf der Fundliste dieses Gebiets.


Annas Ragwurz, Ophrys annae


Felsen und Küstenvegetation bei Alghero

Nun aber zügig weiter nach Alghero! Doch das schönste Abendlicht erzwingt förmlich einen letzten kurzen Fotostopp. Herrlich ist der Kontrast der gelbgrünen Baum-Wolfsmilch Euphorbia dendroides mit den braunroten, wüst verwitterten Felsen und dem blauen Himmel. Wir erreichen das Hotel »Alghero Resort« um halb Acht. Es liegt sehr ruhig am Rande der Stadt zwischen Olivenhainen und Obstgärten. Zum Abendessen treffen wir uns im schönen Gewölbekeller des Hotels und lassen den schönen Exkursionstag Revue passieren.

Rund um Sassari

Am nächsten Morgen lassen wir es aufgrund des weniger straffen Tagesprogramms etwas gemächlicher angehen. Bei wiederum sehr sonnigem Wetter starten wir in Richtung Sassari und Ittiri. Wir steuern zunächst den »Locus classicus« von Ophrys annae an. Knifflig ist an diesem Hang vor allem das sehr steile Gelände. Erst einmal müssen wir einen Einstieg in den Hang finden, aber dann sind die üblichen Verdächtigen schnell gefunden. Auffallend sind die großen Bestände vom Ohnsporn Orchis anthropophora an diesem Berghang.

Sehr häufig war hier auch die Frühe Spinnen-Ragwurz Ophrys praecox, zumindest einige ansehnliche Rest-Blüten sind noch übrig. Die Annen-Ragwurz macht sich eher rar, aber immerin finden wir ein schönes und fotogenes Grüppchen. Eine Ragwurz bestimmen wir als Ophrys incubacea × praecox. Weiter hinten am Hang gibt es viele Spiegel-Ragwurze Ophrys speculum und ein Einzelexemplar des Lockerblütigen Knabenkrautes Anacamptis laxiflora – es sollte das einzige der ganzen Reise bleiben!


links: Ophrys annae am »Locus classicus«; rechts: Pyramiden-Orchis, Anacmptis pyramidalis

An Sassari vorbei geht es weiter nach Muros. Hier wollen wir an einer vielversprechenden Stelle botanisieren, doch der Hang ist verbracht sowie zu Wildäckern umgebrochen. Da lohnt sich keine längere Suche. So fahren wir einen zweiten Hang hinter dem Ort an, aber auch hier ist die Situation eher trostlos, weil der Hang stark verbracht ist und nur noch wenige Orchideen beherbergt. Am bemerkenswertesten sind die Korsischen Ragwurze Ophrys corsica mit Tendenz zu Ophrys lepida.

Unser nächstes Ziel ist die weithin sichtbare Basilika Santissima Trinità von Saccargia. Hier machen wir Picknick vor der Kirche. Die Basilika wurde im 12. Jahrhundert als Kirche eines Kamaldulenser-Klosters im Stil der pisanischen Romanik errichtet. Vom Kloster sind nur noch Ruinen zu sehen, aber die Kirche ist nahezu im originalen Zustand erhalten.
Der Legende nach kommt der Name des Ortes von einer Kuh (sardisch: sa acca argia, die gefleckte Kuh). Die Kuh ist am linken Kapitell der Vorhalle dargestellt. Nach der Kirchenbesichtigung wandern wir wenige hundert Meter zu einem markanten Hügel neben der Straße.

Auch wenn er stellenweise bereits stark verbracht ist, stehen hier große Mengen von Orchideen: allen voran Langsporn-Knabenkraut Anacamptis longicornu und Großblütiges Schmetterlings-Knabenkraut Anacamptis papilionacea subsp. expansa samt einigen Hybriden, dazu Drohnen- Ophrys bombyliflora, Korsische Ophrys corsica und Spiegel-Ragwurz Ophrys speculum. Hübsch anzusehen sind die gerade aufblühenden Provence-Knabenkräuter Orchis provincialis am Fuß des Hügels. Am Hang lassen sich die Schwalbenschwänze Papilio machaon vom Wind tragen, Seidensänger und Cistensänger sind zu hören.


Die Basilika von Saccargia

Die Weiterfahrt führt durch das überwiegend landwirtschaftlich genutzte Hügelland. In den Äckern stehen Korkeichen, auf den Hügeln sind immer wieder Nuraghen zu sehen. Zwischen Ploaghe und Chiaramonti botanisieren wir am Straßenrand und in den angrenzenden Weiden und Wäldern. Direkt hinter der Leitplanke stehen noch sehr ansehnliche Mastorchis Himantoglossum robertianum. Neu auf der Reise sind hier die schönen Arten Milchweißes Knabenkraut Neotinea lactea, Trauer-Ragwurz Ophrys funerea, Gargano-Ragwurz Ophrys garganica und Herz-Zungenstendel Serapias cordigera. Im Straßengraben stehen schöne Ohnsporne Orchis anthropophora und nochmals Provence-Knabenkräuter Orchis provincialis. Auch ein paar Hybriden Ophrys incubacea × praecox werden notiert.


links: Langsporn-Knabenkraut, Anacamptis longicornu; rechts: Provence-Knabenkraut, Orchis provincialis


Landschaft bei Ploaghe mit Korkeichen und Nuraghe Su Idighinzu


Landschaft am Lago di Casteldoria in der Gallura


Der Elefantenfelsen bei Castelsardo

Zauber der Gallura

Über Perfugas erreichen wir das wunderschöne Bergland der Äußeren Gallura. An einem Aussichtspunkt mit Blick zum Castello di Casteldoria legen wir einen Fotostopp ein. Dann steuern wir noch den Elefantenfelsen bei Castelsardo an. Ein zwar kleines Felsgebilde, noch dazu hart bedrängt von der Straßenführung, aber dennoch ein sehr eindrucksvolles Naturmonument mit den für Sardinien so typischen Erosionsformen. Und im spätnachmittäglichen Licht natürlich ein tolles Fotomotiv. Auf der Rückfahrt nach Alghero müssen wir uns etwas verwickelt durch die Vorstädte von Sassari kämpfen, bevor wir auf der Schnellstraße dann schließlich zügig zum Hotel gelangen.

Der nächste Exkursionstag für nochmals durch die herrliche Landschaft der Gallura. Zunächst steuern wir die Küste bei Vignola Mare an. Der Fundort liegt am Straßenrand und in den Küsten-PinienWäldern. Leider ist er bei weitem nicht so ergiebig wie erhofft, insbesondere die erwarteten vielen Zungenstendel sind hier nicht (mehr) zu finden. Bemerkenswert sind immerhin die schönen Bestände der bereits abgeblühten Grünstendel Gennaria diphylla unter Gebüsch im Straßengraben. Auffällig sind hier in der Gegend auch die Blut-Sommerwurzen Orobanche sanguinea, die recht häufig am Straßenrand vom Auto aus zu sehen sind.

Durch den Ort Santa Teresa Gallura erreichen wir die Halbinsel Capo Testa mit ihren bizarren Felsformationen. Hier herrscht auch im April bereits ein reger Tourismus. Vom Parkplatz wandern wir zu den felsigen Meeresbuchten und den hellen Granitfelsen, die teilweise aussehen wie Skulpturen von Henry Moore.


Am Capo Testa, links hinten die Felsen von Bonifacio


Felsen am Capo Testa

Vom Capo Testa reicht der Blick über die Straße von Bonifacio hinüber zu den hellen Kreidefelsen der korsischen Südküste. Sehr interessant ist die Vegetation zwischen den Felsen, unter anderem mit Salzmanns Ginster Genista salzmannii, Zwerg-Edelweiß Filago pygmaea, Dreihörniger Levkoje Matthiola tricuspidata und der überall häufigen Mittagsblume (»Hottentottenfeige«) Carpobrotus edulis. Jedoch sind die großen Bestände der Spiegel-Ragwurz Ophrys speculum, die vor einigen Jahren kartiert wurden, in diesem Jahr nicht zu finden.

Aufgrund des starken Windes müssen wir etwas suchen, bis wir einen geeigneten Picknickplatz gefunden haben. Auf der windabgewandten Seite der Halbinsel finden wir schließlich eine Stelle. Nun fahren wir durch die Äußere Gallura weiter nach Palau und gönnen uns ein Eis in der Stadt. Das nächste Exkursionsziel, liegt direkt am Stadtrand neben der Straße und unter einer Stromtrasse. Hier suchen wir hauptsächlich den Nurra-Zungenstendel Serapias nurrica. Es ist immer das gleiche: er ist identifizierbar, aber knospig.


Herz-Zungenstendel, Serapias cordigera


Korsisch-Sardischer Zungenstendel, Serapias todaroi subsp. cyrnosardoa, im Zierrasen auf der Verkehrsinsel


links: Langsporn-Knabenkraut, Anacamptis longicornu; rechts: Schmetterlings-Knabenkraut, Anacamptis papilionacea

So begnügen wir uns mit den sehr schönen Herz-Zungenstendeln Serapias cordigera und größeren Mengen des Echten Zungenstendels Serapias lingua, der hier teilweise auch hellgelb blüht. Im Gebüsch steht nochmals ein ansehnlicher Bestand des Grünstendels Gennaria diphylla. Parallel zur Costa Smeralda fahren wir weiter bis ins Gebiet von Arzachena. Hier soll es einen größeren Bestand von Lockerblütigem Knabenkraut Anacamptis laxiflora geben. Doch sofort beim Aussteigen kommt eine Hundemeute vom nahegelegenen Gehöft angerannt – mit denen legen wir uns lieber nicht an. Zumal der Blick mit dem Fernglas in die Wiese ohnehin ergebnislos bleibt.

Auf der Weiterfahrt geht es nun auf kurvenreichen Straßen hinauf in die Innere Gallura. Hinter dem Wallfahrtsort Luogosanto folgt das kleine Örtchen Crisciuleddu. Beim Abbiegen fallen rote Blüten im Zierrasen der Verkehrsinsel auf – es sind zahlreiche Serapien! Da müssen wir also noch einen spotanten Stopp einlegen. Es sind hier insbesondere Echte Zungenstendel Serapias lingua, typisch gruppenweise (aufgrund der Stolonbildung), einige Kleinblütige Zungenstendel Serapias parviflora sowie wieder die inseltypische Übergangsform der beiden, Serapias todaroi subsp. cyrnosardoa.

Schließlich erreichen wir die Hochebene von Tempio Pausania mit ihren eindrucksvollen Felsen und den vielen Korkeichen. Überall auf der Hochebene stehen an den Straßenrändern große Mengen von Schmetterlings-Knabenkraut Anacamptis papilionacea und Langsporn-Knabenkraut Anacamptis longicornu.

Bevor wir unser Quartier in Tempio Pausania ansteuern, machen wir noch einen kurzen Abstecher ins berühmte »Valla della luna« (Tal des Mondes), auch »Piano dei Grandi Sassi« (Ebene der Großen Steine) genannt. Bizarre Granitformationen und Korkeichen prägen die Landschaft. Besonders auffällig ist eine Felsformation mit drei Fingern, die »Lu Monti Spirratu« genannt wird. Über Aggius kurven wir schließlich hinauf nach Tempio Pausania. Wir beziehen unser Quartier im »New Petit Hotel«, direkt im Stadtzentrum der lebhaften Kleinstadt. Beim Abendessen blicken wir zufrieden zurück auf einen Reisetag mit sehr eindrucksvollen Landschafts- und Naturerlebnissen.


Morgenstimmung in der Gallura bei Tempio Pausania, Blick zum Monte Pulchiana


Granitfelsen und Korkeichen bei Aggius


Felsformation Lu Monti Spirratu bei Aggius

Am heutigen Tag, dem Karfreitag, steht der Transfer von Tempio Pausania nach Lanusei an – also aus der Gallura in den Gennargentu. Unterwegs werden wir einige Zeit am Monte Albo verbringen. Durchs Bergland fahren wir zunächst hinab zur Ostküste in Richtung Olbia, und von hier auf der gut ausgebauten Schnellstraße bis nach Siniscola.

Bevor wir hinauf zum Monte Albo fahren, stoppen wir jedoch an einer Straßenabzweigung bei San Giuseppe. Hier wurde vor ein paar Jahren die Hybride Ophrys eleonorae × speculum gemeldet. Sie ist uns leider nicht vergönnt. Dennoch ist die Verkehrsinsel recht ergiebig, insbesondere die dicht stehenden Spiegel-Ragwurze Ophrys speculum sind eine Augenweide.

Monte Albo

Steil hinauf geht es zum Monte Albo. Der Bergrücken hat seinen Namen vom weißen Kalkgestein, das ihm ein fast hochgebirgsartiges Flair verleiht. Der erste Stopp ist gleich hinter Cantoniera Sant’Anna. Zwar gibt es keine großen Stückzahlen an Orchideen, aber doch ein schönes Potpourri verschiedener Arten. Sehr schön und sehr typisch sind hier Eleonoren-Ragwurz Ophrys eleonorae und Moris‘ Ragwurz Ophrys morisii. Auch Korsika-Ragwurz Ophrys corsica, Schwarze Ragwurz Ophrys incubacea und Spiegel-Ragwurz Ophrys speculum sind verstreut anzutreffen, dazu Langsporniges Knabenkraut Anacamptis longicornu, Schmetterlings-Knabenkraut Anacamptis papilionacea, Mastorchis Himantoglossum robertianum und Ohnsporn Orchis anthropophora – beziehungsweise Puppenorchis. Zurück am Auto, vermeldet ein Reiseteilnehmer noch den Fund einer Riesenpuppe. Doch sie will sich einfach nicht finden lassen – bis wir bemerken, dass sie aus Kunststoff ist und am Scheibenwischer klemmt…


Luperkalien-Ragwurz, Ophrys lupercalis


Moris‘ Ragwurz, Ophrys morisii


links: Milchweißes (‚Korsisches‘) Knabenkraut, Neotinea lactea (‚corsica‘); rechts: Schwarze Ragwurz, Ophrys incubacea


Monte Albo

Unser nächster Stopp ist unterhalb des Felsgipfels Punta Cupetti. An einem steilen Hang stehen wieder schöne Eleonoren-Ragwurze Ophrys eleonorae und Sardische Manns-Knabenkräuter Orchis ichnusae, dazu die hübsche Stern-Anemone Anemone hortensis und die prachtvolle endemische Moris‘ Pfingstrose Paeonia morisii. Den dritten Stop legen wir im Taleinschnitt Sadde ein. Hier weht ein sehr starker Wind daher belassen wir es bei einer kurzen Erkundung. Hier oben ist die Vegetation noch etwas im Rückstand: die Schmetterlings-Knabenkräuter Anacamptis papilionacea sind meist erst aufblühend, teils sogar knospig.

Nun machen wir erst einmal Picknick. An der (geschlossenen) Locanda Ammentos gibt es ein perfektes Plätzchen mit Bänken, Tischen und herrlicher Aussicht. Auch ein paar bettelnde Katzen gesellen sich zu uns. Gut gestärkt fahren wir weiter und legen noch einen letzten Stopp am Monte Albo ein, und zwar unterhalb der Punta Su Mutucrone. Hier begegnen wir erstmals der großblütigen Form des Milchweißen Knabenkrautes Neotinea lactea, die von manchen als eigene Art Neotinea corsica bezeichnet wird. Bemerkenswert sind hier außerdem einige Luperkalien-Ragwurze Ophrys lupercalis sowie deren Hybriden mit Ophrys eleonorae. Auf serpentinenreichen Straßen fahren wir nun den Monte Albo hinab und weiter nach Oliena, das am Fuß des wilden Bergmassivs Supramonte liegt.

Durch den Supramonte

Etwas außerhalb des Städtchens suchen wir ein Exkursionsgebiet auf. Es liegt auf einer steinigen, etwas schwer zugänglichen Bergkuppe. Wir müssen einen steilen Abhang und einen Zaun überwinden, dann stehen wir oben auf der Kuppe und beginnen zu suchen. Schnell werden wir fündig: Am Rand der Gebüsche stehen die sehr seltenen Brancifortis Knabenkräuter Orchis brancifortii in schönster Blüte. Ein herrlicher Anblick!

Diese sehr zierliche, kleinblütige Art kommt nur auf Sardinien und Sizilien vor. Doch leider haben hier oben auf der Kuppe wildernde Schweine der Population stark zugesetzt. Die Schweine – vermutlich Wildschweine oder verwilderte Hausschweine – machen natürlich auch vor den anderen Arten nicht halt. Speziell die sehr auffälligen Schmetterlings-Knabenkräuter Anacamptis papilionacea sind stark dezimiert.

Auf der Kuppe stehen auch einige sehr schöne Hybriden Anacamptis longicornu × papilionacea, außerdem zahlreiche Langsporn-Knabenkräuter Anacamptis longicornu, einige Kleinblütige Zungenstendel Serapias parviflora, dazu Drohnen- Ophrys bombyliflora, Korsische Ophrys corsica, Übersehene Ophrys neglecta und Spiegel-Ragwurz Ophrys speculum und eine einzelne verblühte Mastorchis Himantoglossum robertianum.


Brancifortis Knabenkraut, Orchis brancifortii


Brancifortis Knabenkraut, Orchis brancifortii. Die Knollen der Orchideen wurden von Wildschweinen oder verwilderten Schweinen ausgegraben und gefressen, die oberirdischen Pflanzenteile liegengelassen. Leider ein sehr häufiges Bild auf Sardinien.

Mit diesen sehr schönen Eindrücken fahren wir nun weiter nach Lanusei. Wir wählen die Straße durch Orgosolo. Dieser abgelegene Ort im Bergland des Supramonte war früher ein berüchtigtes Banditennest und ist heute bekannt für seine Murales. Im Gewirr der Gassen verlieren sich unsere Busse. Da auch das Telefonieren nicht funktioniert, müssen wir uns getrennt, auf mehr oder weniger abenteuerlichen Routen, nach Lanusei durchschlagen. So kommen wir etwas zeitversetzt im sehr gastlichen Hotel »Marie Claire« an, in dem wir für die nächsten Tage unser Quartier beziehen. Die Gastgeber sind sehr freundlich und sprechen exzellent Deutsch, weil sie bereits in Deutschland gearbeitet haben. Und sie kochen vorzüglich!

Das Wetter ist nun für die nächsten Reisetage deutlich wechselhafter als bisher angekündigt. Der Tag startet stark bewölkt. Zunächst fahren wir hinauf in den Bosco Selene. Doch gleich hinter dem Ort Arzana ist ein Stopp notwendig. Was war da neben der Straße? Es waren sehr groß gewachsene Milchweiße Knabenkräuter Neotinea lactea (bzw. »corsica«). Diese Art aus dem Auto heraus entdecken – das kommt auch nicht alle Tage vor. Die Orchideen sind auch farblich sehr vielgestaltig, vom namensgebenden milchweiß bis hin zu kräftig dunkelvioletter Zeichnung. An der Böschung stehen auch viele Langsporn-Knabenkräuter Anacamptis longicornu, Schmetterlings-Knabenkräuter Anacamptis papilionacea, deren Hybride und ein paar Schwarze Ragwurze Ophrys incubacea.


Milchweißes (‚Korsisches‘) Knabenkraut, Neotinea lactea (‚corsica‘)


Bosco Selene

Bosco Selene und Ussassai

Wir setzen unsere Fahrt zum Bosco Selene fort. Hier steht der Archäologische Park im Vordergrund. Er liegt in einem Eichen- und Kastanienwald und besteht aus mehreren archäologischen Objekten: im vorderen Bereich zwei Gigantengräber, im hinteren Bereich eine Nuraghe mit Hüttenfundamenten. Die Funde werden auf die späte Bronzezeit datiert. Auf den Gigantengräbern wachsen Langsporn-Knabenkräuter Anacamptis longicornu. Gerade wollen wir fotografieren, da werden wir darauf hingewiesen, dass die Anlage nur mit Führung betreten werden darf. Nun gut, wir erkunden den Wald lieber weiter auf eigene Faust. Auf dem Rundweg gelangen wir zur Nuraghe, deren (eingezäunte) Ruine auf einer kleinen Anhöhe steht. Der weitere Weg führt zu einem Aussichtpunkt mit schönem Blick auf Arzana, Lanusei und Arbatax. Leider ist es sehr diesig.

Auf kurvigen Straßen setzen wir unser Fahrt fort und erreichen den Bahnof von Ussassai. Dieses Gebiet ist ein sehr bekannter Orchideenfundort mit großer Artenvielfalt. Auf den etwas verbrachten Wiesen gegenüber des Bahnhofs stehen Langsporn- Anacamptis longicornu und Schmetterlings-Knabenkräuter Anacamptis papilionacea, Milchweiße Knabenkkräuter Neotinea lactea, und ein paar Exemplare der Mastorchis Himantoglossum robertianum, die hier oben im Bergland noch schön in Blüte stehen. Auch Ohnsporn Orchis anthropophora und Sardisches Manns-Knabenkraut Orchis ichnusae dürfen natürlich nicht fehlen.

An Ragwurzen gibt es: viel Spiegel- Ophrys speculum und Übersehene Ragwurz Ophrys neglecta, einige Drohnen- Ophrys bombyliflora und Luperkalien-Ragwurze Ophrys lupercalis. Hinzu kommen Korsische Ophrys corsica, wiederum die etwas untypischen Eleonoren Ophrys eleonorae vs. fusca und Moris‘ Ragwurze Ophrys morisii. Ein Stück weiter hinten im Wald finden wir zahlreiche Moris‘ Pfingstrosen Paeonia morisii, mehrere austreibende Tremols‘ Stendelwurze Epipactis tremolsii und ein knospendes Schwertblättriges Waldvögelein Cephalanthera longifolia. Nach dieser schönen Exkursion ist es Zeit für ein Picknick. Wir finden ein nettes Plätzchen am Spielplatz in der Ortschaft Ussassai.

Von hier fahren wir weiter durch die Berge bis zur Straßenkreuzung bei Sadali / Seulo. Das Gelände ist sehr weitläufig, und auch hier herrscht eine große Artenvielfalt. Auffallend sind viele weiß blühende zwischen über tausend Langsporn-Knabenkräutern Anacamptis longicornu. Auch hier gibt es wieder Schmetterlings- Anacamptis papilionacea, Milchweißes Neotinea lactea und Sardisches Manns-Knabenkraut Orchis ichnusae.


Sardisches Manns-Knabenkraut, Orchis mascula subsp. ichnusae


Anmutige Ragwurz, Ophrys lepida


Sardische Elefantenschrecke, Pamphagus sardeus

Unter den Ragwurzen sind hier die Trauer-Ragwurz Ophrys funerea und die Anmutige Ragwurz Ophrys lepida besonders erwähnenswert. Von der letzteren finden wir eine sehr kräftige, vergleichsweise hohe und großblütige Pflanze, die somit nicht klar zuzuordnen ist.Weiterhin gibt es Drohnen- Ophrys bombyliflora, Korsische Ophrys corsica, Schwarze Ophrys incubacea, Moris‘ Ophrys morisii, Übersehene Ophrys neglecta und Spiegel-Ragwurz Ophrys speculum. Ein besonders schöner Fund ist eine frisch geschlüpfte Nymphe der Sardischen Elefantenschrecke Pamphargus sardeus. Wirklich ein dicker Brummer, und sehr schön gezeichnet.

Auf der Rückfahrt nach Lanusei wählen wir eine einsame Nebenstrecke durch das Bergland, vorbei am Taccu Perda Liana. Doch schon gleich hinter der Abzweigung bei Madonna del Carmine halten wir. Hier stehen in den feuchten Gräben zahlreiche Sommer-Knotenblumen Leucojum aestivum und Tazetten Narcissus tazetta, am Waldrand auch Moris- Pfingstrosen Paeonia morisii sowie austreibende Tremols‘ Stendelwurze Epipactis tremolsii.


Sardische Pfingstrose, Paeonia morisii, und Rosmarin, Rosmarinus officinalis, im Bergland des Gennargentu


Nuraghe Ardasai im Bergland des Gennargentu

Einen kurzen Halt legen wir an der Nuraghe Ardasai ein. Sie liegt in einem eingefriedeten Areal, ist aber auch vom Tor aus gut zu sehen. Das archäologische Gelände ist auch hier oben in den Bergen kameraüberwacht. Die Ziegenherde, die gerade im Areal weidet, lässt sich davon nicht beeindrucken. Bald erreichen wir den Berg Perda Liana. Ein eindrucksvolles Naturmonument in Form eines Felsens auf einem Kegelberg – typisch für den Gennargentu, aber hier eben in der idealen Ausbildung. Auffallend ist, dass das Schmetterlings-Knabenkraut Anacamptis papilionacea auch hier oben im rauhen Bergland auf 1050 Metern bereits in Blüte ist. Schließlich fahren wir hinab nach Lanusei und erreichen das Hotel am frühen Abend. Dort lassen wir uns eine sehr leckere Lasagne (all you can eat) sowie den Wein schmecken, und rätseln dabei noch etwas über den einen oder anderen Fund des Tages.

Golgo und Dorgali

Auch der folgende Tag – es ist der Ostersonntag – beginnt sehr trüb und diesig. Nach dem Frühstück fahren wir zunächst von Lanusei hinab zur Küste und dann auf der anderen Bergseite wieder hinauf nach Baunei. Unser Ziel ist das Karstplateau des Golgo. Über schmale Serpentinen erreichen wir die einsame, gleichförmige Karst-Hochebene. Hier suchen wir in erster Linie nochmals nach Brancifortis Knabenkraut Orchis branciforti, und vielleicht lässt sich ja auch schon eine Ogliastra-Ragwurz Ophrys panattensis blicken?

Die erstgenannte Art ist schnell gefunden. Hier oben auf dem zugigen Hochplateau ist sie noch überwiegend knospig. Einzeln und in lockeren Grüppchen steht sie zwischen Felsen und Gebüsch. In der Nähe steht eine Kolonie des Provence-Knabenkrautes Orchis provincialis, und unter einem Busch verstecken sich 6 rosarot überhauchte Exemplare. Zunächst stufen wir sie als Hybriden mit Orchis ichnusae ein, aber die potentielle zweite Elternart ist nicht zu finden (und diese Hybride sollten wir ja dann noch zweifelsfrei und anders aussehend am letzten Tag der Reise sehen). Für eine Hybride mit Orchis brancifortii hingegen passt weder die Blütenform noch die –größe. Sollten wir hier etwa die rötliche Form von Orchis provincialis vor uns haben, von der gelegentlich in der Literatur berichtet wird?


Provence-Knabenkraut, Orchis provincialis, rötliche Form

Die Suche nach Ophrys panattensis bleibt erfolglos. Wir finden aber einige Moris‘ Ragwurze Ophrys morisii, und ein Exemplar geht als Hybride mit panattensis durch. Ansonsten gibt es hier noch eine Handvoll Milchweißer Knabenkräuter Neotinea lactea, je ein einzelnes Dreizähniges Knabenkraut Neotinea tridentata und eine Keuschorchis Neotinea maculata. Schließlich noch ein paar Drohnen- Ophrys bombyliflora, und einzelne Korsische Ophrys corsica, Spiegel-Ragwurz Ophrys speculum und ein Langsporn-Knabenkraut Anacamptis longicornu.

Von diesem außergewöhnlichen Fundort fahren wir wieder hinunter zur Hauptstraße, der Orientale Sarda, und auf dieser weiter nordwärts. Dabei kommen wir oberhalb der Karstschlucht Gola Gorropu vorbei, hier legen wir einen Fotostopp ein. Außer dem Blick auf die Schlucht sind auch die riesigen Weißen Ginsterbäume Retama raetam sehr beeindruckend, die hier überall in der Macchia stehen. Aus einem der furchigen Stämme wächst sogar ein Venusnabel Umbilicus rupestris.


Vegetation im Bergland der Ogliastra; im Bild u.a. Weißer Ginster, Retama raetam

Die Straße führt dann weiter hinab nach Dorgali. Hier halten wir nacheinander an mehreren Straßenbuchten, denn hier liegen die klassische Fundgebiete der Ogliastra-Ragwurz Ophrys panattensis. Schnell sind sie gefunden, und sie sind auch in optimalem Blühzustand. Doch sie stehen direkt an der Straße. Daher müssen wir beim Fotografieren mit »Sicherheitspersonal« arbeiten. Außerdem nehmen wir zur Kenntnis, dass es staubfreie Blüten von dieser Art einfach nicht gibt! Denn sobald eine frische Blüte offen ist, röhrt auch schon ein Motorrad vorbei und wirbelt Straßenstaub auf. Außer dieser endemischen sardischen Orchidee gibt es hier noch einge weitere Arten: Mastorchis Himantoglossum robertianum, Keuschorchis Neotinea maculata, Ohnsporn Orchis anthropophora, Moris- Ophrys morisii und Luperkalien-Ragwurz Ophrys lupercalis.


Ogliastra-Ragwurz, Ophrys panattensis

Unten im Ort Dorgali machen wir unser Picknick, dann fahren wir über Oliena wieder um den Supramonte herum, diesmal aber auf der Fernstraße. Das Straßengewirr um Nuoro ist zwar auch nicht ganz ohne, aber diese Straße ist doch deutlich besser zu befahren als das Bergsträßchen über Orgosolo. So kommen wir nochmals durch das Bergland des Gennargentu. Kurz vor der Passhöhe biegen wir aber von der Hauptstraße ab. Hier haben wir eine Fundortkoordinate eines größeren Bestandes der Insel-Fingerwurz Dactylorhiza insularis. Doch der sommergrüne Wald sieht noch winterkahl aus – da erhoffen wir uns nicht allzu viel. Und schnell sind auch die kräftigen Austriebe der Orchidee gefunden, hier und da ein vorwitziges Exemplar in Knospe. Unverzagt suchen wir weiter – vielleicht gibt es ja erste offene Blüten in anderer Exposition, mit anderem Mikroklima. Und tatsächlich – ein paar geöffnete Blüten dieser schönen Orchidee lassen sich finden.

Zu den geschätzten 200 Insel-Fingerwurzen kommen hier noch Langsporn-Knabenkräuter Anacamptis longicornu in vierstelliger Zahl sowie dreistellige Bestände von Schmetterlings-Knabenkraut Anacamptis papilionacea, Provence-Knabenkraut Orchis provincialis und Milchweißem Knabenkraut Neotinea lactea. Ein paar Hybriden Anacamptis longicornu × papilionacea sind auch zu finden, ebenso zwei hübsche Liliengewächse: Böhmischer Goldstern Gagea bohemica und Hügel-Milchstern Ornithogalum collinum.

Nach diesem schönen Exkursionsgebiet bleiben für den restlichen Tag keine Wünsche mehr offen, und so lassen wir einen weiteren Fundort von Dactylorhiza insularis aus und fahren direkt nach Lanusei. Am heutigen Abend – dem Ostersonntag – gibt es im Hotel das traditionelle sardische Ostergericht, gegrilltes Zicklein. Das sehr zarte, schmackhafte Fleisch ist für alle etwas Neues.


Insel-Fingerwurz, Dactylorhiza insularis


Milchweißes Knabenkraut, Neotinea lactea

Am Ostermontagmorgen starten wir – bei wiederum sehr trübem, diesigem Wetter – von Lanusei südwärts. Auf der Fahrt in Richtung Cagliari legen wir den ersten Stopp an einem Picknick-Areal bei Tertenia, ein. Hier soll es beide Dingel-Arten geben: den Gewöhnlichen Limodorum abortivum und Trabuts Dingel Limodorum trabutianum. Doch erstmal stehen am Zugangsweg ein paar stramme Bienen-Ragwurze Ophrys apifera, eine mit vier gleichzeitig offenen Blüten.

Weiter hinten im Areal sind die Dingel zu finden, aber sie sind alle knospig. Ein genauerer Blick verrät, dass sie bereits am Abblühen sind – also die Blüten in diesem Jahr überhaupt nicht öffnen. Weiterhin ist an der Spornlänge klar zu erkennen, dass es Limodorum abortivum ist. Von Limodorum trabutianum, das in Vorjahren hier gefunden wurde, fehlt jede Spur. So botanisieren wir noch etwas im vorderen Bereich des Areals. Hier stehen Langsporn- Anacamptis longicornu und Schmetterlings-Knabenkraut Anacamptis papilionacea, Drohnen- Ophrys bombyliflora und Spiegel-Ragwurze Ophrys speculum, eine verblühte Mastorchis Himantoglossum robertianum und knospende Serapien, deren Artzugehörigkeit nicht aufzuklären ist. Gleiches gilt für die Platanthera-Blätter am Waldrand. Dennoch ist dieser Fund interessant, denn beide auf Sardinien vorkommenden Arten – Platanthera kuenkelei var. sardoa und Platanthera algeriensis – sind relativ selten.

Natur rund um Cagliari

Die Weiterfahrt führt über die gut ausgebaute Schnellstraße nach Cagliari. Wir fahren um die Stadt herum, um zu den Salinen zu gelangen. Es herrscht sehr starker Wind, der hohe Wellen und starken Seegang an der Uferpromenade verursacht. Bei einem kurzen Fotostopp sind wir im Nachhinein froh, dass wir vor lauter Verkehr nicht über die Straße gekommen sind – denn eine große Welle ist bis über die Kaimauer auf die Straße geschwappt. Einen kurzen Halt mchen wir neben einer großen Lagune. Hier lassen sich unter anderem Flamingos, Brandgänse und Brandseeschwalben beobachten. einen weiteren Stop legen wir an der Saline Molentargius ein. Hier gibt es einen fossilen Strand und interessante Allgemeinflora. Auffällig sind die Blütenteppiche des Wegerichblättrigen Natternkopfes Echium plantagineum, das Stechende Sternauge Pallenis spinosa und die Amethyst-Sommerwurz Orobanche amethystea. An Orchideen lassen sich zumindest Spiegel-Ragwurz Ophrys speculum und Mastorchis Himantoglossum robertianum finden.

Etwas verwickelt ist die Route zur Halbinsel Calamosca. Hier machen wir zunächst Picknick am Auto, dann suchen wir in der felsigen Macchia nach Pflanzen. An Orchideen finden wir nur verblühte Ragwurze (wahrscheinlich Ophrys lupercalis) und wenige Kleinblütige Zungenstendel Serapias parviflora. Doch Landschaft und Botanik sind auch so sehr vielseitig und interessant. Auf der Fundliste dieses Gebietes stehen unter anderem Haariger Knoblauch Allium subhirsutum, Sadebaum Juniperus sabina, Dreigriffeliger Lein Linum trigynum, Etrusker-Geißblatt Lonicera etrusca, Echte Ruta graveolens und Aleppo-Weinraute Ruta chalepensis, und die überraschend kleinwüchsige Wildform des Olivenbaumes Olea europaea.


Rosaflamingo, Phoenicopterus roseus, in den Salinen bei Cagliari


Amethyst-Sommerwurz, Orobanche amethystea


Aleppo-Raute, Ruta chalepensis

Nun fahren wir westwärts aus der Stadt heraus. Bevor wir unser Quartier in Iglesias ansteuern, legen wir jedoch noch einen weiteren kurzen Stopp an den Salinen ein. Direkt an einer Haltebucht steht die Eisblume Mesembryanthemum crystallinum, doch unser Hauptinteresse gilt hier einer anderen Art: dem Malteserschwamm Cynomorium coccineum. Nach kurzer Suche sind zwei schöne Kolonien dieser äußerst merkwürdigen Pflanzenart gefunden. Der Malteserschwamm ist ein Vollschmarotzer und galt im 16.-17. Jahrhundert als Allheilmittel bei den Maltesern in Valletta, die ihn zu horrenden Preisen an die europäischen Fürstenhöfe verkauften. Seine verwandtschafliche Zugehörigkeit zu den Steinbrechartigen konnte erst 2016 anhand molekulargenetischer Untersuchungen festgestellt werden.


Malteserschwamm, Cynomorium coccineum

Auf der Weiterfahrt an der Küste entlang in Richtung Iglesias hat der starke Seegang große Mengen von Neptungras auf die Straße gespült und die Fahrbahn nahezu unpassierbar gemacht. Die Straße wird infolgedessen für einfahrende Fahrzeuge gesperrt. Glücklicherweise kommen wir mit unseren kräftigen Bussen noch gut durch und erreichen unser Hotel in Iglesias um frühen Abend.

Aufgrund der frühen Ankunftszeit suchen noch einige Reiseteilnehmer im Umfeld der Anlage nach Orchideen. Gefunden werden Echter Serapias lingua und Kleinblütiger Zungenstendel Serapias parviflora sowie Übersehene Wespen-Ragwurz Ophrys neglecta. Da am nächsten Tag das Wetter sehr regnerisch werden soll, entscheiden wir uns, die Fahrt ins Orchideenparadies Ortuabis auf den Abreisetag zu verlegen – den letzten Höhepunkt der Reise wollen wir nämlich lieber im Sonnenschein erleben.

Regentag im Süden

Die Wetterprognose tritt wie vorhergesagt ein, und der Tag beginnt mit Regen. So beschäftigen wir uns nach dem Frühstück erst einmal mit der Nachsuche im Tal des Rio Sarmentus bei Domusnovas, wo am ersten Tag noch Fragen offengeblieben waren. Nur ein kleiner Teil der Gruppe erkundet bei strömendem Regen den jetzt stockdunklen Wald. Die knospenden Dingel und Stendelwurze sind erwartungsgemäß kaum vorangekommen und weiterhin knospig. Dennoch lassen sich jetzt zumindest die Arten eindeutig bestimmen. Anhand der Spornlänge ist Trabuts Dingel Limodorum trabutianum klar erkennbar. Bei der Stendelwurz öffnen wir eine Knospe. Aufgrund der Blütengestalt und des Habitus ist die einzige in Frage kommende Art die Zierliche Stendelwurz Epipactis gracilis – sie wird auch synonym als Epipactis exilis bezeichnet.

Der Regen prasselt weiterhin unnachgiebig. So bleibt es an unserem nächsten Fundort ebenfalls bei einer Stippvisite. Immerhin können die Reiseleiter Chestermans Ragwurz Ophrys chestermanii bestätigen, die hier auf der vorhergehenden Naturreise in guten Stückzahlen gefunden wurde.

Auf der Weiterfahrt besuchen wir die Nuraghe S’Omu ‚e S’Orcu bei Domusnovas. Auch sie ist eingezäunt und mit Kameras überwacht, aber auch von außerhalb es Zauns gut zu sehen. Am Gegenhang stehen einige Echte Zungenstendel Serapias lingua. Inzwischen hat sich das Wetter ein wenig verbessert, der Regen lässt nach.

Nun wollen wir nochmals zum Eukalyptuswald, um vielleicht doch noch den Nurra-Zungenstendel in Blüte zu sehen. Auf dem Weg dorthin legen wir unsere Picknickpause an einem artenreichen Wegrand ein, den wir beim ersten Besuch bereits vom Auto aus entdeckt hatten. Auffällig sind hier die großen Bestände der Übersehenen Wespen-Ragwurz Ophrys neglecta, die in sehr großer Vielfalt hier vorkommt. Das ebenfalls häufige Großblütige Schmetterlings-Knabenkraut Anacamptis papilionacea subsp. expansa ist inzwischen weitgehend abgeblüht. Dagegen beginnt die Blütezeit des Wohlriechenden Wanzen-Knabenkrautes Anacamptis fragrans erst, aber es sind schon einige fotogene Exemplare zu finden. Weiterhin gibt es noch ein paar Drohnen- Ophrys bombyliflora und Spiegel-Ragwurze Ophrys speculum, eine Schwarze Ragwurz Ophrys incubacea sowie den Echten Serapias lingua und Kleinblütigen Zungenstendel Serapias parviflora.

Unser zweiter Besuch im Eukalyptuswald Giba Arritzonis, erfüllt die Hoffnungen. Der Nurra-Zungenstendel Serapias nurrica steht nun zumindest teilweise in Blüte. Ansonsten bringt der Fundort nichts Neues mehr, ist doch die Hauptblütezeit inzwischen deutlich überschritten.


Wohlriechendes Wanzen-Knabenkraut, Anacamptis fragrans


Nurra-Zungenstendel, Serapias nurrica

Am Nachmittag steuern wir der Südwesküste entgegen und somit dem schönen Wetter entgegen. Unterwegs wollen wir in Iglesias noch eine Kaffeepause einlegen, doch zu unserer Verwunderung sind alle Cafés und Eisdielen leider geschlossen. Im nächsten Ort Gonnesa gibt es dagegen Eis und Kaffee. Auf schönen Küstenstraßen gelangen wir nach Masua, das unterhalb einer verlassenen Bergwerkssiedlung liegt und dessen herrliche Küste im Kontrast zu dieser Geisterstadt steht. Der Grund unseres Besuchs ist das Vorkommen der spät blühenden Conradi-Ragwurz Ophrys conradiae, doch von ihr ist noch nichts zu sehen. Sie blüht normalerweise auch erst im Mai, und 2019 ist ein eher spätes Jahr. Wir finden einige Ohnsporne Orchis anthropophora und die untypischen Eleonoren-Ragwurze Ophrys eleonorae vs. fusca.


Küste bei Masua

Zurück in Iglesias, nutzen wir die Zeit zum Packen und treffen uns zum letzten gemeinsamen Abend der Reise. Der Rückreisetag beginnt dann wie erhofft mit herrlichem Wetter – so hätten wir uns das in den vergangenen Tagen öfters gewünscht… Nach dem Frühstück beladen wir zum letzten Mal die Busse und fahren in Richtung Laconi beziehungsweise Ortuabis-Pass. Dabei passieren wir auch den Ort Las Plassas mit seiner Burgruine auf dem merkwürdigen Bergkegel, doch wegen des sehr engen Zeitfensters für den Ortuabis-Pass halten wir hier nicht an.

Ein erster Sondierungsstopp an der Straße hinter Laconi ist wenig ergiebig, so steuern wir lieber direkt die Passhöhe des Valico Ortuabis an. Bereits die Straßenränder sind übervoll von Knabenkräutern: Langsporn- Anacamptis longicornu, Schmetterlings- Anacamptis papilionacea, Sardisches Manns- Orchis ichnusae und stellenweise auch Provence-Knabenkraut Orchis provincialis.

Orchideenparadies Ortuabis

Wir suchen eine Haltemöglichkeit am Weg nördlich des Passes. Auch hier sind die Wegränder und Gräben voller Orchideen, diesmal mehr Ragwurze – aber dazu kommen wir erst später, weil wir gleich von einem sardischen Orchideenfreund abgefangen werden. »Ihr seid im Orchideenparadies angekommen!« sagt er, auf Italienisch natürlich. Er ahnt schon, dass wir es zuerst auf die Ortuabis-Ragwurz Ophrys ortuabis abgesehen haben, und die will er uns sogleich zeigen. Wertvoll ist seine Hilfe auch beim Einstieg ins Gelände, das recht wehrhaft von Mauern und Zäunen umfriedet ist.

Von der Anhöhe hinter der Mauer haben wir einen herrlichen Blick übers weite Land – Orchideengelände bis zum Horizont! Da können wir die Aussage mit dem Orchideenparadies nur bejahen. Schnell sind die ersten ortuabis gefunden. Die Art ist wirklich sehr zierlich und auch dann noch leicht zu übersehen, wenn man schon direkt davor steht. Etwas unterhalb stehen auf einer Geländeterrasse einige Pankrazlilien Pancratium illyricum, oben im Gelände sowie entlang des Weges treffen wir auf Anmutige Ophrys lepida und Moris‘ Ragwurz Ophrys morisii, zerstreut und in kleinen Gruppen, außerdem viel Drohnen- Ophrys bombyliflora und Spiegel-Ragwurz Ophrys speculum, einige Eleonoren- Ophrys eleonorae, Schwarze Ophrys incubacea und Übersehene Wespen-Ragwurze Ophrys neglecta sowie eine einzelne Anna-Ragwurz Ophrys annae. Hinzu kommen auch Ohnsporn Orchis anthropophora und Mastorchis Himantoglossum robertianum. Ein paar Exemplare der Hybride Orchis ichnusae × provincialis sind hier eindeutig zu bestimmen, und sie sehen in der Tat völlig anders aus als die rot überhauchten provincialis vom Golgo.

Nicht einzuordnen sind die knospenden Serapien. Unklar bleibt auch die Zuordnung der vergleichsweise hohen und großblütigen Gelben Ragwurz, die hier und da gemeinsam mit Ophrys lepida wächst, diese aber in allen Dimensionen deutlich übertrifft. Eine solche Pflanze hatten wir ja auch bereits bei Sadali gefunden.


Weiden rund um den Valico Ortuabis


links: Ortuabis-Ragwurz, Ophrys ortuabis; rechts: Gezonte Ragwurz, Ophrys zonata

Wir wechseln nun auf die andere Seite des Passes. Hier finden wir eine herrliche bunte Wiese mit viel Ohnsporn Orchis anthropophora, Langsporn-Knabenkraut Anacamptis longicornu, Milchweißem Knabenkraut Neotinea lactea und Tazetten Narcissus tazetta, weiter hinten stehen – hier nun endlich eindeutig bestimmbar – einige Gezonte Ragwurzen Ophrys zonata. Ganz nah am Auto steht eine austreibende Ragwurz mit großen rosaroten Knospen – es kommt hier eigentlich nur die April-Ragwurz Ophrys aprilia in Frage.

Wir machen Picknick, packen anschließend unsere Koffer um und bedanken uns gegenseitig für die schöne Reise und die gute gemeinsame Zeit in Sardinien. Klar, ein wenig mehr Zeit hätten wir gerne noch hier oben auf den sonnigen Höhen des Ortuabis-Passes verbracht. Aber es war gut, dieses Kleinod in der Sonne, bei bestem Wetter, erlebt zu haben.


Orchideenreiche Wiesen am Ortuabis-Pass – unter anderem mit Langspornigem Knabenkraut, Anacamptis longicornu und Ohnsporn, Orchis anthropophora


links: Sardisches Manns-Knabenkraut, Orchis mascula subsp. ichnusae; rechts: Hybride Sardisches Manns-Knabenkraut × Provence-Knabenkraut, Orchis mascula subsp. ichnusae × provincialis = Orchis × sardoa

So fahren wir erfreut und doch auch etwas wehmütig los. Die Straßenränder sind gesäumt mit Orchideen, bis wir die Ebene erreichen und bald auf die Schnellstaße in Richtung Cagliari – Elmas einbiegen. Als etwas tückisch stellt sich das Auftanken der Mietwägen heraus. Im Umfeld des Flughafens ist leider nichts zu finden, wir müssen nochmal ein Stück zurück. Aber wir haben noch genügend Zeit. Dann geben wir die Wägen zurück, leeren unsere letzten Ichnusa-Biere und warten auf den Flieger. Er startet etwas verspätet um 18:30 Uhr nach München, wo wir um 19:45 ankommen. Über Süddeutschland sind inzwischen heftige Gewitter aufgezogen. Auf dem Weiterflug nach Frankfurt werden wir ordentlich durchgeschüttelt – und die Passagiere, die nach Hannover geflogen sind, mussten bei der Landung gar einmal durchstarten! So endet die Reise zwar turbulent, aber letztlich doch ohne ernstere Schwierigkeiten, und alle Teilnehmer können ihre individuelle Heimreise antreten – voller schöner Erlebnisse im Gepäck beziehungsweise auf den Speicherkarten.

Marco Klüber hat diese Reise 2019 für DUMA Naturreisen als Reiseleiter unternommen.

Artenliste Orchideen

Anacamptis fragrans, Wohlriechendes Wanzen-Knabenkraut
Anacamptis laxiflora, Lockeblütiges Knabenkraut
Anacamptis longicornu, Langsporniges Knabenkraut
Anacamptis papilionacea, Schmetterlings-Knabenkraut
Anacamptis papilionacea ssp. expansa, Großblütiges Schmetterlings-Knabenkraut
Anacamptis pyramidalis, Pyramiden-Orchis
Cephalanthera longifolia, Langblättriges Waldvögelein
Dactylorhiza insularis, Insel-Fingerwurz
Epipactis gracilis, Zierliche Stendelwurz
Epipactis tremolsii, Tremols‘ Stendelwurz
Gennaria diphylla, Grünstendel
Himantoglossum robertianum, Riesen-Knabenkraut
Limodorum abortivum, Violetter Dingel
Limodorum trabutianum, Trabuts Dingel
Neotinea lactea (incl. ‚corsica‚), Milchweißes Knabenkraut
Neotinea maculata, Gefleckte Waldwurz
Neotinea tridentata, Dreizähniges Knabenkraut
Ophrys annae, Annas Ragwurz
Ophrys aprilia, April-Ragwurz
Ophrys apifera, Bienen-Ragwurz
Ophrys bombyliflora, Drohnen-Ragwurz
Ophrys chestermanii, Chestermans Ragwurz
Ophrys Corsica, Korsische Ragwurz
Ophrys eleonorae, Eleonoren-Ragwurz
Ophrys funerea, Trauer-Ragwurz
Ophrys garganica, Gargano-Ragwurz
Ophrys incubacea, Schwarze Ragwurz
Ophrys lepida, Anmutige Ragwurz
Ophrys lupercalis, Luperkalien-Ragwurz
Ophrys morisii, Moris‘ Ragwurz
Ophrys neglecta, Übersehene Wespen-Ragwurz
Ophrys normanii, Normans Ragwurz
Ophrys ortuabis, Ortuabis-Ragwurz
Ophrys panattensis, Ogliastra-Ragwurz
Ophrys praecox, Frühblühende Spinnen-Ragwurz
Ophrys speculum, Spiegel-Ragwurz
Ophrys subfusca ssp. liveranii, Liveranis Ragwurz
Ophrys zonata, Gezonte Ragwurz
Orchis anthropophora, Ohnsporn
Orchis brancifortii, Brancifortis Knabenkraut
Orchis ichnusae, Sardisches Manns-Knabenkraut
Orchis provincialis, Provence-Knabenkraut
Platanthera spec., Waldhyazinthe
Serapias spec., Zungenstendel
Serapias cordigera, Herz-Zungenstendel
Serapias lingua, Einschwieliger Zungenstendel
Serapias nurrica, Nurra-Zungenstendel
Serapias parviflora, Kleinblütiger Zungenstendel
Serapias todaroi ssp. cyrnosardoa, Korsisch-Sardischer Zungenstendel

Orchideenhybriden:
Anacamptis longicornu × papilionacea s.l.
Ophrys bombyliflora × neglecta
Ophrys eleonorae × lupercalis
Ophrys incubacea × praecox
Ophrys morisii × panattensis
Ophrys neglecta × praecox
Ophrys neglecta × speculum
Orchis ichnusae × provincialis


Anmutige Ragwurz, Ophrys lepida

Bilder der Reise auf flickr

eine Auswahl von Fotos der Reise
alle Fotos in einem Album

Teil 1 Anreise, Iglesiente
Teil 2 San Gavino – Sanluri
Teil 3 Sinis, Westküste von Oristano bis Alghero
Teil 4 Der Nordwesten um Alghero und Sassari
Teil 5 Äußere Gallura und Nordküste
Teil 6 Innere Gallura um Aggius und Tempio Pausania
Teil 7 Monte Albo und Supramonte
Teil 8 Gennargentu
Teil 9 Ogliastra und Gennargentu
Teil 10 Umgebung von Cagliari
Teil 11 nochmals der Südwesten
Teil 12 Valico Ortuabis

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