Vercors

Kaum eine andere Alpenlandschaft ist derart reich mit Naturschönheiten gesegnet wie der Vercors. Als Teil der französischen Kalkalpen erhebt sich das Gebirge zwischen Rhônetal und Dauphiné-Alpen, durch das weite Tal des Drac von den Eisgipfeln der Écrins getrennt. Über einsamen Wäldern ragen markante Einzelberge und endlos lange, wie mit dem Lineal gezogene Barrieren aus hellen Riffkalken auf. An den sonnigen Bergflanken und in den windgeschützten Hochtälern liegen Dörfer, umgeben von saftigen Wiesen, und unten in den Flusstälern ist schon das Flair der nahen Provence zu spüren. Der Vercors ist ein wahres Wunderland für sinnenfrohe Entdecker.

Wie man’s macht, macht man’s richtig!

Der Frühling überzieht das Gebirge mit einer überschwänglichen Blütenpracht. Es ist eine schöne Zeit zum Wandern, und die mäßig hohen Gipfel eignen sich ideal für Tagestouren, jeden Tag eine andere. Tagestour bedeutet für uns: mittags schlafen, abends aufsteigen, die schönsten Stunden des Tages – Abend und Morgen – am Gipfel verbringen, morgens wieder absteigen und ein neues Ziel suchen. So lassen sich im Vercors viele schöne Touren machen, und wo immer man auch unterwegs ist: die Wanderer kommen einem entgegen, und am Ziel ist man allein mit der Natur.


Alpen-Hahnenfuß am Grand Veymont

Mont Barral

Der Mont Barral, das erste Tourenziel, ist eine Aussichtskanzel ersten Ranges, mit weitem Blick über das Drac-Tal zu den vergletscherten Eisriesen der Écrins. Ein bequemer Steig führt vom Col de Menée herauf. Mit dem Höherkommen weht ein immer stärkerer Wind, in Gipfelnähe nimmt er orkanartige Stärke an: von Norden drückt kalte Polarluft gegen die Alpen und fegt am Alpenrand entlang nach Süden, zum Mittelmeer. So entsteht hier in der Gegend der Mistral. Auf dem Mont Barral wird die antizyklische Tourenplanung auf eine ernsthafte Bewährungsprobe gestellt, denn spitze Berge taugen nicht sonderlich gut zum Zelten. Lediglich am Südhang des Gipfels liegt eine kleine windgeschützte Mulde, die unten im Grund nahezu eben ist und sich für den Zeltaufbau eignet. Doch die Mulde ist vollständig mit Brennnesseln bewachsen. Überraschenderweise hat der Platz aber auch seine Vorzüge, denn ist das Zelt erst einmal aufgebaut, bettet man sich sehr bequem auf der üppigen Zellulose.


Unser Zeltplatz in der Brennnesselmulde am Mont Barral

Nachts rüttelt der Mistral am Zelt, erst gegen Morgen lässt er etwas nach. In der Dämmerung gurren und fauchen Birkhähne nahe beim Zelt. Doch bis wir uns sortiert haben und einen Blick hinaus werfen, haben sie natürlich längst das Weite gesucht. Die Brennnesselmulde liegt samt Zelt unter einer dicken Reifschicht, oben am Gipfel bläst der Mistral noch immer unbändig. Bevor am späten Vormittag die ersten Wanderer herauf kommen, haben wir bereits einen schönen Sonnenaufgang erlebt, genüsslich gefrühstückt, unsere Sieben Sachen zusammengepackt und in der Sonne gedöst. Neue Ziele schwirren schon in unseren Köpfen. Das ist das Schöne im Vercors: wie man’s macht, macht man’s richtig.


Im Vallee de Combau blühen tausende Holunderknabenkräuter

Vallée de Combau und Tête Chevalière

So ist es auch auf der nächsten Tour. Der Parkplatz im Vallée de Combau ist voll, Massen von Wanderern und Picknickern sind gegen Abend auf dem Rückweg ins Tal, doch schon nach wenigen Minuten bergaufwärts wird es einsam. Die Almwiesen am Südrand der Hochplateaus sind voller wilder Tulpen Tulipa australis, Narzissen Narcissus poëticus und pseudonarcissus, und Holunder-Knabenkräutern Dactylorhiza sambucina. Diese in Mitteleuropa sehr seltene Orchideenart blüht hier in Hülle und Fülle, in beiden Farbvarianten, der gelben und roten. Weiter geht es hinauf in Richtung Gipfel der Tête Chevalière. Abrupt tut sich am Rande des Plateaus ein gähnender Abgrund auf. Hinter der Felskante rückt die Créme de la Créme der Vercorsberge ins Blickfeld: Le Grand Veymont, mit 2341 m der höchste Gipfel, la Grande Moucherolle, mit 2281 der zweithöchste, und der Mont Aiguille, 2087 m hoch, das unbestrittene Prunkstück des Vercors, eins der »sieben Wunder der Dauphiné«.


Der höchste, der zweithöchste und der bekannteste Berg im Vercors: le Grand Veymont (2341 m), la Grande Moucherolle (2284 m) und Mont Aiguille (2087 m), gesehen von der Tête Chevalière

Seine Erstbesteigung im Jahre 1492 ging in die Annalen der alpinen Geschichte ein. Angeführt von Antoine de Ville, eroberte eine Truppe von Söldnern, Priestern und Leiterträgern im Auftrag König Karls VIII. den 2087 m hohen Gipfel des Berges. Sein Zeitgenosse Rabelais hat dieses denkwürdige Ereignis beschrieben, und sein Nachhall ist noch immer stark. Offenbar so stark, dass rund um den Mont Aiguille herum der ganze übrige Vercors zu verblassen scheint. Aber das ist nicht gerechtfertigt, denn der Mont Aiguille ist nur einer von vielen außergewöhnlichen Bergen im Vercors, und seine Geschichte ist nur eine von vielen Episoden, die hier in diesem entlegenen Karstgebirge, am Rande der französischen Kalkalpen, geschrieben wurden. Der Vercors steckt voller Geschichten.


Mont Aiguille

Chichilianne, Choranche und Léoncel

Von Chichilianne am Fuß des Mont Aiguille führt ein Sträßchen über den Col de l’Allimas und das Bergdorf Gresse hinauf zum Col de l’Arzelier, an die gewaltigen Felsbastionen der Grande Moucherolle heran. Hier oben lässt sich die Entstehungsgeschichte der Landschaft gut studieren. Während des Jura wurden im Tethysmeer bis zu 2000 Meter dicke Pakete von Tiefseetonen und Mergeln abgelagert, die heute den Sockel des Gebirges bilden. In der unteren Kreide sedimentierten dann unter wechselhaften Bedingungen blätterteigartig geschichtete Mergel- und Kalkbänke, die an den Hängen unterhalb der Gipfel zutage treten. Anschließend wurden dann in flachen, warmen Lagunengewässern die mächtigen und landschaftsprägenden Riffkalke abgelagert, aus denen die Bergketten und Gipfel des Vercors aufgebaut sind. Mit der tertiären Alpenhebung wurden diese Riffe empor gehoben und auf gefaltet, und damals wurde auch die große Furche des Drac-Tales angelegt, die den Vercors von der kristallinen Masse der Dauphiné-Alpen trennt. Parallel dazu wurden die großen Kalkbarrieren heraus präpariert, die heute das Land durchziehen und die höchsten Gipfel tragen. Schließlich überformten die eiszeitlichen Gletscher Täler und Berge.


Die Felsbastionen der Grande Moucherolle

In diesem Karstgebirge herrscht ständig Wasserknappheit, und dennoch prägt das Wasser entscheidend die Morphologie des Gebirges: aus den mächtigen Riffkalken hat es nicht nur die tiefen Schluchten gesägt, sondern auch verzweigte Systeme von Karsthöhlen und unterirdischen Flüssen geschaffen. Die wenigen Bergbäche bilden beeindruckende Wasserfälle.


Karsthöhle Grotte de Choranche

Wer ins Herz des Vercors gelangen will, muss durch tiefe Schluchten reisen – früher wie heute. In der Einsamkeit der Hochtäler gaben Mönche der hochmittelalterlichen Reformorden den entscheidenden Impuls zur Erschließung des Gebirges. Sie gründeten Klöster in den Hochtälern, erschlossen den entlegenen Landstrich, bauten eine landwirtschaftliche Infrastruktur auf und betrieben Viehzucht, Obst- und Weinbau. Ganz den Idealen des aufstrebenden Zisterzienserordens verpflichtet, gründeten zwölf Mönche im Jahr 1137 die Abtei Léoncel in der Abgeschiedenheit der Wälder und errichteten eine Basilika in würdevoller romanischer Strenge.


Abtei Léoncel

Jahrhundertelang blieben die Hochtäler abgeschieden, erst die Straßenbaumethoden des 20. Jahrhunderts vermochten die wilden Schluchten zu bändigen. Heute brausen Motorräder durch die Tunnels und über die Balustraden der atemberaubenden Straßen. Das Waldland des zentralen Vercors und die Hochplateaus sind jedoch bis heute einsam und weitgehend unerschlossen geblieben.

Während des Zweiten Weltkrieges schlossen sich in der Wildnis des Vercors Widerstandsgruppen zusammen, die mit alliierter Unterstützung den Kampf gegen die deutschen Besatzer aufnehmen wollten. Die von ihnen gegründete »République du Vercors« war eine Vision der Freiheit, doch die Revolte endete in einem Fiasko: die Unterstützung blieb aus, und die Rache der Wehrmacht war grausam: Dörfer wurden niedergebrannt, Zivilisten exekutiert und die aufgeriebenen Résistance-Truppen in die Wälder zurückgetrieben. An verschiedenen Stellen im Vercors trifft man auf Gedenkstätten jener Ereignisse.


Soldatenfriedhof in St-Nizier de Moucherotte

Orchideen im Vercors

Der Vercors ist selbst für westalpine Verhältnisse außerordentlich reich an unterschiedlichen Pflanzen- und Tierarten. Die hochalpine und die mediterrane Flora und Fauna treffen hier unmittelbar aufeinander. Bemerkenswert ist insbesondere der Orchideenreichtum des Vercors, über 60 Arten kommen hier vor. Sonst eher seltene Arten wie Frauenschuh Cypripedium calceolus, Affen-Knabenkraut Orchis simia und Holunder-Knabenkraut Dactylorhiza sambucina kommen hier erstaunlich häufig vor. Echte Raritäten der Gegend sind jedoch Spitzels Knabenkraut Orchis spitzelii und Drôme-Ragwurz Ophrys drumana.


Drôme-Ragwurz – Ophrys drumana


Spitzels Knabenkraut – Orchis spitzelii

Le Grand Veymont

Unsere letzte Tour im Gebiet führt auf den höchsten Berg der Gegend, den Grand Veymont. Obwohl er alle umgebenden Berge deutlich überragt, steht er ganz im Schatten seines prominenten Nachbarn; im Gegensatz zum stolzen Mont Aiguille wirkt der Grand Veymont eher wie ein unförmiger Gugelhupf, der oben auf den Karstplateaus des Vercors aufsitzt. Die Tour beginnt in Gresse-en-Vercors. Das Bergdorf liegt in großartiger Gebirgskulisse am Fuß der langen Nord-Süd-Kette. Mit Baguette und heimischem Ziegenkäse im Rucksack wandern wir aus dem tief eingeschnittenen Tal durch die verschiedenen Vegetationsstufen hinauf zu den Plateaus und weiter zum Gipfel. Zunächst geht es durch herrliche Laubmischwälder bergan, oberhalb des Waldes folgen Geröllhalden, und dann muss eine Felsbarriere überwunden werden, um auf das Hochplateau zu gelangen.


Gresse-en-Vercors

Die Hochlagen des Vercors sind Lebensraum hochalpiner Tierarten. Der Steinbock Capra ibex wurde erst in den 1990er Jahren wieder eingebürgert. Am Weg zum Grand Veymont streifen einige Jungtiere umher, die beim Annähern protestierend in die steilen Bergflanken ausweichen. Die Gipfelrast ist eine grandiose Schau hinab zum Mont Aiguille, hinüber zu den Dauphiné-Hochalpen und über das weite, einsame Waldland des zentralen Vercors. Geräusche wie Schwerthiebe durchschneiden die Stille: es sind Alpensegler Tachymarptis melba, die in den Aufwinden über dem Gipfel hastig nach Insekten jagen. Noch eine Etage höher gleitet ein Gänsegeier Gyps fulvus im behäbigen Gleitflug an den Felskanten entlang.


Junger Steinbock am Grand Veymont

Nach einer langen Pause müssen wir hinab und zurück nach Hause. Beim Abstieg inszeniert ein abendlicher Lichstrahl im dunklen Fichtenwald die prächtige Blüte des Frauenschuhs, und nur wenige Meter daneben steht Spitzels Knabenkraut in voller Blüte. Glücklich und berauscht von der Fülle großartiger Naturerlebnisse nehmen wir Abschied vom Vercors.


Frauenschuh im Abendlicht

Bilder aus dem Vercors auf flickr

2004 von Rovon durch das Hochtal des Vercors nach Die
2004 westliches Hügelland, Orchideengebiete um Gigors
2006 Trièves, Mont Aiguille
2006 auf den Mont Barral
2006 auf die Tête Chevalière
2006 Archiane
2006 auf den Grand Veymont
2006 Gigors, Abtei Léoncel, Choranche, westliche Hochtäler
Orchideen im Vercors
alle Fotos aus dem Vercors

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