Becher

Wie schön, dass es endlich wieder einmal die Gelegenheit zu einer gemeinsamen Tour mit Jan gibt. Aufgrund diverser Umstände stehen uns allerdings nur zwei Tage zur Verfügung, und zwar ein Montag und ein Dienstag. Da bietet sich ein Ziel mit Gipfelhütte an, und so fällt die Wahl schnell auf den Becher (3192 m) in den südlichen Stubaier Alpen. So eine kurze Unternehmung von Franken aus mag zwar etwas unkonventionell sein, aber lieber machen wir eine kurze Tour als als gar keine.

Nachts um vier starten wir in Würzburg und kommen um kurz vor zehn in Maiern an. Am Parkplatz des ehemaligen Erzbergwerkes (heute Museum) beginnt der lange Aufstieg. Zunächst geht ein bequemer Weg durch den Wald hinauf ins Hochtal, mal entlang am Bach, mal hoch oberhalb. So bequem ist der Weg, dass Jan ein wenig auf den Steinen am Bach herumkraxelt und prompt im Wasser landet. Leider ist auch die Kamera geflutet und muss nun erst einmal das Kondensat ausschwitzen. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern auch sehr schade, denn Jan ist ja bekannt für seine überraschenden Perspektiven und kapriziösen Schnappschüsse. Somit bleibt die ganze fotografische Arbeit also an mir hängen…


Fliegenpilz, Amanita muscaria var. muscaria

Nach knapp einer Stunde ist der Aglsboden erreicht, ein flaches Hochtal mit einer schönen Sanderlandschaft und klaren Bächen. Der Weg steigt zunächst gemächlich am Hang entlang an, geht dann aber steil oberhalb der Oberen Aglsfälle hinauf in das enge, schluchtartige Hochtal des Ferner Baches. Hier kommt die Teplitzer Hütte in den Blick, die fast etwas bedrohlich, wie ein Überwachungsapparat, hoch oben über der Felswand sitzt. Bis dorthin ist noch etwas Beinarbeit zu tun, aber zunächst steht ja noch die Grohmannhütte am Weg. Ideal für ein Mittagessen und ein Weißbier. Wir wählen Spinatknödel mit Parmesan: köstlich! Am Nachbartisch schnappen wir einen hübschen Dialog auf: »Gibt es noch etwas zu essen?« – »Ja, wenn Sie bestellen.« So sind die Südtiroler: knorrig, aber herzlich.

Nach einer Dreiviertelstunde steilem Serpentinenanstieg rückt die Teplitzer Hütte ins Blickfeld. Wenigstens hat sie uns während des Anstiegs nicht mit permanenter Sichtbarkeit gemartert, sondern macht sich erst kurz vor dem nächsten Schluck Weißbier bemerkbar. Wir dösen eine Weile in der Mittagssonne. Doch dann ist erstens die Sonne weg, und zweitens müssen wir weiter. Bis zum Becherhaus sind immer noch etwa zweieinhalb Stunden und 600 Höhenmeter Anstieg zu bewältigen.


Blick von der Teplitzer Hütte zum Übeltalferner mit dem Becher rechts

Der Pfad wurschtelt sich ohne erkennbaren Höhengewinn um einige Felsbastionen herum bis zu einem Aussichtsplatz oberhalb des Übeltalsees. Eine großartige Landschaftsszenerie, auch wenn das Gletschereis inzwischen nicht mehr bis ins Wasser reicht.


Panorama oberhalb des Übeltalsees

Der Weiterweg ist geprägt vom rostfarbenen, offenbar stark erzhaltigen Geröll. Über einige Felsstufen und flachere Passagen wird schließlich die Zunge des Gletschers erreicht und problemlos überquert. Das Becherhaus ist nun schon nah. Die höchstgelegene Hütte Südtirols wirbt mit dem Slogan »Südtirols Wolkenschloss«. Wir hätten es auch so geglaubt, ganz so viele Wolken hätten sie zum Beweis nicht heranschaffen müssen. So sehen wir nicht mehr viel von unserem Ziel, und die dichten Wolken werden wohl bis zum Ende der Tour nicht mehr weichen.


Der Becher in Wolken

Auf der anderen Seite des Gletschers geht es hinauf in die Felsen, und es folgen einige leicht gangbare, aber doch recht exponierte Stellen. Jan ist nicht ganz schwindelfrei und verflucht die Tourenwahl ein paar Mal, aber dann ist er dran gewöhnt und steigt ganz lässig die Felsblöcke empor. Auf deutlich über 3000 m steht eine Gruppe des Punktierten Enzians Gentiana punctata in den Felsen, allerdings verblüht. In dieser Höhenlage: das finde ich bemerkenswert. Auf den letzten Metern fehlt mir die Akklimatisation und die Luft, irgendwie ist das heute eine Quälerei. Aber schließlich kommen wir oben an und werden bereits erwartet, da wir aufgrund unserer ausgiebigen Pausen bereits etwas spät dran sind. Nach einem kräftigen Abendessen und ein wenig Rotem sinken wir früh in die Betten. Dass wir den eigentlich geplanten Gipfelaufstieg zum Wilden Freiger heute nicht mehr geschafft haben, ist uns reichlich egal.

Am nächsten Morgen liegt Neuschnee auf dem Becher. Jan leiht sich einen Sitzgurt samt Seil und Karabinern, das Geschirr wird dann auf der Teplitzer Hütte hinterlegt. Das ist wirklich sehr nett vom Hüttenwirt, gerade bei diesen Verhältnissen. Er bindet Jan ein und hat keine Geduld für mein Hilfsangebot. Er grummelt noch »mach Du das, was Du kannst, aber Anseilen lass mich!«, dann entlässt er uns in den kalten feuchten Nebel. Da war sie wieder, die knorrige Herzlichkeit.


Nebliger Morgen auf dem Becher

Herzlich knorrig steigen wir am Grat entlang etwas nordwärts, um dann am Gletscherrand entlang abzusteigen und am Verbindungsweg zur Müllerhütte wieder hinüber in den Felsteil zu wechseln. So entfällt das heikelste Stück des Bechergrates. Außerdem entfällt der Wilde Freiger, aber angesichts dieser Witterung ist uns das auch heute morgen noch reichlich egal. Mit Sicherung fällt Jan der Abstieg ganz leicht, und er wundert sich über seine Einschätzung vom Vortag. Der Weiterweg zur Teplitzer Hütte ist ein ziemlicher Hatscher, der abwärts kaum kürzer ist als aufwärts. Inzwischen regnet es, der Durchzug einer Warmfront ist angekündigt. An der Hütte nehmen wir um halb elf unser Mittagessen samt Kaiserschmarrn ein, bedanken uns beim Wirt und den netten Köchinnen, die vom Alter her unsere Omas sein könnten.

Auf dem Abstieg ins Tal des Ferner Baches beobachten wir außergewöhnlich viele Alpensalamander Salamandra atra am Wegesrand. Die Kamera bleibt bei diesem Wetter aber lieber im trockenen Rucksack, daher gibts hier ein Archivbild.


Alpen-Salamander, Salamandra atra

Am Aglsboden nehmen wir diesmal den Weg auf der anderen Seite des Baches, durch die Burkhardsklamm. Es ist die deutlich schönere Variante. Schließlich erreichen wir etwa um halb zwei nachmittags Maiern, kurz bevor der Regen richtig unangenehm wird. Schon ist unsere Kurztour zu Ende, wir fahren durch das Regenwetter zurück nach Würzburg. Wie schön, dass es wieder mal mit einer gemeinsamen Tour geklappt hat!

Tourenübersicht

Bilder von der Tour auf flickr

Becher

Ein Gedanke zu „Becher

  1. Danke Marco,
    das ist eine richtig hübsche Zusammenfassung ;-)
    Bei Gelegenheit auf ein Neues…
    Lieber Gruß aus NES,
    Jan

    Antwort von Marco:
    Hallo Jan, vielen Dank und viel Spaß mit der neuen Lumix!

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