Orchideen in der Rhön:
Bocks-Riemenzunge
Himantoglossum hircinum

Zu Gottes phantasievollsten Pflanzenschöpfungen gehören sicherlich die Riemenzungen. In unserer Heimat wird diese mediterrane Gattung durch die Bocks-Riemenzunge vertreten. Trotz ihrer beträchtlichen Größe ist diese Orchidee an ihrem Standort mitunter schwer zu entdecken, da sie gern die Nähe zum Buschwerk sucht, und da sie in der bräunlich-grünen Farbmischung ihres flirrend-­heißen Standortes verschwimmt.

Die Bocks-Riemenzunge ist ein Wesen, das aus einer anderen Welt zu stammen scheint: ein bizarrer Blütenschopf, der bis zu zwei Drittel der Pflanzenhöhe ausmacht. Dessen Wirrwarr lässt sich erst bei näherer Betrachtung enträtseln: Lange Tragblätter und locker angeordnete Blüten, aus denen ein aberwitzig langer Lappen herauswinkt. Himas, der Riemen und glossa, die Zunge: eine Dopplung im Namen der Gattung.

Die Bocks-Riemenzunge

Zunächst liegt der Lappen uhrfederartig in der Knospe eingerollt, um sich dann lang auszustrecken. Doch nicht genug des Übermuts: die Bocks-Riemenzunge hat einen heftigen, übermäßig schweren süßlichen Duft, der als ziegenbockähnlich beschrieben wird; daher sowohl der botanische als auch deutsche Name. Er lockt als Bestäuber vor allem Solitärbienen der Gattung Andrena an. Viele Autoren stempeln den Duft als unangenehm ab. Das ist freilich subjektiv, denn dieses unverwechselbare olfaktorische Erlebnis setzt ja allein schon durch die Assoziation mit dieser herrlichen Orchidee Endorphine beim Orchideenfreund frei. Wer im Bouquet eines hitzeglühenden frühsommerlichen Trockenhanges den Duft der Bocks-Riemenzunge identifiziert, der kann sicher sein, fündig zu werden. Völlig unverwechselbar ist dieses eigenartige Aroma, genau wie sein Erzeuger, dessen Blütenlippen ihn vapori­sierend in die Welt setzen.


Blütenstand der Bocks-Riemenzunge

Dass die Bocks-Riemenzunge eines Tages in der Rhön auftaucht, hätten die Botaniker vergangener Zeiten wohl kaum zu träumen gewagt. Noch 1940 spekulierte Ade, dass die Art in Franken »vermutlich mit französischen Luzernesamen während des [Ersten] Weltkrieges eingeschleppt« worden sei. Darüber mag man angesichts der heutigen Verbreitung schmunzeln, doch vor wenigen Jahrzehnten sah die Situation noch ganz anders aus. Im Gebiet der Rhön wurde die Bocks-Riemenzunge zuerst Anfang der 1960er Jahre temporär in der thüringischen Rhön nachgewiesen, 1966 dann an der Fränkischen Saale, wo die Art heute einen regionalen Verbreitungsschwerpunkt mit bedeutender Populationsstärke hat. Hier taucht sie bis heute immer wieder an neuen Stellen auf, und dabei besiedelt sie besonders gern aufgelassene Weinbergslagen.

An ihrem hauptsächlichen Wuchsort hatte sie Mitte der 1990er Jahre ihr Populationsmaximum, scheint jedoch in den letzten Jahren Zeit die heißesten, voll besonnten Hangbereiche zu meiden und weicht eher auf wechselfeuchte Standorte und in randliches Buschwerk aus. Gelegentlich tritt sie auch auf ehemaligen Äckern oder Schuttplätzen, an Wegböschungen, in Straßengräben und sogar in Orts­lagen auf. Im Gebiet der Rhön wurden weitere Funde bekannt, und zwar aus der Umgebung von Bad Neustadt bis zum Hochrhönrand, von der Fränkischen Platte, aus dem Bergwinkel und wiederum aus der thüringischen Rhön, immer häufiger nun auch in der hessischen Kuppenrhön sowie auch im Stadtgebiet von Fulda. Sogar im Wasserkuppengebiet trat sie kurzzeitig an einem südexponierten Steilhang in fast 800 m Meereshöhe auf.


Standort an der Fränkischen Saale

Damit liegen nun Nachweise aus nahezu allen Teilgebieten der Rhön vor. Und bestimmt wird die Liste der Funde in den kommenden Jahren noch länger. Sicherlich hat die Klimaentwicklung der vergangenen Jahrzehnte diese Entwicklung begünstigt. Im Vergleich zu anderen in Ausbreitung begriffenen submediterranen Arten wie Ohnsporn oder Pyramiden-Orchidee sind die Bestandszuwächse der Bocks-Riemenzunge aber noch wesentlich beträchtlicher. Möglicherweise spielen hier auch biologische Ursachen eine Rolle, da der große Selektionsdruck in den Populationen am Arealrand der Art sowie die hohe Fertilität der Bocks-Riemenzunge diesen Ausbreitungsschub begünstigen könnten. Sicherlich wird diese faszinierende Orchideenart den in der Rhön forschenden Naturfreunden in Zukunft noch viel Freude bereiten.


Nicht jeder reagiert begeistert auf die Bocks-Riemenzunge. Vielleicht liegt es ja am Duft!

Nomenklatur

Wissenschaftlicher Name:
Himantoglossum hircinum (L.) Spreng. 1826

Gebräuchliche Synonyme:
Loroglossum hircinum (L.) Rich. 1817

Deutsche Namen:
Bocks-Riemenzunge, Hammelschwanz, Bocksorchis

Kurzbeschreibung

Eine der stattlichsten heimischen Orchideen, Wuchshöhe 30-90 cm. Runde Knolle, jährlich eine Tochterknolle bildend, zur Blütezeit daher mit zwei Knollen. Etwa 7 bis 14 Blätter, überwiegend als Grundrosette, weitere kleinere Blätter umhüllen den Stängel. Grundblätter während der Blüte bereits welkend. Blütenstand lang, sehr dicht- und reichblütig, bis über 100-blütig. Tragblatt schmal, zugespitzt, länger als der Fruchtknoten. Blütengröße 40-65 mm. Unverwechselbare, grünlich bis braunlila gefärbte Blüten. Sepalen und Petalen helmförmig. Mittellappen riemenartig, verdrillt, in der Knospe uhrfederartig eingerollt. Seitenlappen aufwärts gebogen. Lippengrund purpurrot getupft und seitlich gewellt. Sporn kegelförmig, sehr wenig Nektar führend. Duft sehr intensiv, süßlich. Bestäubung durch Bienen (insbesondere Solitärbienen). Blütezeit in der Rhön und in Mainfranken: (Ende April -) Mai (- Anfang Juni).


Himantoglossum hircinum, Bocks-Riemenzunge im Abendlicht

Vorkommen und Standort

In der Rhön selten, jedoch häufiger werdend. Vorwiegend in Tallagen.
Standorte: Halbtrockenrasen, Buschland, Streuobstwiesen, Weinbergslagen. Auf kalkreichen, mäßig trockenen Böden, wärmeliebend und frostempfindlich.
Höhenverbreitung in der Rhön: ca. 250 m bis 450 m; sporadisch / kurzzeitig auf fast 800 m!
Gesamtverbreitung: Westliche Mediterranëis, von Nordafrika bis Südengland und Deutschland.

Mehr zu dieser Art

» flickr.com | Himantoglossum hircinum – alle Fotos von M. Klüber
» de.wikipedia.org | Bocks-Riemenzunge
» AHO-Bayern e.V. | Himantoglossum hircinum

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